und berät den Richtungsstreit innerhalb der Linkspartei bezüglich der Migrationspolitik sowie die sich daraus ergebenden Spaltungstendenzen. Die Zusammenkunft findet in einem türkischen Café unweit der Karl-Marx-Straße in Berlin-Neukölln statt. Die Tasse Kaffee kostet 1,30, der Mohnkuchen 1,50 Euro.

An der Wand neben der Theke hängt ein Flachbildschirm, darunter kleine Tische mit Stühlen. Gegenüber die Fensterfront mit Blick auf eine Promenade der sozialen Spaltung hinter einem Hochtisch mit Zeitschriftenauslage und Barhockern. Die Querwand mit einer mit schwarzem Kunstleder bezogenen Rückbank. An einem runden Tisch in der Mitte des Raums haben vier Gestalten Platz genommen. Das Zentralkomitee der Zukunft. Einer in schwarzem Ledermantel, mit spitzem Kinnbart, funkelnden Augen, hoher Stirn und Schiebermütze. Nikolaj Bucharin, ein Theoretiker und Bolschewik alter Schule, in Lenins Worten „der Liebling der Partei“. Er hat das Zentralkomitee der Zukunft ins Leben gerufen, bevor er verhaftet und nach einem Schauprozess hingerichtet wurde. Neben ihm eine junge Frau Mitte zwanzig, offenes Gesicht, signifikantes Zusammenspiel von Lippen und Blick, schwarze Haare, streng gescheitelt. Anna Larina, Buchartschiks Frau. Dann einer mit Kapuzenpulli, krausem Bart und Brille. Soloto. Er führt heute Protokoll. Zuletzt noch eine Gestalt, deren Menschlichkeit einem gewissen Zweifel unterliegt, hat sie doch blaue Hautfarbe und gelbe Augen. Sie ergreift das Wort:

»Liebe Genossinnen und Genossen, in meiner Eigenschaft als Höchster Höchstgenosse, als der Genosse Nummer Null, der ideelle Gesamtkommunist, habe ich Euch zu unserer heutigen Dringlichkeitssitzung eingeladen. Es mag sein, dass meine Existenz dem ein oder anderen noch unbekannt ist und deswegen gewisse Berührungsängste entstehen, Hemmungen, mich als einen der Eurigen zu akzeptieren, doch seid versichert, man gewöhnt sich an alles. Aber Spaß beiseite, ich existiere ja nicht wirklich, sondern komme lediglich als Konstrukt daher und repräsentiere in meiner Person die Gesamtheit aller potentiellen und tatsächlichen Kommunisten, also alle Lebewesen, wo gibt. In mir sind alle Beziehungen zwischen allen Elementen; Ideen, Dingen wie Personen. Ich bin organisiert. Organisation erfordert Ordnung. Ordnung gebiert Hierarchie, Hierarchie Autorität (die danach zu beurteilen ist, ob sie die freie Entfaltung der ihr Subjugierten im Rahmen der objektiven Gegebenheiten fördert oder behindert). So ist das. Doch ich pfeife auf Autorität, mag ich auch die Autorität schlechthin sein, das letzte Wort vor der Stille. Ich überlasse sie jedem, der sie haben will. Deswegen bin ich der Genosse Nummer Null. Ich lade Euch ein, euch selbst als Höchsten Höchstgenossen anzusehen, die Welt durch meine Augen zu betrachten. Seid der Gesamtzusammenhang, seid die systemische Ordnung der Dinge, seid Sozialismus. Verwerft, was ihr missbilligt. Durchdringt die Probleme, entwickelt Lösungen, die funktionieren, zu denen ihr stehen könnt. So jongliere ich die Elemente. So bin ich Revolution.

