Auch als studierter Slawist stößt man hin und wieder auf Namen aus dem reichen russischen Geistesleben, die einem nichts sagen. So geschehen bei meiner derzeitigen Lektüre von Uli Hufens „Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin“, bei dem gleich das erste Kapitel Leonid Osipovitsch Utjossov, 1895 in Odessa geboren, gewidmet ist.

Recht bald mHufens Bucherkte ich allerdings, dass ich Utjossov doch schon mal begegnet war, nämlich beim Ansehen des „legendären“ Films „Vesjolye Rebjata“, dem ersten Tonfilm der UdSSR. „Lustige Burschen“, wie der Film auf deutsch heißt, ist eine musikalische Verwechslungskomödie, bei der sich zwei hysterische Touristinnen auf der Krim in einen singenden Hirten (Leonid Utjossov) verknallen, bis sie alle vor lauter guter Laune und schlechtem Geschmack sterben. Na ja, vielleicht hab ich den Film auch nicht bis zum bitteren bzw. süßen Ende angesehen. Er war jedenfalls nur schwer genießbar. Und dieser Leonid Utjossov, der unter Stalin und seinem so rigiden wie spießigen Kunstdogma des sozialistischen Realismus Karriere gemacht hat, soll also eine Legende sein, wie alle Autoritäten versichern?

Hört man sich seine Gangsterchansons, die auf russisch blatnye pesni, Blat-Lieder, heißen, wie „Gop so smykom„, „Iz Odesskogo kitschmana“ oder „Bublitschki“ an, deretwegen Uli Hufen ihn rühmt, spürt man zwar sofort den Reiz der Lieder, aber sehnt sich doch nach neuen, schmissigeren Interpretationen. Bedenkt man ferner, dass die Lieder nicht Utjossov, sondern ein gewisser Jakow Jadow geschrieben hat, von dem nicht viel mehr bekannt ist, als dass er, wie so viele andere Genies auch, in Armut gestorben ist, kann schon die Frage aufkommen, ob es wirklich nötig ist, jemanden wie Utjossov auch noch postum zu überhöhen. Umso mehr, als er selbst sich in seiner 1975 erschienenen Autobiografie abfällig über die Ganovenlieder äußert, die ihm einst zum Durchbruch verholfen haben. Zwar weist Hufen in „Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin“ darauf hin, dass es in der Breschnew-Ära nur möglich war, im Modus der Kritik über Ganovenlieder zu schreiben und dass allen klar war, dass in Wirklichkeit das Gegenteil des Geschriebenen gemeint gewesen sei. Doch wenn man sich Utjossovs Auftritte aus dieser Zeit ansieht, die an Biederkeit wirklich fast alles übertreffen, was ich jemals bewusst wahrgenommen habe, kann einem auch der Gedanke kommen, dass ihm die Ganovenlieder rückblickend wirklich missfallen haben. Zudem Utjossov als achtzigjähriger Grandseigneuer des sowjetischen Showbusiness auch nichts mehr zu befürchten gehabt hätte und Breschnew außerdem nicht Stalin war.

Stalins Nachtigall

Aber was soll man machen? Leonid Utjossov, der übrigens als Lasar Weissbein in einer jüdischen Familie das Licht der Welt erblickt hatte, ist am 9. Mai 1945 bein Konzert zur Feier des Sieges über Hitler-Deutschland am Roten Platz aufgetreten. Das reicht schon, um heilig gesprochen zu werden. Zwar konnte ich keine Aufnahme dieses Konzerts finden, aber diese Variation von „Bud’te zdorowy“ als antifaschistischem Kampflied ist nicht übel.

Auch hat Utjossov einmal, bei einem offiziellen Empfang zu Ehren berühmter Piloten, im Beisein Stalins und auf dessen ausdrückliche Bitte hin, ein letztes Mal die berüchtigten Gaunerlieder angestimmt, bevor diese für lange Zeit in der Versenkung verschwanden. Problematisch war an ihnen vor allem, dass die lyrischen Ganoven-Ichs keinen positiven Helden im Sinne des sozialistischen Realismus abgaben. Zwar entpuppt sich der Gop so smykom, also der Asi mitm Stemmeisen, bei einem Gefängnisaufenthalt als musische Natur, die am liebsten singen will und Bublitschki handelt gar von einer redlichen Brezelverkäuferin, die ihre „Bublitschki“ genannten Brezeln der ganzen „Respubliki“ im Austausch für deren „Rubliki“ verticken will. Doch aus dem „Odesskogo kitschmana“, dem Kitchen von Odessa, türmen echte Gangster, deren Flucht allerdings tödlich endet. Im berühmtesten aller Ganovenchansons aber, dem wohl ebenfalls von Jakow Jadow verfassten „Murka„, knallen die Gangster ihre so ehrenwerte wie reizende Chefin Murka, die sie bei den Strafverfolgungsbehörden hat hochgehen lassen (wie wohl die Deals der sowjetischen Kripo aussahen?), noch standesgemäß zum Nachtisch im Restaurant ab.

Reiz und Charme der Blat-Lieder stehen natürlich außer Frage. In den Interpretationen von La Minor begleiten sie mich seit mehr als zehn Jahren, doch Utjossov, der beispielsweise den Jazz gerade in dem Moment hinter sich ließ, als dieser in Ungnade fiel, ist mir zu angepasst. Aber andererseits: Wer will schon wie Jakow Jadow enden? Bzw. denjenigen verurteilen, der sich zugunsten des eigenen guten Lebens den herrschenden Moden nicht energisch widersetzt?

Verständnis, Respekt und eine gewisse Zugewandtheit bring ich Dir also gerne entgegen, Leonid Osipovitsch, denn es führt ja kein Weg an Dir vorbei, Du gesittete Rampensau des sowjetischen Entertainments, aber mein Herz hast Du nicht beflügelt. Doch ich bin mir sicher, dass, je älter ich werde, ich Deine Romanzen immer mehr schätzen werde.

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