Ein Romananfang

Es war einmal vor langer, langer Zeit, vor vielen, vielen tausend Jahren, als die Planeten unseres Sonnensystems noch nicht in jenen Bahnen kreisten, die wir heute beobachten können. Der Mars bewegte sich damals in weit geringerer Entfernung zum lebensspendenden Zentralgestirn, seine Atmosphäre war noch intakt, das Klima gemäßigt. Er war die Wiege der Zivilisation von Cydonia, des mächtigsten und fortgeschrittensten Reiches, das dieses Sternensystem wohl jemals erblickt hat. Es unterhielt Stützpunkte auf nahezu allen uns bekannten Himmelskörpern, auf den Monden des Saturn ebenso wie auf dem Planeten namens Gaia. Die Schätze und Reichtümer der fremden Welten transportierte die marsianische Sternenflotte verlässlich zu ihren Heimathäfen auf dem damals noch türkisfarbenen Planeten, wo sie der Prachtentfaltung des cydonischen Einheitsstaates zugute kamen. Die Marsianer, Menschen wie wir, nur größer, mit blauer Hautfarbe und überwiegend gelben Augen, hatten ihr Staatswesen nach nekrokommunistischen Prinzipien ausgerichtet, denen zufolge einem jeden Individuum zu Lebzeiten eine seinen Talenten und Neigungen entsprechende Ausbildung zuteilwurde, ehe es seinen Platz in der Gesellschaft, ob als Soldat, Wissenschaftler oder Organisator, einnehmen konnte, an dem es dem Gemeinwesen von größtem Nutzen war. Der märchenhafte Reichtum Cydonias befand sich dabei unter vollständiger Kontrolle des Hohen Rates, an den das Privatvermögen der Marsianer, ob wohlhabend oder nicht, nach deren Ableben zurückfiel. Vererben war verboten, Monogamie verpönt. Die bemerkenswerteste Errungenschaft des cydonischen Nekrokommunismus aber war es, allen Bürgern ein Fortleben nach dem physischen Tode gewährleisten zu können, ein kompliziertes System der praktischen Unsterblichkeit errichtet zu haben.

An einem milden Spätnachmittag des Frühlingsmonats Taš ritu nun promenierte ein junger Marsianer namens Anu in Begleitung seines Zwillingsbruders Enu über den weitläufigen Prachtboulevard von Nekropolis, einer der angesehensten Begräbnisstätten des cydonischen Totenkultes und gleichzeitig wichtigen Bestandteils besagten Systems der praktischen Unsterblichkeit. Zu Anus linker wie rechter Seite erhoben sich schwarze, fensterlose Kuben, in denen die Grabkammern bedeutender Wissenschaftler und Techniker untergebracht waren, und geradeaus lief die von zwei Reihen aufblühender Magnolienbäume gesäumte Allee auf einen kreuzförmigen Platz zu, in dessen Mitte sich die goldene Statue Nergals, des Begründers des Unsterblichkeit verleihenden Systems der transhumanistischen Psychotransplantation, triumphierend in den rosastichigen Himmel streckte. Über dessen Horizontlinie traten derweil bereits zwei kleine weiße Scheiben, die Monde des Mars, hervor, und am perspektivischen Fluchtpunkt des mit schimmernden Granitplatten verlegten Boulevards, weit hinter der Nergalstatue, thronte die große Totenpyramide mit ihrer Umhüllung aus rötlichem Marsmarmor, die das Pantheon der hervorragendsten Persönlichkeiten der cydonischen Geschichte beherbergte. Eben dorthin zog es Anu, zu Seinesgleichen, wie er sich in seinen hochfliegenden Fantasien ausmalte, die alsbald, wer weiß, schon Wirklichkeit werden konnten. Er war inzwischen 26, stand ein halbes Jahr vor seinen Examen an der Akademie für interplanetarische Organisation, einer renommierten Kaderschmiede, deren Besuch zu den kühnsten Hoffnungen auf eine glänzende Karriere im marsianischen Einheitsstaat berechtigte. Seine Ausstrahlung war raumgreifend, man schaute zu ihm auf, sein Wort galt etwas. Auch seine Professoren stellten ihm nur exzellente Zeugnisse aus. Gleichwohl waren seine ebenen Gesichtszüge, die Brauen, Nase und Lippen, wie bei allen Marsianern kaum ausgeprägt, von einer gewissen Härte und Strenge, wenn nicht das Feuer der Eigenliebe in seinen gelben Augen aufblitzte. Über seine akkurat gescheitelten grünen Haare und die khakifarbene Uniform seiner Hochschule, mit der er seinen kräftigen Körper von knapp 2,50 Meter Größe bedeckte, war bereits kein Wort mehr zu verlieren.