Doch weisen meine Augen einem jeden sein Etikett zu. Das heißt nicht, ich vergäße, dass ein jeder Mensch als potentieller höchster Höchstgenosse angesehen werden kann, doch bevorzuge ich privat eher die Menschlichkeit des Alltäglichen, weswegen ich ebenso menschliche Urteile abgebe. Ein Etikett verteile ich übrigens immer: Mensch. Dann mache ich mir auch schon Gedanken über die Geschlechter*. Selbst die Kategorisierung nach hineingeborener Gruppenzugehörigkeit vergesse ich nicht. Das sind die Sippen, Ethnien und Nationen, die es hier auf Erden so gibt. Wichtiger aber sind die selbsterworbenen Etiketten, die sich auf Geisteshaltung und Verhalten, erlittenes Unrecht und Benachteiligungen sowie Verdienste und Privilegien beziehen. So erfasse ich einen jeden mit meinem Geiste und weise ihm den Platz in meinem Herzen zu, der ihm gebührt. Ich balanciere die Bedürfnisse des Einzelnen mit denen der Gesamtheit aus. Das ist meine Gerechtigkeit. Wer sie sieht, wirft einen Blick auf die Idee des Kommunismus.«

Nikolaj Bucharin: »Danke, Genosse Nummer Null, aber wir sind hier, denke ich, alle sehr weit davon entfernt, die Idee des Kommunismus zu sehen. Wir haben sie alle – man weiß, warum – aus dem Auge verloren.«

Anna Larina: »Kolja, nie, wirklich nie habe ich den Glauben an den Kommunismus verloren. Nicht im Lager, nicht im hohen Alter.«

Nikolaj Bucharin: »Trotzdem müssen wir heute einen Richtungsstreit in der deutschen Linkspartei diskutieren, bei dem führende Genossen einander den Rücktritt nahelegen oder mit Parteiaustritt drohen. Die Lage ist Besorgnis erregend. Die Partei hat mehr als 400.000 Wähler an die weit ins rechtsextreme Spektrum hinein offene AfD verloren, vorwiegend im Osten Deutschlands, dem ehemaligen Stammland. Die Genossen Wagenknecht und Lafontaine machen dafür die Flüchtlingspolitik verantwortlich, da deren Unbillen vor allem die sozial Schwachen hierzulande zu spüren bekämen. Die meisten übrigen Genossen wollen dagegen keine Kursänderung in der Flüchtlingspolitik. Kompliziert wird das Ganze noch durch verschiedene persönliche Animositäten, die für die Betroffenen sicherlich sehr verletzend waren, aber selbstredend nicht damit vergleichbar sind, wie wir noch in den Dreißigern miteinander umgesprungen sind.«

Anna Larina: »Oh ja. Das war so schrecklich, als sie Dich geholt haben. Wir konnten nichts tun, waren so ohnmächtig, hatten zuschauen müssen, wie sich die Schlinge langsam immer enger zog und haben doch gehofft, bis zum letzten Atemzug. Und ich habe nie aufgehört, Dich zu lieben, auch wenn ich nach dem Lager einen anderen geheiratet habe, was für uns beide, ehrlich gesagt, auch nicht leicht war, mit Dir als meinem Witwer zu leben, aber Du warst es schließlich, durch den ich die Idee des Kommunismus gesehen habe.«

Soloto: »Soll ich das jetzt auch zu Protokoll geben? Ähm, ich hoffe, das war jetzt nicht falsch, was ich gesagt hab.«

Genosse Nummer Null: »Kommt ganz drauf an. Wenn du meinst, die Liebe einer Frau sei politisch nicht relevant, müssten wir dir das natürlich als Sexismus ankreiden. Aber egal. Es ist eine im Gesamtzusammenhang nachrangige Frage, die wir auf später vertagen. Sag doch lieber erst Mal etwas zu dir. Ich finde die Unscheinbaren ja immer ein wenig verdächtig.«

Soloto: »Also, Soloto ist natürlich nicht mein richtiger Name, es ist mein Nom de guerre, wobei die Art meiner Kriegsführung als gewöhnungsbedürftig aufgefasst werden könnte, da ich meine Gegner durch Menschlichkeit zu entwaffnen oder sie zumindest dahin zu bringen versuche, in mir den Menschen zu sehen, bevor ihm das Etikett „Feind“, „Linker“ oder auch „Querfrontler“ angeheftet wird, was natürlich erfordert, dass auch ich versuche, mich einem jeden mir begegnenden Menschen gegenüber erst einmal korrekt zu verhalten. Manchmal klappt das sogar. Im Netz erstaunlicherweise auch mit AfD-Sympathisanten, während ich von Personen aus dem linken Spektrum öfters eins auf die Mütze kriege. Die Grünen und ich sind uns nicht wirklich grün. Vom militärischen Standpunkt aus gesehen müsste man mir diese Herangehensweise wohl als Hochverrat auslegen und mich dafür an die Wand stellen, doch ermöglicht sie es mir, ein gewisses emotionales Gespür für das nicht-eigene Lager zu behalten, zudem ich jemand bin, der lieber deeskaliert. Doch davon abgesehen: Wenn´s hart auf hart kommt, unterzeichne natürlich auch ich den „Keinen Schritt zurück!“-Befehl Stalins.«

