Zum Abschluss dieser Serie über die Blat-Lieder, den illegalen Sound des Kommunismus, braucht es einen finalen Paukenschlag. Kann Kostja Beljajew, dieser weithin unbekannte Sänger, dessen Ruhm auch in Russland weit hinter dem Sewernyjs oder Wyssotzkijs rangiert, diesen wohl liefern? Als ich anfangs in Uli Hufens „Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin“ über Beljajew las, war ich sofort hellauf begeistert. Hufens Schilderung von Beljajews bekanntester Aufnahme, „Ein Abend bei Dosja Schenderowitsch“, entfachte meine Phantasie. Eine Geburtstagsparty Mitte der Siebziger in einem Moskauer Wohnzimmer mit reichlich Getränken und besten Sakuski, bei der es die künstlerische Boheme so richtig krachen lässt. Und dazu ein Hauskonzert eines damals angesagten Undergroundsängers, Kostja Beljajews. Auch dessen Markenzeichen, „ba-ba-baps“-Laute in seinen Gesangsteppich einzuflechten und diese mit „blja-blja-bljad“-Lauten, also dem Genitalvokabular der Mat-Schimpfsprache zu kombinieren, fand ich sofort großartig. Das wollte ich unbedingt hören – immerhin eine musikalische Zeitreise direkt ins Herz der kommunistischen Undergroundutopie!

Beljajew – ein Sänger mit Faible für die jüdische Welt

Die kommunistische Undergroundutopie war wohl allgemein etwas derber, als sich so manch Harmoniesüchtiger normalerweise ausmalt. Jedenfalls dizzt Kostja Beljajew zu Beginn des Konzerts erstmal das Geburtstagskind David Schenderowitsch als „geschäftstüchtigen Juden“ und reißt noch ein paar Schoten mehr, die wir in Deutschland heute wohl als antisemitisch auffassen würden. In Moskau, wo Beljajew viele Juden in seinem Freundeskreis hatte, sind das dagegen eher Alltagswitze, die vom Publikum auch so aufgenommen werden. Eine Frau eilt Dosja noch zu Hilfe und so bestätigt Kostja, dass Dosja natürlich auch „ein großer Patriot“ sei und nirgendwohin ausreisen wolle. Trotzdem, wenn man heute die „Jewrejskie Kuplety“ hört, die Beljajew in einer Gruppenarbeit mit anderen Musikern verfasst hat, erleidet man schon einen ziemlichen Kulturschock. Zwar habe ich bei Weitem nicht alles verstanden, sondern eigentlich nur den Refrain, aber das war schon krass: „Juden, Juden,/ ringsherum ist alles voller Juden!“ Der wiederholte sich dann gefühlt nicht mal alle halbe Minute – und das über einen Zeitraum von zehn Minuten. Dazwischen soll´s dann ziemlich schwarzhumorige Witze geben und allgemein wird versichert, dass das Ganze nicht antisemitisch sei.

Na ja, mir hatte der oberflächliche Eindruck erstmal gereicht und so begann ich, herumzumäkeln. Würde es mich nicht kompromittieren, über Beljajew zu schreiben? Ist sein Werk nicht letztendlich auch viel zu klein und unbedeutend, um ihm einen Artikel zu widmen? Hatten seine ersten Veröffentlichungen nicht schon viele der Stücke enthalten, mit denen er dann in seiner mittleren Phase seinen Durchbruch feierte, während sein Spätwerk dem Bekannten im eigentlichen Sinne nichts Neues mehr hinzufügte, wie Hufen schrieb? Konnte es sein, dass seine fast zwanzigjährige Auftrittspause noch andere Ursachen hatte als seine vierjährige Haftstrafe wegen „illegalem Unternehmertum“ (Beljajew hatte eine der größten Schallplattensammlungen Moskaus und verschickte Kopien davon auf Kassette in die ganze Sowjetunion). Doch bei diesem Gedanken hielt ich natürlich entsetzt inne: dass die schlimmsten Spießer auch immer in einem selber stecken müssen … ungeheuerlich!

Jedenfalls hab ich mir dann noch so einige Lieder von Beljajew angehört und fand zum Beispiel die Melodie von С Добрым Утром Тётя Хая („Guten Morgen, Tante Chaja“) so mitreißend wie die eines Jahrhunderthits. Жиды – Не Плохие Люди („Juden – keine schlechten Leute“), По Тундре („Durch die Tundra“) oder Говновоз („Der Müllmann“) sind auch sehr eingängig.

Beatniks in der Sowjetunion

Ja, und warum war Beljajew jetzt ein sowjetischer Beatnik? Nun ja, Beljajew liebte es wie die amerikanischen Beatniks, deren „-nik“ im Namen ja eine Hommage an den Sputnik war, on the road zu sein. Mit seiner Gitarre bereiste er im Sommer die südlichen Gefilde der Sowjetunion, sang abends an den Stränden des Schwarzen Meeres, traf dort hübsche Mädels und Musikfans, denen er dann Tapes aus seiner Sammlung schickte, ganz konspirativ in ausgeschnittenen Büchern. Als er seine Haftstrafe dafür verbüßt hatte, brach die Sowjetunion zusammen, das Land wurde mit Westimporten überflutet und alles Russische war sowas von gestern. Ende der Neunziger fädelte Garik Osipow, über den auch so einiges zu sagen wäre, Beljajews Comeback ein. Zahlreiche Auftritte und Studioaufnahmen seines ganzen Repertoires unter exzellenten Bedingungen verhalfen ihm zu später Anerkennung als einem der größten russischen Chansonniers des zwanzigsten Jahrhunderts. Konstantin Beljajew starb am 20. Februar 2009 in Moskau.

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