Es war nicht so, dass Anu in Eile gewesen wäre. Er hatte keine bestimmte Uhrzeit, zu der er sich in der Großen Pyramide, Raum 708, einzufinden hatte, musste sich also ganz auf seinen eigenen Instinkt verlassen, wann der richtige Zeitpunkt war, die Totengemächer des großen Schoulpés zu betreten, was die Sache gewiss nicht einfacher machte. Da kam es ihm nicht ganz gelegen, dass er vorhin am Bahnsteig zufällig seinen Zwillingsbruder Enu, das ewige Sorgenkind, getroffen hatte. Knapp drei Monate war es jetzt her, seit sie sich das letzte Mal, an ihrem Geburtstag, gesehen hatten. Fairerweise konnte man nicht behaupten, dass Enu, der sich äußerlich von seinem Zwillingsbruder nur durch seine weicheren Gesichtszüge unterschied, einen unmittelbar schlechten Eindruck machte. Seine blaue Militäruniform trug er einwandfrei, hatte die Haare sogar kürzer als nötig geschoren und zeigte eine tadellose Haltung. Dennoch spürte man bei ihm stets, dass er nicht ganz bei der Sache war, die Dinge nicht so ernst nahm, wie es sich gehörte. Etwas an ihm war anders, schon immer. Gleichwohl waren die Zeiten, da man sich seiner schämen musste, Nergal sei Dank, lange vorüber. Seit er die weise Entscheidung, zur Militärakademie zu gehen, getroffen hatte, die Anu ihm übrigens niemals zugetraut hätte und über deren wahre Beweggründe er noch immer im Dunkeln tappte, machte Enu einen deutlich stabileren Eindruck. Und das, obwohl eine militärische Laufbahn so überhaupt nicht dem Naturell seines Bruders entsprach, der, wenn man es positiv ausdrücken wollte, eher musisch veranlagt war. Doch wie dem auch sei, jedenfalls hatte das Studium der Kriegskunst Enu zu einer gefestigteren Haltung verholfen und einzig die Frage blieb offen, warum jemand wie er sich bei der Militärakademie beworben hatte und dann auch noch genommen worden war sowie das Ärgernis, warum um alles auf dem Mars er dieses Privileg, um das ihn so viele beneideten, nicht wertschätzte, ja, in einer solchen Weise missachtete, als sei seine schiere Existenz ihm bisher entgangen.

So gingen Anu und Enu nach ihrer verlegenen Begrüßung bald schon schweigend nebeneinander her und Anu trieb der Gedanke um, ob etwa jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen sei, an dem er Enu von den sich abzeichnenden, großen Veränderungen in seinem Leben unterrichten sollte. Seit einiger Zeit bildete sich nämlich unter seinen Kommilitonen und Gespielinnen ein Konsens heraus, dem überdies auch zwei Professoren zustimmten und der da besagte, dass Anu sie frappant an Schoulpé erinnere, jenem berühmten ehemaligen Mitglied des Hohen Rates, auf dessen Initiative hin im Jahre 7685 nach Gründung der Stadt Cydonia die Kolonialisierung Gaias in Angriff genommen worden war, die heute, im Jahre 9527, allgemein als Startschuss zur Besiedelung und Urbarmachung des Weltraums gewürdigt wurde. Damals, vor knapp zwei Jahrtausenden, als der cydonischen Gesellschaft noch ein weiter Weg bis zur gegenwärtigen Vollendung des Kommunismus bevorstand, unterhielt man lediglich Forschungs- und Orbitalstationen im näheren Sonnensystem und hing ansonsten der Ansicht an, nicht in den evolutionären Prozess anderer bewohnter Welten eingreifen zu dürfen. Diesen Irrweg nun überwand Schoulpé, indem er das Konzept der organischen Expansion entwickelte, demzufolge die Gründung isolierter Inselkolonien mit wenigen tausend Bewohnern, die nicht mit den gesamten Lebensprozessen des Gastplaneten interferierten, vom Standpunkt der marsianischen Ethik her zulässig sei. So konnte den Bedenken der einflussreichen Isolationisten Genüge getan und gleichzeitig ein Netz kleiner, aber ergiebiger Inselkolonien inklusive eines penibel getakteten interplanetarischen Frachtverkehrs installiert werden. Wie richtig Schoulpé mit seiner damaligen Befürwortung einer organischen und nicht zügellosen Expansion lag, erwies sich seit einigen Jahrzehnten von Neuem auf Tiamat, dem dritten bewohnten Himmelskörper dieses Sonnensystems, einem zwischen Mars und Jupiter gelegenen Kristallplaneten. Auf diesem schürften die Cydonier hauptsächlich nach einer Mineralienmischung namens seltene Monde, die einen unverzichtbaren Bestandteil für die Produktion künstliche Intelligenz hervorbringender Prozessoren darstellte, die dadurch in die Lage versetzt wurden, einen beliebigen Marsmenschen mit lebensechter Emotionalität und identischem Charakter nachzubilden, der als holografische Simulation auch nach dem Tod des Originals fortbestand und dessen Persönlichkeit durch eine Psychotransplantation an denjenigen weitergeben werden konnte, der als sein Wiedergänger anerkannt wurde. Zwar glaubte man nicht an Reinkarnation im metaphysischen Sinne, da die Theorie des historischen Materialismus diese ausschloss, doch strebte man danach, die Charakterstruktur eines jeden so genau wie möglich zu erfassen, weswegen eine psychische Kontinuität zwischen Transplantationsgeber und -empfänger tatsächlich als gegeben angenommen werden konnte. Die Grundlage hierfür bildeten Gehirnimplantate, ebenfalls auf Basis seltener Monde, die nicht nur das gesamte Seelenleben ihrer Träger aufzeichneten, sondern diesen auch vor seinem physischen Tode abspeicherten und so einen späteren Upload ins Nekronet ermöglichten, sodass der Verstorbene umgehend in ein holografisches Dasein überwechseln konnte. Der Tod war somit, zumindest dem Augenschein nach, besiegt und überwunden.

