Während alle Welt sich von den Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels distanzierte, habe ich dazu keinen Anlass gesehen.

Dienstag, den 04. Juli

Berlin, eine Ausfallstraße an einem sonnigen Abend. Ich will nach Hamburg trampen. Ein Pärchen Mitte zwanzig steht schon dort. Wir kommen ins Gespräch. Sie wollen an der Performance „1000 Gestalten“ teilnehmen, einer Protestaktion, die mich im Vorfeld aufgrund ihres Kunstcharakters zwar angesprochen, ihrer braven Softheit wegen aber nicht überzeugt hatte. Nein, ich selber wüsste noch nicht genau, ob und was ich in Hamburg machen würde. »Aha, und warum fährst du jetzt noch mal nach Hamburg und warum eigentlich nicht mit dem Bus?« fragt mich der Typ nach einer Weile mit einigem Misstrauen erneut. Schließlich geben sie auf und gehen. Ich halte noch bis halb elf aus. Es ist dunkel. Niemand nimmt heute noch einen Anhalter nach Hamburg mit.

Ich rauche eine Zigarette, schultere meinen Rucksack und gehe los. Eine alte Freundin wohnt in der Nähe. Ihre Nachbarn, die mir die Haustür aufmachen, beäugen mich skeptisch. Sie macht mir Vorwürfe, dass mein Klingeln das Kind geweckt hat.

»Hattest du angerufen?«

»Nein, bin ohne Handy unterwegs.«

»Und warum bist du nicht nach Hause gefahren?«

»Geht grad nicht. Lange Geschichte. Bin morgen früh aber wieder weg. Und sag niemandem, dass ich hier war.«

»Jetzt bist du auch noch paranoid geworden. Na herzlichen Glückwunsch!«

Mittwoch, den 05. Juli

Morgens. Meine Gastgeberin und ihr Sohn stehen auf. Ich werde wach. Sie ist in Eile, spult das ganze Repertoire verbaler Disziplinierungsmittel ab. Wenn der Kleine jetzt nicht aufhöre, sich anzustellen, gäbe es später kein Eis, zum Kindergeburtstag würden sie auch nicht mehr gehen und so weiter. Ich denke, dass die sich reproduzierenden autoritären Verhaltensmuster auch dem Zeitdruck geschuldet sind, sich also aus der unvermeidlichen zeitlichen Taktung einer arbeitsteiligen Gesellschaft ergeben und insofern auch nach einer Revolution fortbestünden. Wozu dann also das Ganze?

Donnerstag, den 06. Juli

Nachts. In Hamburg angekommen gehe ich zum Malersaal, der kleinen Bühne des Schauspielhauses, am Hauptbahnhof gelegen, der für G20-Gegner als Schlafplatz geöffnet ist, nachdem das Protestcamp in Entenwerder trotz anderslautendem Gerichtsbeschluss von der Polizei teilgeräumt wurde. Am Eingang sitzt eine kleine Runde zur Nachtwache. Man befürchtet nächtliche Übergriffe der Polizei. Die Gedanken wandern zu den Geschehnissen von Genua. Mehr als 15 Jahre ist es her, dass die Polizei dort in einer Schule schlafende Gipfelgegner überfiel und misshandelte. Ein Mensch namens Carlo Guiliani starb damals.

Ich geselle mich zu der Runde, komme allmählich in Kontakt. Ein erstes Bier, ein erster Joint. Grüppchenbildung. Einer bietet mir einen Wachmacher an, wir konsumieren als Einzige, signalisieren, ein kritisches Bewusstsein zu haben. Pyrotechnik hätte er auch noch dabei, an die 50 Polenböller, Raketen und Bengalos. Ja, man könnt es ja mal krachen lassen, denk ich und erwider, es mir zu überlegen. Wir chillen. Er bietet mir die Pyros wieder und wieder an. Ist er ein Zivibulle? frage ich mich schließlich und lehne mit der Begründung, es nicht zu mögen, zu etwas gedrängt zu werden, ab.

Leute vom Schauspielhaus setzen sich dazu. Bald meldet sich ein Bedenkenträger zu Wort, wie das hier aussehe. Alle beziehen ihre Position in der Schauspielhaushierarchie, liefern sich ein gekünsteltes Wortgefecht. Kapitalismus vergiftet menschliche Beziehungen. Aber waren Intrigen und Dünkel an Theater- und anderen -kollektiven des früheren Ostblocks humaner? Wohl kaum. Wozu dann also das Ganze?

