und schlägt vor, dass die Regierungsgeschäfte während des hier und jetzt proklamierten revolutionär-transformativen Prozesses zwecks Wahrung der Legitimität vom derzeitigen Vizekanzler übernommen werden, ehe nach Neuwahlen wieder zum verfassungsmäßigen Normalzustand zurückgekehrt werden kann.

Der Abend war schon fortgeschritten, doch noch immer tagte das Zentralkomitee der Zukunft, bestehend aus dem Genossen Nummer Null, dem ideellen Gesamtkommunisten, sowie den Genossen Soloto – zuständig für alles, was sonst niemand auslöffeln möchte –, Nikolaj Bucharin, welcher die historische sozialistische Perspektive einbringt, und Anna Larina, die ein wenig Herzlichkeit beisteuert. Das Hinterzimmer ist verqualmt, der Tisch angefüllt mit leeren Bierflaschen und die Atmosphäre angespannt.

Soloto: Wir sind uns also einig, dass die Lage ernst ist und in höchstem Maße Anlass zur Sorge bietet. Außenpolitisch ist Deutschland isoliert und steht unter massivem Druck. Der Präsident der Vereinigten Staaten, welche seit gut siebzig Jahren die Sicherheit der BRD garantieren, Donald Trump, hat die Devise des America first ausgegeben und die NATO für obsolet erklärt, was er später zwar wieder zurückgezogen hat, doch ist die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die USA dennoch als „Partner“ ausfallen, weswegen Deutschland, auch ein sozialistisches, in der Lage sein muss, zur Not auch selbst für die eigene Sicherheit zu sorgen. Ferner steckt die EU in einer tiefen Krise und die Auseinandersetzung um den Brexit nimmt eine besorgniserregende Schärfe an, auf die uns leider die fortwährenden Aktionen der türkischen Regierung schon einen Vorgeschmack gegeben haben. Des Weiteren ist das Verhältnis zu den osteuropäischen Nachbarn, inklusive Russland, aus den ein oder anderen Gründen extrem angespannt, sodass eigentlich nur Frankreich als Partner übrigbleibt, doch schlägt dessen Präsident Macron eine europäische Republik vor, die machthierarchisch letztendlich auf einen vollständigen Souveränitätsverzicht und Subordination aller Teilnehmer unter das Oberkommando der französischen Atommacht hinausliefe. Somit steht nicht mehr und nicht weniger als der Fortbestand Deutschlands als Nationalstaat auf dem Spiel.

Anna Larina: Wobei sehr viele froh wären, wenn Deutschland endlich Geschichte wäre.

Genosse Nummer Null: Ja, es gibt sehr viele Deutsche, die ihre Identität darüber definieren, dass ihr Deutschsein für ihre Identität keine Rolle spielt. Die Deutschen sind die, die nicht sie selbst sein wollen. Und die, die nicht sie selbst sein wollen, schämen sich und finden ein masochistisches Vergnügen daran, alles, was mit ihrem Land zu tun hat, schlecht zu heißen. Da ist es nur konsequent, den Nationalstaat aufzugeben.

Nikolaj Bucharin: Jedoch lehrt uns die Geschichte des westlichen Auslandes, dass es in Deutschland etwa alle siebzig Jahre zu einer großen Umwälzung kommt. Zuletzt war das 1945 der Fall, davor 1871 zur Reichsgründung, Anfang des 19. Jahrhunderts die Befreiungskriege der napoleonischen Ära, Mitte des 18. Jahrhunderts der Siebenjährige Krieg mit dem Aufstieg Preußens zur prägenden deutschen Macht, Ende des siebzehnten die Geburt Preußens, dann das Loch des Dreißigjährigen Krieges und schließlich die Reformation, als dieser spezifische, schwer definierbare deutsche Genius seine ihm innewohnende spirituelle Kraft am augenfälligsten zeigte. Und nun, 72 Jahre nach Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation steht das deutsche Volk also am Scheideweg, ob es weiterhin als eigenständige Nation existieren will oder nicht und auch, ob es in Zukunft ein Land zwei gleichrangiger Religionen, der christlichen wie der islamischen, sein möchte. Natürlich, mit Blick auf den Dreißigjährigen Krieg verbietet es sich von selbst, einer Religion mit expansiv-forderndem, im Kollektiv agierenden Charakter die Möglichkeit zu bieten, sich eine Ausgangslage für einen vielleicht in siebzig Jahren anstehenden Kampf um die kulturelle Hegemonie zu schaffen, doch mangelt es vielen Menschen an historischem Bewusstsein, zudem sie es sich in einer falschen Nachgiebigkeit bequem gemacht haben und ihre Konfliktscheu schon Unterwerfungscharakter angenommen hat.

Anna Larina: Kolja, du bist wieder so hart. Die Seite mochte ich nie so an dir.