Die Bedeutung der seltenen Monde für die cydonische Gesellschaft konnte also größer nicht sein, hing doch das gesamte System der praktischen Unsterblichkeit von ihnen ab und so durfte ihr Nachschub von Tiamat um nichts auf der Welt versiegen, mochte das auch, wie von Schoulpé dereinst vorhergesehen, zu schwerwiegenden Konflikten mit den dortigen Ureinwohnern führen, die gegen die ihnen nächst gelegenen Stützpunkte erbitterten Widerstand leisteten.

Alles in allem galt Schoulpé also als einer der unbestritten wichtigsten Wegbereiter des cydonischen Aufbruchs in die Weiten des Weltalls, der mittlerweile auch benachbarte Sternensysteme wie Alpha Centauri, Sirius und Tau Ceti erfasst hatte, wo die Marsianer auf andere technisch hochentwickelte Zivilisationen gestoßen waren. Mit Schoulpé verglichen, für seinen Wiedergänger gehalten zu werden, stellte also eine mit Worten nicht wiederzugebende Ehre dar. Sollte Anus inzwischen beim Nekropolitischen Komitee, dem Nekrokom, eingereichten förmlichen Antrag auf Psychotransplantation von Schoulpé zu ihm, Anu, stattgegeben werden, so würde er mit einem Schlag in die höchsten Kreise der cydonischen Gesellschaft katapultiert, als Mitglied des Unsterblichen Beirates des Hohen Rates dem äußeren Führungszirkel des Marskommunismus angehören. Ob dieses Unterfangen gelingen würde, war seriös natürlich nicht abzuschätzen, doch gab es in Anus Augen gewisse Faktoren, die dafür sprachen. So waren seit Schoulpés Ableben lediglich vier Wiedergänger seiner Entität zertifiziert worden, obendrein zumeist in unbedeutenden Positionen wie denen eines Mechanikers oder einer Lustfrau, weswegen die Vermutung nahelag, dass die Schoulpés Bewusstsein fortführende künstliche Intelligenz sich als nächsten Trägerorganismus jemanden mit höheren mentalen Fähigkeiten auserbeten würde, um auf diese Weise alle bisher gewonnenen Erfahrungen in nutzbringendster Weise der Staatslenkung zugute kommen zu lassen. Auch und vor allem stand Anu aber auf gutem Fuß mit Schoulpés Hologramm, sie verstanden sich bestens. Insofern war es, objektiv betrachtet, um Anus Chancen tatsächlich nicht zum Schlechtesten bestellt, doch zögerte er verständlicherweise, mit der Angelegenheit allzu sehr hausieren zu gehen und hatte auch seinen Bruder noch nicht ins Vertrauen gezogen. Andererseits beschlichen ihn wiederum leise Zweifel, ob er nicht im Gegenteil zu zurückhaltend agierte und Schoulpés KI nicht ein selbstbewussteres Auftreten viel eher honorieren würde, es mithin also eine gute Idee wäre, Enu einfach zu seinem Besuch mitzunehmen und ihn Schoulpé vorzustellen.

