Hier und da trieb ich mich die letzten anderthalb Monate herum, las und schrieb wohl dann und wann, doch kam ich nicht recht voran. In die Shortlist des Buchblog-Awards haben vorliegende Aufzeichnungen es mangels abgegebener Stimmen gleichfalls nicht geschafft, was jedoch die Voraussetzung dafür gewesen wäre, dass die Jury überhaupt einen Blick auf den Blog und dessen Texte geworfen hätte. So ist es mir also beschieden, meinen Bahnen auch weiterhin unbemerkt zu folgen, ein einsam blinkendes Segel inmitten stürmischer See vorzustellen, das notgedrungen Kurs hält, während ringsum die Wogen der Anschläge und Gräueltaten in immer kürzeren Abständen ihre bedrohliche Wucht entfalten.

Früher, da waren die Zeiten noch andere, und in meiner Kindheit sah ich die Welt mit anderen Augen. Eine Brille brauchte ich damals nämlich noch nicht, wohl aber Schuheinlagen für die Plattfüße, die mich dessen ungeachtet hintrugen, wohin ich es wollte. Fern ist mir, dem frisch gebackenen Vierzigjährigen, das Reich der Kindheit und seltsam erscheint es mir, diese im Buch eines Erwachsenen als verklärte Idylle dargestellt vorzufinden. Aber nun gut. Warum eigentlich nicht? Immerhin spielt der Roman „Es blinkt ein einsam Segel“ von Valentin Katajew, um den es hier geht, im Odessa des Revolutionsjahres 1905 und auch der durch Sergej Eisensteins Film zur kulturellen Unsterblichkeit gelangte Panzerkreuzer Potemkin spielt darin eine Rolle. Da kann man sich das Ganze dann auch mal durch die Brille zweier achtjähriger Jungen anschauen, des Lehrersohnes Petja und des Vollwaisen Gawrik, der bei seinem Großvater in einer kümmerlichen Hütte lebt und tagein tagaus mit ihm hinaus aufs Meer rudert, um Kaulköpfe zu fischen. Umso mehr, wenn man ohnehin schon weiß, dass aus dem Petja trotz seines bildungsbürgerlichen Hintergrundes einmal ein waschechter Bolschewik wird, da man ihm, wie ein zwei anderen Protagonisten auch, schon in Katajews während des Zweiten Weltkrieges spielenden Partisanenroman „In den Katakomben von Odessa“ begegnet ist.

Und wirklich muss das alte Odessa ja auch eine malerische Idylle abgegeben haben, wovon auch der ortsunkundige Leser sofort überzeugt sein dürfte, wenn er zu Anfang des Romans mit Petja und seinem vierjährigen Bruder auf dem Rückweg von der Sommerfrische am Schwarzen Meer erst in der Postkutsche durch die Weinberge und dann an Bord eines Dampfers durch die Limane, lagunenartige Strandseen, in den Hafen von Odessa mit seiner berühmten Treppe einfährt, über der schon damals ein für die Optik nicht wegzudenkendes Denkmal und die palastartige Oper thronten. Doch ist bekanntlich nicht alles Gold, was glänzt, und so stößt der Leser bereits in der Postkutsche auf einen flüchtigen Matrosen, der sich, nachdem er in Rumänien von Bord der meuternden Potemkin gegangen war, ins Umland von Odessa durchgeschlagen hatte und nun mit allen Mitteln den Häschern der Ochrana, der zaristischen Geheimpolizei, zu entkommen sucht. Zum Glück stellt er sich als ausreichend guter Schwimmer heraus, denn natürlich ist ihm die Dampferfahrt kein Tupperausflug, doch als er das Fischerboot Gawriks und seines Großvaters erreicht, ist auch er am Ende seiner Kräfte. Da trifft es sich gut, dass der gar nicht so kleine Gawrik zwar nicht über Superkräfte, aber doch über die ganze Gewitztheit eines Straßenjungen verfügt und alsbald Kontakt zu seinem Bruder Terentij, einem revolutionären Schlosser aus dem Arbeiterviertel der Nahen Mühlen, aufnimmt, womit dann auch er zusammen mit seinem Freund Petja in den Strudel der revolutionären Ereignisse der Jahre 1905 und 1906 gerissen werden.

Trotz kleinerer kompositorischer Schwächen erfreute sich Katajews „Es blinkt ein einsam Segel“, dessen Titel einem Gedicht Lermontows entnommen ist, seit seiner Veröffentlichung 1936 großer Beliebtheit und man geht sicherlich nicht fehl, wenn man den berühmtesten, im Roman ebenfalls zitierten Lermontow-Vers „Как будто в буре есть покой“ („Als ob es in Stürmen Ruhe gäbe“) auch als Kommentar auf die Entstehungszeit des Romans liest, als unter Führung des späteren Generalissimus Josef Stalin drakonischste Maßnahmen zur Sicherung der Parteieinheit exekutiert wurden, die zwar die Herstellung der für den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion notwendigen Geschlossenheit erst ermöglichten, das Sowjetsystem als solches jedoch nachhaltig in Verruf brachten und noch viel später selbst dem stupidesten Antikommunismus Vorschub leisteten. So mag die stürmische Entstehungszeit des Romans als Erklärung für die etwas begrenzte Perspektivierung durch die Augen der Kinder herhalten, der eine aus heutiger Leserperspektive interessante Darstellung des kontroversen Parteilebens der SDAPR mit ihrem bolschewistischen und ihrem menschewistischen Flügel zur Zeit der ersten russischen Revolution natürlich zum Opfer fällt, was auf der anderen Seite jedoch durch die Frische des kindlichen Blicks auf die revolutionäre Bewegung aufgewogen wird und ohnehin nur ein lässliches Manko darstellt, dem leicht durch die parallele Lektüre von Lenins Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution abgeholfen werden kann. Gegenwärtig jedoch lässt die nächste Revolution, trotz aller Gärungsprozesse, noch ein wenig auf sich warten und so gehe ich davon aus, noch im aufziehenden Sturm genug Ruhe zur Fertigstellung meines Romans zu finden.

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