Um fünf lege ich mich hin, in den Saal des lauten Schnarchens. Ich bleibe etwa eine Stunde liegen, ohne Schlaf zu finden. Dann stehe ich auf, packe meine Sachen und fahre zu einer Freundin. Niemand da. Nach einer Weile zieh ich weiter. Ich lande schließlich beim Protestcamp an der Sternbrücke. Die Sonne scheint. Später wird sie brennen. Ich bin deutlich unkommunikativer, bekomme beim Mittagsplenum aber mit, dass bereits am Nachmittag die mit Schrecken erwartete „Welcome to hell“-Demo stattfindet. Tags drauf sind dann Blockadeaktionen geplant. Sturm auf die rote Zone, Angriffe auf die Logistik des Kapitals im Hafen, Blockade der Protokollstrecken. Ich bilde mit drei Leuten für den morgigen Tag eine Bezugsgruppe. Sie bleiben mir fremd, doch versichere ich, morgen früh um sechs am Treffpunkt zu erscheinen. Ich leih mir ein Handy, ruf die Freundin an und treff mich eine Stunde später mit ihr. Sie hat zu tun. Es ist früher Nachmittag. Ich fläz mich aufs Sofa und versuche vergeblich zu schlafen, höre die lärmenden Polizeihubschrauber, die des Nachts die halbe Stadt auf den Beinen hielten.

Früher Abend. Pünktlich zum Ende der in zwei weitere Sprachen übersetzten Reden trudel dann auch ich bei der „Welcome to hell“-Demonstration ein und frage mich, was ich hier überhaupt zu suchen habe, so ganz allein. Ich chille, gehe herum und reihe mich schließlich ins Ende des sich in Bewegung setzenden Demonstrationszuges ein. Wir sollten nicht weit kommen. An der nächsten Kreuzung wird der Zug von der Polizei aufgehalten. Ich setze mich auf einen Bordstein. Ein Teil der Demo schwenkt nach links, Richtung Königsstraße, der Rest bleibt an Ort und Stelle am Fischmarkt. Die Polizei wird immer aggressiver, ohne dass ersichtlich wäre, was genau die Ursache für die Verzögerung im Demonstrationsablauf ist. Wasserwerfer sind aufgefahren, die schwarzen Hundertschaften kampfbereit. Wartende Demonstranten setzen sich auf die Straße. Sie werden aufgefordert zu gehen. Ist die Demo schon aufgelöst? frage ich mich. Dann wird Wasser eingesetzt. Gegen friedlich auf der Straße chillende Demonstranten, die sich hingesetzt haben, weil die Polizei sie nicht weiterlaufen lässt. Sie trotzen den Wasserstrahlen, die Presse macht Fotos. Dann schlagen Greiftrupps zu, stürmen auch in meine Richtung. Ein Vorgefühl drohender Gewalt liegt so schwer in der Luft, dass viele wie unter einer Last den Rücken beugen und die Arme wie Kriegsgefangene heben. In diesen Minuten ist alles möglich. Niemand weiß, ob die Polizisten in einen Prügelrausch geraten. Unterdessen eskaliert die Situation auf der anderen Seite. Auch der schwarze Block wird angegriffen. Er revanchiert sich mit Böllern, Raketen und Flaschen. Die Polizei intensiviert ihren Druck, drängt die Demonstranten gegen eine Flutmauer. Vorpanik. Jeden Moment kann alles außer Kontrolle geraten und ein Unglück mit zu Tode Gequetschten und Getrampelten eintreten. Selbst der Demo-Lautsprecherwagen wird von der Polizei attackiert. Doch der schwarze Block bleibt diszipliniert, verliert weder den Kopf noch seine Ordnung und die Gegenangriffe sind wohldosiert. So gelingt es einerseits, einen Teil der Polizisten wieder auf Distanz zu bringen und ihnen zu signalisieren, dass ein Sturmangriff auch für sie mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden wäre, und nicht nur für die gegen die Flutmauer Gedrängten, und andererseits, die Polizei nicht zu einer Zerschlagung der Kundgebung zu provozieren, was bei einer zügellosen Anwendung der Pyrotechnik sicherlich die Folge gewesen wäre. Im Ganzen knallt hier vielleicht die Hälfte der Menge an Böllern, die allein meine Bekanntschaft von der Nachtwache in seinem Rucksack hatte. Doch scheint ein jeder zu spüren, dass die Fernsehbilder dieses vorsätzlich von der Polizei herbeigeführten Zusammenstoßes als Rechtfertigung für das vielfach die Grenze zur Brutalität überschreitende Vorgehen der Ordnungshüter dienen soll. Ich aber frage mich, wie um alles in der Welt die Staatsmacht glauben kann, dass sich irgendwer noch an rechtsstaatlichen Prinzipien orientiert, wenn ihre Aussetzung von staatlicher Seite aus praktisch feierlich verkündet wird.