***

Das Schweigen dauerte nun schon eine ganze Weile an, wurde allmählich unangenehm. Anu fiel partout nichts Belangloses ein, worüber sich stattdessen locker plaudern ließ, zu sehr war er von der noch frischen Erkenntnis seiner wahrscheinlichen Wichtigkeit durchdrungen. Auch Enu war überraschend wortkarg, doch schenkte Anu dem keine weitere Beachtung. Stattdessen rückte er endlich mit der Sprache raus: »Enu, ich muss dir etwas Wichtiges mitteilen.«

»Ja?«

»Ich habe beim Nekrokom einen Antrag auf Psychotransplantation von Schoulpé zu mir eingereicht«, sagte Anu, nachdem er stehengeblieben war und Enu fest und mit dem Anflug eines überlegenen Grinsens in die Augen gesehen hatte. Enu wusste, dass Anu jetzt eine Reaktion von ihm erwartete. Wahrscheinlich sollte er sich am besten beeindruckt zeigen. Darin hatte er sogar eine gewisse Übung, vermied er es doch aus leidvoller Erfahrung tunlichst, seine wahren Ansichten über diesen ganzen Psychotransplantationszirkus kundzutun. Ihm war es schlichtweg schleierhaft, wie seine Mitmarsmenschen sich ernsthaft vormachen lassen konnten, dass eine noch so wirklichkeitsgetreue Kopie ihrer selbst ihnen ein Fortleben nach dem Tod ermöglichen könnte. Mochte die eigene Persönlichkeit mit all ihren Erinnerungen und Marotten auch abgespeichert und ins Nekronet hochgeladen werden, so änderte das doch nichts daran, dass jenes Etwas, das man selber war, nicht übertragen werden konnte. Die Hologramme führten ein Eigenleben, man selber starb aber nach wie vor. So einfach war das. Sprach man diese Wahrheit jedoch aus, so konnte man was erleben. Auch Anu hatte bei dem Thema schon vor Jahren, nach der rebellischen Phase ihrer Jugend dicht gemacht, meinte, man könne ja eh nichts dran ändern und mache da am besten seinen Frieden mit, zudem die praktischen Konsequenzen doch rundheraus positiv seien. Aber dass er das Spiel jetzt ohne Rücksicht auf Verluste mitspielte …

»Und das heißt …« entgegnete Enu schließlich provozierend unbeeindruckt und schluckte dann, denn er wusste sehr wohl, was das mit sich brachte.

»Was das heißt?!« legte Anu seine Stirn in ärgerliche Falten, »ich muss dir wohl kaum erklären, wer Schoulpé ist. Wenn alles klappt, werde ich bald im Rang eines Hochgenossen stehen, verstehst du?«

»Oh, das ist ja ganz fantastisch«, erwiderte Enu gequält, »na dann, herzlichen Glückwunsch!«

Doch gelang es ihm nicht, seine Maske aufrecht zu erhalten. Tränen traten in seine Augen und er wandte sich zügig zum Weitergehen. Immerhin wusste er so gut wie Anu, dass eine Psychotransplantation das einschneidendste Ereignis im Leben eines Marsianers darstellte, weil sich der Transplantationsnehmer vor der Operation, die übrigens eher den Charakter einer zeremoniellen Initiation trug, von seinem alten Umfeld vorsorglich auf immer zu verabschieden hatte und danach von den Gefährten aus seinen früheren Leben in deren Kreis begrüßt und aufgenommen wurde. Für gewöhnlich dauerte es Jahre, ehe ein Transplantationsnehmer mit seinem alten Umfeld wieder in Kontakt trat, wenn überhaupt, da es nicht selten vorkam, dass sich ehemalige Vertraute als Widersacher aus einem früheren Leben entpuppten. Was Anu ihm hier also in Form einer freudigen Botschaft mitteilte, besagte im Grunde nichts anderes, als dass sich ihre Wege nun für immer, zumindest aber für eine sehr lange Zeit, trennen würden. Klar, das hatte irgendwann so kommen müssen. Und Enu hatte sich nie Illusionen darüber hingegeben, dass Anu, der seinem ganzen Wesen nach um so viel systemkonformer war als er selbst, diesen Schritt unbedingt unternehmen würde, aber dennoch traf es ihn jetzt wie ein Faustschlag und er konnte der Tränen nicht mehr Herr werden. Ihre Verbindung war trotz aller Unstimmigkeiten etwas so Besonderes, selbst in ihrem weiteren Umfeld etwas Einmaliges, da es auf dem Mars aufgrund des faktischen Monogamieverbotes keine Geschwister, sondern nur Halbgeschwister gab, die in der Regel mit ihrer Halbgeschwisterschaft allerdings nichts anzufangen wussten, sich ihrer vielmehr schämten, da derartigem auf dem Mars keine Bedeutung beigemessen wurde, ja, es sogar als anrüchig galt. Demgegenüber wuchsen nur Zwillinge als echte Brüder und Schwestern auf, erfuhren, was es bedeutete, mit einem anderen Menschen wirklich eng verbunden zu sein. In einer Beziehung zu stehen, die um so vieles tiefer, intensiver und, ja, auch verletzender sein konnte als alles, was die für gewöhnlich nur auf die eigene Lust fixierten Genossen Marsianer aus ihrem Leben so kannten, dem diese Dimension der Verbundenheit eben völlig abging.

