Der in dieser Höhe für alle unerwartete Wahlsieg Donald Trumps wird den Westen, wie wir ihn kannten, zur Vergangenheit machen. Das muss nicht schlecht sein.

Fast das gesamte linke und bürgerliche Spektrum, sowohl in den USA, als auch in Europa und in Deutschland, war sich in seiner vehementen Ablehnung Donald Trumps einig. Auch die Mainstreammedien ließen kein gutes Haar an ihm. Gegenteilige Stimmen wie die Julian Assanges, der Trump mithilfe von Wikileaks-Enthüllungen über Clintons Emailaffäre aktiv unterstützte, oder Jakob Augstein, der zuletzt in seiner Spon-Kolumne darauf hinwies, dass Trump zumindest sicherheitspolitisch die klügere Wahl als Clinton ist, drangen kaum durch oder sorgten, wie im Falle Slavoj Žižeks, eher für Stirnrunzeln. Ich selbst schrieb bereits Anfang März darüber, warum ich Trump für den richtigen Mann zur richtigen Zeit halte. Jetzt, da er gewonnen hat, ist die Erleichterung bei mir, wie man nach der Lektüre vorliegenden Artikels vielleicht nachvollziehen kann, denkbar groß, auch wenn natürlich auch bei mir Bedenken bestehen, ob Trump das nötige Fingerspitzengefühl hat, um den gebotenen Umbau der USA, mit all seinen Folgen für die westliche Welt, behutsam genug in die Tat umzusetzen, ohne dass etwas anbrennt. Angesichts seiner teils brachialen Rhetorik während des Wahlkampfes können daran ja berechtigte Zweifel bestehen. Doch zunächst überwiegt ganz klar die Freude, dass die amerikanische Demokratie mit dieser Wahl, bei der es keine Manipulationen gab und sich ein Anti-Establishment-Kandidat durchsetzen konnte, obwohl nahezu alles, was Rang und Namen hat, sich gegen ihn gestellt hat, eindrucksvoll ihren demokratischen Charakter unter Beweis gestellt hat. Allen neurechten Verschwörungstheorien zum Trotz hängt die Frage, wer US-Präsident wird, nicht vom Willen der Elite, sondern von dem des Volkes ab. Damit ist in meinen Augen der seit der manipulierten 2000-er Wahl bestehende Zweifel an der Echtheit des demokratischen Systems der USA vorerst ausgeräumt und ich bin unendlich erleichtert darüber, zum ersten Mal seit 16 Jahren wieder Vertrauen in die USA haben zu können (Obama konnte das in meinen Augen nicht wiederherstellen, da er mir trotz seiner Coolness zu sehr Blender war).