Nachdem die Polizei ihre Übergriffe eingestellt hat, kann sich die Demonstration in Bewegung setzen. Es wird elektronische Musik gespielt, die Leute tanzen. Friedlicher kann Protest nicht sein. Noch zwei Mal werden wir blockiert, wohl weil die Kräfte der Repressionsorgane umgruppiert werden müssen. Dann geht es weiter. Niemand lässt sich zu irgend etwas provozieren. Am Millerntorplatz verlasse ich die Demo.

Nachts. Nach Mitternacht bin ich endlich in der Wohnung. Gäste sind zu Besuch. Wir trinken Wodka. Einer zwingt uns ein Gespräch auf Stammtischniveau auf, schimpft auf Trump und Putin. Ich verkneife mir den Hinweis, dass einzelne Elemente von Trumps Politik wie der Ausstieg aus TTIP und die ideologische Abkehr vom amerikanischen Exzeptionalismus als positiv zu bewerten sind, auch wenn die Gesamttendenz Besorgnis erregend ist, und begnüge mich damit, hinsichtlich Putin darauf hinzuweisen, dass dieser mehr als 20 Jahre Mitglied der KPdSU war und entsprechend im Marxismus-Leninismus geschult ist, was in seiner zwar autoritären, aber durchaus erfolgreichen Regierungspraxis deutlich erkennbar ist. Mit meinem Verständnis für, ja, mitunter sogar Vertrauen in die Mächtigen fühle ich mich seltsam, da ich ja gleichzeitig gegen ihre eine globale ökologische Katastrophe in Kauf nehmende Politik demonstriere. Wie kann ich bloß gegen die G20 auf die Straße gehen und sie gleichzeitig für ein sinnvolles Format halten? Umso mehr, als ich mir keine Illusionen darüber mache, dass keineswegs alle Übel dieser Welt vom Kapitalismus verursacht werden, sondern manche auch einfach in der Natur der Dinge liegen. Doch trotz aller guten Gründe fürs Vernünftigsein ist da etwas, was mich zur Revolte zieht.

Freitag, den 07. Juli

Um vier eingeschlafen, schaffe ich es nicht, mich um sechs mit meiner Bezugsgruppe zu treffen und versetze sie. Die Blockadeaktionen finden ohne mich statt. Bis in den frühen Abend ruhe ich mich aus und nehme einen Roman zur Hand. Abends gehe ich mit meiner Gastgeberin spazieren. Sie sucht ein Restaurant, in dem sie morgen mit ihren Eltern essen gehen kann. Fast alles ist geschlossen, überall hängen „No G20! Spare our store!“-Schilder in den Schaufenstern. Was für eine bescheuerte Art, seine Solidarität zu zeigen, denken wir, da die Bitte um Verschonung des eigenen Ladens deutlich von Angst getrieben ist, was die Solidarität mit den Gipfelprotesten in gewisser Weise befleckt. Das medial vermittelte Bild randalierender Krawalltouristen wird nicht nur als Unterstellung aufgegriffen, sondern es wird sogar gebilligt, indem nicht allgemein zur Gewaltlosigkeit aufgerufen wird, sondern nur dazu, die Gewalt nicht an diesem spezifischen Geschäft zu verüben (aber beim Nachbarn gerne?).

