Angela Merkel gilt vielen Beobachtern als undurchschaubare Sphinx. Doch jedes Leben wird von einem roten Faden durchzogen, den es zu entdecken gilt.

Der Nimbus des Rätselhaften, der Angela Merkel umgibt und welcher sich aus ihrer zurückhaltenden, verschlossenen und mitunter regelrecht geheimniskrämerischen Art ergibt, hat böse Zungen dazu verleitet, ihr eine Spitzeltätigkeit für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der ehemaligen DDR zu unterstellen. Diese habe unter dem Decknamen IM-Erika stattgefunden, also unter dem weiblichen Äquivalent von Erich Honeckers Vornamen, wofür es natürlich keinerlei Belege gibt, was die entsprechenden Beiträge denn auch zur Gänze disqualifiziert. Beschäftigt man sich trotzdem mit der Materie, so springt einem neben einigen stutzig machenden Begebenheiten aus Angela Merkels Leben jedoch auch die mangelnde Plausibilisierung des daraus resultierenden Vorwurfs ins Auge. Es wirkt so, als wolle man auf Teufel komm raus einen Verdacht in den Raum stellen, um seinem Frust über Angela Merkel Luft zu machen und sie zu diffamieren. Das ist eine Herangehensweise, die mich instinktiv abschreckt und die ich deswegen in vorliegender Arbeit zu vermeiden versuche.

Doch kam es unlängst, zu Beginn des Skandals um das Automobilkartell, wieder zu einem jener Merkel-Momente, in denen ich ihr Verhalten mit meinem Verständnis des Politischen rational nicht mehr in Übereinstimmung bringen konnte. Ich erinnerte mich dann an einen Aprilscherz von Russia Today, demzufolge die USA im Besitz von kompromittierendem Material (Rosenholtz-Datei) seien, mit dem Angela Merkels mutmaßliche Tätigkeit für das MfS belegbar und sie demzufolge erpressbar sei. Wer weiß, dachte ich da, vielleicht ist das mehr als nur ein Aprilscherz und die Russen wissen was, können es selber aber nicht beweisen. In Hinblick auf den Autoskandal, bei dem wider sonstiger Gewohnheit massiv und kampagnenartig dem eigenen Standort und also auch den Interessen der Arbeitnehmer geschadet wurde, ergibt es sogar Sinn, anzunehmen, dass die Bundeskanzlerin zu einem für unser Land schädlichen Verhalten von außen gezwungen worden sen könnte. Und so beschloss ich, mir „Das erste Leben der Angela M.“ einmal genauer anzusehen und zu überprüfen, ob der Vorwurf einer Tätigkeit für das MfS stimmig sein könnte.

„Das erste Leben der Angela M.“ ist nun übrigens der Titel eines bereits 2013 erschienenen Buches von Ralf Georg Reuth und Günther Lachmann, nachfolgend zitiert als Reuth/Lachmann. Bei der Lektüre war ich verblüfft zu sehen, wie wenig mein Bild von der Pfarrerstochter und politisch unbedarften Physikerin, die erst während der Wende politisiert wurde, mit der Realität zu tun hat. Es fängt damit an, dass das medial reproduzierte Bild der Pfarrerstochter eine Vorstellung evoziert, die die tatsächlichen Gegebenheiten ihres Elternhauses völlig verdeckt, denn ihr Vater, in den Fünfzigern von West- nach Ostdeutschland übergesiedelt, war ein roter Kirchenfunktionär, der aufs Engste mit den Organen des SED-Staates zusammengearbeitet hat, um die noch widerspenstige evangelische Kirche in diesen zu integrieren. Und vieles weitere sollte folgen. Anfangs dachte ich aufgrund Merkels unkritischer Sympathie für die USA, die sich mir das erste Mal bei ihrer Unterstützung von George W. Bushs Irakkrieg zeigte und die selbst die NSA-Affäre nicht schmälerte, sie sei eine Art Konvertitin, die den Westen für ein gelobtes Land hält. Also ein naiver, aber im Grunde vielleicht sogar wohlmeinender Mensch, was ja auch mit ihrer Politik der Grenzöffnung während der Flüchtlingskrise harmoniert, doch ist mir mit den Jahren auch ihre eiskalte Machtpolitik immer mehr zu Bewusstsein gekommen und nicht selten habe ich sogar den Eindruck, ihr sei der eigene Machterhalt wichtiger als das Wohl des Landes und seiner Bürger.

