Ein weiterer Monat ist vergangen, vergangen ohne Revolution, und ohne Angst, sie könne plötzlich von alleine ins Rollen kommen, etwa, weil RT meine Merkel-Stasi-Untersuchung doch noch publiziert oder irgendein Social-Media-User checkt, was ich hier mache und dann die Aufmerksamkeit seiner Follower darauf lenkt. Das war ganz schön, dem nicht mehr ausgesetzt zu sein, obwohl es ja gleichzeitig verwirklichen würde, was ich wünsche und für richtig halte. Nun befürchte ich außerdem schon lange nicht mehr, dass die dilettantischen, jedoch auch vielbeschäftigten Sicherheitsbehörden unseres Landes trotz ihrer Massenüberwachung die Lunte meiner Infobombe gerochen haben könnten, weswegen ich mich auch zurücklehnen und es bleiben lassen könnte, statt die Revolution von mir aus in die Welt zu tragen und beim #aufstehen-Treffen am 15.10 zu erklären, wie ich die Dinge so sehe und was meiner Meinung nach zu tun ist.

So oder so neigt die Merkel-Ära sich unaufhaltsam ihrem Ende entgegen und Dämme brechen mitunter plötzlich, dem lange Angestauten umso reißerische Bahn zu gewähren, was ich nach Chemnitz und der Affäre Maaßen anfangs in Hinblick auf einen möglichen Erdrutsch bei den kommenden Landtagswahlen zugunsten der AfD erwartet hatte, von dem die Umfragen jedoch zum Glück nichts prognostizieren. Die Demontage Merkels innerhalb der CDU schreitet mit der Abwahl des ehemaligen CDU/CSU-Fraktionschefs Kauder jedoch unmissverständlich voran und wird vielleicht schon bei deren Parteitag im Dezember von Merkels Sturz als Vorsitzender gekrönt. Wenn sie jedoch erst einmal weg ist, werde ich sie natürlich nicht mehr stürzen und selber die Leitung einer kommunistisch geführten Bundesregierung der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung übernehmen können, um so ein blindwütiges Bündnis aus rechtsgewendeter Post-Merkel-CDU und AfD, vor oder nach eventuellen Neuwahlen, verhindern zu können.

Einen solchen plötzlichen Dammbruch beschreibt nun auch Irène Némirovsky in ihrem während des Zweiten Weltkriegs geschriebenen Roman Suite franҫaise. Dieser beginnt mit der letzten Abendmahlzeit der großbürgerlichen Familie Péricand vor der Flucht vor den wie aus dem Nichts heranrückenden Truppen der deutschen Wehrmacht. Schon am nächsten Tag bricht an den Bahnhöfen der Verkehr zusammen, die Straßen sind verstopft und die staatliche Ordnung befindet sich in einem Auflösungsprozess. Kleine Leute wie die Michauds geraten dabei zuerst unter die Räder, müssen ihren Platz im Fluchtwagen des Chefs für dessen Geliebte und ihr Gepäck räumen, werden hinterher obendrein entlassen, weil sie nicht zur festgeschriebenen Zeit am vorgesehenen Treffpunkt der Firma (eine Bank) aufkreuzten. Natürlich nicht! Sehr hoch anzurechnen ist Irène Némirovsky, dass sie, die als Heranwachsende aus der Sowjetukraine emigrierte und einen ebenfalls emigrierten jüdischen Bankier heiratete, dem Klassenstandpunkt stets die nötige Aufmerksamkeit zuteil werden lässt. Sie schreibt, wie es ist. Ihre Empathie gilt allen gleichermaßen. Sie lässt jedem Gerechtigkeit widerfahren, kann im Vorhalten des Spiegels jedoch auch gnadenlos sein, wenn sie beispielsweise die aufgeblasene Dekadenz eines Dandyschriftstellers angesichts des allgemeinen Zusammenbruchs schonungslos offenlegt. Sie sieht die Geschehnisse wie Menschen in ihrer historischen Perspektive und schreibt Sätze wie:

Die Leute um ihn herum glaubten, das Schicksal habe es ganz besonders auf sie, auf ihre armselige Generation abgesehen; er dagegen erinnerte sich daran, dass zu allen Zeiten Fluchtbewegungen stattgefunden hatten. Wie viele Menschen waren nicht schon mit blutigen Tränen auf diesem Erdboden (wie auf jedem Erdboden der Welt) gefallen, aus brennenden Städten vor dem Feind geflohen, ihre Kinder ans Herz drückend: Niemand hatte dieser zahllosen Toten je teilnahmsvoll gedacht. Für ihre Nachkommen hatten sie nicht mehr Bedeutung als geschlachtete Hühner. Er stellte sich ihre klagenden Schatten vor, die sich auf dem Weg erhoben, sich zu ihm beugten und ihm ins Ohr flüsterten:

»Wir haben das alles vor dir erlebt. Warum solltest du glücklicher sein als wir?«

Neben ihm stöhnte eine dicke Frau:

»Solche Gräuel hat es noch nie gegeben!«

»O doch, Madame, o doch«, antwortete er sanft.

