Szczepan Twardoch gilt als eine der stärksten Stimmen der neuen polnischen Literatur. Sein aktueller Roman „Drach“ überzeugt in vielfältiger Weise.

Universität Wroclaw

Fährt man duch die Wojewodschaft Schlesien, wandelt durch die Straßen Wrocławs, des alten Breslaus, beschleicht einen unweigerlich ein schwer in Worte zu fassendes Gefühl der Geschichtetheit. Da ist zum einen die Schicht des modernen polnischen Lebens, der Menschen, die vor Schaufenstern mit modischen Klamotten oder klugen Handys stehen, in Bars oder Restaurants gehen und beim Piwo ein Schwätzchen in ihrem klangvollen Polnisch halten. Dann ist da die Architektur der Stadt und die der alten Dörfer, durch die man hindurchfährt, die über weite Strecken ihr deutsches Gepräge nicht verbergen kann. Deutscher sogar noch als in vielen Städten westlich der Oder und der Neiße, denn Breslau, wiewohl in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs zum „Stalingrad an der Oder“ geworden, wurde von den späteren Bewohnern Wrocławs in einer Weise wiederaufgebaut und in Stand gesetzt, die anderen zerstörten deutschen Großstädten nicht zuteil wurde, auch wenn fast alle deutschen Inschriften, selbst an Kirchen, aus dem Stadtbild herausgemeißelt wurden. Und dann ist da noch die Natur. Die Enten, die den Oderarm um die Dominsel herum entlangschwimmen, oder die Rehe, die von den abgeernteten Feldern aus zur Straße schauen. Enten und Rehe sind geblieben, die Menschen aber, die einst hier lebten, mussten anderen weichen, deren Nachkommen jetzt dort leben.

Wie erzählt man die Geschichte eines solchen Landes? Wie zeigt man seine Kontinuität auf, derer ein die Jahrhunderte umfassender Roman bedarf, wenn doch die Menschen, die dort über Generationen hinweg lebten, ihre Traditionen, Bräuche und eigenen Dialekte pflegten, über Nacht ihre Heimat verließen, sich in einer gänzlich neu aufgestellten Gesellschaft auflösten und ihr Erbe nur selten an ihre Nachkommen weitergaben, sodass es aus dem kulturellen Gedächtnis schließlich so gut wie verschwand beziehungsweise, da es im Ruch des Revanchismus stand, unter den Nachgeborenen sogar fast mit einem Bann belegt war? Man erzählt die Geschichte eines solchen Landes aus der Perspektive des Landes selbst, der Erde, des großen Drachen, auf dem die Menschen wuseln wie die Wanzen auf ihnen, des Drachen, der Menschen gebiert, verschlingt und wieder ausspuckt. Dieser Drache, der Behemoth der Bibel, ist ein zutiefst mystisches Wesen. Der alte Pindur, alt schon im Jahre 1906, lauscht mit seinem Greisenohr den Weisen dieser Erde, die da besagen, dass alles Sonne ist. Sonne die Bäume, Blätter und Früchte, denn sie wachsen dank der Sonne, Sonne die Tiere und Menschen, denn sie essen Sonne. Doch alle Sonne ist auch Erde, werden doch die Toten in ihr gebettet, verwesen dort mitsamt ihrer Särge, verfaulen und zerfließen in die Erde, von wo aus sie zu den Wurzeln der Bäume dringen, die sie aufsaugen und ihre Moleküle in ihren Organismus integrieren. Das alles weiß Pindur aus einem esoterischen Vortrag, so schlecht, dass es sogar ihm aufgefallen ist, doch das hat er längst vergessen, hält es für seine eigene Weisheit, gibt sie in seinem breiten Schlesisch an den jungen Josef Magnor weiter.

Drach Cover

Josef Magnor, einer der sogenannten Helden des Romans. Auf der ersten Seite schon schließen wir Bekanntschaft mit ihm, beim Schweineschlachten. Später gehen wir mit ihm auf Brautschau, begleiten ihn in die Schützengräben der Westfront. Noch später – doch davon soll hier nicht die Rede sein. Sein Sohn Ernst, der bleibt bis zum Ende des Romans, wird zum alten Opa von Nikodem Gemander, dem jungen Star-Architekten, der gerne amerikanische Serien guckt und seine krebskranke Frau für eine jüngere Geliebte sitzen lässt. Daneben, versteht sich, treten noch eine ganze Menge anderer Gestalten auf, an einer Stelle sogar der Held aus Twardochs Vorgängerroman „Morphin“. Doch was soll´s? Es ist der Stil, die Sprache, die „Drach“ zu einem der besten Bücher des Jahres macht:

„Im März 1919 kommt die Mutter in Carolines Zimmer und kündigt an, dass sie ins Kino gehen, ein katholischer Verein organisiert eine Vorführung für Kinder.

