Neulich schlenderte ich durch die Straßen des Viertels, in dem ich wohne, zu einem Copyshop hin, um dort gehorsamst, so wie das Jobcenter es von mir verlangt, Kopien all meiner Kontoauszüge anzufertigen, während die jungen Araber, die hier und dort herumstanden, nur ein Gesprächsthema hatten, nämlich den Mord an einer lokalen Kiezgröße, der es sogar in die überregionalen Medien geschafft hatte, ebenso wie die Gewalttaten in Chemnitz und Köthen mit ihrem allseits bekannten Medien- und Protestecho.

Blutig und gewalttätig ist augenscheinlich die Zeit, in der wir leben, sind Messerstechereien und Massenschlägereien doch mittlerweile an der Tagesordnung, auch wenn sie medial nurmehr beiläufig vermeldet werden. So war ich nicht wirklich geschockt, als ich unlängst vor den Fahrstühlen in meinem Haus auf ein halbes Dutzend Polizisten traf, die auf einen jungen Mann angesetzt waren, der mit einem Messer bewaffnet durchs Haus laufen solle, und hoffte nur, diesem nicht zufällig beim Weg zum Bad oder sonst wohin in die Hände zu fallen. Anderntags jedoch, als ich gerade Zähne putzte, näherte sich im Spiegel von hinten dann tatsächlich eine Gestalt, mir fuhr ein jäher Schreck in die Glieder und da schüttete er auch schon sein Herz aus, was für eine Gemeinheit es doch sei, jemanden bei der Polizei als Messermann anzuschwärzen, nur um ihm eins auszuwischen, dass er jetzt Hausverbot habe und so weiter. Natürlich verkniff ich mir´s, genauer nachzufragen, was denn jetzt an der Messergeschichte dran sei, ob er sein Messer aus Angst vor Diebstahl vielleicht einfach nur in der Küche nicht habe liegen lassen wollen oder Ähnliches, denn man will ja nichts provozieren, zudem er auch so super gut Deutsch sprach, geradezu auf muttersprachlichem Niveau, wie es, nebenbei bemerkt, von Deutschen ja auch nicht anders zu erwarten ist, aber egal.

Trotzdem ist mir natürlich klar, dass nicht jede Begegnung mit einem Messermann, einem echten oder einem vermeintlichen, so harmlos, ja, spaßig endet und ich gehe davon aus, dass diejenige politische Kraft, die die innere Sicherheit wiederherstellt, die Geschicke des Landes für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre bestimmen wird, da die von den Messern gerissenen seelischen Wunden so tief sind, dass sie viele Jahre zum Verheilen brauchen werden, was jedoch erst dann deutlich zu Tage treten wird, wenn nicht mehr weg- sondern länger hingeschaut wird. Und nach Lage der Dinge wird diese politische Kraft wohl leider die AfD sein, da die anderen Parteien es an der nötigen Entschlossenheit mangeln lassen. Es sei denn natürlich, es gelingt mir doch noch, Merkel mithilfe meiner Enthüllung ihrer Stasi-Vergangenheit zu stürzen und selber zu übernehmen, was aktuell jedoch wenig wahrscheinlich ist, da RT-Deutsch augenscheinlich nicht bereit ist, mir publizistische Schützenhilfe zu gewähren. Zwar beweist das, dass sich die Russen keineswegs, wie ihnen stets unterstellt, vorschnell in die inneren Angelegenheiten anderer Länder einmischen, selbst wenn sie explizit darum gebeten werden, was auf jeden Fall eine wertvolle Erkenntnis ist, die für mich jedoch nichts desto trotz eine Enttäuschung darstellt, da mir sonst niemand einfällt, der mich bei meiner Infoguerilla-Aktion unterstützen würde. Auf solidarische Hilfe aus dem linken Lager werde ich nämlich kaum zählen können, hat der Freitag meinen Account doch nach Veröffentlichung besagter Merkel-Untersuchung sofort gesperrt und auch auf wiederholte Bitte hin nicht wieder freigeschaltet. Und was die taz angeht, sehe ich ohnehin schwarz, sodass meine Hoffnungen jetzt vor allem auf #aufstehen ruhen, in deren Verteiler ich mich eingetragen habe, um, wenn sich die Gelegenheit bietet, bei einer Versammlung, am besten medienwirksam, zum Sturz der Regierung aufzurufen, oder aber auf dem Neuen Deutschland, wo man vielleicht noch so viel von Dialektik versteht, um mein Vorgehen nachvollziehen zu können. Doch bis dahin bin ich nichts weiter als ein Abtrünniger, einer, den man entfolgt, den man nicht zu Wort kommen lässt, von dem man sich abwendet.

„Der Abtrünnige“ nun ist auch der Titel eines sowjetischen Romans, mir in einer rot gebundenen Ausgabe von 1928 vorliegend, verfasst von einem in Vergessenheit geratenen Schriftsteller und Rotarmisten der ersten Stunde namens Wladimir Lidin (1894-1979), der Zeitlebens vor allem für seine in der Tradition Tschechows stehende Kurzprosa Anerkennung gefunden hat. Er ist also ein Autor, bei dem jedes Wort sitzt, ohne dass die Lektüre deswegen jedoch anstrengend würde. Der mit 337 Seiten mittellange Roman entführt den Leser ins postrevolutionäre Moskau, wo der als Waise aufgewachsene Kyrill Bessonow Maschinenbau studiert, um, so gefördert, eines Tages ein nützliches Mitglied der roten Intelligenz zu werden, doch langweilt ihn der schnöde Aufbau des Sozialismus schon bald und er schließt Bekanntschaft mit einem gewissen Skwerbejew, der ihn in das Bohemeleben einführt, womit das Unglück wie der Roman ihren Lauf nehmen …

Viel mag ich nicht verraten vom Roman, der sehr schön und berührend geschrieben ist, vor allem die tragische Geschichte von Tanja Agurowa, die ein Techtelmechtel mit Kyrills Professor Tschelischtschew unterhält, und ein leider nicht untypisches Frauenschicksal erleidet. So sitzt sie denn als junge Frau mit ihrem etablierten Liebhaber auf einer Parkbank und führt ein so ernstes wie teilnahmslos brutales Gespräch. Es sind vor allem auch die Orte, die den Russland-kundigen Leser in ihren Bann ziehen. Beispielsweise die Patriarchenteiche, wo auch die Anfangsszene aus Bulgakows „Der Meister und Margarita“ spielt, oder später Tiflis und Batumi, die ja immer eine (literarische) Reise wert sind. Auch lernt der Leser das Leben der Moskauer Film- wie Dichterszene der zwanziger Jahre kennen, trifft auf präzise gezeichnete Nebenfiguren und erfährt nebenbei, wie manche der linientreueren Bolschewiki nach der Romantik der Revolution die des Aufbaus entdeckten, versteckt zwar in Zahlenkolonnen, aber dennoch vorhanden, genauso wie die wenig romantischen Begleiterscheinungen der schwer lastenden Kriegstraumata oder der Schieberei und Geschäftemacherei, die eben auch in der sowjetischen Planwirtschaft blühten.

Zwar kann man nicht behaupten, dass es Kyrill Bessonnow, seinem Wesen nach ein roter Raskolnikow, schlussendlich gut bekommen wäre, vom geraden Weg der sozialistischen Tugend abzuweichen, doch verlockend ist sein zwischenzeitliches Bohemeleben schon und so bin auch ich nicht zu unglücklich über jeden mir verbleibenden freien Tag, bevor ich Frau Merkel mitteilen kann, dass ihr Warten auf die Ablösung nun ein Ende hat.

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