Gelegentlich ist über eine angebliche Stasi-Tätigkeit der derzeit nur geschäftsführenden Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel spekuliert worden, meist wenig fundiert, doch existieren tatsächlich einige Anhaltspunkte, die dafür sprechen und mit denen ich mich deshalb in vorliegender Untersuchung auseinandersetze.

Das Bild, das Frau Merkel selbst von ihrem Leben in der DDR zeichnet, ist das einer Pfarrerstochter und systemkritischen Physikerin, die erst im Zuge der Wende als „verschärfte Seiteneinsteigerin“ in die Politik gegangen sei. Die Journalisten Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann, deren 2013 erschienenem Buch „Das erste Leben der Angela M.“ das eben angeführte Zitat entnommen ist (S.14), konnten in ihrer Rekonstruktion der DDR-Vergangenheit Angela Merkels jedoch nachweisen, dass dieses Bild nicht der Wahrheit entspricht. Zwar war ihr Vater Horst Kasner tatsächlich Pfarrer, aber eben auch bestens vernetzter und System treuer Kirchenfunktionär, der federführend an der Integration der noch widerspenstigen evangelischen Kirche in den SED-Staat mitwirkte, was Frau Merkel jedoch unter den Tisch fallen lässt. Auch ihre Behauptung, sie sei eine Seiteneinsteigerin, lässt sich kaum aufrecht erhalten, da sie seit ihrer Schulzeit aktiv in politischen Organisationen wie der FDJ und dem FDGB mitgearbeitet hat, stets in verantwortlicher Position ihres jeweiligen Kollektivs, sowie die mit diesen Funktionen verbundenen Schulungen in Marxismus-Leninismus absolviert beziehungsweise auch erteilt hat. Fasst man ihren politischen Lebenslauf nun tabellarisch zusammen, so stellt sich das Ergebnis wie folgt dar:

Der politische Lebenslauf der Angela Merkel (bis 1990)

1954 in Hamburg geboren, im selben Jahr Übersiedlung der Familie in die DDR

ab 1957 wohnhaft in Templin

1962-1968 Mitglied bei den Jungen Pionieren (Reuth/Lachmann, S.37)

1968-1984 Mitglied bei der Freien Deutschen Jugend (FDJ), meist in leitender Position ihres jeweiligen Kollektivs

davon:

1968-1973 als stellvertretende FDJ-Sekretärin ihrer Klasse an der Erweiterten Oberschule Templin (Reuth/Lachmann, S.50 und 69)

1973-1977 Mitglied der FDJ-Grundorganisation der Sektion für Physik an der Karl-Marx-Universität Leipzig, zuständig für Agitation und Propaganda (Reuth/Lachmann, S.86)

1977-1984 Mitglied der FDJ-Grundorganisation am Zentralinstitut für physikalische Chemie der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin in verschiedenen Funktionen (Kultur, Agitation und Propaganda sowie Leitung) (Reuth/Lachmann, S.110-114).

mindestens 1981 bis längstens 1989: Mitglied der neunköpfigen FDGB-Betriebsgewerkschaftsleitung der Akademie der Wissenschaften, welche 22.500 Mitarbeiter hatte. In diesem Gremium zuständig für Jugendarbeit (Reuth/Lachmann, S.119f), wahrscheinlich bis zum Ende ihrer FDJ-Laufbahn 1984. Auch wenn ihr Name erst in Dokumenten ab 1981 auftaucht, bedeutet das nicht, dass sie erst ab diesem Zeitpunkt beim FDGB gewerkschaftlich aktiv war, da Neumitglieder ihre Tätigkeit für gewöhnlich nicht in Leitungsgremien beginnen.

ab Oktober 1989: Mitglied beim vom MfS-Mitarbeiter Wolfgang Schnur geleiteten Demokratischen Aufbruch (Reuth, Lachmann, S.175)

ab April 1990: Stellvertretende Pressesprecherin des Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maiziére, ebenfalls MfS-Mitarbeiter (Reuth, Lachmann, S.241)

ab August 1990: Mitglied der Ost-CDU, mit der sich der Demokratische Aufbruch vereinigt hatte  (Reuth, Lachmann, S.262)

Sowie, wie zu zeigen sein wird:

1973 bis 1990: Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit

19?? bis 19??: Mitglied eines informellen Netzwerks

Ihr politisches Curriculum vitae weist also die mustergültige Geradlinigkeit der Karrieristin auf, von einer erklärungsbedürftigen fünfjährigen Lücke abgesehen, die wir weiter unten erörtern werden. Doch treten wir zunächst an, ihre Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit zu beweisen.

