Die jüngsten Gewaltverbrechen gehen nicht spurlos an den Partygängern vorüber. Angst vor dem Nachhauseweg schleicht sich ein. Protokoll einer Clubnacht.

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Samstag Abend, D. und ich wollen in einen Club. Wir finden ihn erst nicht, finden uns stattdessen bald in einem gottverlassenen Industriegebiet wieder. »Zum Glück bist Du hier«, meint sie. »Ja, schon krass, was alles so abgeht«, erwidere ich und frage, ob sie das Video von dem Typen gesehen hat, der an der S-Bahn Hermannstraße eine junge Frau die Treppe herunter getreten hat. Frage das, um nicht von Schlimmerem zu reden. »Ekelhaft! Wie kann man so was nur machen?« Wir wechseln das Thema, erreichen nach einer Weile den Club, doch fällt es mir schwer, wirklich anzukommen, was aber vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich die Nacht zuvor bereits bis um halb acht gefeiert hatte. So richtig da und präsent bin ich eigentlich erst, als mir ein anderer Gast ungefragt MDMA anbietet. Das sind die besten Partys, denk ich mir, wenn auf der Tanzfläche Drogen verschenkt werden. Ich gehe in der Musik auf, tanze, gerate ins Schwitzen, trinke Wasser. Irgendwann muss ich eine Pause machen, neudeutsch Powernapping, fünf Minuten schlafen, völlig loslassen, sich fallenlassen, auch auf die Gefahr hin, „dekoriert“ zu werden. Dann zurück auf die Tanzfläche, D. ist mittlerweile ebenfalls müde, wir gehen zum Ofen, chillen auf einem Sofa. Sie will dann nach Hause, es ist halb sechs und ich denke, ok, irgendwann reicht´s auch und schließ mich an. Wir stehen an der Bushaltestelle, es regnet in Strömen und ich denk mir: Was leg ich auf, wenn ich zuhause bin? Eigentlich bin ich gerade, Powernapping sei Dank, viel zu fit, um pennen zu gehen. Also verabschieden wir uns und ich kehr auf die Tanzfläche zurück. Nach einer weiteren Stunde ist es dann aber auch mit mir vorbei und ich geh wieder zu den Sofas am Ofen. Doch er wärmt nicht mehr. Die Angst, die draußen mit Händen zu greifen war, die auch drinnen nie ganz gebannt war, sondern so regelmäßig wiederkehrte wie manch einers Blick aufs Handydisplay, sie verdichtete sich, kroch in meinen ausgelaugten Organismus und nahm ganz von ihm Besitz.

Wie komme ich nach Hause? Mein Fahrrad steht ja noch bei D. Ich müsste also entweder zwei Stationen mit der Bahn fahren oder zu Fuß gehen. Wenn ich Bahn fahre, muss ich Hermannstraße aussteigen. Was mach ich, wenn ich da diesem degenerierten Arschloch über den Weg laufe? Oder einem seiner durchgeknallten Freunde, die ihm bestimmt zugejubelt haben, als er ihnen stolz von seiner Tat erzählt oder später das veröffentlichte Video der Überwachungskamera vorgespielt hat. »Ey Dicker, ich so, zäng, und die Fotze fliegt die Treppe runter!« – »Geile Aktion, Bruder, Respekt!« Oder wie auch immer in ihrer Clique darüber geredet wurde. Aber zu Fuß? Schaff ich den Weg? Der zieht sich ganz schön, geht durch einsame Straßen. Wenn mich da einer abziehen will, hat er leichtes Spiel. Ich überlege hin und her, schiebe den Aufbruch immer weiter auf und irgendwann wird mir klar, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben aus Angst in einem Club bleibe, obwohl ich eigentlich gehen will. Ein Mädchen spricht mich an, ob alles gut ist. Schon ok, wimmel ich sie ab. Es ist mir unmöglich, meine Angst auszusprechen. Nicht, dass ich mich ihrer schämen würde. Auf die Scham pfeif ich auch beim Powernapping. Die Angst ist einfach so mächtig. Sie kontrolliert die Spracharreale meines Gehirns und unterbindet jegliche Verbalisierung. Stattdessen stelle ich mir vor, wie ich auf dem Nachhauseweg vor lauter Angst jeden Araber, Türken oder Afghanen so anschauen werde, als ob er mich gleich umbringen wollen, und so einen Vorfall von meiner Seite aus erst recht provozieren würde, denn spürt man solche Blicke, ist die Reaktion »Was guckst du, Dicker?« ja nur zu berechtigt. Ok, ich muss diese Angst also irgendwie unter Kontrolle bringen, damit sie nicht zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Ich atme ein und ich atme aus. »Hast du´n bisschen Tabak?« fragt mich das Mädchen am Kopfende des Sofas. Ich gebe ihr meinen Beutel und etwas später höre ich hinter mir »Ey, das Feuerzeug kenn ich doch! Das hatte ich heute doch schon mal …« Ich dreh mich um und erkenne den MDMA-Kollegen wieder. »Ob ich ein bisschen Kokain möchte?« fragt mich das Mädchen. »Nein, danke«, lehne ich ab, »ist nicht so meins.« Lehne es ab, ohne nachzudenken, bleibe gewissermaßen in einem stereotypen Muster, denn nüchtern betrachtet wäre Kokain ja das Beste, um sich für den Nachhauseweg zu wappnen. Doch ich blocke alles ab, bin unfähig, locker zu kommunizieren. Ich bin gar nicht richtig da. Ein Teil von mir ist in Freiburg, einer an der Hermannstraße.