Genosse Nummer Null: »Schon gut, Soloto. Das dürfte reichen.«

Soloto: »Wenn nicht, ist auch nicht so schlimm. Bin in der Hinsicht so einiges gewohnt. Jedenfalls sind die Themen, über die wir uns unterhalten müssen, ja ohnehin sehr emotional besetzt. Es vergeht mittlerweile kaum mehr eine Woche in x-Land, in der es nicht irgendwo zu einer schwerwiegenden oder spektakulären Straftat kommt, welche von zugewanderten Elementen begangen wurde. Mord. Vergewaltigung. Messerattacken. Schießereien. Massenschlägereien. Dazu Terrorattentate als gesonderte Kategorie. So aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass die Sicherheitslage hier und jetzt ungefähr mit der israelischen während der Messer-Intifada zu vergleichen ist, was eine signifikante Verschlechterung darstellt, auf die bisher nicht angemessen reagiert worden ist, was zukünftig jedoch wahrscheinlich von der neu im Bundestag vertretenen AfD eingefordert werden wird, was es für die Fraktionsspitze der Linkspartei erforderlich macht, überzeugende Positionen zu beziehen, mit denen sie argumentativ bestehen kann. Dabei versteht es sich von selbst, dass die Leugnung des Problems sowie seiner negativen Bewertung keine realistischen Optionen darstellen. Diese Einsicht ist jedoch anscheinend noch nicht bis zu den Kritikern von Wagenknecht und Lafontaine durchgedrungen. Wobei jedoch auch anzumerken ist, dass keiner von beiden seine Forderung nach einer Neuausrichtung in der Migrationspolitik mit innerer Sicherheit begründet hat, sie vielmehr den Zugang über die soziale Gerechtigkeit gewählt haben, was man ihnen allerdings nicht zum Vorwurf machen kann, da sie andernfalls Gefahr gelaufen wären, entsprechende Diskussionen am Hals zu haben. Jedenfalls würde ich Frau Genossin Wagenknecht zustimmen, wenn sie sagt, dass es sich einige mit der Flüchtlingspolitik zu einfach gemacht haben und hinsichtlich der bisher vorliegenden Erwiderungen ist diese Einschätzung meiner Meinung nach auch ohne Abstriche aufrecht zu erhalten, die Entgegnung Gregor Gysis nicht ausgenommen, dessen Analyse des geopolitischen Kontextes nicht auf der Höhe der Zeit ist, was ich für bedenklich halte, da eine korrekte Lageeinschätzung für eine effektive Justierung der Stoßrichtung von Vorteil ist, auch um Kollateralschäden wie den Brexit künftig zu vermeiden. Oder den, dass der Genosse Nummer Null anfängt zu weinen.«

Genosse Nummer Null: »Ja, ich drück gern mal auf die Tränendrüse, das stimmt. Im Selbstmitleid zeige ich mein Mitgefühl. Und wirklich habe ich allen Grund dazu, denn das Leid der Geflüchteten ist ja auch mein Leid. Auf der Welt ist sehr viel Leid. Das jedoch ist nicht zum ersten Mal in der Geschichte der Fall. Womit ich freilich nicht gesagt haben will, man solle sich dem Leid gegenüber so verschließen, wie Stalin es tat. Doch würde ich dazu raten, den für eine Analyse nötigen Abstand zu wahren. Es geht hier um Leben und Tod, nicht nur der Menschen auf der Flucht oder der ortsansässigen Bevölkerung, sondern auch um das unserer eigenen Leute, da mittelfristig nicht auszuschließen ist, dass einzelne nazistische Elemente in ihrem Verblendungszusammenhang ein Massaker wie seinerzeit in Utøja planen und ausführen könnten. Das will bedacht sein, wenn man den Ton anschlägt, nach dem in der kommenden Zeit die Musik spielt.«

