Unbemerkt und unerkannt schleicht der Verfasser dieses Blogs zwischen den glänzenden Seiten des Internets umher, befindet sich gleichsam in dessen dunklen Katakomben, ein Illegaler, den niemand durchschaut und dessen Projekt sich niemandem erschließt. Es scheint sich um Literatur zu handeln, doch ist das wirklich alles? Geht es nur darum, Parallelen zwischen den besprochenen Romanen und den politischen Aktivitäten des Bloggers herzustellen oder steckt nicht doch mehr dahinter? Kann es sein, dass hier tatsächlich ein illegales Kreiskomittee des Internets am Werk ist und ein Vergleich mit den odessitischen Partisanen, deren Wirken Valentin Katajew (1897 – 1986) in seinem 630 Seiten Roman „In den Katakomben von Odessa“ (1949) so mitreißend und überzeugend geschildert hat, nicht viel zu weit hergeholt ist?

Moskau. Juni 1941. Der Pionier und Vizevorsitzende des Zirkels junger Naturforscher Petja Batschej, ein Junge von kaum zehn Jahren, darf seinen Vater, Pjotr Wasiljewitsch, einen Mitarbeiter des Innenministeriums (NKWD), der nebenbei an seiner juristischen Doktorarbeit über den Begriff des „Schädlings“ im Sowjetrecht schreibt, auf eine Dienstreise nach Odessa begleiten, von wo der alte Batschej auch ursprünglich herstammt. Frühmorgens fahren sie im Autobus durch die moderne Hauptstadt der gerade einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung hinter sich gehabt habenden Sowjetunion. Die Transportmittel, darunter das Flugzeug, das Vater und Sohn in die südlichen Gestade des Schwarzen Meeres bringen soll, sind auf dem neuesten Stand. Leuchtende Augen hat der kleine Petja, als sie an den glänzenden Kuppeln und Türmen des Kremls vorbeifahren, wo der große Stalin weltumspannende Gedanken verfolgt. Der Glaube an den Kommunismus, an die Zukunft, ist ungebrochen, doch denkt der alte Batschej manchmal darüber nach, wie denn ihre Zeit in der Zukunft rückblickend einmal betrachtet werden, ob sie als so rückständig und weit weg erscheinen wird wie ihm das alte Russland von vor der Revolution?

Noch auf dem Flug schließt Petja Bekanntschaft mit einem frechen Mädchen, Galotschka, die sich von einem Jungen nicht einfach was sagen lässt, deren Großvater, ehemaliger Matrose auf dem Panzerkreuzer Potjomkin, eine lebende Legende ist, was Petja nicht wenig beeindruckt. Umso mehr freut er sich, als Galotschkas Vater, da er seine Tochter am Flughafen von Odessa abholt und in Pjotr Wasiljewitsch einen Kollegen vom NKWD erkennt, die beiden Batschejs gleich einlädt, sie demnächst auf der Datsche zu besuchen. Doch sollte es dazu nicht mehr kommen, denn plötzlich, von einem Tag auf den anderen, schnappte die Bestie des Krieges zu und rammte ihre stählernen Hauer ins beeindruckende Aufbauwerk des friedlichen Sowjetvolkes.

Zu den Waffen, alle Mann, für die Sowjetmacht (so auch der Originaltitel За власть советов!), für die Heimat, für Stalin und gegen die faschistischen Eindringlinge! Der alte Batschej meldet sich umgehend als Artillerist freiwillig zur Front, der kleine Sohnemann wird alleine zurück nach Moskau geschickt, kommt dort jedoch im Chaos nicht an, noch nicht mal aus Odessa fort, denn Züge und Flugzeuge sind belegt oder verkehren erst gar nicht. Und der Vormarsch der deutschen Wehrmacht ist in den ersten Wochen nicht aufzuhalten. Doch bleibt Petja nicht alleine. Eine Menge Personen sind inzwischen aufgetreten. Kolesnitschuk, den Petja noch von dessen Besuchen in Moskau kannte, wohin er Makrelen oder Auberginen aus den südlichen odessitischen Gefilden mitbrachte, der vor dem Krieg im Staatlichen Teehandel von Odessa arbeitete und nun als alter Bolschewik den Übergang einer klandestinen Parteigruppe in die Illegalität mitvorbereitet, Tschornoiwanenko, der zum Sekretär der kommunistischen Untergrundgruppe bestimmt ist und viele andere, die nicht eine Sekunde zögern, den faschistischen Mörderbanden die Stirn zu bieten, nicht zuletzt Galotschkas Vater, den der Leser nun unter seinem Kampfnamen Drushinin kennen lernt.