Die Grenzkontrolle

Dieser Beweis kann nach Aktenlage erbracht werden. Die entsprechenden Dokumente sind bei Reuth und Lachmann zitiert, welche sie von einem gewissen Günther Walther, einem ehemaligen Kollegen von Frau Merkel, erhalten haben. Doch ist weder bekannt, wie Walther in den Besitz der amtlichen Dokumente gekommen ist, noch, warum er diese weitergegeben hat. Der dort dokumentierte Vorfall ereignete sich am 12.08.1981 gegen 21:10 Uhr in Frankfurt/Oder auf der Rückfahrt einer von Angela Merkels drei Polenreisen nämlichen Jahres, bei der sie sich in Begleitung eben jenes Walthers befand. In Polen hatte sich im Jahr zuvor die unabhängige Gewerkschaft Solidarność gegründet, es wurde gestreikt und Ende 1981 schließlich das Kriegsrecht verhängt. Die Situation war also sehr angespannt. Bei der Grenzkontrolle nun wurde in Angela Merkels Gepäck eine Solidarność-Zeitschrift und ein dazugehöriges Gewerkschaftsabzeichen entdeckt, woraufhin sie (ohne Walther) aus dem Zug geholt und eine Sofortmeldung mit der Nummer 04-32-293-31 an den Operativstab der Hauptverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit abgegeben wurde. Das Mitführen einer Solidarność-Zeitschrift stellte dabei ein ungleich schwereres Vergehen dar als das Einschmuggeln bürgerlicher Westliteratur (Zeitungen, Zeitschriften, Bücher), was zwar ebenfalls verboten, aber nicht konterrevolutionär war. Oppositionelle linke Literatur dagegen, die den Alleinvertretungsanspruch der jeweiligen kommunistischen Partei gegenüber der Arbeiterklasse bestritt, war auf radikalste Weise staatsgefährdend, da es die Legitimation des herrschenden Systems an dessen Wurzel negierte. Ein Einführen solcher Literatur stellte somit einen Verdachtsmoment dar, dass die damit aufgegriffene Person ein Übergreifen der zu diesem Zeitpunkt in Polen stattfindenden „konterrevolutionären Erhebung“ auf die DDR zu fördern oder gar herbeizuführen beabsichtigte. Dass der Vorfall von den Grenzbeamten tatsächlich als so schwerwiegend qualifiziert wurde, beweist dabei die Abgabe der Sofortmeldung, die nicht erforderlich gewesen wäre, wenn der Vorfall den Kompetenzbereich der Grenzer nicht überschritten hätte. Doch war dies augenscheinlich eine Angelegenheit, in der die Zentrale entscheiden musste. Und diese entschied, dass Angela Merkel umgehend weiterfahren durfte und auch später keine Probleme bekam. Dies ist in höchstem Maße erklärungsbedürftig, widerspricht es doch der gesamten Systemlogik. Reuth und Lachmann erklären das nun damit, dass Angela Merkel als FDJ-Funktionärin und Mitarbeiterin der Akademie der Wissenschaften ja irgendwie zur Elite im Staat gehört hätte, doch ist kaum vorstellbar, dass die SED-Führung eine gewerkschaftliche Unabhängigkeitsbewegung befürwortet hätte, wenn diese nur von Leuten initiiert worden wäre, die vor ihrem Verrat eine genügend hohe Stellung im Apparat innehatten. Im Gegenteil mussten Angela Merkels Tätigkeiten, vor allem die als FDGB-Funktionärin in der Betriebsgewerkschaftsleitung der Akademie, ja gerade alle Alarmglocken laut losschrillen lassen, da Frau Merkel aufgrund ihrer Funktionen zum Personenkreis derer gehörte, die das befürchtete Übergreifen der „konterrevolutionären Erhebung“ (also der gewerkschaftlichen Unabhängigkeitsbewegung) hätte herbeiführen können, indem sie das Material ihr möglicherweise bekannten, dissidentisch eingestellten Gewerkschaftern zur Verfügung stellt und entsprechend auf sie einwirkt.

