Von Baustelle zu Baustelle, zur Messe wie zum Tempodrom, lotste mein Schichtplan mich während der heißen Tage des diesjährigen Julis, mir nicht allzu viel Zeit lassend für die Lektüre eines Romans namens „Der 9. November“ über die deutsche Novemberrevolution vor genau hundert Jahren, geschrieben 1919 von einem Schriftsteller namens Bernhard Kellermann, der mir zuvor nichts sagte. Und dann sind da natürlich noch meine eigenen politischen Aktivitäten, von denen ich gleichwohl kaum je etwas erzähle, denn wo käme ich denn da hin, wenn ein jeder wüsste, dass ich die Regierung zu stürzen beabsichtige?

Einige Wochen ist es nun her, dass ich dachte, der Seehofer von der CSU würde mit dem Merkel-Sturz ernst machen und mir, sozusagen, zuvorkommen, weswegen ich meine Merkel-Stasi-Untersuchung, alle Rücksichtnahme fallen lassend, an Russia Today geschickt hatte, doch geschehen ist seitdem nahezu gar nichts. Zwar erkundigte ich mich telefonisch bei RT, ob sie den Artikel veröffentlichen würden, doch beschied man mir, gegenwärtig bestünde kein Interesse, man würde gegebenenfalls auf mich zukommen. Nun gut, dachte ich, wahrscheinlich wollen sie die WM ungestört über die Bühne bringen und hoffte also auf eine spätere Veröffentlichung, vielleicht während des Sommerlochs, wenn nicht so viel los ist, sodass das hinter Respektbezeugungen versteckte Gift meines Artikels in Ruhe Frau Merkels Restglaubwürdigkeit zersetzen und der Revolution den Weg ebnen könnte. Und wer weiß? Vielleicht kommt es so ja tatsächlich noch? Vielleicht in ein paar Tagen schon?

