Sozialismustage, 20. April 2019, der Samstag vor Ostern, Hitlers Geburtstag. Da kommt einiges zusammen. Aber die Sonne scheint. Und vorm Eingang zum nicht mehr ganz frischen, modernistischen Redaktionsgebäude des Neuen Deutschlands, wo die von der Sozialistischen Alternative (SAV) organisierte Veranstaltung stattfindet, komme ich auch gleich mit einem Weggefährten des Weltkommunismus ins Gespräch, der mir eine Ausgabe der Permanenten Revolution ans Herz legt, ein trotzkistisches Periodikum …

Wir quatschen ein bisschen über die Stalin-Zeit und wie von selbst purzeln aus ihm die bekannten Vorwürfe gegen den georgischen Metaller heraus, der in seinen jungen Jahren, während der Illegalität im zaristischen Russland, den Kampfnamen Koba trug und in seinen späten, nachdem er Millionen von in seinem Geiste erzogenen Rotarmisten zum Sieg über den Hitlerfaschismus geführt hatte, den Ehrentitel des Generalissimus führte, gegen Stalin persönlich also, doch verzichte ich aus Taktgefühl darauf, dem jungen Genossen zu erklären, warum Josif Wissarionowitschs teils atemberaubend grausamen Entscheidungen historisch notwendig waren.

Januar 1930, Gremjatschij Log, Nordkaukasus. Der Arbeiter Semjon Dawydow, Schlosser in den Leningrader Putilow-Werken, trifft im Dorfsowjet des beschaulichen Weilers Gremjatschij Log ein, wo er im Auftrag der Partei beim Aufbau einer örtlichen Kollektivwirtschaft mitwirken soll. Das gerade vergangene Jahr 1929 war als eines des großen Umschwungs deklariert worden: die noch von Lenin gegen alle parteiinternen Widerstände durchgesetzte Neue ökonomische Politik (NÖP), die nach den Konfiskationen des Kriegskommunismus eine Rückkehr zur vergleichsweise erholsamen kapitalistischen Produktionsweise gebracht hatte, wurde von einer sorgfältig vorbereiteten Offensive zum Aufbau des Sozialismus in den beiden relevantesten Sektoren der Volkswirtschaft, der Schwerindustrie und der Landwirtschaft, abgelöst. Die Sowjetunion wurde zum Metallland. Mit dem libertären NÖP-Müßiggang hatte es ein Ende, auch das Proletariat unterwarf sich einer strengen Arbeitsdisziplin, mit durchgängiger Arbeitswoche, und entsandte außerdem ein Aufgebot von 25.000 geschulten Kadern, – einer von ihnen der Held des Romans Neuland unterm Pflug, Semjon Dawydow – um auf dem Land nach der politischen nun auch die ökonomische Revolution, den Übergang zur sozialistischen Produktionsweise, ins Werk zu setzen.

Semjon, alleinstehend, aber tatkräftig, schließt gleich Bekanntschaft mit Makar Nagulnow, dem Sekretär der örtlichen Parteizelle und Opfer einer notorisch untreuen Ehefrau. Die Marschrichtung ist klar. So schnell wie möglich zu einem Kollektivierungsgrad von hundert Prozent kommen, aber freiwillig, weswegen zuallererst eine Versammlung einzuberufen ist, um die von der Sowjetregierung umworbenen Bevölkerungsschichten, also die Dorfarmut und die Mittelbauern, von Neuem für die Revolution, für die der kleinen Einzelwirtschaft überlegene Kollektivwirtschaft zu begeistern. Der Anfang ist schnell gemacht, verfügt die Sowjetmacht doch tatsächlich nicht nur über einigen Rückhalt in der Bauernschaft, sondern kann auch mit der Traktorisierung und Mechanisierung der Landwirtschaft eine einleuchtende, progressive Perspektive aufzeigen, die jedoch nur Wirklichkeit werden kann, wenn das Dorf, in dem schon nichts mehr an die alten Gutsbesitzer der Zarenzeit erinnert, die Produktion zusammenlegt, da ein einzelner Bauer sich einen Traktor natürlich nicht wird leisten können, selbst wenn er zu den Kulaken, der seit dem Ende der Leibeigenschaft 1865 sukzessive aufgekommenen Dorfbourgeoisie, gezählt wird, die sich im Allgemeinen durch Arbeitsfleiß, Selbständigkeit und Sparsamkeit auszeichnet, womit sie sich aufm Dorf jedoch nicht nur beliebt macht, zudem die Kommuistische Partei schon lange eine Politik der Einschränkung der kulakischen Ausbeutertendenzen verfolgt und nun, im Jahr des großen Umschwungs, sogar zu einer Linie der Liquidierung des Kulakentums als Klasse überwechselt, die sich so gestaltet, dass die von Dawydow und seinem Genossen Nagulnow einberufene Dorfversammlung nach kurzer, aber hitziger Diskussion die Enteignung und Ausweisung der Kulaken aus dem Dorf beschließt, um deren Hab und Gut unter der Dorfarmut zu verteilen beziehungsweise es, sofern es sich um Produktionsinstrumente handelt, als Grundstock für die neue Kollektivwirtschaft zu verwenden.

