An einem Montag im Oktober, am 29.10.2018, war es dann so weit: Angela Merkel, auf deren Sturz ich unbemerkt schon so lange hinarbeite, verkündete von sich aus ihren schrittweisen Rückzug aus der Politik, beginnend mit dem Verzicht auf eine erneute Kandidatur zur CDU-Vorsitzenden bei deren Parteitag im Dezember und endend mit der Amtsübergabe an ihren vom nächsten Bundestag zu wählenden Nachfolger.

So zumindest ihr Plan, der jedoch wenig Aussichten auf Verwirklichung hat, schon allein weil ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin ein Interesse an einer zügigen Übergabe des Kanzleramtes haben und die SPD nach dem entwürdigenden Merkel-Seehofer Zweikampf bei einem ebensolchen Machtkampf zwischen neuem und alter CDU-Vorsitzenden wohl kaum in der Koalition bleiben dürfte. Zumal mit Friedrich Merz einer seine Kandidatur für den CDU-Vorsitz angekündigt hat, der einen persönlich glaubhaften Anti-Merkel-Wahlkampf mit sofortigem Kanzler- sowie Kurswechsel im Problemkomplex der inneren Sicherheit führen und somit Merkels Restautorität derart schnell zerstören könnte, dass sie sich den Parteitag im Dezember mit seinen gewiss wenig schmeichelhaften Reden auch gleich erspart. Doch bevor es so weit ist, werde ich am neunten November bei der Demonstration von #aufstehen vorm Brandenburger Tor versuchen zu sprechen (wenn man mich lässt) und meinerseits, am hundertsten Jahrestag der Novemberrevolution, zum digitalen Sturm aufs Kanzleramt aufrufen, denn der Merz´sche Neoliberalismus ist ungefähr das Letzte, worauf ich Bock hab.

Zum Glück ist der neunte November ein Freitag und kein Montag, der mir einen Hang zum Abgründigen und Dunklen aufzuweisen scheint, das, vom literarischen Standpunkt her, zwar nicht ohne Reiz ist, als Zeichen für einen politischen Neuanfang aber ziemlich gräulich wäre, wohingegen der Freitag als Start ins Wochenende allen potentiellen Lesern die Zeit gäbe, sich ein Bild von meinem revolutionären Unterfangen zu machen. Doch bis dahin sind es noch zehn Tage, nur zehn Tage, denn mein Leben, das ich derzeit in relativer Abgeschiedenheit der Arbeit an einem Roman widme, dürfte danach, so oder so, erst einmal turbulent werden. Ganz anders als das eines gewissen Mordhke Markus, seines Zeichens Hebräischlehrer, ein Mann des geschriebenen Wortes, Protagonist des kleinen Romans Montag, den der jiddisch-sowjetische Schriftsteller Moyshe Kulbak 1926 in Warschau veröffentlichen konnte. Mordhke Markus sitzt da in seinem Kämmerlein in der Dachstube über seinen Büchern und denkt über das Sein nach, während von der Straße her der Lärm der Revolution herüberschallt, die ihn seltsam unbeteiligt lässt. Ergriffen wird er dagegen, wenn die Armenleute am Montag, dem Tag nach dem Schabbat, bettelnd durch die Straßen ziehen. Einer von ihnen, so glaubt er, ist ein Tsadikim, einer von 36 verborgenen Gerechten, die der Legende nach zu jeder Zeit auf Erden wandeln. Doch lebt Mordhke nicht nur in überkommenen romantischen Vorstellungswelten. Er liest auch Nietzsche, streift das Thema des Untermenschen, das für das jüdische Kleinstadtleben in Weißrussland, wo der Roman zur Zeit des russischen Bürgerkrieges spielt, zwanzig Jahre später unter dem NS tödliche Aktualtiät erfahren sollte.

Die Welt des Mordhke Markus, wie Moyshe Kulbak sie in sehr expressionistischer Sprache schildert, ist eine mit dem revolutionären Hauptstrom ihrer Zeit allenfalls lose verbundene. Alles in ihr atmet Verfall und Dekadenz. Vater und Tochter spielen zusammen Totenlieder auf dem Klavier. Und doch leuchtet aus jedem Wort Vergeistigtkeit, werden komplizierte metaphysische Überlegungen angestellt, die es im Wissen um die nachfolgende Katastrophe, die Shoa, doppelt wert sind, nachverfolgt zu werden, wobei meine eigene Lektüre des Montags mitunter eher assoziativer Natur war, sodass ich mich jetzt nicht an eine Reproduktion der Gedankengänge wage. Jedenfalls endet der Roman, das sei entgegen allgemeiner Gepflogenheiten verraten, damit, dass Mordhke Markus, Moyshe Kulbaks Alter ego, irgendeiner Nichtigkeit wegen von den Bolschewiki an die Wand gestellt und erschossen wird, womit Kulbak sein eigenes Schicksal, das ihn zehn Jahre später während der stalinistischen Säuberungen ereilen sollte, hellsichtig vorwegnahm. Es ist eine Klarsicht im Angesicht des Todes, die Kulbaks lyrische Prosa funkeln lässt.

Auch beim #aufstehen-Treffen in Neukölln am Montag wurde die Gewaltfrage schon angeschnitten, so blank liegen die Nerven, allerdings mit Verweis auf die Antifa, deren „Angriffe“ auf die falschen Leute (Kot vor die Tür legen wurde genannt) schädlich seien, was zweifelsohne stimmt, da Angriffe auf die falschen Leute immer schädlich sind (wovon ich auch selber ein Liedchen singen könnte), doch sind solche Distanzierungen wegen Nichtigkeiten wohl kaum angemessen angesichts der Serie von Brandanschlägen auf linke Orte in Neukölln in diesem Jahr. In der Hauptsache geht es bei #aufstehen jedoch um Organisatorisches. Es gibt Leute, die eher basisdemokratisch orientiert sind, und welche, die einen eher disziplinierten Ansatz verfolgen, was angesichts der gegenwärtigen Gesamtlage sicherlich die adäquatere Haltung darstellt. Ich selber habe mich noch nicht großartig zu Wort gemeldet und wüsste gerade auch gar nicht, wie ich die Erfolgsaussichten meines Unterfangens, Merkel mithilfe einer Stasi-Untersuchung zum Rücktritt zu zwingen, einschätzen sollte. Bestimmt würde eine CDU im offenen Kampf um die Merkel-Nachfolge der von mir anvisierten Bundesregierung der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zunächst skeptisch gegenüberstehen, da sie schließlich die Pläne von Kramp-Karrenbauer, Merz und Spahn durchkreuzen würde, selber die Kanzlerschaft zu übernehmen, aber es ist eben auch nicht ausgeschlossen, dass die Intelligenz am Ende gewinnt und Neuwahlen vermieden werden.

So werde ich es denn wahrscheinlich wagen, am neunten November das Wort zu ergreifen und den Geist der Revolution zu beschwören, die da sagt: ich war, ich bin und ich werde sein. Gut möglich aber auch, dass meine Worte, so sie auszusprechen mir gelingt, verhallen werden wie Blätter im Herbstwind wehen. Wir werden sehen.

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