Das trübe Grau des Spätwinters wabert dieser Apriltage von Neuem durch die Straßen, deren Bäume doch schon Sprossen gräulichen Grüns zeigen, und erfüllt wie eine mehlige Zementstaubwolke die ganze Luft, in der es als etwas fast mit den Händen Greifbares liegt, als Ahnung, dass es so nicht weitergehen wird. Die alte Zeit verflüchtigt sich, Angela Merkel scheint in Annegret Kramp-Karrenbauer überzugehen, der Brexit wälzt sich ätzend durchs Jahr, doch unbemerkt verdichtet sich im Nebel zugleich das Neue. Verstärkte Wetterfühligkeit, Angefasstheit und Gereiztheit allenthalben, Repressionen, Razzien und Revolten, ahnt doch keiner, dass lediglich ein stillgelegtes Zementwerk den Betrieb wieder aufgenommen und die Dunstwolke des spätkapitalistischen Verfalls in Wirklichkeit bereits vom Baustaub einer neuen Zeit herrührt.

Noworossijsk. 1921. Gleb Tschumalow kehrt aus dem Bürgerkrieg heim. Die Weißen sind geschlagen, doch die sogenannten Grünen, subproletarische Banditen, machen hier und da noch die Gegend unsicher. Das Zementwerk, in dem Gleb vor seinem Eintritt in die Rote Armee gearbeitet hat, wirkt verwüstet, doch scheint eine Instandsetzung nicht ausgeschlossen. Alles ist grau, trüb und trist. Die Leute gammeln und verwildern oder fertigen bestenfalls Feuerzeuge in der Heimindustrie. Aber die alte Kate steht noch. Der Nachbar, Sawtschuk, setzt gerade zum Verdreschen seiner Frau an, erkennt Gleb nicht einmal, besinnt sich nur allmählich. Da, kommt auch schon eine Frau mit leuchtendem roten Kopftuch aus dem Häuschen, Dascha, Glebs so lange vermisste Gattin, die in den Jahren der Trennung natürlich ihre eigenen Herausforderungen zu bestehen gehabt hatte, sich jedoch trotzdem freut, den lieben Gleb wohlbehalten wiederzusehen. Wasser zum Teemachen sei auch noch welches da und Töchterchen Njurka könne er im Roten Kinderheim besuchen, aber sie selber müsse jetzt zum Plenum von der kommunistischen Frauengruppe …

Leicht verwundert über Daschas zurückhaltenden Empfang sucht Gleb bald Njurotschka in ihrem nicht gerade üppig versorgten Heim auf, Vater und Töchterchen begegnen sich zum ersten Mal, ja, er ist der Rotarmist, hat auch den Burschuis aufs Haupt geschlagen und werde ihr mit der Zeit der Vater sein. Doch jetzt, ohne Aufgabe, demobilisiert als Arbeiter, geht Gleb umgehend zu den Sowjets. Es gibt bereits einen Wust an Komitees und Kommissionen, außerdem hat die Partei eine neue ökonomische Politik verkündet, die Rede ist von Märkten und Cafés, die bald wiedereröffnen sollen, sogar über eine Konzession für den alten Besitzer der Zementfabrik wird geschwätzt, dabei wäre es jawohl Sache der Arbeiter, das Werk selber wieder in Gang zu setzen. Schließlich geht es um den Aufbau der Republik, für deren Fundament Zement jawohl vonnöten ist. Erschießen müsste man diese ganzen Saboteure, die sich in den Sowjets schon Generalsmanieren zulegen, aber nun gut, man schätzt seinen Einsatz und könnte ihn ja mit einem Plan für die Vorarbeiten zur Wiederinbetriebnahme des Werkes betrauen, antwortet ein gewisser Genosse Badjin, der übrigens einmal mit Dascha in dringenden Parteiangelegenheiten auf einer Überlandfahrt von Banditen überfallen worden war …