Dann gehe ich alleine weiter, trinke ein Bier. Ich lande auf der Reeperbahn. Musik. Lou Reed, „Perfect day“. So viele Menschen hier, die sich nichts bieten lassen. Ich bin ergriffen. Lese ein Flugblatt der Kommunistischen Partei Deutschlands im Aufbau. „Den deutschen Imperialismus als Hauptfeind bekämpfen“. Ich kann bei allem irgendwie mitgehen und doch denke ich, dass, falls deren revolutionäres Projekt, das derzeit zwar noch nicht auf der Tagesordnung steht, gelingen sollte, sofort die Frage aktuell würde, wie sich die Truppen der USA und anderer Nato-Länder in Deutschland dazu verhalten würden. Ob unter diesen Umständen überhaupt eine Revolution möglich ist? Mal ganz abgesehen davon, dass die historischen Erfahrungen mit Revolutionen, gelinde gesagt, eher zwiespältig waren.

Ich ziehe meiner Wege. Sie führen mich in eine Seitenstraße. Flammen lodern, schwarzer Rauch steigt gen Himmel. Ich setze mich auf ein Geländer zwischen Fahrbahn und Gehweg. Hinter den Flammen schwarz gekleidete Gestalten, daneben Schaulustige. Polizei rückt vor. In der Barrikade brennen rot-weiß gestreifte Baustellenabsperrungen aus Plastik. Ein orangenes Alarmlicht schmilzt langsam vor sich hin. Es ist heiß, die Luft schwer. Ich denke an die Gifte, die ich wohl einatme, beäuge ein wenig die Polizei, kehre mit meinen Blicken zum Feuer zurück. Lange ist es her, 13 Jahre, dass mich das Feuer der Revolte lichterloh erfasste und ich während des Uni-Streiks 2004 die politisch aktivste Phase meines Lebens verbrachte, bei der ich ein Strafverfahren kassierte, allerdings ohne Kenntnis von Anti-Repressions-Strukturen zu haben, sodass ich mit dem Verfahrensfrust alleine blieb und das Feuer der Revolte in mir erlosch. All die Jahre fehlte mir etwas, doch wusste ich nicht, was.

Epilog

Die Leute sagen, ehrlich schockiert, die Gewalt am Rande des G20-Gipfels sei sinnlos gewesen. Doch gibt es nichts, was die gewaltige Sinnlosigkeit der herrschenden Verhältnisse eindrucksvoller manifestiert als „sinnlose Gewalt“ (gegen Sachen). Keinen Ort als die brennende Barrikade, an dem der Genius der Revolte seine Inspirationen freigiebiger verteilte. Eine davon, die mir später in den Sinn kam, bestand in der Einsicht, dass die schöpferische Wissenschaft des Sozialismus das verbindende Prinzip beinhaltet, welches alle Phänomene aller Ebenen in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang stellt, was unter anderem ermöglicht, das leidvolle Scheitern des ersten realsozialistischen Versuchs inklusive des Herabsinkens des Marxismus-Leninismus zu einer dogmatischen Herrschaftsideologie zu einer fruchtbaren Erfahrung werden zu lassen, die uns zeigt, was von den utopischen Träumen der Menschheit wie in die Wirklichkeit umgesetzt werden kann und was nicht. Wir werden begreifen, dass es außer dem vergeblichen Warten auf die Weltrevolution und dem müden sich Einrichten ins System noch ein Drittes gibt, nämlich einen Klärungsprozess in Gang zu setzen, wie unser Sozialismus konkret aussehen soll, sodass wir unter Inanspruchnahme der wie einen Augapfel zu hütenden bürgerlichen Freiheiten mit dem Aufbau der von uns gewollten sozialistischen Strukturen im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung beginnen können. Daraus wird sich nicht nur ein Zusammenspiel von Theorie und Praxis ergeben, von dem beide profitieren, sondern auch eine neue Sprache, die die Ideen und Beobachtungen der Menschen viel präziser auf den Punkt bringt als jene des Neoliberalismus, sodass dessen Pseudogewissheiten ihre Wirkmächtigkeit verlieren, wenn sie mit der überlegenen Kraft des wissenschaftlichen Sozialismus in Berührung kommen. Hundert Jahre nach dem lärmenden Großereignis der Oktoberrevolution kann ich also in aller Bedächtigkeit mitteilen, dass sich, zumindest in meinem Denken, eine Renaissance des Sozialismus anbahnt und ich ernsthaft glaube, dass die Zukunft einen neuen sozialistischen way of life sehen wird. Doch mag es sich dabei auch nur um einen Tagtraum handeln, eine positive Paranoia, ein Hirngespinst wie jenes, dem ich zu Beginn meiner Reise noch aufsaß …

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