Irène Némirovsky kannte sich aus, hatte ein Auge sowohl für Details als auch für Zusammenhänge, und konnte sogar die Geisteswelt des französischen Katholizismus fast so lebensecht wie Stendhal in Rot und Schwarz darstellen, wiewohl sie bis zu ihrer Konversion 1939 selber Jüdin war. So lässt sie einen der Péricand-Söhne, einen später auf der Flucht von den eigenen, angenervten Schützlingen ermordeten Priester zu selbigen sagen:

»Liebe Kinder, ab morgen werde ich bis zum Ende unserer Reise den Herrn Direktor bei euch vertreten«, sagte er. »Wie ihr wisst, werdet ihr morgen Paris verlassen. Gott allein kennt das Los, das unseren Soldaten und unserem geliebten Vaterland beschieden ist. Er allein, in seiner unendlichen Weisheit kennt das Los, das jedem von uns in den kommenden Tagen beschieden ist. Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass wir alle in unserem Herzen leiden werden, denn das Unglück der Allgemeinheit setzt sich aus einer Vielzahl privater Unglücksfälle zusammen, und dies ist der einzige Fall, wo wir uns, undankbar, arm und blind, wie wir sind, der Solidarität bewusst sind, die uns als Glieder ein und desselben Körpers verbindet. Und ich möchte erreichen […]

Im zweiten Teil des Buches, der mit größtenteils anderen Protagonisten während der deutschen Besatzung auf dem Land spielt, lässt Irène Némirovsky dann einen großen Teil ihrer erzählerischen Empathie den in der dortigen Kleinstadt stationierten deutschen Soldaten zukommen, ohne deren Ideologie großartig zu erörtern, wiewohl diese wegen der dann und wann erwähnten Hakenkreuzfahnen im Hintergrund immer präsent bleibt. Gleichzeitig werden zwei der französischen Hauptfiguren, eine bourgeoise Schwiegermutter und eine snobistische Landaristokratin so pointiert in ihrem Klassendünkel dargestellt, dass ich als deutscher Leser mich praktisch wie von selbst in einer Szene mit einem dieser Nazis identifiziert habe, obwohl ich deren Taten im Großen und Ganzen natürlich als verbrecherisch verurteile (ohne mich freilich zu den Entschuldigungsdeutschen zu zählen, die sich permanent bei allen für alles entschuldigen) und die NS-Ideologie als undurchdachten Unsinn mit schlimmsten praktischen Konsequenzen ablehne. Aber trotzdem, ich sah die Romanfigur vor meinem inneren Auge und dachte plötzlich: genau so bin ich auch. Das heißt, so sehe ich mich auch, nämlich als vollendet höflichen Kavalier, womit ich selbstredend einer Sinnestäuschung unterliegen mag. Doch hat der Tag so oder so 24 Stunden und das Leben eines NS-Offiziers dürfte nicht nur daraus bestanden haben, jungen Schwiegertöchtern schöne Augen zu machen, weswegen man, sobald man einmal sich selbst in ihnen wiedererkannt, nicht umhin kommt, auch den Rest durch sie zu sehen, zumindest in der Vorstellung, sich selbst als mit Pervitin aufgeputschten Landser, als Zigaretten rauchenden SS-ler, der in Auschwitz beim Abfertigen der Züge Schicht schiebt, also dort, wo Irène Némirovsky einen Monat nach ihrer Verhaftung am 13. Juli 1943 im Alter von 39 Jahren an Entkräftung starb, zwei Monate vor ihrem Mann, der gleich nach seiner Ankunft ins Gas geschickt wurde.