Der Beschluss ist gefasst – und er bedeutet Revolution. Eine nur im Dorfmaßstab ökonomisch privilegierte Gruppe wird zur neuen Bourgeoisie, die es zu stürzen gilt, erklärt und entsprechend behandelt. Im Roman gehen die folgenden Requirierungen und Ausweisungen flott und ohne viel Widerstand von der Hand, woraufhin es gleich mit dem Aufbau der Kolchose und den dabei auftretenden Problemen weitergeht und man sich als Leser irgendwann fragt, wie es denn jetzt eigentlich den Kulaken ergangen ist, die man ja immerhin namentlich kennengelernt hat, auch weil der eine, Timofej Rwany, der Liebhaber von Makars Frau Luschka war und es doch nicht so einfach sein kann, in der eisigen Februarkälte Haus und Hof verlassen zu müssen, um woanders in einem Land Fuß zu fassen, das den Privatsektor gerade an allen Fronten zurückdrängt und selbst den eben noch so umworbenen Mittelbauern bei Verstößen gegen den neu eingeführten Arbeitsplan mit einem Rausschmiss aus der Kollektivwirtschaft droht, bei dem das in selbige eingebrachte Privateigentum günstigstenfalls teilweise restituiert wird. Im Roman heißt es dann jedenfalls, die verfemten Kulaken seien hier und da bei ihrer Verwandtschaft untergekommen, was mindestens genauso überzeugend wirkt wie die märchenhafte Wendung in der Geschichte des nicht ganz tadellosen Kommunisten Makar Nagulnow, der von einer Kommission schon als trotzkistischer Linksabweichler aus der Partei ausgeschlossen wird, dann aber, nachdem die verantwortlichen Bürokraten abgelöst wurden, wieder rehabilitiert wird, bevor er noch seine Suizidabsicht in die Tat umsetzen kann. So geht es in Neuland unterm Pflug von Michail Scholochow, dem 1962 der Nobelpreis für Literatur für seinen Stillen Don verliehen wurde, im Folgenden dann vor allem um die Probleme und Herausforderungen des sozialistischen Aufbaus auf dem Land, die leicht irrationalen Massenschlachtungen derer, die ihr Vieh nicht abgeben wollen, um den anschließenden Verlust des persönlichen Bezugs zum kollektivierten Nutzvieh oder eben um die Koordinierung der gemeinsamen Landarbeit in den neu geschaffenen Brigaden, aber auch um eine im Untergrund operierende weißgardistische Verschwörergruppe, die Kulaken und Kosaken zum Aufstand gegen die Sowjetmacht mobilisieren will, ehe zum Schluss des ersten, bekannteren Teils (der zweite erschien erst in den Sechzigern) noch einmal der Kulakensohn Timofej Rwany am Dorfrand erscheint, schon so vom Hunger gezeichnet, dass sein Magen das erbetene Brot nicht mehr verträgt.

