Unter Insidern wird der chilenische Regisseur Alejandro Jodorowsky geradezu kultisch verehrt, was es nicht gerade einfach macht, sich seinem Werk zu nähern.

Wer ist Alejandro Jodorowsky?

Unmöglich, diesen Text mit einer anderen Frage zu beginnen, beispielsweise „Worum geht’s in seinem neuen Film?“, denn hier handelt es sich um einen der seltenen Fälle, in denen das Werk hinter dem Charisma seines Schöpfers zurücktritt. Der Film ist nicht so wichtig. Alejandro Jodorowsky ist wichtig. Aber das macht nichts, denn der Film und Alejandro Jodorowsky sind eins. Mehr noch als wir alle angeblich irgendwie eins sind, wie die Adepten der Geheimwissenschaften so gerne beschwören, nämlich ganz profan autobiografisch eins, indem der Film einen Teil der bewegten Lebensgeschichte Jodorowskys nacherzählt, und ein wenig auch prismatisch eins, indem sich unzählige Strahlen aus Jodorwoskys Spektrum in der Kameralinse bündeln und synästhetische Bildwelten erschaffen, in denen man selbst den Geruch der Dinge wahrzunehmen vermeint. So sinnlich ist der Film, so leibhaftig ist der Mensch Alejandro Jodorowsky.

Der Kultregisseur

Nun gut, keine Lobhudelei. Seinen Kultstatus erwarb der 1929 in Chile geborene Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine bereits 1970 mit El Topo und 1973 mit Montana Sacra, beides surreal-mystische Filme, die Drogenerfahrungen anklingen lassen und vor esoterischen Symbolen und Motiven nur so strotzen und deswegen genau den Zeitgeist der Hippies trafen. Sein nächstes Werk, die Verfilmung von Frank Herberts Dune, scheiterte dann allerdings an Jodorowskys Gigantismus, der für die Financiers zu viele Risiken barg. Allerdings wurden umfangreichste Vorarbeiten, darunter Entwürfe von H.R. Giger fertiggestellt, sodass die Erinnerung an dieses Filmprojekt ein Eigenleben, etwa in Form einer darüber gedrehten Dokumentation, entwickeln konnte. Nach diesem Fehlschlag dauerte es bis 1989 und 1990, ehe Jodorwosky wieder zwei Filme veröffentlichte, 2013 folgte der nächste, ehe Poesía sin fin wohl den Abschluss des filmischen Schaffens des heute 87 Jährigen markiert, obwohl er im Film, in dem er nicht nur Regie führt, sondern auch mitspielt, eher wie Anfang siebzig aussieht.

Der Esoteriker

Doch die Filme allein würden nicht zur Erklärung der kultischen Verehrung Jodorowskys ausreichen. Dazu muss man auch einen Blick auf sein esoterisches Werk werfen, das ihm von Yogis, Heilpraktikern, Drogenessern und allen an diesen Dingen Interessierten höchste Wertschätzung einbrachte. Da wäre zuvorderst sein Tarot de Marsailles zu nennen, das in Zusammenarbeit mit Phillipe Camoin entstand, der jener Druckerfamilie entstammt, die die ältesten bekannten Tarotsets herausgegeben hat und deren Tradition bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Dieses Tarot ist der Versuch einer Rekonstruktion des ursprünglichen, womit Jodorowsky in gewissem Sinne dem reformatorischen Prinzip des ad fontes folgt, und es hat viele Fans gefunden, auch wenn das Tarot Oshos sicherlich nach wie vor populärer ist. Vom ästhetischen Standpunkt aus betrachtet sind Jodorowsky/ Chamoins Tarotkarten jedoch wesentlich eindrücklicher als Oshos ins Kitschige abdriftende sphärische Bilder. Jodorowskys dazugehöriges Buch Der Weg des Tarot und seine legendären Séance-Legungen in einem Pariser Café folgen dabei dem Prinzip, dass das Tarot nicht dazu diene, die Zukunft vorauszusagen, sondern die Persönlichkeit und die Konflikte des Fragestellers zu spiegeln. Also eigentlich nichts mit Hokuspokus, aber trotzdem nicht Jedermanns Sache. Außerdem hat Jodorowsky noch ein Handbuch zu psychomagischen Ritualen und anderes verfasst. Mehr Informationen zu seinem esoterischen Schaffen gibt es hier.

Der Film

Doch nun zum Film. Dieser erzählt davon, wie der junge Jodorwosky unter der Tyrannei seines Vaters leidet und sein Elternhaus schließlich verlässt, um Dichter zu werden. Er findet Aufnahme in einem Freundeskreis Gleichgesinnter, trifft seine erste Muse, erlebt so manche Begebenheit und bricht schließlich nach Paris auf. Klingt erst einmal banal, doch die filmische Umsetzung hat es in sich, da Jodorowsky außergewöhnlich ausdrucksstarke und poetische Bildwelten erschafft, wovon bereits der Trailer beredtes Zeugnis abgibt, die sich obendrein keineswegs im Ätherischen erschöpfen, sondern sehr fleischlich-diesseitig sind, etwa wenn es eine Sexszene zwischen dem jungen Helden und einer Zwergin gibt, die gerade ihre Periode hat und im Blut nur so schwimmt. Haufenweise Brüste und Penisse, sogar eine versuchte anale Vergewaltigung, nichts lässt Jodorowsky aus. Mal spielt die Handlung im Zirkus, mal gibt’s ne große Parade von Hakenkreuz-Zombies, die ihrem neuen Führer zujubeln und mal erscheinen die Gestalten des grauen Alltags in einem so stilisierten Grau, dass sie ein wenig an Roy Anderssons Filme wie Songs from the 2nd floor erinnern. Auffällig ist jedoch, dass alle Figuren so grell und grotesk überzeichnet sind, dass es schwer fällt, sie noch als echte Menschen ernst zu nehmen. Wahrscheinlich dient dieser Kunstgriff dazu, das Musterhafte der Lebenssituationen herauszustreichen, wodurch Jodorowoskys esoterische Lebensweisheiten, die er fast in Art eines Gurus bei seinen persönlichen Auftritten im Film einstreut, zur Allgemeingültigkeit verholfen wird. Besonders prägnant ist das am Schluss, wenn der junge Jodorowsky, der übrigens von J.´s Sohn gespielt wird, sich von seinem Vater verabschiedet und die große Versöhnung inklusive Segen und Pipapo stattfindet, und der echte Jodorowsky konstatiert: „Indem du mir nichts gabst, gabst du mir alles!“ Das freilich scheint mir eine Lebensweisheit zu sein, auf die man auch gerne verzichten kann, rechtfertigt sie doch noch den letzten patriarchalischen Scheißdreck. Ansonsten aber ist Poesía sin fin zweifellos ein brillanter Film, den man nicht verpassen sollte.

Weitere Termine im Babylon in Berlin, Rosa Luxemburg Platz:

08.12.2016: 19:30 Uhr und 22:00 Uhr

Außerdem gibt es aktuell eine Jodorowsky Retrospektive.

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