Blumig und sinnlich bis zur Blutgetränktheit ist die Sprache Fjodor Gladkows, der in „Zement“ ein plastisches Portrait der diffusen Übergangszeit vom Kriegskommunismus zur neuen ökonomischen Politik (NEP) entwirft, das weder auslässt noch beschönigt, Verluste und Schrecken schildert, denen sich die Menschen während der Revolution gegenübersahen. Das Schicksal des Intelligenzlers Sergej beispielsweise, der als „typischer Menschewik“ während der schon lange erwarteten ersten, noch unter Lenins Ägide durchgeführten Parteisäuberung ausgeschlossen wird, weil er seinen ins Banditentum abgerutschten, ehemals weißgardistischen Bruder nicht gleich beim ersten, sondern erst beim zweiten Wiedersehen gefangen genommen hat, sodass dieser erschossen werden konnte, lässt einen besonders sprachlos zurück, illustriert es doch grell die Beschaffenheit des damaligen historischen Prozesses.

Gute hundert Jahre später wiege ich den vergilbten Einband dieses vielstimmigen Massen-, Produktions- und herben Liebesromans, der in slawistischen Kreisen weniger gelesen denn verspottet wird, in Händen und habe wenig Lust, bei den anstehenden Sozialismustagen, zu denen ich wohl mal hingehen könnte, das Wort zu ergreifen, um den Eintritt einer Revolution zu verkünden, bei der die Genossen im Falle eines Gelingens zuerst einmal eine neue Migrationspolitik mittragen müssten, da man auf die Dauer wohl kaum tatenlos dabei wegkucken kann, wenn Banditen die Gegend unsicher machen, zudem der auch in Reaktion darauf zunehmende rassistische Terror, wie zuletzt in Christchurch, bekanntlich nicht zuletzt in Deutschland ein nicht zu unterschätzendes Problem darstellt und man sich erst nach der Kriminalitäts- endlich auch der Wohnungs- und anderen Krisen mit der nötigen Durchdachtheit annehmen könnte. Doch sind die gegenwärtigen Spannungen, auch im internationalen System, wo die Atommacht Pakistan für Ostern scheinbar allen Ernstes einen Angriff Indiens im geteilten Kaschmir erwartet, so groß, dass eine revolutionäre Entladung nicht auszuschließen ist, auch wenn ich selbst mich lieber weiterhin als klandestines Revolutionskomitee unentdeckt im Untergrund des Internets bewege und mein Hauptaugenmerk auf den Kampf an der Literaturfront lege. Der besseren Verständlichkeit halber decke ich an dieser Stelle allerdings dennoch meinen Plan auf, Merkel mithilfe einer Enthüllung ihrer Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik zu stürzen und selber die Regierungsverantwortung zu übernehmen. Und auch der Vorstellung, noch auf den Sozialismustagen ein Revolutionsplenum abzuhalten und ihm im Berliner Stadtschloss eine angemessene Location zu verschaffen, kann ich einiges abgewinnen. Zwar verheißt das Ganze eine nicht ungefährliche Aktion zu werden, die ins Chaos einer gewalttätigen Räumung abrutschen könnte, doch ist die Revolution konkret, bedarf eigener Betriebsräume und ein Sturm aufs Berliner Zementschloss wäre ein würdiger Anfang für eine sozialistische Weltrevolution, bei der die ganze Menschheit das Plenum bildet, das bestehende Weltsystem auf solidarischer Basis reorganisiert und ein Weltentwicklungsplan aufgestellt wird, während gleichzeitig die bekannten Spannungen und Risse, Ängste und Vorbehalte, Interessen und Perspektiven ein gewissenhaftes Abwägen erfordern, bevor die notwendige Ablösung von Frau Merkel noch in ein noch größeres Chaos mündet, als es ohnehin schon besteht. Vorerst ist jedoch noch alles in der Schwebe, obgleich der Moment unweigerlich kommen wird, da die Revolution von Neuem sagt: ich war, ich bin und ich werde sein.

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