Nikolaj Bucharin: »Übrigens haben wir in der Sowjetunion ja die klassische Musik sehr hoch geschätzt und ihr einen bedeutenden Platz innerhalb der sozialistischen Kultur zugewiesen. Wir haben Wert auf Disziplin und Haltung gelegt. Seid bereit, allzeit bereit!«

Anna Larina: »Ok, dann wären wir so weit. Poechali!«

Soloto: »Gut, dann leg ich los. Obwohl ich ja, wie man sich denken kann, nicht so einen Bock drauf habe und mich lieber mit meinem eigenen Kram beschäftigen würde, das heißt, eigentlich irgendwie auch nicht, weil Jobcenter und so. Überhaupt dürfte ich aufgrund meines nicht nennenswerten Engagements in Sachen Flüchtlingsintegration kaum der Richtige zur Behandlung dieses Themas sein, aber vielleicht ja auch doch. Jedenfalls würde ich sagen: Mein linker, linker Platz ist frei und ich wünsche mir die … herbei, auf dass sie mich mit ihrer größeren Erfahrung korrigiere, wenn ich falsch liegen sollte. Im Übrigen ist solidarische und sachliche Kritik ja immer willkommen. Konkrete Lösungsvorschläge, wie die Schutzbedürfnisse der Geflüchteten mit den kulturellen Entfremdungsprozessen der nicht zugewanderten Bevölkerung sowie den Erfordernissen der verschärften Sicherheitslage ausbalanciert werden können, hat das Zentralkomitee der Zukunft ja bereits bei seiner vorherigen Sitzung, der konstituierenden, unterbreitet, weswegen ich sie hier nicht wiederhole, doch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass wir im Vorfeld diskutiert haben, die Losung „Niemand ertrinkt, niemand wird vergewaltigt“ auszugeben. Das wäre der Idealzustand. Doch müssen wir uns damit abfinden, dass es vorerst eine Menge Leid auf dem Planeten gibt, das wir nicht von heute auf morgen abstellen können, weswegen wir uns nicht von Ereignissen, so grauenhaft sie auch sein mögen, aus der Ruhe bringen lassen dürfen, was allerdings nicht miteinschließt, die Alarmiertheit nicht wahrzunehmen. Es kommt darauf an, ein jedes Element genau zu analysieren und zu identifizieren, um dann zu einer Bewertung und zu angemessenen Schlussfolgerungen zu kommen. Dieser Prozess, die Etikettierung, von der der Genosse Nummer Null vorhin sprach, muss bei nennenswerten Teilen der Linken als defizitär bewertet werden, da zu viele mentale Ressourcen darauf verwendet werden, sich im Sinne der Etikettierungen beziehungsweise Handlungsmaximen „Geflüchteten helfen“ und „Rassisten bekämpfen“ zu betätigen. Dies hat eine gewisse Verengung des Blickfeldes zur Folge, da andere Bereiche wie Kapitalismuskritik und Klassenkampf, Rekonzeptionalisierung eines postklassisch marxistisch-leninistischen Sozialismus sowie eine Adaption des Antiimperialismus an die Realitäten einer ins Chaotische abdriftenden multipolaren Welt in den Hintergrund treten oder ganz auf der Strecke bleiben. Erschwerend kommen häufige Fehletikettierungen als „Rassist*in“ und dergleichen hinzu, häufig auch gegen eigene oder wohlgesonnene Leute, die als beständige Gefahr einzukalkulieren sind, so man keine Rassismusbeschuldigungserfahrung machen will, weswegen der Umgang mit manchen Personen aus dem linken Spektrum eine Handhabung wie bei einem Sicherheitsrisiko als erforderlich erscheinen lassen kann. Mitunter drängt sich regelrecht der Eindruck auf, keine Verbindung auf rationaler Basis mehr knüpfen zu können. Man muss damit umgehen, dass Genossen in einem völlig eigenen Bezugssystem leben, dessen Kompatibilität mit der Welt, wie man selbst sie nach objektiven Maßstäben zu sehen gelernt hat, nurmehr eine eingeschränkte ist. In der Linkspartei ist diese Fraktion unter dem Namen „Mittelerde“ bekannt, doch weiß ich nicht, ob sie ihren Namen auch aufgrund diesen Zusammenhanges erhalten hat. Jedenfalls kann es bei Diskussionen pro oder contra Abschiebung zugewanderter krimineller Elemente, nur mal so als privates Beispiel, vorkommen, dass eingefordert wird, dann doch bitte gefälligst auch deutsche Verbrecher abzuschieben, da andernfalls eine diskriminierende Ungleichbehandlung vorläge, ohne dabei jedoch ins Auge zu fassen, dass sich gerade in dieser Ungleichheit eine Gleichheit manifestiert, da im Ausland straffällig gewordene Deutsche im Gegensatz zu dort Einheimischen ebenfalls mit einer Ausweisung nach Strafverbüßung rechnen müssen. Bei Diskussionen solcher Art ist es natürlich eine Kraft raubende Herausforderung, nichts zu sagen, was als rassistisch klassifiziert werden kann, die obendrein keine Gewähr bietet, dass die Basics verstanden und vom Gegenüber in die eigene Haltung integriert werden. Geschieht dies nicht, so können intellektuelle Fehlentwicklungen die Folge sein, die schlimmstenfalls in einer Abkapselung mit selbstverstärkender Gruppendynamik und einer vielleicht gar nicht als solcher wahrgenommenen Verfälschung des Kontaktes zu Elementen außerhalb der entsprechenden Filterblase münden können.

