Der Aufkündigung des Pariser Protokolls wegen habe ich Donald Trump heute diesen offenen Brief getwittert, in der Hoffnung, seine Meinung zu ändern. Wird er antworten?

Sehr geehrter Herr Präsident der Vereinigten Staaten,

ich respektiere, dass Sie mehr Respekt vor eher autokratischen Führungspersönlichkeiten wie Wladimir Putin oder dem saudischen König Salman als vor liberalen wie Angela Merkel haben, der Sie laut Medienberichten bei Ihrer ersten Begegnung sogar den Handschlag verweigerten. Trotz meines Respektes bedauere ich das aber, da es darauf schließen lässt, dass die Größe Ihres Respektes mit der Stärke des militärischen Potentials Ihres Gegenübers einhergeht, weswegen es mir nun meinerseits geboten erscheint, mich derselbigen Sprache des militärischen Potentials zu bedienen, um zunächst die Aufmerksamkeit der Ihren Twitter-Account betreuenden Mitarbeiter und danach die Ihrige zu erlangen und mit meinem Anliegen ernst genommen zu werden.

Sicherlich stimmen wir darin überein, dass dem Wort eines Regierungschefs mit Befehlsgewalt über ein Atomwaffenarsenal mehr Gewicht zukommt als dem eines ohne. Entsprechend habe ich keinerlei Probleme damit, mir eine nukleare Bewaffnung Deutschlands vorzustellen. Diese könnte so aussehen, dass die Bundesmarine eine Flotte von, sagen wir, einem Dutzend nuklear betriebener Uboote mit etwa 200 Atomsprengköpfen unterhält, welche durch Stützpunkte in ehemaligen deutschen Kolonien – zu denen Special-Relationships, inklusive großzügiger Entschädigung für erlittenes Unrecht, aufzubauen wären – versorgt werden könnten. Auf diese Weise könnte Deutschland auch nach einem eventuellen, vernichtenden Atombombardement seine Zweitschlagsfähigkeit erhalten. Sie werden sagen, das sei denkbar unrealistisch und nicht ernst zu nehmen, da die verschiedenen in Deutschland stationierten US-Kräfte, vor allem die geheimdienstlichen, derartiges schon zu verhindern wüssten. Doch vergessen Sie nicht die Lehren der russischen Krim-Operation, die gezeigt hat, dass es sehr wohl möglich ist, die Truppen einer fremden Macht zum Rückzug von einem bestimmten Territorium zu zwingen, ohne dass dies zwingend zu einem Kriegsausbruch führen müsste. Auf die amerikanischen Kräfte in Deutschland bezogen würde es wohl ausreichen, deren Stützpunkte zu blockieren und Sie zum Rückzug aufzufordern, da die ganze Welt, einschließlich der beiden für die deutsche Sicherheit wichtigsten europäischen Länder, Polen und Frankreich, das nicht nur nachvollziehen könnte, sondern wahrscheinlich sogar begrüßen würde. Umso mehr, als die USA keine Begründung vorbringen könnten, warum sie sich diesem zu widersetzen gedächten. Eine sicherheitspolitische Selbständigkeit Deutschlands geschähe im Verbund mit europäischen Partnern und eine Refaschisierung der deutschen Zivilgesellschaft ist völlig ausgeschlossen. Sollte sich eine deutsche Regierung zu diesem Schritt entscheiden, würden die USA also abziehen müssen.

Dieses Szenario mag nicht ungefährlich erscheinen und gewisse Probleme mit sich bringen, die ich gleich anreißen werde, doch stellt sich die Frage, ob diese nicht in Kauf zu nehmen sind, wenn die Alternative darin bestehen soll, sehenden Auges einer Führungsmacht in eine potentielle ökologische Apokalypse hinterherzumarschieren. Wir sind immerhin Menschen, und keine Lemminge.

