Nach anderthalbjähriger Pause soll auf diesem Blog die Literatur wieder das Wort haben. Anderthalb Jahre, in denen der Stahl gehärtet wurde.

Zwar erging es mir nicht ganz so schlimm wie Nikolaj Ostrowskij, dem Verfasser besagten Werkes über die Härtung des Stahls, der sich in jungen Jahren der Revolution anschloss, sich ihrer Sache ganz und gar verschrieb, für die Roten in den Bürgerkrieg zog, mit Budjonnys legendärer Reiterarmee die Invasion der polnischen Pans in die eben gegründete Sowjetunion zurückwarf, unter größten körperlichen Entbehrungen die Sowjetmacht aufbaute und die Produktion in Gang hielt, sodass er schlussendlich fast gänzlich gelähmt war und erblindete, weswegen er sein „Wie der Stahl gehärtet wurde“ nur noch mit Buchstabenschablonen zu Papier bringen konnte, ehe er im Alter von 32 Jahren an totaler Verausgabung starb, doch geschont habe auch ich mich nicht. Als ich gestern auf der Arbeit im LKW ein an die hundert Kilo schweres Case in die Senkrechte beförderte, war der Rücken plötzlich ein einziger Schmerz und kurze Zeit später fand ich mich dann auch schon in der Notaufnahme vom Bundeswehrkrankenhaus wieder, wo ich jeglichen Drogenabsusus verneinte und der Krankenpfleger, der mit seinen Schulterstücken auf der weißen Uniform auch dem ZDF-Albtraumschiff hätte entsprungen sein können, mich ständig nach meinem Namen fragte. Wahrscheinlich, dachte ich (und der Bericht bestätigte es hinterher), fragt er das nur, um meine Ansprechbarkeit zu überprüfen, doch lachte ich mir auch ein wenig ins Fäustchen, denn wenn der angehende Genosse Sanitätsoffizier meinen Namen gegoogelt hätte, hätte ihm ja auffallen können, dass ich zuletzt versucht hatte, seine Noch-Kanzlerin mit einer Stasi-Enthüllung zu stürzen und im Namen des Zentralkomitees der Zukunft selber die Macht, den Laden und alles drum und dran zu übernehmen, also eine schöne kleine Revolution anzuzetteln. Doch zum Glück hatte er das nicht auf dem Schirm, andernfalls wäre nach dem Arzt wohl gleich noch der Staatsschutz oder MAD vorbeigekommen und ich hätte mich nicht nach der Schmerzmittelinfusion nach Hause begeben können.

Aber wie dem auch sei. Jedenfalls hat Pawel Kortschagin, der Held aus Ostrowskijs „Wie der Stahl gehärtet wurde“, alles für den Sieg der Revolution gegeben. Seine Geschichte beginnt mit seinem Rausschmiss aus der Schule, wo er dem miesen Lehrerpopen Tabak in den Rührteig geschüttet hatte, woraufhin er den Rest des Ersten Weltkrieges als Küchenjunge in einem Bahnhofsbuffet schuftet und lernt, sich durchzusetzen. So steht Pawka schon bald im Ruf, ein übler Schläger zu sein:

Eines Tages sprach Shuchrai Pawka auf dem Hof des Kraftwerks inmitten von Brennholzstapeln an und fragte schmunzelnd: »Deine Mutter sagt, du schlägst dich gern. Gehst ran wie ein Kampfhahn, sagt sie.« Shuchrai lachte beifällig. »Sich zu prügeln, das kann nie schaden, man muss nur wissen, wen man schlägt und wofür.« Pawka, der nicht wusste, ob Shuchrai ihn verspottete oder ernsthaft sprach, antwortete: »Ich schlag mich nie einfach so, sondern immer für die Gerechtigkeit.«

Als dann die Revolution Pawkas kleines ukrainisches Eisenbahnstädtchen erreicht, schließt sich der Heranwachsende alsbald den Bolschewiken an, bei denen Leute von seinem Temperament herzlich willkommen sind. Schon gelingt ihm eine Gefangenenbefreiung, doch eine bürgerliche Freundin seiner Liebsten erkennt ihn dabei wieder und verpfeift ihn, was ihm eine Haft im Kerker der inzwischen eingerückten Konterrevolution beschert, der er nur mit viel Glück entkommt. Doch was soll man machen, wenn Aufgeben keine Alternative ist?

