Der nächste Künstler, dem sich Uli Hufen in seinem Buch „Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin“ widmet, ist der Leningrader Barde Arkadij Severnyj, der in den Siebzigern neben Wladimir Wyssotzkij populärster Singer/ Songwriter der damaligen Sowjetunion war. Ich selbst bin ja nur ein mäßiger Fan des Singer/ Songwriter Genres, was als Entschuldigung dafür herhalten muss, dass ich trotz meines Interesses an russischer Kultur bisher noch keinen Arkadij-Kontakt hatte. Und so stehe ich nun also vor dem Mysterium, im Jahre 2015 erstmals auf einen Giganten zu treffen, den ich auch schon 2001ff hätte kennen lernen können. Ich erinnere mich nämlich dunkel, wie mir der Name damals genannt wurde. Aber ich dachte wohl etwas wie: „Ach was, auch nur ein weiterer Singer/ Songwriter aus den Siebzigern. Da reichen mir, ehrlich gesagt, meine drei Wyssotzkij-Kassetten völlig aus und ansonsten hör ich halt den eh viel zeitgemäßereren Russendisko-/ Balkanbeats-Sound.“ Insbesondere Bands wie La Minor, Leningrad oder Fanfare Ciocarlia hatten es mir damals angetan. La Minor waren mit ihrer Ganovenromantik, ihrem herzhaft schmissigen Sound und dem Besingen des melancholischen Abhängens und Trinkens für mich eine Zeitlang die bedeutendste Band der Welt.

Arkadyj Severnyj – der Pate unter den Gangsterchansonniers

Na ja, und wie gesagt bin ich jetzt auf einen gewissen Arkadij Severnyj gestoßen und muss feststellen, dass so ziemlich alle Songs, deretwegen ich La Minor rauf und runter gehört, eng und innig geliebt habe, auch schon von Arkadij Sewernyj gesungen wurden. Für mich ist das geradezu erschütternd. Nicht, dass ich gedacht hätte, La Minor hätten alle ihre Songs selber geschrieben – mir war schon klar, dass sie auf traditionelles Material zurückgriffen, das sie zeitgemäß aufpolierten. Ich wusste halt nur nicht, dass es von den Songs bereits quasi kanonisierte Versionen gab. Dabei gesungen von einem Menschen, dem man ob seines Lebenswandels nicht anders als den höchsten Respekt erweisen kann. Sewernyj war nämlich nicht wie Leonid Utjossov, über den ich letzte Woche geschrieben habe, ein Karrierist des sowjetischen Kulturbetriebs, sondern ein waschechter Undergroundhero, der in seinem ganzen Leben nie im Fernsehen aufgetreten ist und nur ein einziges Interview gegeben hat. Stattdessen spielte er seine unzähligen Konzerte zu Hause, bei Bekannten oder in Restaurants und Bars. Die wurden dann meist auf Tonband mitgeschnitten und unter der Hand in der ganzen Sowjetunion vertrieben. Wer einmal seine markante und kehlige Stimme hört, die den Eindruck eines umfassenden Lebenswissens vermittelt, weiß, warum. Stets wird ihm nachgesagt, mit den Songs und ihren diversen lyrischen Ichs bis zur Ununterscheidbarkeit zu verschmelzen. Alles in allem spielte Arkadij Severnyj so mehr als 200 Alben ein. Das ist eine Anzahl, mit der man selbst einen Musikfachmann erschlagen könnte. Zwar ist davon im (russischen) Internet viel verfügbar, doch sorgen die Lizenzbedingungen dafür, dass man es in Deutschland oft nicht anhören kann. So muss man sich hierzulande also mit Youtube-Playlists und Ähnlichem begnügen und kann sich nicht einfach ganze Alben anhören. Andererseits sind mp3s aber eh nicht das richtige Medium für diese Art von Musik. Auch CDs wirken zu modern, während Vinyl-LPs dafür zu elitär sind (von Severnyj wurde beispielsweise nur eine einzige LP gepresst, 1990, kurz vorm Zusammenbruch der Sowjetunion und der russischen Vinylindustrie). Das einzig adäquate Medium für diese Art von Musik scheint mir die Audiokassette zu sein. Oder vielleicht noch in Röntgenbilder gestanzte LPs, wie sie in den Sechzigern und Siebzigern in der SU weite Verbreitung hatten, doch sowas gibt´s hierzulande natürlich nicht.

Severnyj – das Phantom

Viel ist nicht über Severnyj bekannt. Es heißt, er habe nur zwei Interessen gehabt: pet‘ i pit‘ – singen und trinken. Beiden Leidenschaften gab er sich, nachdem er sein bürgerliches Leben als verheirateter Holzfachhandelsexperte an den Nagel gehängt hatte, hemmungslos hin. Nahezu sein gesammtes überliefertes Werk entstand im Zeitraum von 1972 bis 1980, in dem sich Severnyj, Jahrgang 1939, auch zu Tode soff. Während eines siebentägigen Gezeches kippt er am 12.4.1980 tot um. Sein einziger Entzug 77/78 währte immerhin ein ganzes Jahr, eine kurze dritte Ehe gab ihm in dieser Zeit zusätzlichen Halt.

Es ist rückblickend nicht ganz klar, warum der eigentlich eher unpolitische Trinker Severnyj, der ja eine gewisse Kompatibilität mit dem sowjetischen Leben in seiner Zeit bei der Armee, an der Universität und in der Holzindustrie unter Beweis gestellt hatte und noch dazu nicht mit einem extravaganten Äußeren (er trug meist Anzug mit Krawatte) auffiel, keine Chance im sowjetischen Showbizz bekam. Einerseits mögen dafür tatsächlich die Texte einiger seiner Lieder verantwortlich sein – in „Gorod Anapa“ singt er beispielsweise über Haschisch und stimmt ansonsten auch die das kriminelle Leben verherrlichenden Blat-Chansons wie „Gop so smykom“ oder „S odesskogo kitschmana“ an – andererseits schöpfte er aber aus einem so breiten Fundus an Liedern, bei denen er sich bald auch von verschiedenen Bands begleiten ließ, dass er prinzipiell hätte integrierbar sein müssen. Dass dies nicht geschah, spricht für die unglaubliche Verspießtheit des späten Sowjetkommunismus. Dessen Apparatschiks konnte man es wohl nur schwer recht machen: So wurde beispielsweise Severnyjs erster Produzent, Rudolf Fuks, aufgrund seines Handels mit Tonbandaufnahmen wegen „illegalen Unternehmertums“ zu Lagerhaft verurteilt. Tat man dagegen nichts, war das auch nicht recht: Dann nämlich konnte man wegen „Nichtstuns“, Tunejadstwo, ins Gefängnis gesteckt werden. Schon komisch, dass der Kommunismus, dieser unerschöpfliche Quell erhabenster Inspirationen, ausgerechnet an kultureller Borniertheit zugrunde gehen musste.

Seltsame Sitten waren das jedenfalls! Doch die Zeiten überdauert haben zum Glück die Lieder, Songs wie „Dwa Ewreja„, in dem die jüdische Emigration aus der Sowjetunion in Form einer Burleske über eine Flugzeugentführung besungen wird, oder „Schto-to sigareta gasnet„, wo bei einer Zigarette über eine Trennung sinniert wird, oder schlussendlich „Gody mtschatsja“ – „Die Jahre fliegen vorbei.“

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