Wobei ich mich, aber das nur nebenbei, ja sowieso immer gefragt habe, wie man gleichzeitig sein Land verachten und es als unzumutbare Höchststrafe ansehen kann, jemanden desselbigen zu verweisen. Eine Kleinigkeit ist das natürlich nicht. Es bedarf schon einer gewissen Härte, das durchzuziehen und mitzutragen. Deswegen ist es auch hier wichtig, nicht die Falschen zu treffen. Womit wir wieder bei der Etikettierung wären. Mit dem seit dem Jahr 2015 in Gebrauch gekommenen Begriff „Geflüchtete“ bezeichnen wir Menschen, die über die Balkanroute oder das Mittelmeer nach Deutschland und Europa kommen. Wir gehen sicher nicht fehl in der Annahme, dass viele aus Kriegs- oder Krisengebieten aufgebrochen sind, müssen aber andererseits auch damit umgehen, dass viele keine Dokumente vorweisen, was sowohl eine zweifelsfreie Identifizierung als auch eine Ausweisung bei nicht gewährtem Asylantrag erschwert oder verunmöglicht. Da Ausweise jedoch abfotografiert und als Jpeg im eigenen Emailpostfach oder andernorts online abgespeichert werden können, erscheint es nicht glaubwürdig, wenn jemand seine Identität nicht nachweisen kann. Insofern ist die Behauptung, sich nicht ausweisen zu können, als Betrugsversuch zu werten, um auf diese Weise die Bewilligungschancen für einen Asylantrag zu erhöhen und das Risiko einer Abschiebung im Falle einer Ablehnung zu minimieren. Nun versteht es sich von selbst, dass das ein ganz schlechter Einstieg in einen Integrationsprozess ist und man täte gut daran, dieses und anderes klar zu benennen, wenn man nicht fortgesetzten Respektlosigkeiten Vorschub leisten beziehungsweise seine Filterblase so justieren will, dass man alles Unpassende ausblendet. Bei den übrigen, die nicht in diese Kategorie gehören und deren Aufenthaltsstatus auf der Kippe steht, wäre nach der Einschätzung des Integrationskurslehrers zu fragen. Wenn man sich in deren Zirkeln so umhört, bekommt man den Eindruck, höchstens dreißig Prozent der Geflüchteten seien integrierbar. Ferner könnte man darüber nachdenken, politisches Asyl nur jenen zu gewähren, die sich auch politisch betätigt haben, also organisiert waren, publiziert haben oder dergleichen. Zunächst einmal muss es ja darum gehen, Genossen sowie Aktivisten weltanschaulich kompatibler Organisationen in ihrem Einsatz in ihrem jeweiligen Land zu unterstützen. Dass dieser nicht ohne Risiko ist, weiß jeder politisch Aktive, doch scheut er seinen Einsatz nicht, will er doch die jeweiligen Zustände verbessern. Sollten ihm deswegen nun so schwerwiegende Repressionen drohen, dass eine Flucht unvermeidlich ist, so ist er bedingungslos zu unterstützen. Doch sollte jedem, der hier einfach so reingeschneit kommt und Asyl beantragt, die Frage vorgelegt werden: Wo warst du organisiert, Mann? Immerhin dient das Recht auf politisches Asyl dazu, Menschen in ihrem Engagement zu bestärken und bezweckt nicht, unpolitischen Elementen eine bequeme Möglichkeit zu geben, sich vor der politischen Arbeit zu drücken. Bei Gruppenverfolgung aufgrund eines kollektiven Identitätmerkmals sollten natürlich die zuständigen Gremien die politische Gesamtentscheidung treffen.