»Ich bin kein Kind mehr«, sagt Caroline wahrheitsgemäß.

»Und ich gehe nirgendwohin.«

Sie weiß genau, wie die Mutter reagieren wird. Sie wird mit dem Vater drohen.

»Sonst rufe ich den Vater …«, droht die Mutter, ganz wie Caroline vorhergesehen hat.

»Das ist egal, ich bleibe.«

»Also gut, du wirst es noch bereuen.« Dolores Ebersbach kapituliert und droht zugleich.

Caroline Ebersbach bleibt in ihrem Zimmer in dem Haus in der Kreidelstraße 23.

Die Gleiwitzer Bürgerkinder versammeln sich im kleinen Kinosaal der Stadtgartenhalle in der Klosterstraße 1. Neben dem kleinen Saal gibt es hier noch einen großen Kinosaal für fünfhundertsiebzig Zuschauer, die Städtischen Lichtspiele und ein Restaurant mit Biergarten. Dort sitzen die Leute, sitzt auch Josef Magnor im Sommer gern, aber im März ist der Garten noch geschlossen.

Im Jahr 1930 übernimmt die Union-Grundstück Gmbh das Kino, versieht es mit einer Tonanlage und nennt es Capitol, im Jahr 1945 kommen Sowjetsoldaten und stecken den Bau in Brand, es gibt kein Kino Capitol mehr. An der Stelle, wo das Kino war, begräbt die sowjetische Militärbehörde die Leichen aller Sowjetsoldaten, die bei der Einnahme der Stadt gefallen sind, zuvor waren ihre provisorischen Gräber über die Stadt verteilt. Im Jahr 1951 werden sie erneut verlegt, nicht weit, auf den Friedhof an der Sobieskistraße.

Im Jahr 1996 sitzt dort, wo das Kino, das Theater, das Restaurant, der Stadtgarten und der sowjetische Friedhof waren, Nikodem Gemander. Der Platz heißt jetzt Adam-Mickiewicz-Platz, Bäume darauf, und zwischen den Bäumen auf einem hohen Sockel steht ein hässliches Denkmal des besagten Nationaldichters. Nikodem weiß nicht, dass hier einmal die Stadtgartenhalle und ein sowjetischer Soldatenfriedhof waren, ihn interessiert so etwas auch überhaupt nicht, und er weiß nicht, dass sein Urgroßvater Josef Magnor gern ein Scobel-Bier trank nicht weit von der Stelle, wo Nikodem nun mit einem gewissen schlanken Mädchen mit hellem Haar und langen Beinen sitzt und mit ihr scheußlich süßen Obstwein der Marke Biały Patyk trinkt. Sie küssen sich ein bisschen, es ist Nacht und August, Nikodem hat lange Haare und das Mädchen kurze, Nikodem hat eine Erektion, und das Mädchen ist schon feucht, aber dabei bleibt es auch, denn sie wissen nicht, wohin.

Im Jahr 1919 haben die Gleiwitzer Bürgerkinder schon ihre Plätze eingenommen, die Lichter gehen aus bis auf zwei Glühlampen am Eingang, die diskret hinter dem dicken Samtvorhang verborgen sind.

Eine für die damalige Zeit typische Vorführung beginnt.

Der Samtvorhang, zu dicht an der heißen Glühbirne, erhitzt und entzündet sich schließlich.

Im Publikum bricht Panik aus.

Was heißt das, Panik bricht aus? Sechsundsiebzig Kinder, geboren zwischen 1909 und 1914, bekommen plötzlich große Angst, denn der brennende Vorhang setzt ganz rasch die Lärchenholztäfelung des Kinosaals in Brand. In ihrer Angst wollen sie fliehen, drängen also zum Ausgang, stoßen sich gegenseitig um, drücken gegen die Tür, aber die Tür geht nur nach innen auf.

Keinem einzigen Kind gelingt die Flucht, alle kommen ums Leben. Die Feuerwehr trifft zu spät ein. Die meisten Kinder sterben an Rauchvergiftung oder ersticken, einige verbrennen bei lebendigem Leibe, andere, die kleineren, werden von größeren Freunden oder Freundinnen zu Tode getrampelt.

Auf die Nachricht vom Brand hin rennt Dolores Ebersbach in das Zimmer ihrer Tochter, um sie an sich zu drücken. Vor der Tür fällt ihr aber ein, dass das übertrieben wäre. […]“

Szczepan Twardoch, Drach

Rowohlt, 413 Seiten, 22,95€

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