Am 19.12 raste ein schwarzer LKW in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz und tötete zwölf Menschen, 50 wurden verletzt. Ein Ortsbesuch

Breitscheidplatz 1

Die untergehende Sonne streut ihre Strahlen in die Lücke am Horizont über den S-Bahngleisen, die ich auf einer stilvollen alten Brücke überquere. Mein Fahrrad surrt leise vor sich hin, die Autos rollen bedächtig über den Asphalt, kein rasantes Anfahren, keine Hupen, alles gedämpft. Die Passanten, an denen ich vorbeikomme, führen ihre Kinder an der Hand oder ihre Hunde an der Leine. Sie alle setzen weiter einen Schritt vor den anderen, leben ihr Leben und trotzen der Schockwelle des Terroranschlags, die wie ein Sturmwind das Raum-Zeit- unser Gefühlskontinuum durchpeitscht. Mein Fahrrad schließe ich an der Budapester Straße ab, unweit des Epizentrums. Ich betrete das Europa-Center, um in einem Drogeriegeschäft ein Johannislicht zu besorgen, doch sind sie alle ausverkauft. Das hätte ich mir auch vorher denken können, denke ich, wie banal! Ansonsten, gedämpfte Stille, hier ganz besonders. Nur einmal bricht die Drogeriekassiererin in Lachen aus, der Schock ist nichts Starres, er hat nicht alle gelähmt.

Dann verlasse ich das Einkaufszentrum, Ausgang Breitscheidplatz, rauche eine Zigarette. Ein paar Männer aus dem arabischen und afrikanischen Raum stehen herum, andere Passanten huschen geduckt ins Center. Die Schockwelle wird hier greifbar, sie drückt alle nieder. Ich gehe weiter, die Buden des Weihnachtsmarktes entlang. Sie sind alle geschlossen, auf ihren Simsen leuchten Johannislichter, schimmern die lackierten Holzbretter an, mit denen die Verkaufsfenster verriegelt sind. So schön habe ich einen Weihnachtsmarkt noch nie gesehen, taucht es knapp unter der Oberfläche meiner wahrnehmbaren Gedanken auf, doch was, schiebt sich ein kleinlicher Gedanke in den Vordergrund, wenn ich das Epizentrum nicht auf Anhieb finde, sondern suchen muss? Wie fühle ich mich dann? Eine Romafrau mit Kopftuch und Schürze spricht mich an, fragt nach Geld, ich lehne ab, gehe weiter, bin plötzlich da.

Ein Rondell, ein Rund aus Holzbänken um einen mit Tannenzweigen geschmückten Baum, ganz bedeckt mit roten, flackernden Johannislichtern, Blumen, Dingen, die in der Dunkelheit verschwinden. Ich weiß, das ist der richtige Ort. Nicht der des Einschlags, aber der des Innehaltens. Ältere Menschen verharren mit gesenktem Haupt, jüngere entzünden Kerzen. Ich stehe, lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Dann hocke ich mich hin, an eine der geschlossenen Buden gelehnt, schließe die Augen, lasse meinen Atem sich einpendeln und spreche ein Gebet für die Verstorbenen in mich hinein. Die letzte Silbe verhallt in der Dunkelheit hinter meinen Augen, Schweigen kehrt ein. Ich öffne die Lider, das Band der roten Kerzen flackert auf Augenhöhe, ich erhebe mich. Habe mich vor der Macht des Todes verneigt, die Verbeugung durch die Rückkehr in den Stand, ins Leben, abgeschlossen. Und blicke nun auf ein aus den Tannenzweigen herausragendes Schild mit einem Pfeil, der die Richtung zum „WC“ anzeigt. Der Tod, das Leben, so banal.

Ich gehe weiter, ins Innere des Weihnachtsmarktes hinein, der für die Länge eines Menschenlebens das Mal jener Nacht tragen wird, und komme an eine Absperrung, von der ich sofort weiß: Hier hat der Laster die Schneise des Todes geschlagen. Lichter und Menschen, Menschen und Lichter. Ich zögere, meinen Fotoapparat herauszuholen, doch die Blitze von Smartphones durchzucken ebenfalls die Andacht der hier Versammelten, daran erinnernd, dass es ein Morgen geben wird, an dem man dieser Tage gedenken wird. So hole ich denn meinen Fotoapparat heraus und knipse dezent ein paar Fotos, wohlwissend, dass es in gewisser Weise genauso unangebracht ist wie das Erbetteln von Geld. Ich verspüre kein Bedürfnis, weiterzugehen. Nein, zur Gedächtniskirche oder wo auch immer die Kanzlerin ihre weißen Rosen für die von einem schwarzen LKW Getöteten niederlegte, muss ich nicht.

Stattdessen kehre ich in die Einkaufspassage zurück, mich bei einem Kaffee aufzuwärmen. Ich sitze da, das Gefühl kehrt kribbelnd in meine durchgefrorenen Zehen zurück. Von denen, die hier sitzen, unterhält niemand sich laut. Dann kommt ein älterer, gut gekleideter Herr vorbei. Er singt I wish you a merry christmas and a happy new year! Schaut sich um, wendet sich an mich, fragt, ob es hier eine Toilette gibt. Er ist ein feiner Herr, keine Frage, aber so völlig inadäquat, dass es mir die Sprache verschlägt. Kann nur sagen, dass ich hier keine gesehen habe, nicht, dass ich auch wohl müsste. Gebe keine Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen. Das schwarze Grauen, das hinter den glockenhellen Weihnachtsversen hervordräut, ist zu gewaltig. Wieder draußen. Ich rauche, schnappe Gesprächsfetzen auf. »Hier fühl ich mich wieder sicher, hier ist der Fanshop von Hertha BSC«, sagt ein kleiner Junge zu seinem Freund.»Andreas war voll in Panik«, spricht eine junge Frau in ihr Smartphone.

Ich denke an Moskau im Oktober 2002, als tschetschenische Terroristen das Musical „Nord-Ost“ stürmten und alle Besucher und Schauspieler als Geiseln nahmen. Zwei Tage davor hatte ich nach langem Hin- und Herüberlegen beschlossen, mir das Musical doch nicht anzusehen, da traf mich die Geiselnahme bis ins Mark, schüttelte mich so durch, dass ich den damaligen und heutigen russischen Präsidenten noch immer reflexhaft gegen jede Kritik verteidige, und nahm auch in den Jahren danach immer wieder von meiner Vorstellung Besitz. Und das, obwohl ich gar nicht hingegangen bin. Wie krass muss es da erst sein, wenn echte Erinnerungen wieder- und wiederkehren? Wenn ein alltägliches Ereignis wie ein vorbeifahrender LKW schlimmste Erinnerungen wachruft, einen erstarren lässt, die Luft abschnürt? Nein, auch wenn die Verletzten die Krankenhäuser verlassen, die Unversehrten mit dem Schrecken davongekommen sind, des Terrors Brenneisen wird sein Zeichen unauslöschlich in die tiefsten Schichten ihrer Seele eingebrannt haben.

Ich trete die Zigarette aus, setze mich aufs Fahrrad, radel zurück in meinen Kiez, wo in hundert Jahren kein Terroranschlag passieren wird. Wollten sie Berlin ernsthaft in Angst und Schrecken versetzen, sie müssten Kiez für Kiez reihum abklappern, da jeder am liebsten bei sich im Viertel bleibt, doch für diejenigen, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren, ist das natürlich nur ein schwacher Trost. Mögen sie Menschen an ihrer Seite haben, die ihnen beistehen.

Breitscheidplatz 2

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