»Enu, halt an!« rief Anu, als er, hinter Enu herlaufend, den Nergalplatz erreichte, »die Leute gucken doch schon!«

Enu blieb stehen, wie angewurzelt. Er hatte sich völlig vergessen, sich verhalten wie ein Kinderkollektivkind und die Marsmenschenmenge, durch die er hindurchgerannt war, überhaupt nicht beachtet. Er schaute sich um. Überall gut gelaunte, fröhliche Marsianer, die sich anregend unterhielten und lustige Anekdoten zum Besten gaben, mit denen die Hologramme um ihre potentiellen Psychotransplantationspartner gebuhlt hatten. Da, links von ihm eine Gruppe, zwei junge Männer und ein gleichaltriges Mädchen, die sogar ein ernsteres Gespräch führten.

»Suru, hörst du, du musst dir unbedingt das Grab von Maru anschauen. Ich finde, eure Ähnlichkeit ist ganz verblüffend. Echt jetzt, du kannst doch nicht nur deswegen, weil Maru ein Mann war, du aber eine Frau bist, sagen, du könnest nicht wie er sein.«

»Aber wie soll das gehen? Ich kann mir mich nicht im Körper eines Mannes vorstellen.«

»Binu hat recht, Suru. Dich und Maru verbindet viel. Tatkraft, Energie, Witz.«

»Und was wäre so schlimm daran? Ich meine, Maru war ein ganz wichtiger Ingenieur. Unter seiner Leitung wurde der transmarsianische Generalaquädukt erbaut …«

»Oh, danke, das ist wirklich süß von euch«, lächelte Suru kokett.

Enu schaute verschämt zur Seite. Vielleicht lag ja auch alles nur an ihm. Binu, Suru und der namenlose Dritte waren jedenfalls, anders als er selbst, nicht unglücklich. Die traurige Gestalt war er, und niemand sonst. Geknickt ließ Enu seinen Blick weiterwandern. Er fiel auf den massigen, einen Panzerwagen darstellenden Sockel der Nergalstatue und kroch langsam dessen goldenen Körper herauf. Da stand also Nergal, der große Nekrorevolutionär, breitbeinig und mit wehendem Mantel, mit der rechten Hand ausladend gen Sonnenaufgang zeigend und mit der linken das berühmte Dekret über Kommunismus und Unsterblichkeit vor seiner Brust haltend. Seine ungewöhnlich schmalen Augen wirkten wie Schlitze, durch die er seine Feinde ins Visier nahm, das spitze Kinn drückte äußerste Entschlossenheit aus und seine rührend altmodische Schiebermütze auf merkwürdige Weise Bodenhaftung. O, es musste wirklich ein magischer Moment gewesen sein, als Nergal aus dem Exil zurückkehrte, in den Nordbahnhof einfuhr und allen Wachen, die ihn festnehmen sollten, sowie den Reisenden, die in ihren Gedanken wohl schon an ihren Zielorten weilten, die Einführung der Unsterblichkeit verkündete. Alle Sicherheitskräfte wechselten augenblicklich die Seite, das Volk brach in einen wohl niemals zuvor oder danach dagewesenen Jubeltaumel aus und im Nu versetzte die frohe Kunde die ganze Stadt, den ganzen Planeten, in Aufruhr. Die schmähliche Fünferbande, Nergals konterrevolutionäre, reaktionäre Widersacher, wurde umgehend entmachtet und festgesetzt, niemand mochte noch Partei für solch faulige Elemente ergreifen, die den eigenen Genossen und Bürgern die Unsterblichkeit vorenthalten wollten, sie, ohne mit der Wimper zu zucken, einfach sterben zu lassen bereit waren. Binnen Kurzem erfasste ein allgemeiner Aufbruch den schon damals bestehenden Marssozialismus und Nergal erläuterte, Kommunismus, das sei die hohe Ratsmacht plus Unsterblichkeit, woraufhin alle Marsmenschen bis in die verborgensten Winkel ihrer Persönlichkeit eingescannt wurden und dadurch alle Ängste verloren, denn es gab nichts Dunkles und Unentdecktes mehr in ihnen, das sie in Schrecken versetzt oder dessen sie sich zu schämen hätten. Im Gegenteil wurde das ihnen allen innewohnende heroische Wesen herausgestellt und gewürdigt. Niemand und nichts würde vergessen sein, alles auf die künftigen Kommunisten übergehen. Vor allem ihr alles Marsmenschenmögliche übersteigender Jubel in jenem magischen Moment der Wirklichkeit werdenden Revolution, als sie begriffen, dass sie die Ersten wären, die nicht mehr dem Tode und dem Vergessen anheimfielen.

