In einem Schwebezustand befinde ich mich nach meiner Entlassung als Hilfsarbeiter beim Messebau, der ALG-II Antrag ist noch nicht gestellt, und vergeblich schaue ich immer wieder auf der Seite von Russia Today nach, ob RT meine Untersuchung zu Merkels Stasi-Vergangenheit veröffentlicht hat. Doch vergeblich. So findet der von mir intendierte Sturz der Kanzlerin also vorerst nicht statt und ich habe keine Möglichkeit, mich vor die Kameras zu stellen, um der nach einer eventuellen Veröffentlichung des Artikels aus allen Wolken gefallenen Öffentlichkeit mitzuteilen, dass ich jetzt übernehme. Die Revolution verharrt somit bis auf Weiteres im Lauerzustand. Doch ich gebe nicht auf, richte mich vielmehr am Geist der alten Bolschewiki auf und lese zwei Romane Alexander Bogdanows, „Der rote Planet“ und „Ingenieur Menni“, die dieser, ein Weg- und Kampfgefährte Lenins, zwischen der missglückten 1905er und der erfolgreichen 1917er Revolution geschrieben hat.

Die alten Bolschewiki – ein Wort wie Donnerhall, unter dem sich die meisten Heutigen gleichwohl wenig werden vorstellen können, was schade ist, stellen die alten Bolschewiki doch eine der beeindruckendsten und inspirierendsten Plejaden in der Geistesgeschichte unserer Spezies dar. Die prägende Erfahrung ihrer Generation war das Leben in der Illegalität während der Zarenzeit in Russland, was sie in starkem Maße von der folgenden, durch Revolution und Bürgerkrieg geformten Parteigeneration unterschied. Sie waren Männer und Frauen, die, obwohl beständiger Verfolgung durch eine weit überlegene Geheimpolizei ausgesetzt, mit unumstößlicher Gewissheit an den Sieg ihrer Sache glaubten und diesen planmäßig herbeiführten, die extrem hellsichtig, ja, visionär waren. Es waren Menschen, die nicht nur auf der Höhe ihrer Zeit waren, sondern dieser voraus, und zwar auf vielen Gebieten des menschlichen Wissens, nicht nur dem wissenschaftlichen Sozialismus, dessen einer Aspekt ja ohnehin die Organisation des vorhandenen Wissens ist, Menschen also, die sehr offen waren, denen noch nicht die dogmatische Starre eigen war, in der später viele das bestimmende Wesensmerkmal des Kommunisten erkannt zu haben glaubten. So überrascht „Der rote Planet“, geschrieben 1907, damit, dass die Marsmenschen, zu denen es Leonid, den bolschewistischen Helden des Romans, verschlägt, nicht nur über Raumschiffe mit Antimaterieantrieb verfügen (das Konzept heißt im Roman „Minus-Materie“), sondern auch über Geräte zur elektronischen Datenverarbeitung und Übermittlung sowie über Massenvernichtungswaffen auf radioaktiver Basis und darüber hinaus in Städten und Häusern leben, bei denen man als heutiger Leser nur sagen kann, dass sie dem Bauhausstil wirklich sehr nahe kommen. Und ja, natürlich, die Marsmenschen leben in einer kommunistischen Gesellschaft, von deren idealem Charakter Leonid lernen will, um der revolutionären Bewegung in seinem Heimatland zu helfen, die 1905, dem Handlungsjahr des Romans, gerade zum ersten Mal zur Tat schreitet.

Allein, die Marsmenschen haben eigene Pläne. Da auf ihrem Planeten die Rohstoffe zur Neige gehen, das Bevölkerungswachstum jedoch unvermindert anhält und sie strikt gegen Geburtenkontrolle positioniert sind, fassen sie eine Kolonialisierung der Erde ins Auge, auch wenn sie deren rückständige Bevölkerung dafür mithilfe ihrer überlegenen Radioaktivwaffen auslöschen müssen, da eine friedliche Koexistenz, wie der kühle Marsmathematiker Sterni darlegt, aufgrund der zu erwartenden Überfälle durch Erdenmenschen nicht zu einem vertretbaren Preis möglich sei und eins nun mal zum anderen führe:

»Zusammen mit den Erdenmenschen und mitten unter ihnen zu leben wäre also unmöglich; wir müssten vor Verschwörungen auf der Hut sein und wären ihrem Terror ausgesetzt, unsere Siedler lebten in ständiger Gefahr und würden unzählige Opfer bringen. Also müssten wir die Erdenmenschen aus allen von uns benötigten Gebieten aussiedeln […] Schon jetzt sind ihre Waffen vollkommener als ihre Arbeitsinstrumente […] Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass sie auf irgendeine Weise erfahren, wie unsere Hauptwaffe funktioniert. Radioaktives Material ist ihnen schon bekannt, und die Methode des beschleunigten Zerfalls kann entweder durch Spionage erkundet oder sogar von ihren Wissenschaftlern selbständig entdeckt werden. Wer bei dieser Waffe seinem Gegner um wenige Minuten zuvorkommt, vernichtet ihn unweigerlich, und höheres Leben ist in dem Falle ebenso leicht zu vertilgen wie niedere Lebensformen. […] Und schließlich ständen wir nach langem Zögern und qualvollem Kräfteverlust unvermeidlich vor der Entscheidung, die wir als bewusste Wesen, die den Gang der Ereignisse voraussehen, von Anfang an treffen müssen: Die Kolonisation der Erde erfordert die völlige Ausmerzung der Erdbevölkerung.«