Im Protokoll des Vorfalls heißt es nun: „der buergerin war nicht bekannt, dass solche gegenstaende zur einfuhr in die ddr nicht zugelassen sind.“ (Original in Kleinbuchstaben). Doch wussten die Grenzbeamten, dass dies in keinem denkbaren Fall der Wahrheit entsprechen konnte, da bereits jedes Schulkind in der DDR darüber unterrichtet war, dass konterrevolutionäre Propaganda streng verboten ist. Auch hatten die Grenzer ja eben erst eine Auskunft über Angela Merkel eingeholt, die ihnen zumindest die Informationen über ihre offiziellen politischen Funktionen übermittelt hatte. Sie wussten also, dass sie lügt – und haben diese Lüge trotzdem zu Protokoll gegeben. Somit ist im Verhalten der Grenzer eine Schubumkehr zu konstatieren, weg von maximaler Verdächtigung (Abgabe der Sofortmeldung) hin zu maximaler Beschwichtigung („der buergerin war nicht bekannt …“), die eine Veränderung in der Situationsbewertung durch die Grenzbeamten belegt, die theoretisch entweder von Frau Merkel herbeigeführt wurde (beispielsweise durch eine Bestechung, was aber abwegig ist) oder aber durch eine neue Information veranlasst wurde, also durch die Antwort des Operativstabs der Hauptverwaltung Aufklärung auf die eingegangene Sofortmeldung. Und da wir es mit einer 180° Kehrtwende zu tun haben, die zu einer Einstellung des gesamten, bis unmittelbar zuvor noch als äußerst ernst bewerteten Vorgangs geführt hat, wissen wir, dass Angela Merkel zu jenem exklusiven Personenkreis gehörte, der durfte, was sie tat, dass sie also Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit war. Denn nur wer „Schwert und Schild“ der Partei führte, durfte auch im Besitz dessen sein, was er von Amts wegen zu bekämpfen hatte, während selbiger Besitz staatsgefährdenden Schrifttums bei allen Nicht-Stasi-Mitarbeitern, darunter auch Funktionären anderer Organisationen, einen Verdachtsmoment zumindest auf politische Unzuverlässigkeit, wenn nicht schlimmer, begründete, dem vorschriftsgemäß nachzugehen gewesen wäre. Die zu Protokoll gegebene Aussage der angeblichen Unkenntnis Angela Merkels, mit der der Vorgang offiziell abgeschlossen wurde, ist also als bloßes Aufrechterhalten ihrer Legende zu werten, denn natürlich darf der wahre Beruf eines Geheimdienstmitarbeiters nicht in einem x-beliebigen Dokument erscheinen, da die Konspiration unter allen Umständen gewahrt bleiben muss. (Reuth/Lachmann, S.126f).

Dieser Vorfall beweist nun also meiner Einschätzung nach Angela Merkels Tätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit. Er bedeutet aber nicht, dass sie im Auftrag des selbigen die Lage in Polen sondiert hat. Darauf werde ich später zurückkommen, nachdem ich weitere Begebenheiten ihrer Biografie erörtert habe, die nur dann einen Sinn ergeben, wenn Frau Merkel für das MfS tätig war.

Die Betriebsgewerkschaftsleitung

Hierfür lohnt ein Blick auf die bei Reuth und Lachmann zitierten Sitzungsprotokolle der Betriebsgewerkschaftsleitung, der Angela Merkel angehörte. Diese geben ebenfalls einen Hinweis auf ihre Tätigkeit für das MfS. Dort heißt es nämlich des Öfteren, sie sei „dienstlich verhindert“ gewesen (Reuth/Lachmann, S.119f). So unbedeutend diese zwei Worte auch erscheinen mögen, verblüffen sie uns dennoch, war dieses Gremium nach Lage der Dinge doch das höchste offizielle, dem Angela Merkel angehörte, weswegen dessen Sitzungen für sie oberste Priorität hätten haben müssen. Nun ist es aber sehr unwahrscheinlich, dass eben dieses Gremium Angela Merkel regelmäßig gerade dann wegschickt, wenn es tagt. Auch ein Fernbleiben aufgrund ihrer hierarchisch niedriger stehenden FDJ-Tätigkeit ergibt keinen Sinn, da die Mitarbeit in wichtigeren Gremien natürlicherweise Vorrang hat. Was ihre fachliche Arbeit anbelangt, so wird man systemübergreifend für seine politische Tätigkeit von der fachlichen freigestellt und nicht andersherum. So bleibt also auch hier nur die Möglichkeit, dass sie noch für eine weitere, hierarchisch höher stehende Organisation tätig war, denn sonst hätte der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung, der die Freistellung erteilt haben muss, diese nicht gegeben. Da von ihrer Mitarbeit bei dieser Organisation aber weder Dokumente existieren, noch die Zeitzeugen, mit denen Lachmann und Reuth sprachen, einen Hinweis gaben (das Schweigegebot, ehemalige MfS-Kollegen nicht namentlich zu nennen, ist als Ehrenkodex auch nach Auflösung des MfS in Kraft geblieben, siehe unten), bleibt auch hier wieder nur die Möglichkeit, dass es sich dabei um eine klandestine Organisation gehandelt hat, nämlich das Ministerium für Staatssicherheit. Ein anderer Geheimdienst wie der befreundete KGB kommt nicht in Betracht, da sie diesen gegenüber dem Vorsitzenden der Betriebsgewerkschaftsleitung nicht hätte erwähnen dürfen und eine Tätigkeit für diesen im Gesamtzusammenhang ihrer Biografie keinen Sinn ergibt.