Diesem Sog konnte sich auch Enu nicht entziehen. Die Kraft und die Begeisterung der Revolution waren wahrlich unsterblich, würden niemals erlöschen, solange Sonnen glühen, mochte das System selbst im Alltag auch eines der organisierten Niedergeschlagenheit sein.

Anu stand jetzt dicht neben ihm, legte zögernd den Arm auf seine Schulter: »Ich weiß, was du jetzt denkst.«

»Ich weiß es nicht, Anu. Es ist alles so widersprüchlich.«

»Ist schon gut, Bruder. Es tut mir auch leid, dass es so ist, wie es ist. Aber wenn mein Antrag durchkommt, werde ich trotzdem alles für dich tun, was nur irgendwie in meiner Macht steht. Ich könnte dir zum Beispiel einen schönen Job auf Gaia besorgen, in Gizeh vielleicht. Da könntest du dir dann die Sonne auf den Pelz brennen lassen, ein bisschen die Goldminen beaufsichtigen und dich von den Eingeborenen als Gott anbeten lassen.«

»Oh danke, Anu, du weißt wirklich, worauf ich´s abgesehen habe.«

»Weißt du das überhaupt selber, Enu? Du bist mir ein Rätsel. Warum bist du damals nicht zur Mosaikschule gegangen sondern zur Militärakademie? Nicht, dass ich deine Entscheidung nicht für die richtige halte, aber manchmal denke ich doch, du wärest woanders besser aufgehoben gewesen.«

Enu schaute betreten und finster zu Boden, verweigerte die Antwort, rührte diese Frage, die Anu ihm erst zum zweiten Mal in dieser Deutlichkeit stellte, doch an eine der schwärzesten Stunden seines Lebens, die er mit keiner Marsmenschenseele jemals zu teilen vermocht hatte.

»Ist schon gut, Anu. Ich muss dir auch was sagen. Ich werde nach Tiamat gehen.«

»Du wirst was?!« schrie Anu entsetzt auf, »aber das ist der reine Selbstmord!«

»Die Verlustquote liegt bei knapp unter dreißig Prozent. Es ist auch nicht gesagt, dass ich einem der besonders gefährdeten Stützpunkte zugeteilt werde.«

»Warum tust du das?«

»Ich weiß nicht. Es zieht mich da einfach hin.«

»Respekt, Bruder, Respekt.«

Enu konnte auch dem anerkennenden Blick Anus nicht standhalten. Ihm war es unangenehm, dass er, der Feinfühligere von ihnen, nicht artikulieren konnte, was in ihm vor sich ging. Da waren eben ein paar Dinge, entscheidende Dinge, die er Anu niemals anvertraut hatte und auf die er auch jetzt nicht, das spürte er genau, die Sprache bringen konnte. Umso mehr, als es ja eh keinen Sinn mehr machte. Doch der Preis des Schweigens war hoch, eine völlige Verwirrung, die jedem ausgesprochenen Satz einen Dreh aufzwang, der ihn bei Anu anders als von Enu intendiert ankommen ließ. Also beschloss Enu, vom Thema abzulenken und Anu irgendeine Vorlage zu liefern, bei der er solange mit seinen Kenntnissen glänzen konnte, bis er völlig vergessen hatte, dass es auf der Welt noch anderes als die eigene Brillianz gab. Bloß welche Vorlage? Enu schaute sich um.