Ich habe das Problem der Gewaltkriminalität nach Partys schon lange mitverfolgt, es auch in meinem Roman „Staatsgeheimnis“ kurz aufgegriffen und in diversen Blogartikeln thematisiert. Einen davon habe ich vor ein paar Tagen spontan offline gestellt, habe mir also in einer Kurzschlussreaktion selbst den Stecker gezogen, was auf der symbolischen Ebene quasi ein Suizid ist. Als Schriftsteller hat man zu seiner Meinung zu stehen oder man lässt es ganz bleiben. Aber die Angriffe, die man einstecken muss, wenn man das Thema ernst nimmt und nicht kleinredet, sind mitunter ziemlich daneben. Außerdem bringen sie einen dazu, selber emotional überzureagieren. Es tut einem nicht gut, die Angst und den Schrecken zu sehr an sich ranzulassen. Einfacher ist es da, wegzugucken oder die Aufmerksamkeit auf Statistiken zu lenken, denen zu folge alles in bester Ordnung ist. Doch das habe ich nie getan. Und wenn ich von einer Statistik wie dieser höre, dass „Die Sicherheit in Deutschland steigt – auch für Frauen“, weil „die vollendeten Vergewaltigungen um 20 Prozent abgenommen haben“, wird mir speiübel, da sich alles in mir dagegen sträubt, meine Aufmerksamkeit nur darauf auszurichten, ob das Aas auch abgespritzt hat. Nein, nichts ist in bester Ordnung, da vertraue ich lieber meinem eigenen Bauchgefühl. Ich bin in einer Disco und habe Angst, alleine nach Hause zu gehen. Die Meldungen über sinnlose Gewalttaten sind so häufig geworden, sind so nah, dass ich mich in etwa so wie ein Soldat der napoleonischen Zeit fühle, der starr in Reih und Glied ausharren muss, während um ihn herum die Kanonenkugeln einschlagen. Starr deswegen, weil natürlich immer die Aufforderung zum „Kampf gegen Rechts!“ vorgebracht wird, die nur leider nichts am Einschlagen der Kanonenkugeln ändert, die vielleicht schon bald jemanden treffen, mit dem ich zuvor den Spirit der gleichen Clubnacht geteilt habe. Und ja, sollte die nächste Kugel mich erwischen, es wäre mir ein Graus, wenn die Sorge vor der Instrumentalisierung meines Todes durch Rechte die Hauptsorge meiner Genossen wäre, so wenig ich einen Durchmarsch der AfD auch guthieße, oder das kleine Loch, das ich hinterließe, gar nicht richtig wahrgenommen würde, weil alle sich gegenseitig versicherten, der Täter hätte auch ein Deutscher sein können, seine Herkunft spiele keine Rolle und es seien ja nicht alle so. Und natürlich, vielleicht sterbe ich auch durch die Zähne eines deutschen Kampfhundes, wer weiß das schon.

