Nichts erscheint uns kompatibler zum Kapitalismus als Modebranche und Körperkult. Ich will das auch gar nicht verurteilen. Ist super, wenn man sich in seiner Haut wohl fühlt und Sachen trägt, die einem gefallen. Ist halt nur nicht alles. Jedenfalls ist es heute schwer vorstellbar, dass die hyperangepasste Modeglamourglitzerwelt mal subversiv war. Doch genau das konnte sie wohl sein, im System des real existierenden puritanisch spröden Sowjetkommunismus. Zumindest schaffte Irina Wladimirowna Tarakanowa, Kakerlaken-Ira, wenn man so will, es, sich einen Haufen Ärger einzuhandeln. Aber es hat ja schon ein Geschmäckle, wenn man Nacktfotos für den Klassenfeind macht – und das Ganze dann auch noch in der nebulösen Zeit Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger spielt. Aber es ist ja nur ein Roman. Und ob es ein reales Vorbild für die so durchtriebene wie verdorbene Kakerlaken-Ira gegeben hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls verortet man den Roman, die Moskauer Schönheit, im Genre des magischen Realismus. Geschrieben wurde er 1980 bis 82, veröffentlicht erstmals 1989 – und fällt damit in die Zeitepoche des kulturellen Vergessens: lange nicht mehr aktuell, längst ein alter Hut, aber noch kein Klassiker.

Aber da ich zuletzt vier Artikel über die Blat-Chansons, den illegalen Sound der kommunistischen Siebziger, gebracht habe, dachte ich, das passt jetzt ganz gut. Und wirklich schließt es nahezu nahtlos an. So nennt Ira ihren wichtigsten Liebhaber, Wladimir Sergejewitsch, einen ehemals begnadeten Sänger und jetzt betagten Kulturfunktionär, beharrlich „Leonardik“ – da denk ich natürlich: ob damit wohl Leonid Utjossow gemeint sein könnte? Na ja, und wenn schon nicht: zumindest das Milieu, in dem Ira ihre Partys und Orgien feiert, ist das der Moskauer Boheme und ich freu mich ziemlich, einen schönen Roman darüber gefunden zu haben. Lesen lässt sich Viktor Jerofejews Buch nämlich ganz gut. Je schneller, desto besser. Es ist ein bisschen so, wie mit einem aufgetunten Pflug übers Feld rennen. Man kommt in einen Flow, zieht ne gerade Furche, aber achtet nicht darauf, in welche Richtung jetzt welche Erdklumpen wegfliegen. Und Fetzen, die man nicht versteht, fliegen einem gehörig um die Ohren, weil Ira – als Ich-Erzählerin wohl auch dazu verpflichtet – einfach unaufhörlich quatscht und vom Hundertsten zum Tausendsten springt. Man kennt sowas ja. Auch wenn das mitunter anstrengend sein kann, lohnt sich´s, dran zu bleiben. Und dann erst die Namen! Ira hat einen Haufen Freundinnen und noch mehr Liebhaber über die Jahre angesammelt und man muss sich schon bemühen, um jedem den richtigen Charakterzug zuzuordnen. Aber solange man sich die beiden wichtigsten Figuren in Iras Leben, Leonardik und ihre beste Freundin Ksjuscha, der sie imaginär ihre ganze Story erzählt, auseinanderhalten kann, ist alles im grünen Bereich.

Sex und schwarze Magie

Jedenfalls vögelt sich Ira, die „Veteranin der russischen Abtreibung“, durch den Alkoholdunst des Spätkommunismus, hat dabei aber die besten Absichten und würde Leonardik sogar heiraten. Der achtet aber viel zu sehr auf die öffentliche Meinung und will sich deswegen nicht von seiner angeheirateten Furienplage Zinaida Sowieso trennen. Als Ira sich der Endgültigkeit dieser Entscheidung klar wird, zettelt sie einen Skandal an und bewirft einen Stardirigenten, der mitsamt seinem Orchester zu einem Gastspiel aus dem imperialistischen Ausland angereist ist, mit Orangen. Tags darauf wird ihr bei der Arbeit dann der Schauprozess gemacht. Man wirft ihr unter anderem vor, sogar mit General Wlassow Sex gehabt zu haben (Wlassow, von Haus aus russischer General, lief seinerzeit zu Hitler über und stellte eine eigene Armee aus russischen Freiwilligen auf, mit der er dann gegen die Sowjetunion kämpfte). Danach nimmt das Unheil seinen Lauf. Davon will ich natürlich nicht zu viel verraten.

Nur so viel: Leonardik erweist sich Iras Anforderungen dann doch nicht gewachsen und verscheidet während der Anstrengungen des Liebesspiels. Der darauf folgende Skandal gibt ihr den Rest und sie will sich nachts auf dem Tatarenfeld für Russlands Rettung opfern. Das aber misslingt und trägt nur zur weiteren Zerrüttung ihres Nervenkostüms bei. Bald versucht der tote Leonardik mit ihr in Kontakt zu treten und sie doch noch zu heiraten. Ira nimmt daraufhin Zuflucht bei den esoterischen Ritualen einer alten Jungfer und wie Jerofejew diese beschreibt, ist so überzeugend, dass man ihn glatt zum Zeremonienmeister eines geheimen Ordens küren möchte. Er kennt die existentiellen Tiefen der menschlichen Eingeweide, begegnet den großen Themen Geburt, Tod, Nation und dem Sinn des Ganzen auf Augenhöhe. Natürlich wurde die „Russische Schönheit“, wie der Roman im Original heißt, mit Bulgakows „Meister und Margarita“ verglichen. Das ist nicht ganz falsch und nicht ganz richtig, auf jeden Fall aber ein immenses und wohlverdientes Kompliment.

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