Außerdem stoße ich mich an ihrem Unwillen, ihre Entscheidungen nachvollziehbar zu begründen und ihre Gedanken klar und verständlich zum Ausdruck zu bringen. Manchmal scheint mir sogar, sie baue absichtlich grammatikalisch inkorrekte Sätze, um den Verstehensprozess ihrer Zuhörer zu bremsen. Bei Reuth/Lachmann las ich nun allerdings, dass Frau Merkel, beziehungsweise Angela Kasner, wie sie bis zu ihrer ersten Hochzeit 1977 mit ihrem Mädchennamen hieß, von 1968 bis 1984 Mitglied der Freien Deutschen Jugend (FDJ) war, stets in leitender Position ihres jeweiligen Schul-, Universitäts- oder Arbeitskollektivs. Da wurde mir klar, dass wir es mit einer geschulten Marxistin-Leninistin zu tun haben. Wahrscheinlich sogar mit einer exzellent geschulten, denn sie soll während ihrer letzten Jahre bei der FDJ als Sekretärin für Agitation und Propaganda für das Marxismus-Leninismus-Studienjahr zuständig gewesen sein, also den Unterricht für den Nachwuchs konzipiert haben. Zwar bestreitet sie dies, doch stehen dem vier Zeugenaussagen entgegen sowie schriftliche Belege aus den Protokollen ihres Betriebsgewerkschaftskollektivs, wo sie ebenfalls politisch aktiv war (Reuth/Lachmann, S.213ff). Es besteht also kein Anlass, ihrer Darstellung Glauben zu schenken. Im Gegenteil.

So oder so, wer auch nur über geringe Kenntnisse des Marxismus-Leninismus verfügt, weiß, dass dieser eine hochpräzise politische Terminologie zur Verfügung stellt. Auch ihr Fachgebiet, die Physik, ist eine exakte Naturwissenschaft. Insofern verwundert es nicht, dass ihr ehemaliger Chef in der ersten durch demokratische Wahlen zustande gekommenen Regierung der DDR, Lothar de Maizière, sogar über sie urteilte:

„Sie verblüffte durch ihren klaren analytischen Verstand, ihr sicheres Gespür für die Unterscheidung von Wichtigem und ihre Fähigkeit, sofort praktische Vorschläge für sachgerechte Informationen zu unterbreiten.“ (Reuth/Lachmann, S. 250)

Wenn sie will, kann sie sich also sehr wohl klar und deutlich ausdrücken. Doch sie will es nicht. Stattdessen zieht sie es vor, im Vagen zu bleiben, sodass oftmals jeder heraushören kann, was er möchte. Diese Schwammigkeit nun ist der Öffentlichkeit in den letzten zwölf Jahren zu solch einer Gewohnheit geworden, dass sie nicht mehr mal daran Anstoß nimmt, wenn der semantische Gehalt der Merkel´schen Äußerungen ausschließlich aus Lügen besteht. So begründete sie ihre Politik der offenen Grenzen während der Flüchtlingskrise stets moralisch, doch kam mit der Veröffentlichung des Buches „Die Getriebenen“ von Alexander Robin heraus, dass der wahre Beweggrund für die schon vorbereitete und dann doch nicht vollzogene Grenzschließung Angela Merkels Angst vor den daraus wohl resultierenden unappetitlichen Bildern gewesen war. Dazu hat sie sich aber nie geäußert, auch Robin gegenüber nicht. Stattdessen täuscht sie die Öffentlichkeit seit nunmehr zwei Jahren über ihre wahre Lageeinschätzung und ihre wahren Beweggründe hinweg, was zu einer Verkehrung der gesamten öffentlichen Auseinandersetzung geführt hat, inklusive der bekannten Radikalisierungsprozesse. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Minister, wie zuletzt Hans-Peter Friedrich, schon für weit geringere Lügen zurücktreten müssen. Dabei stellt Merkels Kommunikationspolitik während der Flüchtlingskrise keinen Sonderfall dar. Auch ihre jüngste Äußerung in der sogenannten „Bierzeltrede“, derzufolge wir einsehen müssten, dass die Zeiten vorbei seien, da wir uns ganz und gar auf die USA verlassen könnten, simuliert eine Sichtweise, die gänzlich unvereinbar mit der Perspektive eines Menschen ist, der fast sein halbes Leben in der Denkrichtung des antiimperialistischen Marxismus-Leninismus geschult wurde. Ebenso kann ihre bekannte Einschätzung Putins, er lebe in einer anderen Welt, nur noch als Witz gelten, bedenkt man, dass die sie geprägt habende Denkrichtung dieselbe ist.

Dabei ist es unmöglich anzunehmen, ihre besagten Sichtweisen resultierten nur aus einem Wechsel der Weltanschauung, wie er sich für viele Marxisten-Leninisten nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus ergeben hat, denn ein Übergang von hohem theoretischen Verständnis in den Zustand erfahrungsloser Naivität ist nicht möglich. Was Angela Merkel macht, ist also die Simulation eines Politikverständnisses auf Lehrbuchniveau, das den Horizont eines Abiturienten nicht überschreitet. Alle erfahreneren Bürger jedoch führt sie in die Irre, was allerdings als eine, wenn auch sehr bedenkliche, Meisterleistung zu gelten hat und die Frage aufwirft, wo sie dieses gelernt hat.

Diese Meisterschaft im Lügen, sich Verstellen und Täuschen stellt meines Erachtens nach nun also einen hinreichenden Anfangsverdacht dar, um der Frage nachzugehen, ob die Ausbildung in diesen klandestinen Fertigkeiten im Rahmen des Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik erfolgt ist. In der hier verlinkten Indizienuntersuchung gehe ich dieser Frage nach.

 

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