Wenn man jetzt noch bedenkt, dass Rwanys Schicksal (sein Name bedeutet der Herausgerissene) kein Einzelschicksal war, sondern eines, das er mit Millionen anderen als Kulaken klassifizierter Personen teilte, ist man wieder einmal damit konfrontiert, dass das Fundament der neuen kommunistischen Welt aus den Knochen der alten bestand, was den Anhängern des wissenschaftlichen Sozialismus, so wie mir, natürlich ziemlich zu denken gibt. Warum also, frage ich mich, hat Stalin, allerdings getreu der Lenin´schen Losung „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht zu essen“, unserer revolutionären Bewegung eine solche Hypothek hinterlassen? Hätte er nicht auch die Kulaken, wie all die anderen, im großen Stil einfach zur Zwangsarbeit deportieren können? Warum musste es gleich so ein Klassenmord sein? Auffällig ist auf jeden Fall, wie geschickt dieser eingefädelt war, indem die Dorfbewohner selber einen mehr oder weniger demokratischen Beschluss fassten, der in letzter Konsequenz zum Tod ihrer Nachbarn führen musste, ohne dass ihnen das so auf die Schnelle schon klar sein konnte, der sie dann aber, als sie der tödlichen Folgen ihrer Entscheidung gewahr wurden, nicht nur zu Bundesgenossen, sondern zu regelrechten Komplizen der Sowjetmacht machte, die sowohl ökonomisch vom Kollektivwirtschaftssystem abhängig, als auch moralisch durch die geteilte Schuld untrennbar mit diesem verbunden waren. Der gemeinsame Klassenmord an den Kulaken dürfte als sicherlich bald verdrängtes Trauma eine Barriere zwischen dem alten selbständigen Leben und dem neuen kollektiven gebildet und seinen Teil dazu beigetragen haben, die für gewöhnlich beharrlich am Althergebrachten hängende Bauernschaft in neue sowjetische Menschen zu verwandeln, die das System bis an ihr Lebensende nicht mehr würden infragestellen können, ohne an die eigene Mittäterschaft erinnert zu werden. Man mag das perfide, ruchlos und grausam finden, was es zweifelsohne auch ist, Kommunismus zum Abgewöhnen leider, doch ist die Welt außerdem nun einmal so beschaffen, dass sich die Notwendigkeit der Landesverteidigung nicht einfach ignorieren lässt. In dieser Hinsicht stellte sich die Lage für die junge Sowjetunion nun so dar, dass ihre Führung nach der ersten kapitalistischen Intervention während des russischen Bürgerkrieges (1918 – 1921) eine zweite erwartete, wenn nicht gar einen zweiten imperialistischen Krieg zwischen den Großmächten, in den hineingezogen zu werden eine ziemlich reale Gefahr darstellte, die mit dem Überfall Hitler-Deutschlands elf Jahre später dann auch eintrat. Und für den Kriegsfall musste man nach Lage der Dinge halt davon ausgehen, dass die kapitalistischen Kulaken sich an die Seite der kapitalistischen Interventen stellen würden, was einen Zusammenbruch der Sowjetmacht auf dem Land begünstigt, wenn nicht bewirkt hätte. Insofern kann man sagen, dass die Kollektivierung die sowjetischen Agrargebiete von einem Sicherheitsrisiko in ein festes Standbein der Sowjetmacht verwandelt und damit letzten Endes einen entscheidenden Beitrag zum Sieg über den Hitler-Faschismus geleistet hat, was natürlich weder etwas an ihren verheerenden Langzeitfolgen noch an den konkreten damaligen Grausamkeiten ändert, über die Scholochow in Neuland unterm Pflug mit dem beständigen Verweis auf die kommende Weltrevolution hinwegzugehen versucht, die bereits jetzt, 1930, im dörflichen Mikrokosmos vorwegzunehmen sei.

Fast neunzig Jahre später begebe ich mich zu den von der trotzkistischen SAV organisierten Sozialismustagen ins Neue Deutschland am Berliner Ostbahnhof und habe nicht nur diesen stalinistischen Kollektivierungsroman im Gepäck sondern auch eine Rede, mit der ich zur konkreten revolutionären Tat, zum Sturm auf das Berliner Stadtschloss aufrufen will, wie bereits in der letzten Folge der Aufzeichnungen eines Revolutionärs angekündigt, um so die mediale Aufmerksamkeit auf meine Untersuchung zu Merkels mutmaßlicher Stasi-Vergangenheit zu lenken, dadurch den Sturz der „Das Internet ist für uns alle Neuland“-Kanzlerin zu bewerkstelligen und mit meinem in weiten Teilen schon ausgearbeiteten Programm, das da unter anderem Weltrevolution, im Sinne einer solidarischen Neuordnung des internationalen Systems, heißt, selber die Führung zu übernehmen. Gelänge mir dies, wäre ich allerdings unweigerlich auch für die Wiederherstellung der inneren Sicherheit hierzulande verantwortlich, was ich mir zwar durchaus zutraue, doch reißen mag ich mich um diese undankbare Aufgabe ebenfalls nicht, da zum einen die Arbeit am neuen Roman nach wie vor Priorität hat und zum anderen das Problembewusstsein im linken Spektrum so gering ausgeprägt ist, dass allein deswegen schon ein gemeinsamer Sturm aufs Stadtschloss nicht zustande kommen dürfte. Also beschränke ich mich bei den Veranstaltungen aufs Zuhören. Bei der einen ist die Schadenfreude über das Scheitern von Sarah Wagenknechts Aufstehen-Bewegung mit den Händen greifbar, bei der anderen beklagt man sich über häufiges Mobben und Stigmatisieren in linken Kontexten oder erinnert an vergangene Kämpfe wie denen gegen die Bologna-Reform, einer damals, 2004, sehr intensiven Zeit, während der auch ich eine Weile mit dem Trotzkismus geliebäugelt hatte. Zwischendurch schnappe ich hier und da einzelne Äußerungen auf. Das Risiko, als Opfer eines Gewaltverbrechens zu sterben, sei immer noch geringer als das, bei einem Verkehrsunfall umzukommen. Reichlich subjektivistisch, denk ich mir, misst es doch nur dem eigenen Risiko Relevanz bei und übergeht das eigentliche, objektiv bestehende Problem, das für alle direkt Betroffenen schwerer nicht wiegen könnte. Ansonsten angenehm klassenkämpferische Atmosphäre. Und einer bemerkt, wie tastend, es gäbe wirklich eine Art revolutionären Untergrund da draußen. Ja, so ist es, dachte ich dann – und schwieg.

Comments are closed.