Angela Merkel in dissidentischen Kreisen

Ferner ist interessant, welche oppositionell eingestellten Kreise Angela Merkel im Laufe der Jahre alle besucht hat (Reuth/Lachmann, S.95, 128, 163, 165). Angefangen bei der Leipziger Alternativszene im Café Corso Mitte der Siebziger über Hauskreise mit politischen Diskussionen in den Achtzigern bis hin zu den Politveranstaltungen der Wendezeit. Stets wird bezeugt, dass sie sich inhaltlich nicht eingebracht hat, was Reuth und Lachmann, deren Fokus auf der Frage liegt, ob Frau Merkel wirklich so systemkritisch eingestellt war, wie sie heutzutage behauptet, und die im Übrigen eine Überblicksdarstellung abliefern, jedoch nur zu der Einschätzung führt, dass von echtem oppositionellen Engagement von Seiten Angela Merkels keine Rede sein kann. Da ihr seltsam teilnahmsloses Verhalten aber über einen Zeitraum von gut 15 Jahren bezeugt ist, wird man ihr reines Zuhören und Beobachten bei diesen Gesprächs- und Alternativkreisen als Sondierung oder Observation zu bewerten haben. Dass die dabei gewonnenen Eindrücke und Informationen für das Ministerium für Staatssicherheit von Interesse waren, liegt auf der Hand.

Erwähnenswert sind auch ihre Kontakte zum unter Hausarrest gestanden habenden Dissidenten Robert Havemann, die über dessen Stiefsohn Ulrich, eines Arbeitskollegen von Frau Merkel, zustande gekommen sind, da Angela Merkel beim Besuch des Seniors von den sein Grundstück observierenden Stasi-Mitarbeitern fotografiert wurde. Auch hier gilt, dass die bei diesen Besuchen gewonnenen Informationen für das MfS von Interesse waren und nichts über eventuelle negative Konsequenzen, die sich aus diesem Umgang mit einem „staatsfeindlichen Element“ hätten ergeben müssen, bekannt ist. Somit ergibt auch hier nur die Schlussfolgerung Sinn, dass Angela Merkel im Sinne der Staatssicherheit agiert hat (Reuth/Lachmann, S.130f).

Die Lücke im Lebenslauf

Erklärungsbedürftig ist auch die Lücke in Angela Merkels politischem Lebenslauf zwischen 1984, als sie aus Altersgründen aus der Freien Deutschen Jugend ausschied, und 1989, als sie dem vom MfS-Mitarbeiter Wolfgang Schnur geleiteten „Demokratischen Aufbruch“ beitrat. So ist davon auszugehen, dass sie nach ihrem Ausscheiden aus der FDJ auch in der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) der Akademie der Wissenschaften nicht mehr für Jugendarbeit zuständig war, da beide Tätigkeiten einander ergänzen. Ob sie in der BGL danach eine andere Funktion übernommen hat, ist nicht bekannt und so muss zunächst einmal konstatiert werden, dass in ihrem politischen Lebenslauf eine Lücke von fünf Jahren existiert. Nun anzunehmen, dass ein politisch so engagierter Mensch wie Angela Merkel ausgerechnet während der Perestroika-Jahre, also den bis dahin spannendsten ihres Lebens, ihre politische Organisiertheit aufgibt, widerspricht jeder menschlichen Wahrscheinlichkeit. Hätte sie in dieser Zeit nun eine andere offizielle Funktion innegehabt, wären Zeugnisse davon erhalten geblieben oder hätten sich Zeitzeugen erinnert. Insofern spricht auch diese Lücke im Lebenslauf dafür, dass Angela Merkels politische Tätigkeit hauptsächlich im Rahmen des Ministeriums für Staatssicherheit erfolgte und die FDJ für sie nur eine Organisation sekundärer Bedeutung darstellte, die bei ihrem Ausscheiden aus derselbigen nicht zwingend einen Ersatz erforderte. Ihre Karriereambitionen jedenfalls hat sie 1984 nicht aufgegeben.