Mein Handydisplay zeigt 8:08 an, ich raffe mich auf. Die Schlange vor der Garderobe ist immens. Mir scheint, viele haben solange gewartet, bis der Tag stabil ist und die Dämonen der Nacht sich verzogen haben. Ich setze mich in einen Sessel, denselben, in dem ich zuvor mein Nickerchen gehalten hatte, und will erst einmal abwarten, bis der ärgste Andrang vorüber ist. Eine bewusste Atemrunde und eine Zigarette später werde ich aber ungeduldig und stelle mich an. Ein muskelbepackter Kerl, wohl ein Araber, stößt in die Schlange hinein, will sich wahrscheinlich vordrängeln, mutmaße ich. Ich kann ihn kaum ansehen. Abschieben, alle abschieben, schießt es mir durch den Kopf. Ich bemühe mich, meine finsteren Gedanken von ihm zu trennen, sie nicht auf ihn zu richten, strömte doch dieselbe Musik durch unsere Ohren, doch gleichzeitig ist da diese Rivalität, wer zuerst seine Jacke bekommt, umso mehr, als die Gruppe vor uns zu diskutieren beginnt, ob sie nicht doch noch bleiben will, was die Ordnung der Schlange zum Kollabieren bringt. Ich bilde mir ein, dass er spürt, was in mir vorgegangen ist, dass uns beiden bewusst ist, dass es in unserer Auseinandersetzung, wer zuerst seine Jacke bekommt, in Wirklichkeit um viel, viel mehr geht. Ein Anflug von Wahnsinn liegt in der Luft, der da sagt: Komm, zeig mir Deine Angst, auf dass ich sie erwägen kann. Mit einiger Klarheit vermeine ich zu sehen, dass sich hinter der Fassade aus starken Muskeln ein unsicherer Mensch verbirgt. Bestimmt auch nicht einfach, ständig solche Blicke zu kassieren wie jenen, den ich ihm zugeworfen hatte, als mir der Gedanke an eine Abschiebung durch den Kopf ging. Und doch, die Angst, die er auf die Waagschale legte, war so viel geringer als das, was ich in diesen Stunden tragen musste und mein Mitleid hielt sich in Grenzen. So preschte ich dann vor, entschied die Auseinandersetzung für mich und legte die gelochte Garderobenmünze, die an einer Schnur meinen Hals herabhing, aufs Brett der Garderobe. Doch hatte ich keine Gelegenheit, die neue Situation zu ergründen, denn der Garderobier mit dem unbekannten Gesicht, den ich vor Scham weder ansprach noch genau ansah, wartete ab, bis ihm zwei weitere Garderobenmarken gegeben wurden, die des Arabers und die einer Frau, ehe er die Jacken herausgab.

An der Sonnenallee fährt gleich die S-Bahn ein. Keine Zeit, sich noch eine Fahrkarte zu kaufen. Ich setze mich, vergewissere mich der Abwesenheit eines Kontrolleurs und denke übers Schwarzfahren nach. Soll man ja nicht sagen, weil schwarzfahren rassistisch ist, also natürlich nicht das Fahren ohne Ticket an sich, sondern die Bezeichnung, denn schwarz ist da negativ konnotiert. Wie man´s nimmt, manche finden´s auch cool, trauen sich das nur in Ausnahmefällen, doch dachte ich in dem Moment an eine Diskussion mit einer jüngeren Genossin, die darauf beharrte, wie wichtig es wäre, nicht schwarzfahren zu sagen, die aber gleichzeitig einzelne Morde oder Vergewaltigungen durch Menschen mit Migrationshintergrund zwar tragisch, aber doch vernachlässigenswert fand, da es so etwas schon immer gegeben hat. Welch merkwürdig verschobene Relevanzmaßstäbe! Ich frag mich da ja eher, wie man noch zusammen feiern können soll, wenn es zwar tragisch, aber politisch eben doch vernachlässigenswert ist, wenn man auf dem Nachhauseweg vergewaltigt und/oder getötet wird. Ich persönlich brächte es nicht übers Herz, da noch mitzufeiern. Aber wie auch? Die Party wäre ohnehin over, macht Euch das klar, denn was jetzt geschieht, könnte der Anfang einer Gewaltspirale sein, bei der die „Antwort“ der Rechtsextremisten auf einem ganz neuen Level erfolgt, wovon der gescheiterte Brandanschlag auf ein bewohntes Flüchtlingsheim in Bautzen, der Angriff auf ein linkes Projekt zur Flüchtlingshilfe in Frankfurt/Main sowie die jüngsten Anschäge in Neukölln, gegen die am Freitag eine Demo stattfindet, bereits beredtes Zeugnis ablegen.

Hermannstraße. Immer noch ängstlich checke ich die Umgebung. Alles sicher. Kein degeneriertes Arschloch, nirgends. Ich eile heim. Ich höre das Bellen eines Hundes. Hunde sind ja sehr feinfühlig, was ängstliche Vibes angeht. Ein großer, schwarzer Rottweiler. Panisch wechsel ich sofort die Straßenseite. Zum Glück, er ist angeleint. Sein Herrchen, so ein deutscher Biedermann.

Endlich, ich habe es geschafft. Aus der Bar im ersten Stock wummern noch die Bässe, zuhause geht die Party weiter, aber ich will jetzt schlafen. Und nachher darüber reden. Wie erwachsene Menschen. Ohne Ausgrenzungsspiele auf Kindergartenniveau. Wir müssen reden, alle. Bevor die Gewalt noch weiter eskaliert, bevor jemand die Hunde loslässt.

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