Nikolaj Bucharin: Die Lage ist aktuell aber eben so brenzlig. Da kann man nicht einfach die Augen vor verschließen. Es betrifft ja nicht nur die Außen- und Sicherheitspolitik sowie die Kultur- und Migrationspolitik, sondern auch die Wirtschaft. Deutschland verliert gerade auch ökonomisch seine Fähigkeit, auf eigenen Beinen zu stehen. Siemens hat unlängst die Auflösung seiner Kraftwerkssparte bekannt gegeben, was nicht nur 12.000 Jobs kostet, sondern auch zum Verlust der Möglichkeit einer eigenständigen Energieversorgung führen kann. Und, was angesichts einer mittelfristig unvorhersehbaren Sicherheitslage am schwersten wiegt, ebenfalls bedeutet, sich niemals, wie die Welt sich auch entwickeln möge, atomar bewaffnen zu können, was auch diplomatisch ein signifikant verschlechtertes Standing mit sich bringt, da die deutschen Kanzler bisher immer noch sagen konnten, sie könnten sich die Bombe zulegen, wenn die Sicherheitslage es denn notwendig erscheinen lasse. Mir ist bewusst, dass das für Menschen, die sich für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen, harter Tobak ist, doch sollten die eigenen Entscheidungen auf der Realität und nicht auf Illusionen fußen. Aber natürlich birgt die Kernenergie ja tatsächlich beträchtliche Risiken, doch ließe sich deren größtes dadurch minimieren, dass AKWs mit Notfallsarkophagen nachgerüstet werden, die im Katastrophenfall binnen Stunden über den Reaktor geschoben werden können müssten. Außerdem ist man drauf und dran, die Automobilindustrie gegen die Wand zu fahren, vom Rückstand in der IT und KI gar nicht erst zu reden.

Soloto: Danke für die Erläuterungen, Nikolaj Iwanowitsch. Damit dürfte der Oktober 2017 unbestreitbar eine Zeit enormster Bedeutung in der vielhundertjährigen Geschichte der deutschen Staatlichkeit darstellen. Da Deutschland seinem Selbstverständnis gemäß zudem das Land der Dichter und Denker ist und ich ein Dichter und Denker bin, übernehme ich, stellvertretend für das deutsche Volk, die Souveränität und erkläre die geschäftsführende Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel für abgesetzt. An die Mitarbeiter der Sicherheitsorgane ergeht, sofern sie unserer Analyse der Lage als mündige und verantwortungsbewusste Staatsbürger zustimmen, die Anweisung, die abgesetzte Bundeskanzlerin festzunehmen, da sie dringend verdächtig ist, 16 Jahre lang für das Ministerium für Staatssicherheit tätig gewesen zu sein, ohne das nach der Wiedervereinigung offengelegt zu haben, was eine gewissenhafte Ausübung der Staatsgeschäfte verunmöglicht hat.*

Genosse Nummer Null: Und, was denkst du? Werden die „Mitarbeiter der Sicherheitsorgane“, wie du dich auszudrücken beliebtest, dir Folge leisten?

Soloto: Bin da ja, ehrlich gesagt, eher skeptisch. Würde es aber zumindest schon mal nicht als Misserfolg bewerten, wenn sie nicht gleich eine Streife vorbeischicken, die mich verhaftet. Aber andererseits: Wer weiß? Schließlich wusste bereits Lenin, dass Revolutionen dann entstehen, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen. Und dass die Merkel nichts kann, liegt auf der Hand. Insofern besteht also, die wenn auch geringe, Hoffnung, dass die Damen und Herren Sicherheitsbeamte, ehe sie zu meiner Festnahme schreiten, einen kleinen, sagen wir, Soldatenrat ins Leben rufen und zunächst die Lage diskutieren, bevor sie entscheiden, ob sie nun Frau Merkel oder mich verhaften.

Genosse Nummer Null: Aber solltest du nicht vielleicht lieber die Arbeiter agitieren? Immerhin fürchten gerade sehr viele um ihre Jobs. Das wäre der klassisch revolutionäre Weg.

Soloto: Hm, nun sind wir ja nur zu viert, was vielleicht ein bisschen wenig ist, um am Werktor von VW für eine außerordentliche Betriebsversammlung zu mobilisieren und einen Arbeiterrat zu konstituieren, was ich anstelle der Belegschaft jedoch unternehmen würde, da nur unabhängige Arbeiterräte sicherstellen können, dass politischer Einfluss auf die Produktentwicklung, der zur Unverkäuflichkeit der Autos führen könnte, verhindert wird. Es ist zu fordern, dass die strategische Ausrichtung der Konzerne nicht gegen den Willen der Belegschaft festgelegt wird! Auf Unterstützung durch die Genossen der radikalen Linken werden wir leider jedoch kaum zählen können, da man da vollauf mit Geflüchteten, dem Kampf gegen Rechts, der Gendernabelschau und diversem anderen Kram beschäftigt ist. Den meisten Aktivisten geht sogar die Verbindung zur Arbeiterklasse vollkommen ab, ja, mitunter engagieren sie sich, wie bei Ende Gelände, sogar gegen vitale Arbeiterinteressen. Und auch einen praktikablen Begriff von Weltrevolution, die ja zunächst einmal nur bedeutet, die ganze Welt, so wie sie ist, mit seinem Denken zu umfassen wie die werdende Mutter ihr Baby im Bauch, sucht man dort vergeblich. Die radikale Linke ist nicht auf der Höhe der Zeit, sie wird den revolutionären Moment des Oktobers 2017 nicht ergreifen, sondern allenfalls des Oktobers 1917 gedenken. Realistischerweise bleibt also nur die Möglichkeit, dass die Männer im Sicherheitsapparat Konsequenzen aus ihrer Einschätzung der Lage ziehen und verhindern, dass die Merkel die Geschichte der deutschen Staatlichkeit hier und heute beendet, was ihr auf jeden Fall zuzutrauen wäre. Allerdings steht zu befürchten, dass es auch dort von demoralisierten Schlappschwänzen nur so wimmelt und niemand den Mut findet, den einen Streifenwagen loszuschicken, den´s braucht, um die Verhaftung durchzuführen.

Anna Larina: Das werden wir sehen. Ich bin gespannt, rechne aber, ehrlich gesagt, eher mit deiner Verhaftung, du crazy motherfucker. Aber sei´s drum, der revolutionären Sache wird´s nicht schaden.

* Vorliegender Text ist literarisch aufzufassen

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