Unter ferner liefen

Ihre Westreisen geben ebenfalls zu denken. Einmal machte sie einen Abstecher zu einem republikflüchtigen Kollegen (Reuth/Lachmann, S.139), was eine ziemlich heikle Angelegenheit gewesen sein dürfte und die Frage aufwirft, wie dieser Kontakt überhaupt zustande gekommen ist. Ein anderes Mal dagegen, ausgerechnet in der heißesten Phase der Wende kurz vor dem Mauerfall, will sie in Hamburg lediglich den Geburtstag ihrer Großtante besucht haben (Reuth/Lachmann, S.184), was, wer weiß, vielleicht sogar stimmt, aber eben auch ein bezeichnendes Schlaglicht darauf wirft, was für Milchmädchenaussagen über den eigenen Werdegang man der personifizierten Unschuld vom Lande namens Angela Merkel durchgehen lässt. Selbst ihre enge Vernetzung mit in den neuen Oppositions- oder reformierten Blockparteien aktiven Stasikadern wie Wolfgang Schnur beim „Demokratischen Aufbruch“ oder Lothar de Maiziére bei der Ost-CDU wurde ja nicht zum Ausgangspunkt einer ernsthaften Untersuchung.

Jedoch gibt es für das Ausbleiben einer solchen auch einen guten Grund, was nicht unterschlagen werden soll, nämlich die zahlreich erhalten gebliebenen Berichte von IM-Bachmann, der auf Angela Merkel angesetzt war, was einen eventuell vorhandenen Anfangsverdacht zunächst einmal zerstreut, da der ungeübte Westler denken mag, dass, wer observiert wird, nicht selbst zu den Observierenden gehört. Doch sollte man sich vor Augen führen, dass das Ministerium für Staatssicherheit mit seinen knapp 100.000 hauptamtlichen Mitarbeitern erstens kein monolithischer Block und es zweitens bereits im „Muttergeheimdienst“, dem sowjetischen NKWD, Usus war, auch und gerade die eigenen Mitarbeiter zu observieren. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Betrachtet man nun aber den Kontakt zwischen Angela Merkel und IM-Bachmann näher, so springt einem die Offenheit A.M.s ins Auge, die in eklatantem Gegensatz zu ihrem sonstigen Wesen steht. Trotz seiner Neugier (er versucht, sie über eventuell bestehende kirchliche Verbindungen auszuforschen) nimmt sie ihn sogar extra zu ihrem Vater und dessen Gesprächskreis mit und verhält sich ihm gegenüber insgesamt so aufgeschlossen, dass Bachmann ausdrücklich vermerkt, sie seien aber nicht intim geworden. Dieses für Angela Merkel doch recht ungewöhnliche Verhalten deutet nun darauf hin, dass sie an ihm den „Stallgeruch“ der sie beide beschäftigt habenden Behörde wahrgenommen hat, was sie zu signalisieren veranlasste, sie habe nichts zu verbergen. (Reuth/Lachmann, S.132f).