Zur Linken der Nergalstatue, die mit dem Rücken zur Totenpyramide und mit der Front zur Magnolienallee des Prachtboulevards stand, mündete die von schwarzen Kuben gesäumte West-Ost-Achse in einiger Entfernung in einen halbrunden Platz, an dessen Längsseite eine monumentale Sphinx ihre Tatzen ablegte. Ihr Fell schimmerte in ockergelben Tönen, ihr humanoides Gesicht war von merkwürdig rosiger Farbe und ihre unbeteiligten, doch gleichwohl wie allwissenden Augen von einem strahlenden, hypnotischen Blau. Die Sphinx galt, so weit Enu wusste, bereits den Alten in der Zeit vor Gründung der Stadt Cydonia als heiliges Tier, doch konnte niemand mit Gewissheit sagen, warum. Sie genoss eine Art Unantastbarkeit, hatte selbst die erste allmarsianische Weltrevolution unbeschadet überstanden, als die atheistischen Bilderstürmer die meisten Zeugnisse der alten Religionen und Kulte vom Antlitz der Marsoberfläche getilgt hatten. Ihre Anwesenheit konnte Enu nicht anders denn als großes Geschenk begreifen, wurde damit doch praktisch eingeräumt, dass der gegenwärtige Nekrokommunismus weder Allwissenheit noch Absolutheit beanspruchen konnte. Das Rätselhafte behielt einen, wenn auch kleinen, Platz in der cydonischen Wohlgeordnetheit. Stets bereit, sich zwischen den Betrachter und den unumstößlichen Wahrheiten des Systems zu schieben, daran erinnernd, dass alles auch ganz anders sein könnte, wir es aber nicht wissen, da wir die Zukunft genauso wenig kennen wie jene ferne Vergangenheit, die die marsianischen Sphinxen hervorgebracht hat. Dessen ungeachtet war die Sphinx auch ein beliebtes Motiv der cydonischen Populärkultur, fand sich millionenfach abgebildet auf Kissen, Bechern, Bildern, einfach überall, sodass ihre eigentliche Rätselhaftigkeit im Überfluss ihrer permanenten Reproduktion ertränkt und nicht mehr wahrgenommen wurde. Ja, manche Städte oder Inselkolonien hielten es sogar für angebracht, neue Sphinxen zu errichten und bewilligten hierfür Mittel, obwohl sie, außer als Statussymbol, keinerlei Nutzwert aufwiesen.

Nein, zur Sphinx würde Enu nicht mit Anu hingehen. Anu über das Rätselhafte reden zu hören war einfach unerträglich, denn er strebte stets danach, den Gegenstand seines Sprechens, also das Rätselhafte, im Akt des Sprechens auszulöschen. Er konnte es nicht stehen lassen, denn es zeigte ihm seine Grenzen auf. Also drehte Enu sich zur anderen Seite. Doch dort, was war das? Ein Bauwerk, das Enu noch nie gesehen hatte. Ein großes Gesicht, gewiss zwanzig Meter lang, in Schräglage, mit dem Kinn fast auf Bodenniveau, mit der Glatze deutlich höher. Wulstige Augenbrauen, eine flache Nase, schmale Lippen. Ganz und gar blau. Das Konterfei eines Normalmarsianers, ein Marsgesicht. Am Scheitel war es noch von einem Baugerüst umrandet, davor verlief ein Kanal, der anscheinend in ein Rohr unterm Kinn mündete. Jetzt war Enu wirklich interessiert.

»Du, sag mal, was ist denn das?« fragte Enu, langsam aufs Marsgesicht zugehend.

»Das ist eine ganz neue Anlage, Enu, der letzte Schrei«, flüsterte Anu geheimnisvoll, »man munkelt, sie diene der Abwehr von PSI-Aktivitäten der Tiamatiden. Angeblich soll es ja hier und da auf dem Mars zu Sichtungen gekommen sein, auch wenn ich mir das partout nicht vorstellen kann. Ich meine, das sind primitive Barbaren, die sich technisch noch auf dem Niveau der Steinzeit befinden. Es ist ja schon schlimm genug, zugeben zu müssen, dass sie wohl tatsächlich über PSI-Kräfte verfügen, von denen unsere Wissenschaft keine Kenntnis hat, sie uns also in diesem Punkt überlegen sind. Anders sind all diese Entführungen und Amokläufe auf unseren tiamatidischen Inselkolonien ja nicht zu erklären. Aber dass ihre Fähigkeiten so weit reichen sollen, hierher zu reisen, das kann ich kaum glauben.«

»Seit wann bauen die die Teile denn?« fragte Enu, dem es sichtlich unangenehm war, von ihnen nichts zu wissen, fielen sie doch nicht nur in sein militärisches Fach- sondern auch in sein persönliches Interessengebiet.

