Eine Reihe roter Fahnen, flatternd im Wind, flankierte den Demonstrationszug der Genossen vom Jugendwiderstand mit seinem grünen, Halbmond geschmückten Tuch in der Mitte zu beiden Seiten, als er am ersten Mai dieses Jahres in die Neuköllner Sonnenallee einbog. Angetan von dieser Manifestation an Kampfdisziplin marschierte ich schon eine ganze Weile mit, stemmte sogar das breite, rote Quertransparent gegen den Wind, obwohl ich mit niemandem aus dem Zug bekannt war, und litt in der Mittagshitze einigen Durst.

»Ruhm und Ehre den Märtyrern!« skandierten nicht wenige dann und wann, was sich, wie ich vermutete, sicherlich auf die Palästinenser bezog, die ihr Leben im Kampf gegen die israelischen Sicherheitskräfte oder am Grenzzaun zu Gaza ließen. Stärker noch als der Durst nagte diese Parole an meiner Moral, habe ich doch eine Abneigung gegen objektiv sinnloses Sterben, also ein solches, das nicht für die Erfüllung eines konkreten Kampfauftrages, eine Veränderung der Wirklichkeit, in Kauf genommen wird. Verschlossen blieben also meine ohnehin spröden Lippen und die Frage, wie es sein kann, dass eine solche Losung auf einer vom Prinzip her marxistisch-leninistischen Kundgebung ausgegeben wird, stellte ich mir nur im Stillen, ohne sie doch beantworten zu können, da mir keine Stelle in Marxens Werk bekannt ist, an der er sich zu dieser Thematik äußert.

1943, irgendwo an der Front. Der Kriegsberichterstatter Alexander Bek (1903 – 1972) ist auf der Suche nach „Panfilow-Leuten“, also den Soldaten, die unter dem Kommando des Generals Iwan Wassiljewitsch Panfilow im Oktober und November 1941 den deutschen Blitzkrieg vor Moskau zum Stillstand gebracht und dem Kriegsgeschehen somit die entscheidende Wendung gegeben haben: weg vom unaufhaltsamen Vormarsch der Wehrmacht, hin zu deren Rückzug. Im Kasachen Baurdshan Momysch-Uly, einem Bataillonskommandeur, findet Alexander Bek einen dieser schon zu diesem Zeitpunkt legendären Panfilow-Leute, der nach anfänglichem Zögern bereit ist, von dieser psychologisch bedeutsamsten Schlacht des Krieges zu berichten. Der Sohn des Momysch, wie die wörtliche Bedeutung von Momysch-Uly lautet, ist ein Kind der Steppe, durchdrungen vom jahrhundertealten Kriegerethos der muslimischen Nomaden, ein „Aksakal“, ein altehrwürdiger Graubart, der sein Schicksal nichts desto trotz untrennbar mit dem der Sowjetmacht verknüpft hat. Suworow („Je härter es im Manöver zugeht, desto leichter ergeht es einem in der Schlacht“) und Lenin („Die Kunst des Rückzugs“) sind die militärischen Autoritäten, auf die er sich bezieht. Auf Mohammed kommt er nur einmal zu sprechen, als es um die „Seele“ geht, die in keinem der „heiligen Aussprüche“ definiert werde, aber als Kampfmoral den entscheidenden Faktor im Gefecht darstelle. Und diese Kampfmoral hält er mittels Erschießungen in seinem Bataillon unerbittlich aufrecht. Wer flieht, verliert seine Ehre. Und wer seine Ehre verloren hat, hat sein Leben verwirkt. Parteimitglied ist Momysch-Uly nicht, doch denkt er viel darüber nach, was den „sowjetischen Menschen“ auszeichnet, spricht darüber so manches Mal mit dem verblüffend umgänglichen General Panfilow, der trotz der inzwischen eingeführten strengen Dienstgradordnung mit all seinen Offizieren und vielen Soldaten alles Relevante durchspricht, damit ein jeder stets weiß, was warum zu tun ist. Es geht darum, dem Gegner, den Faschisten, mit unterlegenen Kräften Zeit und Kraft abzuringen, damit der Blitz sich in der Erde vor Moskau totlaufe, anstatt auf der Wolokolamsker Chaussee vorwärts nach Moskau hin einzuschlagen. Ein Unterfangen, das bekanntlich gelungen ist. Davon erzählt der Roman.

Stellt sich die Frage: Ist Momysch-Ulys Unerbittlichkeit gegenüber den ihm untergebenen Rotarmisten mit dem heutigen islamischen Märtyrerkult verwandt? Sicherlich spricht aus beidem unbedingter Kampfeswille, doch lernt Momysch-Uly von Panfilow, er solle seine Soldaten nicht zum Sterben, sondern zum Töten erziehen. Das Bataillon wird nicht für einen ehrenhaften Tod danken sondern dafür, heil durch zwanzig dreißig Gefechte geführt worden zu sein. Doch davon abgesehen stellt Momysch-Uly gleich zu Beginn Bek gegenüber klar, dass er alle Menschen verachte, die nicht aus eigener Erfahrung über den Krieg schrieben. Man kann ihm da im Prinzip nur zustimmen, auch wenn die Verachtung einen selber trifft und man beim Schreiben lediglich merkt, wie unüberbrückbar auf diesem Gebiet der Abgrund zwischen eigener und bloß rezipierter Erfahrung ist.

Am Hermannplatz endet der Demonstrationszug des, nebenbei bemerkt, ziemlich verrufenen Jugendwiderstands. Die Freunde der Märtyrer führen noch ein kleines Kulturprogramm auf: Tänze mit Pali-Tüchern, nicht mit Schwertern. Trotzdem, ich ziehe jetzt meiner Wege, gehe weiter nach Kreuzberg, wo die vereinigten Konsumgenossenschaften ihrer Ersten-Mai-Sause frönen und lande später noch bei der revolutionären Erster-Mai-Demo in Friedrichshain, dem Szene-Event schlechthin, ganz ohne Märtyrerparolen, aber auch ohne Disziplin und Ernsthaftigkeit. Ein wilder Haufen voll schlecht kanalisierter Aggressivität. Ich gehe, brauche das alles nicht wirklich …

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