Trump – der richtige Mann zur richtigen Zeit

Ein Politiker ist dann der „richtige Mann zur richtigen Zeit“, wenn er deren drängendste Probleme korrekt erkennt und nach funktionierenden Lösungen sucht. Die meisten Menschen im Westen glauben, unsere Zeit sei die der Globalisierung, was sehr beachtenswert ist, da der Begriff der Globalisierung praktisch alle Missverständnisse des linksliberalen Spektrums bündelt, die zu seiner derzeitigen Marginalisierung und zum Vormarsch des Rechtspopulismus führten. Die These der Globalisierung ging davon aus, dass sich die gesamte Welt nach dem Zusammenbruch des Ostblocks in Richtung von Marktwirtschaft, westlich geprägter Demokratie und einem globalen Freihandel entwickelt. Francis Fukuyama war mit seinem Aufsatz vom Ende der Geschichte der prominenteste Verfechter dieser Sichtweise, wobei die am meisten rezipierte Gegenthese, die Huntingtons vom „Kampf der Kulturen“, eine einseitige Fixierung auf die islamische Welt mit sich brachte und es dadurch ebenfalls erschwerte, einen klaren Blick für die generelle Entwicklung der Welt zu behalten. Diese stellt sich so dar, dass sich zwar die Marktwirtschaft als wesentlicher Bestandteil der Wirtschaftsordnung fast jeden Staates durchgesetzt hat, damit aber kein Siegeszug der westlichen Demokratie und ihrer Werte einherging, sondern im Gegenteil die autoritärer geführten Staaten wie China oder Russland stärker wurden und ideologische Strahlkraft entwickelten, die sowohl in rechtspopulistischen Bewegungen im Westen als auch in einzelnen, eigentlich zum westlichen Lagern gehörenden Staaten wie der Türkei oder den Philippinen Widerhall fand. Außerdem entpuppte sich insbesondere der von den USA zunächst so propagierte Freihandel als Bumerang für sie selbst, stärkte er doch seine geopolitischen Konkurrenten wie China oder auch seine Partner wie Deutschland, höhlte aber das Fundament der eigenen Wirtschaftskraft nachhaltig aus. Die Amerikaner, die dabei auf der Strecke blieben, bildeten nun die Basis für den Wahlsieg Trumps, des Ersten, der glaubwürdig versprach, sich ihrer wieder anzunehmen. Obamas Antwort auf die ökonomische Schwächung der USA durch die grenzenlose Globalisierung dagegen bestand einerseits in einem Freihandel light, also der Aushandlung von Freihandelsabkommen wie TPP und TTIP nur mit befreundeten Ländern, um so einen geschlossenen Block gegen die aufstrebenden Schwellenländer (BRICS) zu bilden und ihnen so die Regeln des Welthandels diktieren zu können, statt sie gemeinsam auszuhandeln, wofür das Scheitern des DOHA-Abkommens und die Marginalisierung der WTO exemplarisch stehen, andererseits darin, die Blockbildung durch eine aggressive Außenpolitik zu forcieren, indem eine künstliche Konfrontation mit Russland geschaffen wurde, die nichts zur Lösung der strukturellen Probleme der USA beitrug. Dieser unverantwortliche Ansatz, der schlimmstenfalls zu einer ungeplanten nuklearen Konfrontation mit Russland hätte führen können und den Hillary Clinton in einer noch aggressiveren Weise vertrat, ist zum Glück gescheitert. Insofern können wir jetzt alle, auch die größten Trump-Verächter, durchatmen: Es wird keinen Krieg gegen Russland geben. Die Angst davor war für mich seit dem Ausbruch der Ukraine-Krise mehrfach sehr stark und ich bin sehr froh, deswegen keine schlaflosen Nächte mehr haben zu müssen.

Wenn es gut läuft, wird mit Trump sogar das Zeitalter des amerikanischen Exzeptionalismus enden, also des Irrglaubens, die USA seien die auserwählte Nation, die allen anderen „freedom and democracy“ zu bringen hätte, zur Not auch gerne mit Waffengewalt. Kehrt ein Präsident Trump diesem Ansatz, dem seit George Bush senior jeder US-Präsident folgte, den Rücken, könnte das eine Wiederherstellung des Völkerrechts als Basis der internationalen Beziehungen zur Folge haben. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass Trump, wie angekündigt, den Verbündeten der USA ihren militärischen Schutz nicht mehr für lau gewähren wird, was entweder zu einer Aufrüstung und stärkeren Eigenverantwortung der Verbündeten oder zu einer Neuaushandlung des westlichen Sicherheitssystems führen muss. Beides ist nicht notwendigerweise schlecht. Vor allem nicht für Chelsea Manning und Edward Snowden, die auf eine Begnadigung hoffen können, wenn Trump die Interessen des militärisch-industriellen Komplexes nicht mehr über alles stellt.

