Das Jahr neigt sich dem Ende entgegen, Weihnachten ist überstanden und für einen kurzen Moment herrscht Ruhe, bevor die Silvesterknallerei das nächste Jahr mit seinen absehbaren Anschlägen und Attacken einläutet. Die Situation bleibt also höchst angespannt, birgt jedoch ebenfalls ein revolutionäres Potential, doch ob dieses genutzt werden kann, steht in den Sternen.

Die allgemeine Entwicklungstendenz dieses Jahres schien mir eine der fortschreitenden Zerrüttung zu sein. Nachdem die Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn des Jahres noch fast so unangefochten war wie vor der Bundestagswahl 2017, hat sie mittlerweile selber eingeräumt, keine nennenswerte politische Zukunft mehr zu haben und als ersten Schritt den CDU-Parteivorsitz geräumt, welchen ihre Wunschkandidatin Annegret Kramp-Karrenbauer gegen zwei Konkurrenten knapp für sich gewinnen konnte. Der bisherige Kurs dürfte also aller Kontraindikationen zum Trotz im Großen und Ganzen weiterverfolgt werden. Derweil zerbricht die Glaubwürdigkeit der Merkel-treuen Medien wie dem Spiegel weiter, seitdem bekannt wurde, dass dessen preisgekrönter Vorzeigejournalist Claas Relotius sich seine Rührstücke großenteils einfach ausgedacht hat. Die gesellschaftlichen Spannungen nehmen zu, zerreißen zwischenmenschliche Beziehungen im Familien-, Freundes- oder Kollegenkreis und auch die Kirchen scheitern daran, ihre Gläubigen zumindest so weit zu versöhnen, dass sie noch miteinander reden könnten. Ideologische Verwirrtheit, Hass, Rassismus und Angst um die eigene Haut auf der einen, politische Unreife auf der anderen Seite und dazwischen, wer sich das nur noch aus sicherer Entfernung mit ankuckt, während alle Tage wieder jemand niedergestochen oder ein Brandanschlag auf ein linkes Projekt verübt wird, so als ob Linke Messer stechend durch die Gegend rennen würden. Und im Sicherheitsapparat fliegen rechte, prototerroristische Gruppierungen auf. Besserung nirgends in Sicht. Die Situation schreit also geradezu nach einer revolutionären Tat, doch war der meinigen in diesem Jahr kein Erfolg beschieden, weswegen ich die Parole ausgebe: Alles für die Kunst. Der Roman hat Vorrang. So bleiben die Verhältnisse von mir aus, wie sie sind und ich mache vorerst nicht auf Tschapajew, den Draufgänger und Volkshelden, der als Kommandeur einer nach ihm benannten Division im russischen Bürgerkrieg sein Leben für den Aufbau der kommunistischen Ordnung gegeben hat.

Tschapai, wie Wasilij Iwanowitsch Tschapajew (1887 – 1919) von seinen Kampfgefährten liebevoll genannt wurde, entstammte einer Bauernfamilie im Gebiet um das tartarische Kasan, zog zusammen mit seinem Vater und seinen Brüdern als Wandersmann die Wolga entlang und heiratete schließlich eine Popentochter, mit der er drei Kinder hatte, ehe er seine Familie verlassen musste, weil der Krieg ausbrach, der Erste Weltkrieg beziehungsweise „der deutsche Krieg“, wie Tschapai und seine Kameraden ihn in Entsprechung zum „japanischen Krieg“ von 1905 oder den unzähligen Türkenkriegen nannten. Doch fand Tschapajew ebenda, im Krieg, seine wahre Bestimmung. Er wurde vielfach ausgezeichnet, aber auch verwundet. Politisch neigte er trotz seines engagierten Einsatzes für die zaristische Armee dem Anarchismus zu, sprach dieser sein Temperament doch besonders an, trat dann jedoch bereits im Juli 1917 der Russländischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Bolschewiki) bei und übernahm im sich entfaltenden Bürgerkrieg das Kommando über die bald nach ihm benannte Division, die an der Wolga und im Ural für die Sowjetmacht gegen Kosaken und Koltschak zu Felde zog.

