Seit nunmehr fast zwei Jahren lauert der Verfasser dieser Zeilen als womöglich illegales Internetaktiv im Untergrund der Blogosphäre mit einem Kompromat der Kanzlerin auf, um so die Regierung zu stürzen und bei der Gelegenheit gleich selber zu übernehmen und außerdem noch eine solidarische Weltrevolution des internationalen Systems in die Wege zu leiten. Ein schwieriges, wenn nicht gar aussichtsloses Unterfangen, das obendrein nicht von jedem verstanden wird und trotz seines zweifellos heroischen, echt leninistischen Charakters bisher keinerlei positive Resonanz erfahren hat. Doch stellte die illegale Arbeit im revolutionären Untergrund schon immer eine besondere Herausforderung dar, wovon auch Iwan Popows Roman „Als die Nacht verging“ über eine illegale Parteizelle Moskauer Bolschewiken Ende der nuller Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts mitreißend erzählt.

Archangelsker Gebiet, hoch im Norden des Russischen Imperiums, an der Küste des Weißmeeres, ca. 1909. Der junge Revolutionär Pawel Iwanowitsch sitzt zusammen mit einer Unzahl von Genossen verschiedenster Coleur eine Verbannungsstrafe ab, zu der er im Zuge der Niederschlagung der ersten russischen Revolution von 1905 verurteilt wurde. Trotzdem Verpflegung und Unterbringung nicht unmenschlich, das soziale Umfeld anregend und die Polarnächte malerisch sind, brennt Pawel darauf, so schnell wie möglich nach Moskau zurückzukehren, um sich dort der Arbeit in der illegalen Parteiorganisation der Bolschewiki zu widmen. Dazu hat er dort ein Mädchen zurückgelassen, Klawdia, Tochter eines angesehenen Professors, die er schon für die revolutionäre Bewegung begeistern konnte, deren Herz er jedoch gleichwohl noch nicht endgültig gewonnen hat.

Zusammen mit einem frisch in der Verbannung eingetroffenen Genossen, der den Parteinamen „Schraubstock“ trägt, gelingt die Flucht auf abenteuerlichen Wegen. Bald muss Pawel jedoch feststellen, dass sich draußen seit seiner Verhaftung einiges geändert hat. Anders als Schraubstock sind viele der alten Kampfgefährten nämlich verweichlicht und predigen das „Versöhnlertum“. Sie meinen, man solle doch einfach auf die Hauptforderungen nach der Einführung des Achtstundentages, der Verteilung des Grund und Bodens sowie einer republikanischen Verfassung verzichten, um auf dieser Basis eine Verständigung mit der reaktionären Stolypin-Regierung herbeizuführen, die gerade erst das zaristische Manifest vom 17. Oktober 1905 gebrochen, die auf dessen Grundlage gewählte II. Reichsduma aufgelöst und deren sozialdemokratische Abgeordnete verhaftet hatte. Auch wimmelt es von „Liquidatoren“, also Genossen, die die illegalen Untergrundorganisationen der SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, bestehend aus einem bolschewistischen Flügel unter Führung Lenins und einem menschewistischen unter Plechanow) entsprechend des versöhnlerischen Zeitgeistes auflösen sowie „Otzowisten“, die die wenigen in der III. Reichsduma verbliebenen sozialdemokratischen Abgeordneten zurückrufen wollen, was den Handlungsspielraum der Bewegung natürlich ebenfalls einschränken würde. Doch Pawel und Schraubstock lassen sich nicht beirren. Unbeeindruckt halten sie an der zentristischen Linie des im Pariser Exil weilenden Lenins fest und bemühen sich, in der Periode des Rückzuges die Kräfte für den nächsten Angriff zu sammeln …

Kaum angekommen in Moskau entfaltet sich auch schon ein wilder Großstadtroman zwischen geheimen Treffs, zu denen man nur mit Parole Zutritt erhält, illegalen Parteizellen in Betrieben und Bezirken, gefälschten Pässen und ständig wechselnden Nachtquartieren. Dazu wimmelt es von Spitzeln und Verhaftungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Doch trotz aller Repressionen organisieren Pawel und Genossen weiterhin Versammlungen und sogar einen Streik. Ja, abenteuerlich war da das Leben in der Arbeiterbewegung! Und dann war da ja auch noch Klawdia, die als Bezirksparteisekretärin mittlerweile ihren festen Platz in der Bewegung gefunden und den Kopf gerade nicht unbedingt frei hat …

Heute dagegen ist von der Arbeiterbewegung nicht mehr viel übrig geblieben, wovon ich mich unlängst beim Fest der Linken vor der Volksbühne in Berlin mal wieder überzeugen musste, als alle dem telefonisch übermittelten Bericht vom „Aktionswochenende“ der arbeiterfeindlichen Sabotagegruppierung Ende Gelände zujubelten, die es billigend in Kauf nimmt, die materielle Lebensgrundlage der Arbeiter der Montanindustrie, also einer Kerntruppe des Proletariats, zu zerstören. Und das nur, weil die Leute Angst davor haben, dass infolge der Klimaerwärmung gleich der Weltuntergang droht, beispielsweise indem ein vom abschmelzenden Polareis verursachter Anstieg des Meeresspiegels apokalyptische Folgen haben könnte. Dabei könnte man dieser Herausforderung auch anders begegnen, zum Beispiel dadurch, dass man das ohnehin abtauende Eis dann einfach gleich abbaut und mittels Tankern und Pipelines in die Dürregebiete des Planeten transportiert, wo man es dann zur Bewässerung verwenden könnte, was an sich eine naheliegende Idee ist. Doch fällt einem manchmal auch das Naheliegende einfach nicht ein, wovon ich selbst ebenfalls ein Liedchen singen könnte, kam mir doch erst unlängst der Gedanke, meine Merkel-Untersuchung einfach bei Indymedia hochzuladen, um sie so in Umlauf zu bringen. Allerdings bestünde die Gefahr, dass das Ganze dann sofort zum Ernstfall für mich würde – und da warte ich dann doch lieber ab, bis sich das Problem Merkel (das für mich persönlich hauptsächlich darin besteht, dass die von ihr herbeigeführte gesellschaftliche Situation mein Geschäft als Selfpublisher verunmöglicht) von selbst erledigt, zumal ich meine Ideen über kurz oder lang wohl auch auf anderem Wege einem größeren Publikum vorstellen können dürfte, falls mein derzeitiges Romanprojekt irgendwann fertiggestellt und woanders als im Samizdat veröffentlicht werden wird.

Iwan Popow

Als die Nacht verging

Verlag Kultur und Fortschritt

Berlin 1953

593 Seiten

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