Die Würde der Unterschicht

Doch auch auf ökonomischer Ebene gibt es Gründe, warum man den Wahlsieg Trumps aus linker Perspektive mit einer Ausrichtung am Gemeinwohl im Grunde gutheißen muss. Die weiße Unter- und untere Mittelschicht wurden in den USA sträflich vernachlässigt, ebenso wie in Deutschland, was hier den Aufstieg der AfD begünstigt hat. Diese Vernachlässigung äußerte sich sowohl ökonomisch als auch kulturell, indem diese als Anhänger traditioneller Werte implizit zu jenen „Bösen“ gemacht wurden, vor denen alle Minderheiten mit Diskriminierungserfahrungen geschützt werden müssen. Ihren Höhepunkt fand diese Vernachlässigung während des Wahlkampfes, als viele der Fotos, die in Mainstreammedien von „wütenden und hasserfüllten“ Trump-Anhängern gezeigt wurden, die Bildsprache des Body-Shamings bedienten: Seht her, wie hässlich und fett diese Frauen sind, wie alt, versoffen und wütend die Männer! Hätten die Fotografen und Bildredakteure nur ein bisschen Empathie gehabt, hätten sie Bilder gemacht bzw. ausgewählt, in denen die Würde der Menschen zum Ausdruck kommt, die sich in schwierigen sozialen und ökonomischen Verhältnissen befinden, die nicht immer gesund für sie sind. Der Wahlsieg Trumps gibt diesen Menschen nun ein Stück ihrer Würde zurück. Das kann ich nur begrüßen. Falls Trump es nun gelingen sollte, den ökonomischen Niedergang der USA in manchen Bereichen zu stoppen (wovon ich angesichts seines sehr auf Steuersenkungen fixierten Programms nicht gänzlich überzeugt bin, doch verspricht er, der Bauunternehmer, in seiner Siegesrede, die Infrastruktur der USA zur besten der Welt aufzubauen) und die weiße Unterschicht aus ihrer Abwärtsspirale herauszuholen, könnte das in einem dialektischen Prozess sogar zu einer Entschärfung des amerikanischen Rassismusproblems führen, denn rassistischem Denken und Verhalten liegen oftmals Verunsicherungen und Ängste zugrunde, sodass eine Behebung der existenziellen ökonomischen Krise der Unterschicht allgemein zu entspannteren zwischenmenschlichen Beziehungen beitragen kann.

Die Perestroika des Westens

Ferner sollte bedacht werden, dass eine neuerliche Regulierung des Welthandels von Seiten der USA aus, die nach wie vor Deutschlands wichtigster Handelspartner sind, auch eine Neujustierung der hiesigen Wirtschaftspolitik zur Folge haben müsste. Diese ist zu einseitig Export-orientiert, was ebenfalls zu Lasten der EU-Partner geht, und sollte dahingehend korrigiert werden, dass die Binnennachfrage gestärkt wird, gerne durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, und eventuell durch eine strategische Wirtschaftslenkung (die das ist, was China und Russland uns voraus haben) ergänzt wird, die abgehängte Regionen oder Sektoren entwickelt, an denen es aus der Perspektive des Allgemeinwohls einen Bedarf gibt, der aber durch das freie Spiel des Marktes nicht befriedigt werden kann.

Zweifellos bedeutet der Wahlsieg Trumps eine tiefe politische Zäsur, doch wäre es vorschnell, deswegen das Ende des Westens auszurufen. Der Westen wird sich neu aufstellen und eine funktionierende Balance zwischen Nationalstaat und supranationalen Vereinigungen finden, in der das Eigene genügend Spielraum hat und das Verbindende nicht zu kurz kommt, was insbesondere für die EU gilt. Diesen unvermeidlichen Prozess, die Perestroika des Westens, hinauszuzögern, macht keinen Sinn, da es mit der Zeit nur noch schlimmer wird. Ein Wahlsieg Clintons hätte jedoch ein weiteres angsterfülltes Klammern am Status quo bedeutet, der, wenn gesundheitliche Probleme bei ihr hinzugekommen wären, leicht zu einer Agonie wie in der späten Sowjetzeit unter Andropow und Tschernenko hätte führen können.

Zwar gibt es bei Trump durchaus gewisse Unwägbarkeiten, wie beispielsweise seine Haltung zum Klimawandel, doch dürfte er trotz seiner mitunter grenzüberschreitenden Äußerungen gegenüber Frauen die charakterliche Eignung besitzen, das höchste Amt der USA verantwortungsvoll auszufüllen. Wer sich zwei Tage vor der Wahl von seinem Team den Zugriff auf den eigenen Twitter-Account entziehen lässt, beweist damit, dass er auch in enormen Stresssituationen seinen Vertrauten zuhören und ihren Rat befolgen kann.

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