Fanfarenklang und Trommelwirbel, Pauken und Trompeten, Krawall und Remidemi – so schmettert die Revolution ihren Marsch im 4/4-Takt, begeistert oder verschreckt das Auditorium und verlangt von allen die vollste Aufmerksamkeit, da sie, einer eifersüchtigen Diva nicht unähnlich, ansonsten schwer beleidigt sein und sich auch mal wie ein echtes Miststück aufführen kann. So kennen wir sie, so ist unser Bild. Doch verbleiben daneben, dahinter und dazwischen auch während der Revolution die leisen Töne des Lebens, welche Konstantin Fedin (1892 – 1977) in seinem wohlkomponierten Roman „Die Brüder“ (1926) mit scharfem Sinn für die Beständigkeit des allgemein Menschlichen sowie biografische Rhythmen eingefangen und inszeniert hat.

Die Geschichte beginnt mit einer Familienfeier beim ältesten der drei Brüder, bei Matwej Wasilitsch Karew, einem angesehenen Arzt, der, während das Fest mit seinen Leckereien und Trinksprüchen in des Doktors Leningrader Wohnung noch in vollem Gange ist, zum noch angeseheneren Berufsrevolutionär Schering gerufen wird, welchem nicht ganz wohl zumute ist. Zu sehr hat dieser sich verausgabt in den Jahren der Illegalität und des Kampfes für die Errichtung der Sowjetmacht. Und dann ist es, kaum dass Matwej Wasilitsch nach seinem Hausbesuch wieder zu den Seinigen zurückgekehrt ist, auch schon zuende mit Schering und Professor Doktor Karew muss noch einmal zurück, die Todesurkunde auszustellen. Das geht ja gut los! Ein Arztroman, bei dem der heroische Revolutionär gleich zu Beginn an Erschöpfung stirbt. »Konterrevolutionäres Miesmachertum!« mag man da rufen, doch liegt eben das, das Versiegen des revolutionären Elans, nun einmal in der Natur der Sache und wird mit dem fast medizinischen Fachausdruck Thermidor bezeichnet.

Doch bleibt es nicht dabei, denn das wäre ja auch noch schöner. Bald schon springt die Handlung über zu Nikita, dem nächst jüngeren Bruder Matwejs, der noch als Kind im Schaufenster eines vorrevolutionären Spielwarenladens eine gelb lackierte Geige zu Gesicht bekam, die er denn auch unbedingt haben wollte. Jedoch kaufte sein Vater, ein über hundert Kilogramm schwerer kosakischer Gutsverwalter, ihm gleich eine richtige, die Nikita unglücklicherweise dann auch lernen musste. Er tat dies bei einem alten, tattrigen Juden im Hafenviertel einer Wolgastadt, welcher einmal nur knapp einem Pogrom entkam, und bildete sich später in Dresden zum Komponisten aus. Farbig und plastisch werden die Milieus beider Orte beschrieben, das an Wien erinnernde Flair des alten Dresdens wird wieder lebendig und noch bevor der Erste Weltkrieg ausbricht, nimmt sich in einer erschütternden Szene Nikitas Mitbewohner, der sich einiges auf seine deutsch-tschechische, dem musikalischen Temperament angeblich förderliche Blutsmischung zugutehielt, das Leben, weil der Lehrer ihm von der Geige ab- und zur Bratsche zuriet. Altmodische Lebens- und Vorstellungswelten durchläuft Nikita also auf seinem Bildungsweg, ehe er (genau wie Fedin) mit dem Austritt Russlands aus der Entente in seine nun revolutionäre Heimat zurückkehren kann, nach Uralsk, dem Operationszentrum der berühmten, im Roman jedoch nicht namentlich genannten Tschapajew-Division, wo er nach vielen Jahren dem jüngsten der drei Brüder, Rostislaw, begegnet, der sich voll und ganz der Revolution verschrieben hat und auf einem Kanonen bestückten Flussdampfer gegen die althergebrachte Väterwelt zu Felde zieht.

Revolutionäre und Frauen, Frauen und Revolutionäre (und Parkbänke und Alleen) kommen auch einige vor, kurz nur, aber immer wieder, sodass der oder die Leser*in viel Aufmerksamkeit darauf verwenden muss, wie die Fäden verwoben sind, zudem Zeit und Ort nicht immer ganz klar sind, was das Ganze zu einer nicht anspruchslosen Angelegenheit macht. Es wird geliebt und gelitten, auch während der Revolution, und über die Kindererziehung gestritten, ganz zum Schluss, im neuen, aus dem entvölkerten Petrograd erstandenen Leningrad, wo Nikita Karew im Beisein seines alten, gerührten jüdischen Lehrers sein Werk, das Opus Nr. 17, schließlich der Öffentlichkeit vorführen kann, einer Öffentlichkeit, die kurz zuvor noch keinen Zugang zu derartigem hatte, weil sie in Fabriken schuftete oder an der Front kämpfte, einem so ungehobelt wirkenden, Sonnenblumenkerne kauenden Publikum, das nun, so entschlossen es zuvor die Paläste erobert hatte, so bereitwillig die neue, aus der bürgerlichen Kultur erwachsene Musik Karews als die ihrige annimmt.

460 Seiten voller minutiös gesetzter Wörter verbergen sich zwischen den festen Buchrücken meiner 91 Jahre alten Ausgabe, die ich, da sie bereits Krieg und NS-Zeit unbeschadet überstanden hat, behutsam in meiner Umhängetasche verschwinden lasse, bevor ich die U-Bahn am Prenzlauer Berg verlasse, um mich an einem sonnigen Januarnachmittag mit meinem nächstälteren Bruder zu treffen. Wir sprechen über dieses und jenes, den Aufbau des Universums und das Älterwerden. Fedins eigentliches Thema, das Zeitlose in der Zeitenwende.

„Die Brüder“ ist antiquarisch über www.zvab.com erhältlich.

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