So landet Petja also nach einigen Umwegen bei einer illegalen Partisanengruppe, die, nachdem die Rote Armee auf Befehl des Oberkommandos Odessa geräumt und deutsche sowie rumänische Besatzer eingezogen sind, ihr Quartier in den Katakomben von Ussatowo, alten Steinbrüchen unweit der Stadt, bezieht. Dort, in der Finsternis, im Klammen, endet Petjas fröhliche, lichte Kindheit endgültig. Er teilt das karge Leben der Partisanen, putzt Patronen, um sie vorm Einrosten zu bewahren, hilft, wo er nur kann, um bei der Verteidigung der überfallenen Heimat mitzuwirken. Die übers mühselig organisierte Radio empfangenen Berichte des Sowinformbüros müssen als Flugblätter vervielfältigt und plakatiert werden, damit die Bevölkerung weiß, dass ihre Stadt, die halbe Sowjetukraine, nur zeitweilig okkupiert, die Sowjetmacht im Untergrund nach wie vor präsent ist. Niemand soll den Mut verlieren. Die Rote Armee weicht zwar zurück, aber sie bewahrt Haltung und Kampfkraft. Stalin hat ihr unumstößliche Siegesgewissheit eingeflösst. Alle Strapazen und Schrecken werden ertragen, bald schon ist ein weitverzweigtes Netz illegaler Untergrundkämpfer mit einem von Kolesnitschuk geführten Krämerladen als geheimem Treff an der Deribassowstraße, der in unzähligen Ganovenliedern besungenen Flaniermeile von Odessa, eingerichtet und diszipliniert werden die ersten Sabotageaktionen in Angriff genommen, die, wenn man sie mit der von Ernst Hemningway in Wem die Stunde schlägt geschilderten Sprengung einer einzigen, geradezu kümmerlich anmutenden Brücke vergleicht, so viel darüber verraten, warum der leninistische Weg der des Erfolges ist.

Zweifellos handelt es sich bei „In den Katakomben von Odessa“ um einen großen Roman, ein spannendes, authentisches Werk über einen heroischen Kampf, das den Leser so tief in die Zeit mitnimmt, dass auch die damalige Stalinbegeisterung leicht nachvollziehbar wird, wiewohl dessen Darstellung manchmal auch eine gewisse Gezwungenheit eigen ist. Doch ist der Roman ansonsten so gut geschrieben, die Handlung so grandios, die Figuren, darunter einige vorbildliche Kämpferinnen, so lebensecht, dass der bürgerliche Literaturbetrieb, die Slawistik vor allem, einen großen Fehler begangen hat, die Werke des sozialistischen Realismus zu übergehen, obgleich es natürlich zuvorderst Aufgabe der progressiven Kräfte wäre, die eigene literarische Tradition mehr zu pflegen. Jedenfalls hat die explizit bolschewistische Literatur es in sich und ich kann es kaum erwarten, die nächsten Romane zu entdecken. Katajew hat allein mindestens sechs weitere geschrieben. Da drängt es das gleichsam illegale Internetkomittee nicht allzu sehr, seinen Untergrund zu verlassen und ans Tageslicht zu treten, doch ist heute internationaler Frauenkampftag gewesen und es galt, einen Partisanengruß zu übermitteln.

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