Während des Kalten Krieges flohen Menschen von Ost nach West. Akos Doma erzählt die Geschichte einer ungarischen Familie.

Als ich unlängst beim Rowohlt-Verlag nach einem Rezensionsexemplar von „Morphin“ anfragte, bekam ich zusätzlich Akos Domas Roman „Der Weg der Wünsche“ zugeschickt. Ein unverlangt eingesendetes Rezensionsexemplar – na so was! Im Literaturbetrieb gelten diese ja oftmals als das Schlimmste, was es gibt, und entsprechend bekam ich sofort Mitleid: Ein Roman, von dem man denkt, dass niemand ihn von sich aus haben will. Da muss ich ihm einfach eine Chance geben und ihn lesen und besprechen, schließlich hat meinen Roman „Staatsgeheimnis“ auch niemand besprochen. Umso mehr, als Akos Doma auf dem Umschlagfoto auch einen recht traurigen Eindruck macht und ich unlängst in der FAZ lesen musste, was ich selber zur Genüge weiß, nämlich, dass vom Schreiben so gut wie niemand leben kann. Bestimmt wird es auch Akos Doma so gehen, obwohl er schon zahlreiche Preise und Stipendien gewonnen hat, die mir als Selfpublisher natürlich per se verwehrt sind, denn bei allen Ausschreibungen prangt so zuverlässig wie die Maus in der nach ihr benannten Falle der Hinweis: „Schriftsteller“, die ihre Bücher im Eigenverlag veröffentlicht haben, müssen leider draußen bleiben.

Doch wer ist dieser Akos Doma eigentlich? Er wurde 1963 in Budapest geboren und seine Familie floh Anfang der Siebziger mit ihm über Italien und England nach Deutschland, wo er dann später Germanistik und anderes studierte und schließlich Übersetzer aus dem Ungarischen und Schriftsteller wurde. „Der Weg der Wünsche“ schaffte es dieses Jahr dann sogar auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis und man kann davon ausgehen, dass die Geschichte der Flucht einer Familie die seiner Familie ist.

Der Roman beginnt mit der Schilderung einer Familienfeier, die im Grunde als sehr harmonisch gelten kann, wenn nicht die beengten Verhältnisse stören würden. Die vierköpfige Kleinfamilie lebt zusammengepfercht in einem einzigen Zimmer, einer ihrer Nachbarn spitzelt und eine andere, eine schwarze Hexe, tyrannisiert und quält. Nicht sehr angenehm. Auch auf der Arbeit sieht es für Teréz, die Mutter von Misi und Bori, nicht besser aus: Sie wird in die Provinz zwangsversetzt, damit ein Absolvent der Moskauer Universität ihre Stelle einnehmen kann. Ihrem Mann Károly ergeht´s da besser – er darf ein Jahr lang an einer Universität in der BRD arbeiten, obwohl er als Kind mit seiner Mutter mal förmlich aufs Dorf deportiert wurde. Das alles ist gefällig beschrieben, die Figuren präzise gezeichnet und ab und an werden sogar Lebensweisheiten eingestreut, die an Sándor Márai erinnern. Und trotzdem macht sich beim Lesen eine große Traurigkeit breit, da man sich unweigerlich fragt: Und wer wird in unserer Zeit davon noch Kenntnis nehmen? Ist die Literatur angesichts der Allgegenwärtigkeit amerikanischer TV-Serien nicht zum Untergang verdammt? Ist die bürgerliche Literatur eines Akos Domas, in der man noch die Verwurzelung in der k.u.k.-Tradition spürt, nicht völlig aus der Zeit gefallen? So sehr, dass vielleicht selbst das Feuilleton nichts mit ihr anzufangen wüsste, da der ganze Dreck und das Geschrei, der für Gegenwartsliteratur ansonsten manchmal als obligatorisch zu gelten scheint, fehlen? Und wenn der Roman erst jemenschen in die Hände fiele, d*r Gender-Studies studiert hat? Schließlich sind die Geschlechterbilder so festgefügt … Na ja, und sei´s drum.

Später wird dann die eigentliche Geschichte der Flucht und des Aufenthaltes in einem italienischen Lager geschildert und dabei ein angenehm unverklärtes Bild des Westens mit seinen Widersprüchen sowie der interkulturellen Schwierigkeiten gezeichnet. Zwischendurch werden in Rückblenden, die bis in den Zweiten Weltkrieg oder den ungarischen Volksaufstand von 1956 zurückreichen, die Lebensgeschichten von Teréz und Károly erzählt, bevor der Roman auf seinen letzten hundert Seiten einen ziemlich unerwarteten Spannungssog entfaltet, der es einen nicht mehr aus der Hand legen lässt. Alles in allem kann ich nur sagen: Schön, dass die Tradition Sándor Márais noch lebendig ist.

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