Tage gibt’s, an denen die Sonne zwischen ihrem Auf- und Untergang, ohne sich überhaupt von ihrem wie festgeschraubten Fleck wegzubewegen, gnadenlos gegen die breite Fensterfront meines Ateliers anstürmt, alles pflanzliche Leben darinnen versengt, die auf dem Plattenteller liegengebliebenen Vinyls einschmilzt und zu neuer Wellenform aufwirft. Ans Schreiben ist dann nicht zu denken, wiewohl so manche Idee gerade bei solchen Temperaturen zu fixer Gestalt gerinnt, bisweilen gar ein gespenstisches Eigenleben annimmt, und so flüchtete ich diesen, nunmehr verflossenen Sommer notgedrungen des Öfteren aus der heimischen Hitzehölle.

Hinaus in die schattigen Plätzchen meiner unmittelbaren Nachbarschaft, wo ich lesend die Abendkühle abwartete. Unter einer Kanalbrücke fand ich eine abgestellte, nicht zu peekige Couch vor, auf dem es sich ganz wunderbar abhängen ließ. Es stand auf einem gepflasterten Uferstreifen im Schatten dieser breiten Betonbrücke mit ihrem leisen Dröhnen rollender Räder und vom plätschernden Wasser wehte kühle Luft herüber, während dann und wann Yachten und Lastkähne vorbeischipperten. Einmal winkte ich auch wohl mit müder Hand, dachte im Stillen Ahoi! und fürchtete nicht ernsthaft, der dickbäuchige Kapitän könne plötzlich, weiß der Teufel wie, mit seinem von einer verirrten, böse kreischenden Möwe verfolgten Motorbötchen havarieren. Aber ein Kanal ist ja auch kein Atlantik, welchen die junge Klimaaktivistin Greta Thunberg unlängst bezwang, against all odds, wie ich hinzufügen würde, zumindest was die meinigen betrifft, schienen mir ihre Unternehmung, manche ihrer Äußerungen („Ich will, dass ihr alle Angst habt!“) sowie der um sie veranstaltete Medienhype doch trotz der unbestreitbar drückenden Hitze so vermessen, dass ich ein schicksalhaftes Scheitern ihres Schiffes in den Tiefen der atlantischen Wellentäler schon als geradezu vorprogrammiert ansah, ähnlich dem der Titanic, von deren Untergang Bernhard Kellermann in seinem 1938 bei Suhrkamp erschienenen Roman Das blaue Band erzählt.

Freilich heißt die Titanic beim Sozialisten Kellermann, dessen Neunter November von den Nazis 1933 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, nicht Titanic, sondern Cosmos, und steht sinnbildlich für die Welt am Ende der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, wie sie schnurstracks Kurs auf den Abgrund nimmt. Da liegt es nahe, im Roman sogleich Ausschau nach einer Hitlerfigur zu halten, doch wird man beim blasierten Kapitän nicht fündig, wohl aber bei einem österreichischen Passagier namens Kinsky, einem verkrachten Komponisten, der seiner Exfrau, einer gefeierten und von ihm ausgebildeten Sängerin, nachstellt. Eva Königsgarten heißt die Arme, welche durch ein gemeinsames Kind an ihren manischen Ex gebunden ist, da dieser vom Gericht das alleinige Sorgerecht zugesprochen bekommen hat und ihr die Tochter nur des Sommers auf Besuch schickt. Und das, obwohl das Mädchen noch klein ist, mal grade acht Jahre alt, also halb so alt wie Greta Thunberg, mit der sie hintersinnigerweise den Vornamen teilt, heißt sie doch Grete. Doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon vorerst auf, befindet die Roman-Grete sich doch nicht an Bord der Kurs auf New York nehmenden Cosmos. Daheim bei Kinskys alter Aristokratenmutter, einer Frau Baronin, musste sie bleiben und wagte kaum, den Mund aufzumachen, als Evas Nachbar und neuer Geliebter, ein auf den Namen Veit hörender Chemiker, kurz vor dem Auslaufen des Schiffes noch einen Zwischenstopp beim Anwesen der Kinskys einlegte. Es ist also ein Faust-Roman, den Kellermann im Gewande eines unterhaltsamen Gesellschaftsromans vom Stapel lässt, erschienen im letzten Vorkriegsjahr, als Hitler mit dem Anschluss Österreichs und des Sudetenlandes einen offenen Expansionskurs einschlug und der Weltöffentlichkeit mit seiner auf jeden Zivilisationsbegriff spuckenden Reichspogromnacht schamlos sein wahres, so gar nicht olympisches Gesicht präsentierte.