Das größte Problem obigen Szenarios wäre natürlich der Stress, den das Ganze machen würde. Vor allem für die Deutschen in den USA und vice versa für die US-Amerikaner in Deutschland, die schlimmstenfalls alle interniert würden, weswegen, nebenbei bemerkt, die Gefahr bestünde, dass Ihre politischen Gegner im FBI und anderswo das als Vorwand dazu ausnutzen könnten, Sie Ihrer deutschen Wurzeln wegen des Amtes zu entheben und ebenfalls einzusperren. Und wer aus den Reihen derer, deretwegen Sie aus dem Pariser Protokoll ausgestiegen sind, würde Sie denn dann, das bitte ich Sie, sich zu fragen, im Gefängnis besuchen kommen? Ich weiß, dass Sie kein Mensch sind, der es nötig hätte, sich selbst oder anderen etwas vorzumachen, und gebe deshalb die offensichtliche Antwort auf diese Frage gleich selber: Niemand von denen, die Sie davon überzeugt haben, das Pariser Protokoll aufzukündigen, würde im Fall der Fälle noch an Ihrer Seite stehen. Aber warum gehen Sie dann dieser Leute wegen ein solches Risiko ein? Sie mögen denken, dass ich mich über Sie lustig machen will, doch wäre das angesichts der globalen Bedeutung des Pariser Protokolls völlig deplatziert. Nein, vielmehr ist mir bewusst, dass bei sicherheitsrelevanten Themen noch die unwahrscheinlichste Eventualität bedacht und ernst genommen werden muss, weswegen ich nicht um den Schluss herumkomme, dass dies bei Ihrer Entscheidung zum Austritt aus dem Pariser Protokoll nicht mit der nötigen Sorgfalt geschehen ist.

Doch zurück zu den mehr allgemeinen Folgen eines Bruchs dessen, was einst unter dem Namen deutsch-amerikanische Freundschaft bekannt war. Der Schaden für die Wirtschaft zum Beispiel, der wäre ja immens. Doch könnte sich dieser schnell als Vorteil erweisen, wenn sich die BRD dazu entschlösse, auf eigenen Beinen zu stehen und auch in Schlüsselbereichen wie der Informations-, Rüstungs- oder Raumfahrttechnologie sowie im Finanzsektor wirklich selbständig zu agieren und zur Weltspitze aufzuschließen statt im Windschatten der USA zu fahren. Wer weiß, vielleicht würde die dadurch entstehende wirtschaftliche Dynamik sogar einen zwischenzeitlichen Ausfall der USA als Handelspartner wettmachen. Umso mehr, als bei einer späteren Normalisierung der Beziehungen ja auch über das Bundesbankgold zu reden wäre, das in den USA eingelagert ist und nominell jederzeit zurückgefordert werden kann.

Für die USA würde ein Abfall des wichtigsten europäischen Verbündeten demgegenüber das Ende des Konzepts der Dominanz durch Verbreitung liberaler Werte bedeuten, was seit dem Beitritt der USA zur Anti-Hitler-Koalition im Dezember 1941 die ideologische Geschäftsgrundlage der us-amerikanischen Außenpolitik darstellte, da die USA nur schwer erwarten können, dass noch irgendwer ihren Versprechungen Glauben schenkt, wenn selbst das heutige Deutschland sich abwendet. Mithin würde sich das gesamte System der internationalen Beziehungen neu austarieren und die USA nicht unwesentlich an Gewicht verlieren.

Im Falle eines deutsch-amerikanischen Bruches haben die USA also mehr zu verlieren als Deutschland. Sie brauchen uns mehr als wir Sie. In letzter Konsequenz also keine sonderlich starke Position, von der aus Sie „Deals“ wie das Pariser Protokoll aufkündigen, die ein Denken in letzten Konsequenzen erfordern.

Aber warum schreibe ich Ihnen das?

Anders als die meisten Menschen hierzulande bin ich anfänglich zu der Einschätzung gekommen, dass Sie der richtige Mann zur richtigen Zeit sein könnten, eine Ansicht , die zu ändern ich mich allerdings spätestens nach Ihrem Austritt aus dem Pariser Protokoll gezwungen sehe. Angesichts der potentiellen Tragweite Ihres Schrittes zumal in dieser Schärfe. Trotzdem bewerte ich einzelne Elemente Ihres Regierungshandelns weiterhin positiv, so Ihre Entscheidung, die TTIP-Verhandlungen zu beenden, und ich bin weit davon entfernt, Sie dämonisieren zu wollen. Sie haben meinen Respekt, auch weil ich Ihren Umgang mit LGBT-Vertretern als respektvoll einschätze, und ich denke, dass Ihre Entscheidung zum Austritt aus dem Pariser Protokoll auf einer unvollständigen Lageeinschätzung beruht, weswegen ich hoffe, dass Sie sie nach einer Neubewertung revidieren.