Doch kommt manches bekanntlich auch anders und wer, beispielsweise, beim „Der 9. November“ einen Roman über eine revolutionäre Zelle von Spartakisten, vielleicht im Umfeld Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, erwartet, wird enttäuscht sein, da beide im Roman nicht vorkommen. Als dessen wichtigster Protagonist stellte sich stattdessen zu meiner nicht geringen Überraschung ein älterer General namens von Hecht-Babenberg heraus, der im 17er Jahr von seinem Frontkommando in Frankreich nach Berlin in die Verwaltung abkommandiert wird, wo er seiner Welt beim Zerfallen zusieht. Dargestellt wird er in satirischem, zärtlich beißenden Ton, der den preußischen Offiziersdünkel klar herausarbeitet und die menschenverachtende Lächerlichkeit des reinen Militarismus offenlegt, wenn v. Hecht-Babenberg beispielsweise der Konfrontation mit einem gewissen Herrn Herbst nicht ausweichen kann, dessen einziger Sohn unter dem Kommando des Generals beim in jeglicher Hinsicht sinnlosen Kampf um eine unbedeutende Höhe namens Quatre Vents fiel, woraufhin seine Frau bald den Freitod wählte und ihr Witwer, der nun völlig alleine zurückgebliebene Herr Herbst, seines Zeichens ehemaliger Gymnasiallehrer, dem Alkohol wie der Obsession, sich am General zu rächen, verfällt. Dafür schreckt Herr Herbst, eine Gestalt wie aus einer Erzählung Gogols oder des frühen Dostojewskijs, nicht mal davor zurück, dessen Tochter Ruth, die ehrenamtlich in einer Armenküche arbeitet, heimlich einen revolutionär gesinnten Kriegsversehrten und Veteranen von Langemarck namens Ackermann liebt und Karl Marx liest, nachzustellen und sogar Drohungen in ihre Richtung auszustoßen. Das Unheil, das der Krieg über Herrn Herbst gebracht hat, ist so gewaltig, dass sein Leben im hungernden und frierenden Berlin des 18er Jahres jeden Halt verloren hat. Ackermann dagegen, zufällig auch Wohnungsnachbar von Herrn Herbst, lebt aus dem Glauben an die Revolution, von der er jedoch einen schwärmerisch-idealistischen Begriff hat, dem die scharfe Klarheit des Lenin´schen Konzeptes gänzlich abgeht, weswegen es nicht wirklich überrascht, dass ihn sein Schicksal bei einer spontanen Aktion am Anhalter Bahnhof ereilt, von dem nach dem Zweiten Weltkrieg nur die Ruine einer Außenwand erhalten blieb, also immer noch mehr als von den ihn einstmals umgeben habenden Wohn- und Geschäftshäusern, wo so manche Szene des Neunten Novembers spielt, sodass ich vom Geist dieses verlorenen Viertels nichts mehr erspähen konnte, als ich des Morgens oder Abends, auf dem Weg von den Nachtschichten im Tempodrom, einem dortigen Veranstaltungsort mit Manege und zirkuszeltartiger Dachkonstruktion, an der stehengebliebenen Fassade des Anhalter Bahnhofs vorbeiradelte. Im Gegensatz zu Ackermanns, sachlich wiewohl nicht falschen, aber eben doch schwärmerischen Weltauffassung, die mit ihren Verweisen auf die vier apokalyptischen Reiter sogar christlich grundiert ist, ist der General Hecht-Babenberg ein Mann der harten Tatsachen. Hauptsächlich durch seine Brille verfolgt der Leser das politische und gesellschaftliche Leben im letzten der Revolution vorausgehenden Kriegsjahr, als die heranbrechende Epidemie der Spanischen Grippe und die durch die britische Seeblockade hervorgerufene Hungersnot in Deutschland Hunderttausende das Leben kostete, während das ausschweifende Leben der Kriegsgewinnler gleichzeitig schon fast die Goldenen Zwanziger vorwegnahm, und erfährt nicht nur, wie der patriotisch gesonnene Teil der Bevölkerung angesichts der Anfangserfolge der deutschen Frühjahrsoffensive 1918 noch in voreiligen Jubel ausbrach, sondern auch, wie wenig Männer mit militärischem Sachverstand das Agieren der damaligen Reichsführung nachvollziehen konnten, die an der Westfront nicht beizeiten zu einem auf Dauer angelegten Verteidigungskrieg in gesicherten Stellungen an der Reichsgrenze übergehen wollte, sondern es vorzog, die materielle Unterlegenheit bis zum Geht-nicht-mehr zu ignorieren, um dann den idealistischen 14-Punkte-Friedensplan des damaligen US-Präsidenten Wilson für bare Münze zu nehmen, obwohl die Entente-Propaganda den Deutschen zuvor jahrelang die schrecklichsten Kinderverstümmelungsgräueltaten angedichtet hatte, also Schandtaten einer Qualität, die erst im darauffolgenden Krieg von den Deutschen tatsächlich begangen werden sollten, dessen unvermeidlichen Ausbruch Bernhard Kellermann im Neunten November hellsichtig übrigens schon als feststehendes Faktum ansieht, doch beeindruckt eine kurze Passage, in der sich eine Romanfigur in das völlig zerstörte, menschenleere Berlin eines späteren Krieges halluziniert, im Nachhinein noch viel mehr, auch wenn ich während des Lesens vergaß, die Stelle anzustreichen.

Aber wie dem auch sei. Den heutigen Leser wird wohl vor allem die Deutschfreundlichkeit Kellermanns verblüffen, ist man vom gegenwärtigen linken Spektrum doch nur das Gegenteil gewohnt. Am augenfälligsten wird dies, als der General im Zimmer seiner Tochter Ruth einen Marx-Band findet mit einem Liebesbrief Ackermanns darinnen und – statt völlig durchzudrehen, wie man das von einem preußischen General erwarten würde – die Sache ganz in Ordnung findet, weil sie einerseits vom selbständigen Denken seiner Tochter zeuge und die Sozialisten andererseits durch ihre Zustimmung zu den Kriegskrediten ja auch ein hohes Maß staatspolitischer Verantwortung an den Tag gelegt hätten. Dessen ungeachtet durchzieht den Neunten November jedoch ein konsequenter, über jeden Zweifel erhabener Antiimperialismus, der mitursächlich dafür gewesen sein dürfte, dass die Nazis bei ihren infamen Bücherverbrennungen auch Kellermanns Roman dem Feuer anheimgaben, was nicht verwundert, da die minutiöse Chronologie der deutschen Kriegsniederlage eine einzige Widerlegung der Dolchstoßlegende darstellt. Auch dürfte ihnen eine Figur wie Otto, Ruths Bruder und Sohn des Generals, ein Dorn im Auge gewesen sein, schließlich entwickelt er sich im Verlauf des Romans vom tollkühnen Frontschwein zu einer Art Anarchopazifist, der nur noch das Leben ausschöpfen will. Dass das jedoch nicht würde gelingen können, spürt man am Ende, wenn der General zusammen mit seiner Epoche untergeht und man sich vorstellt, wie Ruth und Otto ihre Leben wohl weiterführen werden, nachdem sie den Halt verloren haben, den ihnen ihr Vater, der Herr General, ihr ganzes Leben lang, vor und während des Krieges, wie selbstverständlich gegeben hatte. Eine haltlose Generation hatte er also hervorgebracht, der Erste Weltkrieg, und mochte sie im Rausch der Zwanziger auch ein kurzes hedonistisches Vergessen der erlittenen Traumatas finden, war der weitere, durch den NS kanalisierte Absturz massenpsychologisch wohl nicht aufzuhalten. Ob die Revolution, der neunte November, das hätten verhindern können, als noch Zeit war, wenn sich nur, beispielsweise, Luxemburg und Liebknecht durchgesetzt hätten? Kellermann lässt diese Frage unbeantwortet. Der Spartakus-Komplex taucht im Roman nicht auf. Doch ist das Bild, das er von der Revolution zeichnet – neben den eher expressionistischen Passagen, in denen sie wie ein Gespenst von einem Tag auf den anderen das Regiment übernimmt –, das einer generalstabsmäßig durchgeführten Machtübergabe an die sich im Krieg bewährt habenden Sozialdemokraten im Zuge des geradezu ungeduldig herbeigeführten Kapitulationsprozesses.