Typen begegnet man vielen in Kellermanns pointiertem Gesellschaftsroman. Neben den Hauptfiguren wären vor allem der junge Reporter Warren Prince von der Universe-Press, New York, zu nennen, der seinem Verleger Archibald Bell stets die neuesten Nachrichten von Bord des modernsten Schiffes seiner Zeit kabelt, das den Atlantik mit noch wirklich konkretem Volldampf kreuzt und anscheinend dem Blauen Band für die schnellste Atlantiküberquerung hinterherjagt, woraus sich praktisch zwangsläufig gewisse Betrachtungen über Fortschritt, Konkurrenzkampf und Krieg ergeben. Dann wäre da noch die alte Exzellenz Leukos, ehedem Premierminister eines kriegführenden Balkanstaates, der schon so viele erhebende patriotische Reden gehalten hat, weswegen ein jeder doch seine Würde achten müsste, doch kehrt selbst seine Nichte Georgette ihm den Rücken, nachdem die reizende Milliardärin Kitty Sullivan sie zu ihrer neuen besten Freundin auserkoren hat. Viel ist es schließlich, was die beiden Nerzpelzträgerinnen miteinander verbindet, ihr Glaube an Spiritismus und Séancen, an Geister und Gespenster, Vorahnungen und das zweite Gesicht. Nicht zu vergessen die drei zuckersüßen Doll-Schwestern, denen Warren Prince, als Journalist damals praktisch so etwas wie ein moderner Forschungsreisender, bereits der Reihe nach den Hof gemacht hat, dann Evas Königsgartens alter Verehrer Gardener, dessen Minenarbeiter gerade streiken und die Zeche in Brand zu stecken drohen sowie noch einige weitere präzise aus dem damaligen Leben gegriffene Personen.

Ja, und dann kommt der Eisberg. Schritt für Schritt, berechenbar wie ein Uhrwerk, kippt die Cosmos ihrem Untergang entgegen, was so unaufgeregt erzählt wird, dass der Eindruck einer gewissen Banalität entstehen könnte, umso mehr, wenn einem die Figuren klischeehaft vorkommen sollten. So heißt es im Nachwort der DDR-Ausgabe von 1964 beispielsweise: „Der Roman vom Untergang der „Cosmos“ gehört nicht zu den bedeutendsten Werken Kellermanns, ist aber ein interessantes Dokument seines inneren Widerstandes gegen die faschistische Barbarei.“ Nun kenne ich von Kellermann bisher nur einen weiteren Roman, den bereits erwähnten Neunten November, und freue mich zunächst einmal zu hören, dass meiner noch weitere Schätze harren, doch scheint mir Bedeutsamkeit manchmal zuvorderst aus dem eigenen Blick zu entstehen. Und da bietet vorliegender Roman ein multiperspektivisches Panoptikum, bei dem der Leser alles zumindest doppelt sieht, als konkretes, an das Schicksal der Titanic angelehntes Schiffsunglück wie auch als Spiegelbild der Welt auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg, sofern man natürlich nicht selbst in einer Kippzeit lebt, Parallelen zu seiner eigenen Gegenwart ziehen und infolgedessen alles gleich dreifach sehen muss. Jedenfalls zeichnet Kellermann sich durch einen klaren Blick für die gespenstisch heraufziehende Katastrophe aus, deren diabolische Grausamkeit er als leichtfüßigen Veitstanz inszeniert, welcher ihn, den weltgewandten Marxisten, zugleich als gewissenhaften Dompteur des Okkulten ausweist, dem Karl Marx und Friedrich Engels, allem Materialismus zum Trotz, ja ebenfalls ihre literarische Reverenz erwiesen, als sie ein in Europa umgehendes Gespenst ausmachten. Doch wäre es verfehlt, deswegen seinerseits in Geister- und Gesichterseherei zu verfallen, hat Thunbergs kirchlicherseits längst zur Prophetin geadeltes Gretchen ihre Überfahrt nach New York allen Unkenrufen zum Trotz doch gemeistert und auch der jüngste Durchbruch der AfD bei den brandenburgischen und sächsischen Landtagswahlen muss nicht zwangsläufig den baldigen Anbruch einer Nacht des in Finsternis brennenden Feuers bedeuten, was jedoch einen Kurswechsel hin zu einer Deeskalationspolitik gegenüber der AfD erfordern würde, bei dem zunächst einmal die Berechtigtkeit der rechtspopulistischen Kritik an der neudeutschen Messerkultur anerkannt werden müsste, sodass eine gewisse Selbstkritik unvermeidlich würde, da das progressive Lager mit seiner moralisch abgehobenen Migrationspolitik die breiten, werktätigen Massen dieses Landes stillschweigend ans Messer liefert. Das ist harter Tobak und ginge wohl nur im Zuge eines revolutionären Aufbruchs, von dem außerhalb dieses Blogs jedoch so wenig Konkretes zu sehen ist wie von der mit Pauken und Trompeten versunkenen Cosmos oder der anderntags sang- und klanglos verschwundenen Couch, welche gewiss von der übereifrigen Berliner Stadtreinigung entfernt wurde, hätte ein betrunkener Couchkapitän sich doch schwerlich weit vom Kanalufer entfernen können und ein anonymer Feuerteufel todsicher Spuren hinterlassen. Da trifft es sich gut, dass es mit dem Sommer nun ohnehin vorbei ist und ich wieder auf dem heimischen Sofa lesen kann, während draußen bereits der nächste Oktober naht.

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