Zwar bin ich mir sicher, dass Sie diese Ihre Entscheidung zum Austritt aus dem Pariser Protokoll sorgsam abgewogen und auch den Stimmen aus der wissenschaftlichen Community für einen Verbleib Gehör geschenkt haben, weswegen ich die allseits bekannten Argumente für eine Begrenzung der Erderwärmung um 2° Celsius und eine Verringerung des CO²-Ausstoßes hier nicht nochmals wiederhole. Es genügt, darauf hinzuweisen, dass einerseits kein Zweifel an der Signifikanz einzelner Veränderungen der Biosphäre wie der Eisfreiheit der Nordostpassage, dem Abschmelzen der Gletscher oder Desertifikationen bestehen kann und dass andererseits die von den Skeptikern der anthropogenen Erderwärmung vorgebrachten Argumente wie dem nicht genügend berücksichtigten Einfluss der Sonne auf das Weltklima durchaus implizieren können, dass bis jetzt übersehene Faktoren die ohnehin bestehende Entwicklung noch beschleunigen.

Insgesamt lässt sich ohne Übertreibung feststellen, dass sich die Ökosphäre des Planeten nach 200 Jahren industriellem Kapitalismus in einem Zustand solch immenser Anspannung befindet, dass ein Kollaps über kurz oder lang nicht nur als möglich, sondern sogar als wahrscheinlich zu gelten hat. Wozu Menschen aber fähig sind, wenn die Vorräte zum Überleben nicht mehr für alle ausreichen, ist historisch so oft belegt, dass ich es als allgemein bekannt voraussetze und nicht weiter ausführe. Sich nun auszumalen, wie derartiges in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft in großem Stil geschieht, mag als bloßer apokalyptischer Albtraum eines Hypochonders belächelt werden, doch ist es ein unbestreitbares Faktum, dass wir nicht wissen, wie sich der Kollaps einer Ökosphäre vollzieht, also wie plötzlich er eintritt und wie schnell er dann Fahrt aufnimmt, sodass ein Zusammenbruch der staatlichen Ordnungssysteme als unmittelbare Folge eines ökologischen Kollapses als Möglichkeit in Betracht zu ziehen ist. Ein allgemeiner Krieg eines jeden gegen einen jeden, der Rumpfstaatsstrukturen wie der Menschen, ginge damit einher. Einmal in Gang gekommen wäre ein solcher Prozess unumkehrbar und die Menschheit würde sich in blutigster und barbarischster Weise solange gesund schrumpfen, bis sich ein neues ökologisches Gleichgewicht auf dem Planeten eingependelt hat.

Ich sehe weder, wie man ein solches Risiko vor seinem inneren Gericht verantworten können, noch, welchen Sinn es für Amerikas Verbündete wie Deutschland machen sollte, einer Führungsmacht, die so offen ihre Bereitschaft zur kannibalischen Logik zu erkennen gibt, noch weiter zu folgen, statt sich beizeiten zu emanzipieren. Deswegen möchte ich Sie, Mister Trump, mit allem Respekt, der Ihnen aufgrund Ihrer Vita, Ihres Amtes und Ihres politischen Gespürs zusteht, bitten, Ihre bereits getroffene Entscheidung, aus dem Pariser Protokoll auszusteigen, nochmals zu überdenken. Zwar finde ich den von Ihnen vorgebrachten Einwand, die Interessen der amerikanischen Arbeiterklasse stärker berücksichtigen zu wollen, richtig und ich spreche mich keineswegs für Maßnahmen aus, die zu Jobverlusten führen würden, doch ändert das nichts daran, dass die Auswirkungen der Klima- auf die Sicherheitspolitik zu berücksichtigen sind. Und für die globale Sicherheit ist es eben unumgänglich, dass die gesamte Staatengemeinschaft im Gespräch über das Klima bleibt und so sicherstellt, sich im Falle eines plötzlichen Kollapses apokalyptischen Ausmaßes solidarisch zu verhalten und den Zusammenbruch der Zivilisation abzuwenden. Es ist nicht hinnehmbar, dass sich ein einziges Land so weit über alle anderen erhebt, sich kurzfristiger Interessen wegen außerhalb des zivilisatorischen Minimalkonsenses zu stellen.

So hoffe ich denn, dass Sie das Risiko, das Sie Ihren größtenteils wesentlich jüngeren Mitmenschen zumuten, nochmals genau überdenken und schlussendlich Ihre Entscheidung zum Austritt aus dem Pariser Protokoll zurückziehen. Kommen Sie nicht als „this crazy guy, with whom the whole world can´t even talk about the weather“ zum Hamburger G20-Gipfel, sondern zeigen Sie der Menschheit, dass ihr Schicksal bei Ihnen in guten Händen liegt.

Mit freundlichen Grüßen

Tim Jungeblut, Schriftsteller

Berlin, den 4. Juli 2017

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.