Philip K. Dick beschäftigt sich in seinem Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ mit dem Wesen der Wirklichkeit, deren Wahrnehmung beim Lesen verrutscht.

Cover Dick

Als ich das Buch noch nicht kannte, sondern nur seine legendäre Verfilmung „Blade Runner“, habe ich mir die Frage nach den Träumen der Androiden immer so beantwortet, dass die Schafe in ihren Träumen elektrisch sein müssen, weil die Traumwelt der Androiden wie ihr ganzes Bewusstsein notwendigerweise elektrischer Natur sein muss. Doch weit gefehlt. Die Antwort auf die Frage ist eine ganz andere. Im Roman leben die elektrischen Schafe nämlich in der menschlichen Normalwirklichkeit, bevorzugt auf Hausdächern, und keineswegs in einer androidischen Anderswelt. Es wimmelt dort einfach von künstlichen nachgemachten Haustieren, die man in Tierhandlungen erwerben oder mittels Katalog ordern kann, um sie dann als Statussymbol zu halten. Es ist da alles sehr konkret. Bloß, worauf das Ganze hinausführen soll, wird nicht so ganz klar.

Aber egal. Fangen wir bei der Handlung an. Rick Deckard ist als Kopfgeldjäger bei der Polizei des postnuklearen San Francisco angestellt. Er soll Androiden zur Strecke bringen, die sich von den Marskolonien abgesetzt haben. Dazu führt er mit ihnen einen Test durch (äußerlich sind die Androiden nicht von Menschen zu unterscheiden), der sie anhand ihrer schematischen emotionalen Reaktion als Androiden entlarvt. Dann werden sie exekutiert und Rick erhält eine Prämie, mit der er sich ein elektrisches Haustier kaufen kann, das ihm oder seiner Frau aus ihren Depressionen heraushilft. Andernfalls müssten sie eine gute Laune in der Stimmungsorgel einstellen oder sich mystischen Verzückungen mit der Einswerdungsbox oder dem idiotischen Fernsehprogramm der Buster-Friendly-Show hingeben. Ja, das Leben nach dem Atomkrieg im Jahre 1992 ist recht trist, aber wenigstens existiert die Sowjetunion im Roman noch, der in den 1960ern verfasst wurde. Retrofuturismus vom Feinsten also.

Hat mir der Roman gefallen? Schwierige Frage. Ich weiche mal aus, indem ich eine andere Frage ausbreite, die mich in letzter Zeit beschäftigt hatte. In der Maßnahme vom Arbeitsamt, zu der ich mich ungefähr zwei Monate hingequält hatte, war auch ein fülliges und herzliches Mädchen Anfang zwanzig mit libanesischen Wurzeln, aber hier geboren. Gleich als sie reinkam, erzählte sie allen, dass sie selbständige Gebrauchtwagenhändlerin sei, das ganze Konstrukt aber nur der familiären Steuerhinterziehung diene. Aber was solle man machen? Sie hätte neun Geschwister und man könne eben nicht gleichzeitig Sozialleistungen abgreifen und Steuern bezahlen. Mit ihr, nennen wir sie Aische, wurd´s nie langweilig. Interessante Einblicke in eine fremde Lebenswelt. Bloß musste man ein wenig aufpassen, sich nicht zu tief in ihre Angelegenheiten verwickeln zu lassen, denn sie versuchte immer, alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, was ein wenig anstrengend war. Aber die Henna-Bilder, die sie während der Stunden malte, waren sehr schön. Viel schöner als die Propaganda-Videos vom Islamischen Staat, die ihr Exfreund ihr mindestens einmal pro Tag per Link zuschickte. Überhaupt Islamismus, sie kenne ja Leute, die Anis Amri, den Attentäter vom Breitscheidplatz, gekannt hätten und die sagen, er hätte seine Papiere an Unbekannt verkauft gehabt und dieser Unbekannt habe die Papiere dann nach dem Anschlag wohl im LKW platziert, um die Fährte auf Amri zu lenken. Amri selbst sei jedenfalls unschuldig. Kann gut sein. Jedenfalls sind die islamistischen Märtyrer auch nicht mehr das, was sie mal waren, nämlich Märtyrer, wenn sie ihre Anschlagsziele jetzt immer verlassen, bevor sie da noch zu Tode kommen, wie zuletzt Silvester in Istanbul, wobei Aische es in Ordnung fand, dass die Sünder für ihre Sünden bestraft wurden, bloß wäre das Gottes Sache gewesen und nicht die eines Menschen.

Jedenfalls beschlossen wir im Kurs dann, uns abends mal aufn Bier zu treffen. Ich lud alle in die Bar zu mir ins Haus ein. Aische war aber nicht im Emailverteiler. Wohl aus Versehen ausgegrenzt. Ich überlegte, ob ich sie trotzdem einladen sollte, denn sie hat´s nicht leicht. Ihr Vater schlägt sie, weil sie alles sabotiert, was er sich Schönes für sie ausgedacht hat, zum Beispiel einen ihrer Cousins zu heiraten, und sie leidet an Depressionen und freut sich darauf, endlich tot zu sein, weil man dann wenigstens seine Ruhe hat. Diese Ansichten haben sie in meinen Augen natürlich deutlich sympathischer gemacht als der dogmatische Unsinn, den sie sonst so von sich gegeben hat. Na ja, aber dann überlegte ich, ob es wirklich so eine gute Idee wäre, sie einzuladen, immerhin leben viele „Kreuzfahrer“ hier im Haus, also Juden und Amerikaner, und was könnte nicht bloß alles passieren, wenn Aische mit ihrem losen Mundwerk ihren Freunden vom IS gegenüber erwähnt, dass es in Neukölln eine Zitadelle voller Kreuzfahrer gäbe, die nur darauf wartet und so weiter und so fort.

Nun gut. Im Endeffekt saßen wir dann eh nur zu dritt da, mussten uns also über die Abwesenden unterhalten. Ich versuchte zu erklären, warum es für mich eine schwierige Frage war, ob ich Aische einladen soll oder nicht, kam aber nicht so weit, da meine Äußerungen sofort als tendenziell antiislamisch interpretiert wurden, was zur Folge hatte, dass die anderen beiden versicherten, wie toll und sympathisch sie Aische fänden und dass die Muslime, die sie sonst so kennen, gar nicht so religiös seien und überhaupt. Ja, selbst ihre Depressionen, papperlapapp, abwinkend, was zu bedeuten hatte, dass Aische auf jeden Fall als glücklich integrierter Mensch zu gelten habe.

Sind wir also in Wirklichkeit Androiden? Man wird diese Frage unbedingt mit Ja beantworten müssen. Uns allen wurden auf die ein oder andere Art Glaubenssätze und Wahrnehmungsmuster einprogrammiert, die uns die Welt entsprechend wahrnehmen lassen. Egal, ob wir jetzt auf Mekka ausgerichtet sind oder auf ein interkulturell beglückendes Zusammenleben. Ich wäre auch gerne so. Egal wie, hauptsache irgendwie. Aber in mir kriecht immer so ein Kopfgeldjäger herum, der sich an den falschen Wahrnehmungsmustern festkrallt, die die Erfahrung mit der Einswerdungsbox in Frage stellen. Elektrische Tiere sind da zu trügerisch, es braucht das echte Leben für ungefilterte Erfahrung, so sehr sie auch unsere Kategorien überschreitet und uns herausfordert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.