Wer im teils dokumentarischen Roman „Tschapajew“ Dmitrij Furmanows (1891 – 1926), der 1919 ein halbes Jahr als Politischer Kommissar an der Seite Tschapais die Revolution und ihre Partei in der Freiwilligendivision vertrat, eine verklärende Heldenlegende erwartet, wird überrascht sein, da die im Volk überreichlich vorhandenen Erzählungen über seine angeblichen oder echten Heldentaten kritisch reflektiert werden. Die Person Tschapajew wird ihrer Volkstümlichkeit wegen als nützlich bei der Einbindung der lokalen Bauernschaften und vor allem der militärischen Schlagkraft seiner um ihn zentrierten Division wegen hoch angesehen. Sein Verhältnis zu den „Stäben“, also letztendlich zu den Organen der Revolution, ist jedoch spannungsgeladen, da er im Grunde nur Leute seines Schlages wie etwa den bekannten General Frunse insofern respektiert, als er sie von seinen berüchtigten Wutanfällen ausnimmt, zu denen es angesichts der unbeschreiblichen Strapazen vor allem des Kriegsjahres 1918 immer wieder kommt, wenn nicht gerade auf einer Versammlung der Geist der Revolution die Gemüter begeistert, eine revolutionäre Theatertruppe zum Gastspiel an die Front kommt oder die Tschapajew-Leute ihre Lieblingslieder singen. Doch gelingt es Furmanow, der im Roman Klytschkow heißt, ein gutes Verhältnis zu Tschapajew aufzubauen, obwohl er als Intelligenzler beim ersten Gefecht noch schmählich davonläuft. Zusammen schlagen sie die Offensive Koltschaks zurück, sichern Ufa für die Sowjetmacht und nehmen den Kampf gegen die Steppenkosaken auf, bei dem Tschapajew schließlich fällt. Davor jedoch hat er noch reichlich Zeit zu erzählen, wie er die Dinge sieht, welche Erfahrungen er so gemacht hat. Ein wenig bedrückt ihn, dass sie 1918, als es viele Versorgungsengpässe gab, auch beim verfügbaren Wachpersonal, die weißgardistischen Gefangenen einfach erschossen haben, was halt nicht mit dem Selbstbild der Roten Armee als kommunistischer Arbeiterarmee übereinstimmt, die ein proletarisches Ethos und eine sozialistische Disziplin pflegt. Doch fuhren die maßgeblichen Vertreter der neuen Welt, also die Genossen Lenin und Trotzkij, die Linie, dass die Vertreter der morschen alten Welt vom Antlitz derselbigen ruhig getilgt werden können, was nicht folgenlos blieb, gründet doch der westliche Antikommunismus vor allem auf diesen Erfahrungen des Klassenmordes, von dem viele russische Emigranten zeitlebens nicht müde wurden zu berichten. Darüber hinaus wurden Rotarmisten und Kommunisten ebenso von diesen Erfahrungen verändert und geprägt. Sie legten ihren libertären, lebenslustigen Habitus ab und sich eine strenge Kampfdisziplin zu, auch weil das Vertreten einer grob abweichenden Linie oder Haltung zu Problemen mit der Tscheka, der Geheimpolizei des neuen Staates, führen konnte. Den Tunnel dieser Erfahrung haben sie durchquert, die ersten Kommunisten, um auf dem Grabhügel der alten Gesellschaft die neue sowjetische aufzubauen, die ihnen als lichte Zukunft erschien, sie inspirierte und elektrisierte, weswegen Lenin den Kommunismus in seiner berühmten Formel denn auch als Sowjetmacht plus Elektrifizierung definierte. Man baute Kraftwerke und verlegte Stromleitungen. Glühbirnen erleuchteten, das Licht der neuen Zeit war nicht nur eine Metapher, sondern greifbarer Fortschritt, ein Beweis der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges, der jedem auf Anhieb einleuchtete und so viele anspornte, sich dem Studium technischer Fächer zu widmen (u.a. Bessonyj, den Maschinenbau-Studenten aus „Der Abtrünnige„), um beim Aufbau des Sozialismus mitzuwirken, was die Grundlage für den späteren Sieg über den Hitler-Faschismus schuf. Doch nahm der schon unter Lenin eingeführte Terror unter Stalin solche Ausmaße an, lichtete auch die Reihen der Bolschewiki so drastisch, dass ziemlich vielen die Lust auf Kommunismus im Allgemeinen vergangen ist, weswegen die Führung des roten Sowjetstaates um Michail Gorbatschow die rote Fahne viele Jahre später denn auch niederlegte, das Banner der Revolution zur freien Verfügung stellte, auf dass es ein Späterer vielleicht wiederaufnehme und so einen durch die Erfahrungen des ersten Versuches gereiften zweiten unternimmt, für eine gerechte, friedliche und progressive Gesellschaft, in der sich alle gesund und wohlbehalten wiederfinden.

Die Menschen der Transformationszeit nun, die ersten Kommunisten, Leute wie Tschapajew und Furmanow oder Pawel Kortschagin, der Held aus „Wie der Stahl gehärtet wurde“, sie gaben alles für die Idee, waren disziplinierte Asketen, zu allem entschlossene Kämpfer, stets bereit zu lernen, die ein kurzes, freudloses Leben führten. Ich beneide sie nicht wirklich, wenn ich mir ihr Leben lesend erschließe, erkenne mich jedoch in manchem wieder. Es lohnt sich schon,Tschapajew zu lesen oder den Film zu sehen. Er steht im Westen zu Unrecht im Schatten von Babels vielgerühmter Reiterarmee, wird in der Slawistik wohl vor allem aufgrund der tadellos bolschewistischen Haltung seines Verfassers übergangen, doch gelingt es mir, der sich im nächsten Jahr auf den eigenen Roman konzentrieren will, gerade nicht, eine Begeisterung ähnlich derjenigen von Rotarmisten wie Tschochow und Ljubenzow, den Protagonisten aus Kasakewitschs „Das Haus am Platz“, für dieses ihr Kultbuch Tschapajew, das sie auf ihrem Weg von Stalingrad nach Berlin im Tornister mit sich trugen, auf- und rüberzubringen. Doch ist das wohl kein Wunder, wenn man selber, anders als Tschapajew, nicht vorprischt.

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