Nicht nur für Leonid, den von den Außerirdischen, seinen vermeintlichen Freunden und Genossen, aus dem Moskau des Jahres 1905 auf den Mars entführten Bolschewiken, ist das harter Tobak. Auch den heutigen Leser verstört die Nonchalance, mit der hier über die physische Liquidierung humanoider Populationen theoretisiert wird, die in der späteren Stalinzeit denn ja auch teilweise tatsächlich in die Tat umgesetzt wurde, so bei den Kampagnen zur „Liquidierung des Kulakentums als politischer Klasse“ im Zuge der Kollektivierung und Mechanisierung der sowjetischen Landwirtschaft. In dieselbe Kerbe schlägt des Weiteren die schlechte Angewohnheit der Protagonisten, Genossen, die in Diskussionen andere Standpunkte vertreten, immer gleich spontan umzubringen, was sowohl in „Der rote Planet“ als auch in „Ingenieur Menni“, der zur Zeit des Übergangs vom Marskapitalismus zum Marssozialismus spielt, je einmal vorkommt und den stalinistischen Terror gegen die Anhänger Trotzkijs oder Bucharins gespenstisch vorwegnimmt. Doch abgesehen davon kommt der kühle Marsmathematiker Sterni auch so zu dem Ergebnis, dass weder Revolution noch Sozialismus etwas an den grundlegenden Defiziten der Erdenmenschen ändern werden:

»Die fortgeschrittensten Völker befinden sich ungefähr auf der gleichen Kulturstufe wie unsere Vorfahren beim Bau der großen Kanäle. Auf der Erde herrscht ebenfalls das Kapital, und es gibt ein Proletariat, das für den Sozialismus kämpft. Danach zu urteilen, könnte man denken, eine Revolution, die das System der organisierten Gewalt beseitigt und die Möglichkeit zu einer freien und schnellen Entwicklung menschlichen Lebens schafft, sei nicht mehr fern. Der irdische Kapitalismus besitzt jedoch wichtige Besonderheiten, die eine solche Revolution erschweren. Einerseits ist die irdische Welt politisch und national schrecklich zersplittert, sodass der Kampf für den Sozialismus kein einheitlicher und geschlossener Prozess in einer Gesamtgesellschaft ist, sondern es gibt eine ganze Reihe eigenständiger Prozesse in einzelnen Gesellschaften, die durch staatliche Organisation, Sprache und manchmal auch durch Rasse voneinander getrennt sind. Andererseits sind die Formen des sozialen Kampfes auf der Erde weitaus gröber und mechanischer als seinerzeit bei uns, und eine unvergleichlich große Rolle spielt unmittelbare materielle Gewalt, verkörpert durch Armeen und bewaffnete Aufstände.

Somit ist die soziale Revolution sehr unbestimmt: Nicht eine, sondern viele Revolutionen sind voraussehbar, in den verschiedenen Ländern zu unterschiedlicher Zeit, in vielem werden sie einander wahrscheinlich nicht gleichen, und die Hauptsache – ihr Ausgang – ist zweifelhaft. Die herrschenden Klassen, die sich auf die Armee und die hochentwickelte Kriegstechnik stützen, könnten in manchen Fällen dem aufständischen Proletariat eine solche vernichtende Niederlage zufügen, dass der Kampf für den Sozialismus in mehreren großen Staaten um Jahrzehnte zurückgeworfen wird. Ähnliche Fälle gab es schon in der irdischen Geschichte. Dann werden einzelne fortgeschrittene Länder, in denen der Sozialismus gesiegt hat, zu Inseln inmitten einer kapitalistischen und teilweise sogar vorkapitalistischen Welt. Die herrschenden Klassen der nichtsozialistischen Länder werden alles versuchen, um diese Inseln zu zerstören, sie werden ständig kriegerische Überfälle organisieren und sogar unter den ehemaligen großen und kleinen Besitzenden in den sozialistischen Ländern genügend Verbündete finden, die zu jedem Verrat bereit sind. Das Ergebnis solcher Zusammenstöße ist schwer vorauszusagen. Aber selbst dort, wo der Sozialismus als Sieger hervorgeht, wird sein Charakter nach den vielen Jahren des Belagerungszustandes, nach dem unvermeidlichen Terror und dem Militarismus stark und für lange Zeit verzerrt sein, was unausweichlich einen barbarischen Patriotismus zur Folge haben wird. Es wird bei weitem nicht unser Sozialismus sein.« (S.120f)