»Wie, du weißt nichts davon? Manchmal frage ich mich ja, wo du eigentlich lebst. Seit drei, vier Monaten werden die in allen Marsnekropolen aufgestellt.«

Enus Gesichtszüge verhärteten sich, die Weichheit schwand. Er wollte nicht zugeben, seit ungefähr einem halben Jahr in Gedanken stets woanders zu sein, selbst seine Studien so kurz vor den Examen völlig zu vernachlässigen.

»Aber wie soll das funktionieren? Ich meine, wenn Gesichter aus Stein PSI-Aktivitäten unterbinden können sollten, warum machen das nicht auch die Sphinxen?«

»Enu, was ist los? Du weißt ja wirklich gar nichts. Also, die Idee ist wohl so, dass mehrere Marsgesichter den gleichen Himmelspunkt fixieren und so einen pyramidenförmigen Schirm bilden sollen, den diese PSI-Wellen nicht durchdringen können. Unter ihren Pupillen wurden nämlich metertiefe Schächte eingelassen, die mittels eigens angelegtem Kanalisationssystem mit jedem Kubus, mit jeder Grabkammer der jeweiligen Nekropole verbunden sind. Und durch dieses Kanalsystem nun zirkuliert permanent sogenanntes schwarzes Wasser, auf das wir vor einiger Zeit bei der Exploration des Saturnmondes Iapetus gestoßen sind. Dieses schwarze Wasser hat nun ganz außergewöhnliche Eigenschaften. Einerseits ist es ein hervorragendes Speichermedium, mit dem wir endlich der Datenmengen des Nekronets Herr werden können, andererseits strahlt es aber auch Emissionen einer bisher unbekannten Energie, der sogenannten Nekroenergija, aus, von der wir hoffen, dass sie die PSI-Frequenzen neutralisiert. Im Detail kann sich das bisher niemand erklären und einige Wissenschaftler spekulieren sogar darüber, dass dieses ganze schwarze Wasser extramarsianischen Ursprungs sein könnte, das heißt, das ist es ja sowieso, aber dass es künstlich von einer früheren außermarsianischen Zivilisation, die bis in unser Sonnensystem vorgedrungen ist, hergestellt worden sein könnte! Du kannst dir vorstellen, dass ich persönlich von solchen Spekulationen denkbar wenig halte. Wir haben schließlich ein ziemlich präzises Wissen darüber, wie viel Zeit das Leben benötigt, ehe es eine so hochentwickelte Zivilisation wie die unsrige hervorbringt. So etwas dauert Jahrmillionen! Da kann man nicht einfach behaupten, Marsmenschenähnliches hätte es früher schon einmal gegeben … Aber trotzdem: Der Niedere Rat zur Vervollkommnung des Vollkommenen hat das Experiment gebilligt und jetzt werden in allen Nekropolen Cydonias an der Ost-West-Achse, gegenüber von den Sphinxen, gewaltige Gesichter errichtet, die über eine Hydraulikkonstruktion frei beweglich sind, jeden beliebigen Punkt in ihrem Blickfeld fixieren und so die gesamte Nekroenergija der jeweiligen Nekropole konzentrieren und in einem Strahl bündeln können. Du siehst, wir geben nicht klein bei, betreten vielmehr mutig das Neuland und den Marskommunismus in seinem Lauf hält kein noch so blöder Tiamatide auf!«

»Ja, Anu, also verzeih, wenn ich dir jemals Unrecht getan habe«, gab Enu kleinlaut bei, »also, dass ich eine solche Schlafmütze bin und nichts mitkriege, ist ja wirklich ein bisschen peinlich.«

»Ach, mach dir nichts draus. Komm doch mit zu Schoulpé, war ich gerade ohnehin auf dem Weg hin. Täte dir bestimmt gut, mal mit einem leibhaftigen ehemaligen Mitglied des Hohen Rates zu sprechen. Bringt dich auf andere Gedanken. Aber benimm dich, ok?«

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