Ihre beiden Kinder jedoch hatte Irène Némirovsky rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Sie überlebten den Krieg in verschiedenen Verstecken und verwahrten das Manuskript der ursprünglich auf fünf Teile ausgelegten Suite franҫaise bis zu ihrem Tode. 2004 wurde es veröffentlicht und preisgekrönt, doch meldeten sich auch kritische Stimmen zu Wort, die der Konvertitin Némirovsky antisemitischen Selbsthass unterstellten, da das Judenbild in ihrem erfolgreichsten Vorkriegsroman David Golder recht stereotyp sei und sie überdies auch in einer Zeitschrift mit antisemitischer Ausrichtung publiziert habe. Ohne mir da jetzt ein Urteil anmaßen zu können, ist mein Eindruck, dass die Empathie, die sie selbst ihren späteren Mördern zukommen lässt, eher Ausdruck ihrer humanen Haltung und ihres, wie man annehmen kann, ziemlich verzweifelten Beschwörens und Glaubens an die Humanität derer ist, die diese mit Füßen treten, die zwar ideologisch verblendet und militärischen wie systemischen Zwängen ausgesetzt sind, die aber dennoch nach wie vor Angehörige der menschlichen Gattung und keine Zombies sind, Menschen im Krieg, die doch selber vom friedlichen Leben danach träumen. Selbsthass oder mangelnde Haltung jedenfalls wird man Frau Némirovsky keinesfalls vorwerfen können. Vielleicht hat sie in Suite franҫaise die leisen Töne auch deshalb gewählt, weil alles Lautsprecherische lebensgefährlich war und auf sie hätte zurückfallen können, so der NS-Apparat sich denn die Mühe gemacht hätte, die Manuskripte derer zu lesen, die er in den Tod schickte. Irène Némirovsky, zeitlebens erfolgreiche Schriftstellerin, wirkt wie jemand, die ein erfülltes Leben geführt hat. Ihr letztes Werk strahlt Vollendung aus. Sie hat sicherlich als eine der großen Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts zu gelten, ganz unabhängig von ihrem diabolisch anmutenden Tod, dem sie durch deutsche Hand zum Opfer fiel. Wenn ich damals gelebt und nach Auschwitz abkommandiert gewesen und später dahintergekommen wäre, an der Ermordung welcher Menschen ich beteiligt gewesen wäre, hätte ich es entweder nicht begriffen oder als Trost einen höheren Sinn in die lebenszyklische Vollendung Irènes hineininterpretiert. Man mag die Methode des Sich-Hineinversetzens in die Täterseite als pietät- und geschmacklos ansehen, aber vielleicht ist sie auch revolutionär.

Davon abgesehen fällt jedoch auf, wie sehr die Protagonisten des Romans den Juni 1940 im Licht des vorangegangenen historischen Großereignisses, des Kriegsbeginns 1914, sehen, was, da es ja eine verbreitete Ansicht war, mit dazu beigetragen haben dürfte, den genozidalen Charakter des Faschismus zu verkennen. Doch kommt dieser Fehler, die Gegenwart über Gebühr an der Elle der Vergangenheit zu messen und deshalb den aktuellen Erfordernissen der eigenen Zeit nicht gerecht zu werden, häufiger vor, gerade heute, da es sich innerhalb des linken Spektrums noch nicht allgemein herumgesprochen hat, dass es schon noch einen Unterschied macht, ob die Bewohner eines Landes die eines anderen überfallen, versklaven und ermorden, oder ob sie in ihrem eigenen Land ihre Ruhe haben und sich nicht an zugewandertem Straßenterror gewöhnen wollen. Hätte man das beherzigt, die AfD stünde weder vor einem Durchmarsch noch wäre es dort zum bekannten Radikalisierungsprozess mit seinen nur mühsam zurückgehaltenen Rachefantasien gekommen. So wird die Revolution also, wenn sie sich innerhalb des schmalen, ihr noch verbleibenden Zeitfensters zur Manifestation entschließen sollte, den Küken von der #noboarders-Fraktion einiges zu erklären haben, ungefähr, dass sie denselben Elan, den sie für den Schutz derer mit den verschiedensten Migrationshintergründen aufbringen, auch für die Unterstützung der neuen solotistischen Generallinie aufzuwenden haben werden, die unter anderem den Schutz der Einheimischen vor migrantischer Gewaltkriminalität beinhaltet und die ich an anderer Stelle noch konkretisieren werde. Man hat sich, grob gesagt, halt vor seine Mitbürger zu stellen, wenn die Stress haben, und ihnen nicht noch Vorwürfe dafür zu machen, sich bei der Artikulation ihres Schreckens nicht gewählt genug auszudrücken. Aber natürlich nur, wenn man dem Ruf der Roten Fahne in die neu zusammenzuschließende Revolutionäre Sozialistische Partei Deutschlands (RSPD) Folge zu leisten gedenkt. Es ist eine Lebensentscheidung. Für ein rotes und ein geordnet solidarisches 21. Jahrhundert.

Diejenige politische Kraft, die die öffentliche Sicherheit in Deutschland wiederherstellt, wird nämlich, so sie nicht anderweitig versagt, zur maßgeblich gestaltenden Kraft mindestens des nächsten Jahrzehnts werden. Zwar dürfte es sich von selbst verstehen, dass ich wenig Bock darauf habe, den Hardliner rauszukehren und die entsprechende Verantwortung für die Hinausbeförderung aller nicht bleibeberechtigten Personen und die Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols auf mich zu nehmen, doch sagt die Revolution nun einmal seit Altersher: Ich war. Ich bin. Und ich werde sein. – Womit sie, meiner Einschätzung nach, unter anderem zu verstehen geben will, dass sie sich von Zeit zu Zeit an die Arbeit macht und dabei vermutlich wenig Wert auf Störungen ihres Betriebsablaufs durch Gewalttaten oder sinnlose Zerstörungen legt, was meiner Ansicht nach auch nur fair ist, da die Revolution in den Ruhephasen zwischen ihrem periodischen In-Erscheinung-Treten schließlich auch alle anderen unbehelligt lässt. Insofern: Seid bereit, allzeit bereit!

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