Der Kontext, in dem die Anwerbung erfolgt sein dürfte

Doch wie hat all das begonnen? Wann erfolgte Angela Merkels Anwerbung? Meines Dafürhaltens nach bereits 1973 zu ihrer Oberschulzeit, als sie noch Kasner hieß, 18 Jahre alt war und als stellvertretende FDJ-Sekretärin an einem Skandal beteiligt war. Ihre Klasse sollte im Rahmen einer Vietnam-Soli-Veranstaltung anlässlich des gerade beendeten dortigen Krieges etwas zum Kulturprogramm beisteuern, was der zuständige Klassenlehrer Charly Horn mit der FDJ-Leitung der 12b, also Angela Kasner und einem gewissen Peter Bliss, auch besprochen haben will, doch habe Bliss am Morgen des 17. April, dem Tag der Aufführung, mit der Begründung, kein Programm zu haben, den Auftritt abgesagt, woraufhin Horn darauf bestanden haben will, dass das Versäumnis dann auf der Bühne öffentlich eingeräumt wird, was Bliss auch zugesagt habe. Trotzdem führte die Klasse dann – und das ist allgemein bezeugt – auf der Bühne das Gedicht „Mopsenleben“ von Christian Morgenstern auf, das man als Kritik an der Behäbigkeit der Etablierten interpretieren kann, forderte neben der Solidarität mit Vietnam auch noch die mit Mosambik ein (was einen Verstoß gegen die auf der Veranstaltung zu vertretende Linie darstellte) und sang zum Abschluss die Internationale auf Englisch, der Sprache des Klassenfeindes, über den in Vietnam gerade ein Sieg errungen worden war. Das nur einen Skandal zu nennen, erscheint untertrieben. Die Bewohner der Kleinstadt Templin sprachen von einem Aufstand. Der bei der Veranstaltung anwesende Schuldirektor habe dem verantwortlichen Klassenlehrer Charly Horn dann auf der Stelle ein Nachspiel angekündigt, das in Form einer Befragung Horns durch die Staatssicherheit noch am selben Tag begann, mit einer außerordentlichen Elternversammlung, auf der Horst Kasner, Angelas Vater, Horn erfolgreich als Alleinschuldigen hingestellt haben soll, fortgesetzt wurde und das für Horn schließlich mit einem Disziplinarverfahren und einer Strafversetzung endete. Auch den beteiligten Schülern drohten Konsequenzen. Ein Entzug des Abiturs stand im Raum. (Die Schilderung folgt der Darstellung Charly Horns, da Bliss und Merkel sich nicht zum eigentlichen Ablauf äußern, sondern nur zu den Konsequenzen) (Reuth/Lachmann, S.68-73).

Diese beschränkten sich für die beteiligten Schüler nun auf einen auf den achten Mai datierten Verweis wegen „politischer Provokation“, der allerdings nicht im Zeugnis auftauchte, und für ihre Rädelsführer, die Kasner und der Bliss, auf eine Suspendierung von der FDJ-Leitung ihrer Klasse. Schlimmeres konnte laut Angela Merkel durch die Fürsprache des ihrem Vater verbundenen Berliner Konsistorialrates Manfred Stolpe verhindert werden und ihre Version ist nicht unschlüssig, mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass sich durch Beziehungen erwirkte Verfahrenseinstellungen genau auf die Einstellung des Verfahrens beschränken und keine Vergabe von Privilegien als Belohnung für das begangene Fehlverhalten miteinschließen. Diese aber wurden Angela Merkel gewährt, indem sie kurz darauf an der renommierten Karl-Marx-Universität der damals zweitgrößten Stadt der DDR, Leipzig, Physik studieren durfte.

Die Wahl ihres Studienfaches kam dabei für viele überraschend, da sie während ihrer Schulzeit lediglich eine Leidenschaft für Politarbeit und Russisch an den Tag gelegt hatte (Reuth/Lachmann, S.82). Da diese Entscheidung nun nicht aus ihrer inneren Entwicklung ableitbar ist und ihr Verhältnis zur Physik noch heute seltsam distanziert anmutet, wird ihr ein äußerer Impuls zugrunde gelegen haben. Dafür, dass dieser von der Partei oder einer ihrer Gliederungen ausging, spricht die Wahl eines naturwissenschaftlichen Faches, denn für den Aufbau des Sozialismus wurden Ingenieure und dergleichen benötigt, weswegen die rote Intelligenz des Ostens stets eine naturwissenschaftlich-technische war (im Gegensatz zur pädagogisch geprägten westlichen Linken) und der Nachwuchs entsprechende Fächer studieren sollte. So beschäftigte auch das Ministerium für Staatssicherheit im Sektor wissenschaftlich-technische Aufklärung (SWT) der Hauptverwaltung Aufklärung Naturwissenschaftler für die im westdeutsch dominierten Stasi-Diskurs wenig beachtete Industriespionage, mit der die DDR das von den Vereinigten Staaten verhängte Regime der Exportkontrolle unterlief, mit dem der Transfer westlicher Technologie in den Ostblock verhindert werden sollte. Aufgaben der SWT waren dabei sowohl die Beschaffung von Informationen und Mustern im Westen als auch deren Auswertung im Osten, die in verschiedenen Abteilungen, Referaten und Außenstellen, darunter auch einer an der Akademie der Wissenschaften, geleistet wurde, von Kadern, die fachlich qualifiziert wie auch politisch zuverlässig zu sein hatten, da die im Westen abgeschöpften Informationen vor ihrer Einspeisung in den offiziellen Wirtschafts- und Wissenschaftsbetrieb so zu neutralisieren waren, dass ihre Herkunft und damit die für die DDR spionierende Quelle nicht zurückverfolgt werden konnte (vgl. dazu: Müller, Süß, Vogel: Die Industriespionage der DDR. Die wissenschaftlich-technische Aufklärung der HVA, Berlin 2008; die Autoren, selbst ehemalige MfS-Kader, weisen darauf hin, dass das Schweigegebot der MfS-Mitarbeiter auch nach Auflösung der Staatssicherheit noch gilt, was miterklärt, warum keiner von Angela Merkels ehemaligen Kollegen sie enttarnt). Jedenfalls ist die bundesrepublikanische Projektion, die Naturwissenschaften seien im Osten genauso unpolitisch und weltanschaulich neutral gewesen wie im Westen, falsch. Der SED-Staat wollte Naturwissenschaftler. Da liegt es nahe, dass die Kommandierung zum Studium bereits durch das MfS ausgesprochen wurde.