Bernhard Kellermann, Jahrgang 1879, war zweifelsohne ein sehr intelligenter Mensch, ein scharfer sowie wohlwollender Beobachter, ein politischer Schriftsteller selten hohen Verständnisses, wie mir während der Lektüre des Neunten Novembers aufging, der leider so sehr in Vergessenheit geraten ist, dass niemand ihn anlässlich des diesjährigen hundertsten Jubiläums der Novemberereignisse neu aufgelegt hat. Auch sein Eintrag in der Wikipedia nimmt sich sehr bescheiden aus, doch umfasst seine Publikationsliste mehr als 15 Romane sowie zahlreiche Reiseberichte, unter anderem zu Südostasien, den USA oder der Nachkriegssowjetunion, womit Bernhard Kellermann allem Anschein nach als ein politischer Beobachter ersten Ranges seiner Epoche zu gelten hat, dessen Werk eine Erschließung als lohnendes Unterfangen erscheinen lässt. Sein populärster Roman Der Tunnel (1913) über den Bau einer Transatlantikeisenbahnunterquerung, der sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bereits mehr als eine Millionen Mal verkaufte, in 25 Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt wurde, hat sogar unlängst eine Neuauflage erfahren, die erste Westauflage seit den Fünfzigern, da Kellermann wegen seines aktiven Eintretens als Volkskammerabgeordneter der Deutschen Demokratischen Republik sowie als Vorsitzender der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft für ein friedliches und sozialistisches Deutschland nach seinem Tod 1951 in der Bundesrepublik übergangen wurde. Obwohl Kellermanns Neunter November vom NS-Regime öffentlich verbrannt und verboten wurde und er sich keinen Illusionen über die Stoßrichtung des NS hingegeben haben dürfte, unterschrieb Kellermann noch vor seiner Entfernung aus der Preußischen Akademie der Künste eine von Gottfried Benn eingeforderte Loyalitätsadresse an den faschistischen Staat, der er es wohl zu verdanken haben dürfte, dass er die NS-Zeit, laut Wikipedia, unbehelligt zu Hause überstehen konnte – was meiner Ansicht nach als intelligent zu gelten hat –, wo er dann, ebenfalls laut Wikipedia, „Trivialliteratur“ verfasst und veröffentlicht habe. Eine Einschätzung, die wahrscheinlich nicht auf einer Lektüre zwischen den Zeilen gründet und der offensichtlichen Abgebrühtheit Kellermanns Charakters nicht gerecht wird. Nach den beiden letzten Büchern, die ich besprochen habe, Wie der Stahl gehärtet wurde und Wem die Stunde schlägt hinterlässt „Der 9.November“ auf jeden Fall den Wunsch, gleich mehr vom Autor zu lesen.

Zeit dazu hätte ich, denn die Tage flatterte mir unvermutet die Kündigung in den Briefkasten, wobei ich mittlerweile sogar mehr oder weniger weiß, warum (mangelnde Erreichbarkeit), doch widerstrebt es mir ein wenig, Besserung zu geloben und um einen Job zu kämpfen, bei dem man ein wenig zu sehr ausgebeutet wird. Es wird sich schon was Neues finden, nach der nächsten Hartz4- und Am-Roman-schreib-Periode, auch wenn Russia Today meinen Merkel-Artikel nicht veröffentlichen und ich mir ihren Job nicht schnappen können sollte …

 

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