Der November ist vorbei. Das Jahr versinkt in nebeligem Grau, die Häuser stehen reglos an ihren Plätzen und die Menschen gehen ihren Geschäften nach, ob bei #aufstehen, wo man sich anscheinend auf dem Weg zu einer neuen Partei befindet, oder beim Jobcenter, wo man zu Informationstagen für Selbständige einlädt. Den neunten November, den hundertsten Jahrestag der Revolution, habe ich indes verstreichen lassen, habe nicht versucht, bei der #aufstehen-Kundgebung am Brandenburger Tor einen digitalen Sturm aufs Kanzleramt anzuzetteln und mich sicherheitshalber wieder aus allem herausgezogen. Meine verbale Freizügigkeit steht einfach in zu großem Widerspruch zu den Sprachregelungen und Denknormen unserer Zeit. So lese und schreibe ich stattdessen für mich.

Diesen Monat nahm ich mir „Das Haus am Platz“ vor, einen 500 Seiten Roman eines mir bis dato unbekannten Autoren namens Emmanuel Kasakewitsch (1913 – 1962), eines Kommunisten, der sich 1941 freiwillig gemeldet und 1945 an der Befreiung Berlins mitgewirkt hat. Die Handlung setzt eben mit der Siegesnachricht ein. Die Rotarmisten begegnen ihr, indem sie sich auf den Hosenboden sinken lassen und ins Gras setzen. Nach und nach lernt der Leser eine ganze Handvoll dieser so entschlossenen wie disziplinierten Kämpfer kennen. Da wäre zunächst Tschochow, dem die Rote Armee sein ein und alles und der nichts mehr als die Demobilisierung fürchtet. Tagein, tagaus treibt er sich in der Kaderabteilung der Sowjetischen Militäradministration Deutschland in Potsdam herum, bekommt am Rande mit, wie die Großen Drei, Stalin, Churchill und Truman, sich eben da zur Konferenz treffen, im Sommer ´45. Tschochow ist allein. Er hat keine Angehörigen mehr. Auch die Welt ringsum, in der die Waffen nunmehr schweigen, ist ihm unendlich fremd. Die Deutschen sind wie Wesen von einem anderen Stern. Es ist, als würden sie in zwei verschiedenen Dimensionen leben. Noch fürchten sie schließlich, die Sowjets könnten dasselbe mit ihnen machen, was ihr NS-Staat zuvor den Völkern der Sowjetunion und denen der anderen besetzten Länder angetan hat. Der Gedanke, Kommunisten könnten für das Wohl des werktätigen Volkes eintreten, ist in ihrer ideologisch verblendeten Vorstellungswelt schlicht nicht existent. Doch auch sein Zimmernachbar, der Hauptmann Worobejzew, bleibt Tschochow anfangs so fremd wie der Genießer dem Asketen. Nie ist Worobejzew um einen flotten Spruch verlegen, stets packt er mit an, wenn es gilt, ein Gläschen zu leeren. Gute Verbindungen hat er und so kann Tschochow bei der Truppe bleiben und kommt zusammen mit Worobejzew nach Lauterburg, einem kleinen Kreisstädtchen am Rande des Harz, wo nach dem totalen Zusammenbruch Hitlerdeutschlands zunächst die Briten Einzug gehalten hatten.

Unter Leitung des neu ernannten sowjetischen Stadtkommandanten, dem Oberstleutnant Lubenzow, werden die schon spürbar antisowjetisch eingestellten Briten jedoch verabschiedet, gerade noch rechtzeitig, um die widerrechtliche Demontage von Industriebetrieben durch die aristokratischen Alliierten zu verhindern. Auch sonst legt Lubenzow einen anderen Stil als diese an den Tag. Er nimmt nicht wie die Briten das prächtigste Anwesen, das ehemalige Braune Haus, als Quartier für die Sowjetische Kommandantur, sondern ein bescheidenes, das gleichwohl in Windeseile zu einer voll funktionsfähigen Kommandozentrale für den Aufbau eines neuen, antifaschistischen Deutschlands hergerichtet wird. Umgehend beginnt Lubenzow mit der Inspektion der Betriebe seines Kreises, spricht mit den Arbeitern, behebt ihre unmittelbaren materiellen Nöte und bringt die Produktion wieder in Gang. Er trifft sich mit Sozialdemokraten und Kommunisten, bestärkt alle demokratischen Kräfte in ihrem Engagement für ein neues, friedliches Deutschland. Unendlich viel Zeit verwendet er auf die Zusammenarbeit mit dem neuen Bürgermeister, einem anfangs sehr zurückhaltenden Professor, dem es letztendlich jedoch gelingt, seine bürgerlichen Vorurteile zu überwinden. Bald kennt der ganze Kreis den Genossen Lubenzow, den Oberstleutnant Dawaj, wie er ob seines unermüdlichen Einsatzes überall genannt wird. So vergeht die erste Zeit, das Leben kommt wieder in Gang und eine erste grundlegende Reform wird in Angriff genommen, die Bodenreform, welche dem Großgrundbesitz seine unzeitgemäß gewordenen Privilegien nimmt, da diese die Entstehung einer reaktionären Offizierskaste begünstigt hatten.