»Schlus damit«, sagte Tyżicki, »was war, kommt nie wieder. Unsere Väter und wir selbst haben lange genug für die Potockis die Knechte gespielt. Wir haben ihnen Paläste gebaut, und die vornehmen Grafen haben uns dafür gerade so viel gegeben, dass wir bei der Arbeit nicht vor Hunger krepieren. Seit wieviel Jahren müssen wir die Grafen Potocki und die Fürsten Sanguszko auf dem Buckel schleppen? Haben die Potockis uns polnische Arbeiter nicht genauso unterjocht wie die Ukrainer und Russen? Und nun laufen Gerüchte um, ausgestreut von den Lakaien des Grafen, dass die Sowjetmacht die polnischen Arbeiter mit eiserner Faust zerquetschen will. Das ist gemeine Verleumdung, Genossen. Die Arbeiter der verschiedenen Völker haben noch nie solche Freiheit gehabt wie jetzt. Alle Proleten sind Brüder, aber die Pans, die zerquetschen wir, verlasst euch drauf.« Seine Faust fiel krachend aufs Rednerpult. »Wer hat denn die Völker gegeneinander gehetzt, wer zwingt uns, das Blut unserer Brüder zu vergießen? Könige und Adel schicken seit Jahrhunderten polnische Bauern gegen die Türken, schon immer hat ein Volk das andere überfallen und geschlagen – wieviel Menschen mussten sterben, wieviel Unglück geschah! Und für wen war das notwendig, für uns etwa? Mit all dem ist bald Schluss. Für dieses Pack ist das Ende gekommen. Die Bolschewiken haben der ganzen Welt zum Schrecken der Burshuis die Worte hingeworfen: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ Darin liegt unsere Rettung, unsere Hoffnung auf ein glückliches Leben, in dem der Arbeiter des Arbeiters Bruder sein wird. Genossen, tretet ein in die Kommunistische Partei!«

Und das tat Pawel Kortschagin dann auch. Er zog gegen die Konterrevolution wie gegen das Banditentum zu Felde, ja, kämpfte sogar mit Budjonnys Reiterarmee für ein Sowjetpolen, wurde mehrfach verwundet und ruinierte seine Gesundheit schließlich vollends mit dem heroischen Bau einer Schmalspurbahn von einem abseits gelegenen Holzeinschlag zur Haupttrasse, damit seine Heimatstadt im heranbrechenden Winter Brennholz zum Heizen hatte. Doch so hart die Rückschläge auch sein mochten, richtete er sich stets an der Roten Fahne wieder auf und jedes Mal, wenn im Text ein Wort wie Kreiskomsomolkomitee fällt, spricht die absolute Hingabe an die Idee, der Nikolaj Ostrowskij sein kurzes Leben weihte. Im gleichen heroischen Stil wird dann auch von der Bekämpfung der neuesten Arbeiteropposition um Trotzkij, Sinowjew und Kamenew berichtet und vom ungläubigen Lachen, das deren hellsichtige Thesen über eine Diktatur des Apparats hervorriefen.

Doch wohin man heute auch schaut, kein Komsomol, nirgends. Als ich die Kreuzberger Revolutionäre-Erste-Mai-Demo aufsuchte, um einen Lautsprecherwagen zu entern und darüber zu sprechen, was Lenin uns heute zu sagen hat (zum Beispiel, dass Revolutionen dann entstehen, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen), und die Genossen Revolutionäre dazu auffordern wollte, ihre Smartphones zu zücken, um zu einem digitalen Sturm aufs Kanzleramt anzusetzen, indem wir alle unter dem Hashtag #wirstuerzenmerkel meine Stasi-Untersuchung teilen, waren die Lautsprecherwagen schon auf dem Rückzug und es wurde nur noch Musik gespielt. Der revolutionäre Elan der Genossen beschränkte sich auf das Zeigen verbotener kurdischer Fahnen. Doch hat das simple Hochhalten einer Fahne, so wichtig es auch ist, noch nie dafür ausgereicht, eine Regierung zu Fall zu bringen.

So musste ich mich also damit abfinden, dass es unter den Lebenden niemanden zu geben scheint, mit dem ich meine revolutionäre Entschlossenheit wirklich teilen kann, doch dafür gibt es eben die Literatur, gibt es Helden wie Pawel Kortschagin, damit man sich auch in Momenten des Alleinseins nicht einsam fühlt, sondern an das große Versprechen der Revolution denkt, die da sagt: Ich war. Ich bin. Und ich werde sein.

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