Doch warum sollte die Staatssicherheit der Kasner ein solches Studium ermöglicht haben, obwohl sie doch, so reuig sie sich nach dem Skandal auch gezeigt haben mag, objektiv als politisch unzuverlässig gelten musste? Die Antwort auf diese Frage könnte in der Rolle Horst Kasners begründet liegen, in dem Charly Horn aufgrund seiner Führungsrolle im Nachgang der Affäre den eigentlichen Strippenzieher des Skandals erblickt. Zwar ergibt die Annahme, Kasner habe Horn lediglich deshalb zum Alleinschuldigen abgestempelt, um seine Tochter und ihre Klassenkameraden aus der Schusslinie zu bringen, zunächst mehr Sinn, doch deutet die raffinierte Inszenierung des Bühneneklats auf einen wohldurchdachten Plan hin. Angefangen mit dem klug ausgewählten Mopsgedicht, dessen beleidigender Hundevergleich in niedlichem Gewand daherkommt, über den Verstoß gegen die politische Linie, der als Übererfüllung der Planvorgabe realisiert ist, indem mehr vom Richtigen (also auch Solidarität mit Mosambik, und nicht nur mit Vietnam) gefordert wird, weswegen den Schülern keine antisozialistischen Tendenzen vorzuwerfen sind und die Verantwortung allein beim Lehrer liegen muss, der die aktuell richtige Linie offensichtlich nicht richtig vermittelt hat, bis hin zur Internationalen auf Englisch, die zwar einerseits den Sieg der Weltrevolution auch im anglophonen Raum beschwört, andererseits im Kontext einer Vietnam-Veranstaltung jedoch eine Provokation sondergleichen darstellt, weist der gesamte Auftritt die Struktur einer klimatischen Steigerung auf, die auf einen größtmöglichen Knalleffekt abzielt, nach dessen Eintreten die Beteiligten dennoch in Deckung gehen und sich herauszureden versuchen konnten, da der Auftritt bei näherer Betrachtung ja tatsächlich kein einziges systemkritisches Element enthielt. Das war brillant konzipiert und umgesetzt und deutet meiner Einschätzung nach nicht auf den Ausdruck jugendlicher Unzufriedenheit, sondern auf die Handschrift eines Profis im Hintergrund hin. Falls es sich bei diesem um Horst Kasner gehandelt haben sollte, so hätte der Sinn des organisierten Eklats auf offener Bühne sowie des folgenden Kampfes um die berufliche wie gesellschaftliche Existenz beziehungsweise Zukunft der Beteiligten für Horst Kasner darin bestanden, seine Tochter in die Kunst der praktischen Machtpolitik, also der Übernahme von Führungsverantwortung in gefährlichen Situationen sowie dem gezielten Kaltstellen missliebiger Personen (also des Sündenbocks Charly Horn), einzuführen, was die wertvollsten Gaben sind, die ein politisch aktiver Vater seinem politisch aktiven Kind mit auf den Weg geben kann, da man sich mit ihnen im Haifischbecken Politik durchsetzt. Damit wäre Horst Kasner seiner Tochter ein echter Spiritus rector gewesen und die Aktion ein Rites de passage, mit der die achtzehnjährige Angela in die Erwachsenenwelt der Staatssicherheit eingeführt wurde, mit erwiesener Exzellenz, die ein Studium an einer Eliteuniversität als sinnvoll erscheinen ließ.