Doch welch glänzendes Bild der Oberstleutnant Lubenzow auch abgibt, ist es damit doch vorbei, als einer seiner Männer den hedonistischen Verlockungen des Kapitalismus erliegt und zu den Amerikanern überläuft. Die Kritik, der Lubenzow sich auf einer Reihe von Parteiveranstaltungen stellen muss, ist gnadenlos. Er hat sich zu sehr um die Deutschen gekümmert und die politische Bildung der eigenen Mannschaft dabei vernachlässigt. Seine Wachsamkeit war vollkommen indiskutabel. Alle fallen über ihn her. Man kennt das aus der Renegatenliteratur, beispielsweise aus Koestlers „Sonnenfinsternis“ oder Leonhardts „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ und es widerspricht der westlichen Erwartungshaltung, selbiges in der linientreuen Sowjetliteratur dargestellt zu finden (Kasakewitsch erhielt 1949 für „Frühling an der Oder“ den Stalinpreis). So erscheint die rituelle Kritik/Selbstkritik, wiewohl sachlich natürlich nicht unbegründet, auch bei Kasakewitsch hauptsächlich als entwürdigende Farce, die den Kritisierten zumindest zu einem von seinem sozialen Umfeld Ausgestoßenen, einen Gebrandmarkten macht. Dabei erklärt Kasakewitsch diese Praxis mit der Gruppendynamik, nämlich, dass jeder Redner seinen Beitrag im Vorhinein so konzipiert, wie er denkt, dass es von ihm angesichts der allgemeinen Stoßrichtung erwartet wird. Doch für Lubenzow ist es natürlich ein harter Schlag, so von seinen Kriegskameraden und Genossen behandelt zu werden …

„Das Haus am Platz“, 1956, drei Jahre nach Stalins Tod, erschienen, ist ein Roman aus minutiösen Hauptsätzen, bei denen jedes Wort so zielsicher wie eine Patrone abgefeuert wird. Wer es liest, ist dabei, wie aus den Trümmern des Alten das Neue ins Leben tritt, wie Russen und Deutsche nach dem faschistischen Vernichtungskrieg humane zwischenmenschliche Beziehungen herstellen und staunt vor allem auch darüber, wie schnell, praktisch sofort, von der Hitlerzeit als der vorangegangenen Epoche gesprochen wird, also eine historisierende Distanzierung erfolgt, die von den Protagonisten selber freilich immer wieder hinterfragt wird. Doch Kommunist sein heißt eben immer auch auf der Höhe der Zeit sein, also unter anderem die jeweils vorgegebene Linie umzusetzen. Und so thematisiert Kasakewitsch, obgleich er sein lyrisches Werk auf Jiddisch verfasste und lange in der Jüdischen Autonomen Region Birobidžan im sowjetischen Fernen Osten lebte, den Holocaust nicht explizit, verweist lediglich allgemein auf NS-Lager wie Mauthausen und konzentriert sich auf die Darstellung des Lebens und Wirkens der Roten Armee im Nachkriegsdeutschland, doch sagt das Schweigen bekanntlich manchmal mehr als tausend Worte und so spüren wir darinnen sowohl den Schmerz des Zeitgenossen als auch die für seine Generation charakteristische Disziplin, mit welcher der Sieg über den Faschismus errungen wurde.

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