Jedenfalls dürfte mittlerweile an jeden Geflüchteten fundiert ein Etikett vergeben werden können: sinnvoll integrierbar oder nicht. Bleibt die humanitäre Seite der Angelegenheit, also die Gründung von Migrantopolis im arabischen und/oder afrikanischen Raum als neuen Städten, wo Geflüchtete sowie alle, die sich für ungewöhnliche Projekte interessieren, etwas Neues aufbauen können. Auch darüber sprachen wir ja bereits.

Nikolaj Bucharin: Choroscho, Towarisch Boloto, äch, pardongtschik, Soloto, du hast jetzt also die Grundzüge eines Etikettierungsverfahrens entworfen, was eine sehr verantwortungsvolle Tätigkeit darstellt, da das Schicksal vieler Menschen davon abhängt. Man wird dich dafür mit jenen vergleichen, die in Auschwitz an der Rampe standen, was vom Prinzip her nicht ganz unzutreffend ist, da die Arbeitsprozesse in beiden Fällen als solche der Selektion bezeichnet werden können. Da gibt es nichts kleinzureden. Aber wenn´s dich tröstet, zumindest ich sehe noch den Unterschied, ob man Menschen nur verschiedene Aufenthaltsorte zuteilt oder ob man die einen in den Tod und die anderen in die Zwangsarbeit schickt, zudem natürlich noch darauf hingewiesen werden muss, dass es sich bei den Opfern des Holocausts in der Mehrzahl um Staatsbürger zuvor überfallener Länder handelte, es aktuell aber um Menschen geht, die ungefragt das Staatsgebiet anderer Länder betreten.

Soloto: Ja, das ist eine sehr unangenehme Frage, die ich mir da vorzulegen habe. Wahrscheinlich wäre es bequemer, mich vor der ganzen Angelegenheit zu drücken, doch gehöre ich nicht zu denen, die es sich immer in allem einfach machen. Dafür ist aber auch das vom Zentralkomitee der Zukunft aufgesetzte Konzept über die Grundlagen des zukünftigen Einwanderungsgesetz bedeutend nachhaltiger. Doch wie dem auch sei, derzeitige Hauptaufgabe aller verantwortungsbewussten Genossen dürfte es sein, einen belastbaren Zugang zu allen relevanten Elementen des linken Spektrums aufzubauen, deren Verhalten als selbst- oder fremdgefährdend qualifiziert werden muss, um noch größeren Schaden abzuwenden, was nicht einfach werden dürfte, bedenkt man, mit welcher Leichtfertigkeit und Blindheit aktuell auch in Katalonien agiert wird.

Anna Larina: Ein solidarisches Europa und eine sozialistisch geprägte Gesellschaft wird es nur geben, wenn wir diesen Staat zu dem unsrigen machen, was dadurch gelingen wird, dass wir von allen relevanten gesellschaftlichen Gruppen als die, gemessen an der Folie der objektiven Notwendigkeiten, staatstragendste Kraft anerkannt werden. Am schließlichen Erfolg dieser strategischen Ausrichtung zweifle ich nicht im Geringsten, denn meinen lebenslangen Glauben an die Idee des Kommunismus habe ich auch deswegen bewahrt, weil ich mich davon überzeugen konnte, dass jene, die mir Buchartschik nahmen, sowie ihre Nachfolger trotz all der Dinge, die sie angerichtet haben, das nukleare Feuer am verantwortungsbewusstesten zu handhaben verstanden. Die Idee des Kommunismus ist größer und wird immer größer sein als ihr dunkles Gegenstück vom atomaren oder wie auch immer gearteten Untergang der Welt.

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