Schwer zu glauben, aber diese Prognose hat Alexander Bogdanow, mit bürgerlichem Namen Malinowski und von Beruf Arzt, 1907 abgegeben, also zehn Jahre vor dem Ausbruch der Oktoberrevolution, deren künftige Herausforderungen er klar voraussah, so insbesondere die spätere Streitfrage nach dem „Sozialismus in einem Land“ oder einer weltweiten „Permanenten Revolution“, also Stalin versus Trotzkij, die für die weitere Entwicklung des Weltkommunismus von entscheidender Bedeutung sein sollte und dazu beitrug, dass sich in Regierungsverantwortung befindliche Kommunisten, anders als die westliche Protestlinke, niemals in ein weltfremdes Wolkenkuckucksheim verzogen haben, sondern immer der fundamentalen Bedeutung der inneren und äußeren Sicherheit gerecht geworden sind. Doch so sehr die Treffsicherheit der Prognosen auch beeindruckt, bleibt doch angesichts des verschwenderischen Umgangs mit Menschenleben ein schaler Nachgeschmack zurück und ich bin froh, für mich das Sündenbockdenkmuster aus Identifizierung, Dämonisierung und Liquidierung von angeblich an allen Übeln dieser Welt schuldigen Personengruppen überwunden zu haben. Ein bisschen komplizierter ist es dann schon.

Doch gesetzt mal den Fall, es klappt doch noch mit der Veröffentlichung des Artikels, und sei es nur, weil „die Russen“ keine Lust haben, sich bis in alle Ewigkeit von Leuten beschuldigen zu lassen, die hartnäckig noch über die skandalösesten Fehlgriffe der eigenen Schützlinge hinwegsehen. So darüber, dass es der damalige georgische Präsident Saakaschwili war, der 2008, am Tag der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking, wenn ich mich recht entsinne, die abtrünnige georgische Provinz Südossetien samt dort befindlicher russischer UN-Blauhelme überfiel, was, da Olympia nun mal trotz aller Kommerzialisierung nach wie vor für die Ideen des Weltfriedens und der Völkerverständigung steht, eine Schweinerei sondergleichen darstellte. Oder auch darüber, dass der demokratisch gewählte Präsident der Ukraine, Viktor Janukowitsch, trotz gerade ausgehandelten Abkommens über vorgezogene Neuwahlen durch einen Coup d’État gestürzt wurde, und seine Regierung unter Einschluss der KPU gleich mit, was eine tiefgehende, bis heute nicht behobene Zerrüttung der Glaubwürdigkeit der westlichen Demokratien mit sich brachte, die dieses undemokratische Vorgehen nicht kritisierenswert fanden.

Würde mein Artikel also doch noch veröffentlicht werden und Wellen schlagen, so würde zunächst einmal mein Blog angesteuert und dieser, der oberste Text gelesen werden, in dem ich jetzt schreibe, was ich später auch in die Kameras sagen würde (egal, ob mit oder ohne schwedische Gardinen vor meiner Nase), nämlich, dass ich bereit bin, eine Regierung der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung zu bilden, besetzt mit Vertretern aller Parteien außer den Grünen, die die öffentliche Sicherheit in unserem Land wiederherstellt und die Rückführung aller nicht bleibeberechtigten Personen organisiert. Außenpolitisch würde ich dann in Bälde meine Vorschläge für die friedliche Organisation des welthistorischen Prozesses im 21. Jahrhundert unterbreiten. Damit wären wir dann erst mal beschäftigt (ganz wie Bogdanows Ingenieur Menni, als er mithilfe der im Roman so genannten „großen Arbeiten“ dem Marssozialismus den Weg bahnte) zudem es ja noch viele andere Gebiete gibt, auf denen Arbeit liegen geblieben ist oder sonst wie unhaltbare Zustände herrschen, aber natürlich habe ich auch noch ein paar kleine, aber feine Ideen mit „Wow!“-Effekt in der Hinterhand, die das gesellschaftliche Leben hoffentlich tatsächlich so weit voranbringen, dass meine Verwendung des Wortes „Revolution“ als gerechtfertigt erscheint, auch wenn ich die freiheitlich-demokratische Grundordnung nicht umzustürzen gedenke, allein schon, weil man ja irgendein Rechtssystem braucht, mit dem man arbeiten kann.

Aber nun gut. Vorerst verbringe ich meine Tage weiter in der gefühlten Illegalität, friedlich und ohne ungewollte Aufmerksamkeit, doch werde ich so oder so voranschreiten, mich vielleicht in Richtung von Aufstehen! oder der DKP bewegen und, früher oder später, meinem Schicksal möglichst würdig begegnen.

Comments are closed.