Das informelle Netzwerk

Kommen wir nun zum eingangs vermuteten informellen Netzwerk. Im gesamten Ostblock war der jungen Garde klar, dass die alte nicht ewig am Leben und an der Macht bleiben würde. Ebenso unbestreitbar waren der technische Rückstand auf den Westen und die wirtschaftlichen Probleme. Eine Generalreform des sozialistischen Systems oder sogar dessen Abwicklung waren also unvermeidlich. Die Frage war nicht, ob, sondern lediglich wann. Unter diesen Umständen machte es für die Nachwuchskader natürlich keinen Sinn, sich zu sehr zu exponieren. Es kam darauf an, sich eine gute Ausgangsposition für den Sprung in die neue Zeit zu schaffen. Vielen sowjetischen Komsomol-Funktionären ist dies gelungen. Sie sicherten sich während der Privatisierung die Filetstücke der Volkswirtschaft und stiegen zu Oligarchen auf. Um nun den Sprung in die neue Zeit nicht zu verschlafen, musste man sein Ohr stets am Puls der Zeit haben. Und da vier Ohren mehr hören als zwei, bilden Menschen mit den gleichen Sichtweisen und Interessen Netzwerke. So kann man also davon ausgehen, dass der Sinn Angela Merkels Polenreisen des Jahres 1981, ihrer BRD-Reise 1989 oder ihrer 1983er Reise in die immens wichtigen südlichen Gebiete der Sowjetunion mit ihren aufbrechenden Nationalitätenkonflikten und dem Prestige Georgiens als Kronjuwel des sowjetischen Imperiums in der Informationsgewinnung für ihr Netzwerk bestand. Wie ist die Lage? Wann geht es los? Das werden die Fragen der Zeit gewesen sein. Ausgehend vom Buch „Das erste Leben der Angela M.“ von Reuth und Lachmann könnte nun noch mit einer umfangreichen Netzwerkanalyse begonnen werden, doch müsste diese sinnvollerweise im Rahmen eines Bundestagsuntersuchungsausschusses geleistet werden.

Fazit

Anhand der bei Reuth/Lachmann zitierten amtlichen Dokumente in Betreff auf die am 12.08.1981 in Frankfurt/Oder stattgefunden habende Grenzkontrolle der Angela Merkel konnten wir beweisen, dass die diese durchgeführt habenden Grenzbeamten das Objekt des Vorgangs, Angela Merkel, als Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit identifiziert haben. Ferner ist es uns gelungen, eine Lücke von fünf Jahren in Frau Dr. Merkels DDR-offiziellem politischen Lebenslauf aufzudecken, die ohne ihre Tätigkeit für das MfS ihrer Biografie jede Stringenz nimmt. Auch konnten wir den Kontext ihrer Anwerbung ermitteln, die im Verlauf eines Schulskandals stattgefunden hat und ihre unvermittelte Hinwendung zur Physik erklärt. Nicht untersucht haben wir die Frage, worin Angela Merkels hauptsächliche Tätigkeit für das MfS bestand, also ob und in welchem Umfang sie im Sektor wissenschaftlich-technische Aufklärung zum Einsatz gekommen ist, da uns dafür die Dokumente fehlen, doch können wir aus ihrem vielfach bezeugten beobachtend-schweigenden Verhalten in dissidentisch-alternativen Kreisen schließen, dass ein Teil ihrer Arbeit auch in der personenbezogenen Informationsgewinnung bestand und sie ansonsten wohl ebenfalls Mitglied eines informellen Netzwerks war, das über den poststalinistischen Sozialismus hinaus gedacht und sich auf den Sprung in eine neue Zeit vorbereitet hat, der ihr denn auch mit ihrem Einstieg in die Bundespolitik gelingen sollte, wo sie sich als „Kohls Mädchen“ labeln ließ und auch einmal medienwirksam in Tränen ausbrach, damit alle Konkurrenten sie auch ja unterschätzen. Als abschließende Bemerkung sei noch hinzugefügt, auch wenn es weh tun mag, dass ihre rätselhafte Taktik des plötzlichen Kurswechsels in zentralen Fragen wie der Abschaffung der Wehrpflicht, dem Ausstieg aus der Atomenergie oder der Hinwendung zur E-Mobilität ohne ausreichend nachvollziehbare Begründung dem Repertoire Josef Stalins entlehnt ist, der durch solche Manöver sein ihm loyal ergebenes Gefolge demoralisieren wollte, indem es plötzlich Entscheidungen mitzutragen hatte, die den noch gestern gültigen Überzeugungen zuwiderliefen („Die Partei hat immer recht, immer recht!“) und der dadurch außerdem potentiell illoyale Elemente zum Widerspruch zu provozieren beabsichtigte, um sie so identifizieren und anschließend ausschalten zu können.

 

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