Liest man die Klassiker, kann man die Zeit vergessen wie auch einen Blick in die Zeitlosigkeit werfen. Ein höchst faszinierendes Erlebnis.

„Hadschi Murat“ ist eines der letzten Werke Lew Nikolajewitsch Tolstojs, des Verfassers von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“. Er begann die Arbeit daran Ende der 1890-er und schloss sie nach Unterbrechungen 1904 ab. Publiziert wurde die gut 200 Seiten lange Erzählung erstmals nach seinem Tode im Jahr 1912. Sie ist also ein Kind des jungen 20. Jahrhunderts, spielt aber hauptsächlich zu Beginn der 1850-er Jahre im Kaukasus während des damaligen Krieges. Jedoch gibt es eine kurze Rahmenhandlung, bei der der Erzähler einen Feldweg entlang schlendert und die zahlreichen Feld- und Wiesenblumen beschreibt. Die Schilderung seiner Wahrnehmung ist dabei so präzise und plastisch, dass der Blumen Duft aus den staubigen Seiten aufzusteigen scheint und das innere Blickfeld augenblicklich von blauem Himmel und weißen, kräuselnden Wolken erfüllt wird. Gleich wähnt man sich mit Leib und Seele in eine jener Landpartien versetzt, die man als Städter viel zu selten unternimmt, obschon man ihre stete Wesensqualität wahrzunehmen und wertzuschätzen weiß, zu der die Möglichkeiten zum völligen Abschalten, sich selbst Vergessen, aus der Zeit Fallen gehören. Da sieht der Erzähler nun all die Blumen, deren Namen mir, dem Städter, teils nichts sagen und deren Schönheit ich nicht ansatzweise wiedergeben kann, doch seine Aufmerksamkeit gefangen nimmt eine Distel, die zu pflücken er nur unter größten Mühen imstande ist, die ihn an einen äußerst zähen, widerspenstigen Menschen namens Hadschi Murat erinnert.

Hadschi Murat – ein Name, der die Fantasie beflügelt. Und doch, entschlösse ich mich dazu, die Geschichte seines Lebens und die der nach ihm benannten Erzählung nachzuerzählen, könnte ich mich des Hinweises nicht enthalten, dass sie in gewisser Weise banal erscheint. Hadschi Murat, der Kaukasier, muss er nicht ein furchtloser Krieger sein, für Heldentaten berühmt, von denen wir Heutigen keinen Begriff mehr haben? Ja, genau das ist auch der Fall – und dennoch endet Hadschi Murat so banal, wie schon viele Helden banal geendet sind. Doch ist es weder der Heroismus, der für die kriegsverherrlichende Vorstellungswelt vor dem Ersten Weltkrieg kennzeichnend war, noch die Schilderung der sinnlosen Grausamkeiten, die für die Antikriegsliteratur seit Remarques „Im Westen nichts Neues“ obligatorisch wurde, sondern etwas ganz Anderes, das das Kraftzentrum dieses kurzen Romanes bildet.

Nun gut, verneigen wir uns vor Hadschi Murat und begrüßen ihn dergestalt, ihn, der islamischen Glaubens ist, awarischen Blutes (eine kleine Ethnie in Dagestan) und ruhigen, festen Charakters, auch wenn alles um ihn herum in stürmischem Aufruhr begriffen ist. Murat ist mit seinen Leuten zu den Russen übergegangen, nachdem er sich mit dem Imam Schamil, dem Führer des freien Tschetschenien überworfen hatte, der Murats Familie als Geisel hält und ihr das Schlimmste androht. Bei den Russen kommt er mit manchen klar, mit manchen nicht. Letztendlich erlauben die Russen Murat nicht rechtzeitig, eine Kommandoaktion zur Befreiung seiner Familie zu unternehmen. Teils, weil die Mühlen des Apparates langsam mahlen, teils, weil sie ihm nicht trauen. Will er seine Familie befreien, muss er das also auf eigene Faust versuchen. Sich über den Willen der Russen hinwegsetzen. Von diesen also wieder abfallen, sie verraten. Hadschi Murat unternimmt dieses Wagnis – was sollte er auch anderes machen? – und stirbt dabei (wie, verrate ich allerdings nicht). So einfach, so unspektakulär.

Was nun aber ist es, das Hadschi Murats Weg durch den Kaukasus so faszinierend und zeitlos macht wie die anfängliche Landpartie? Vor allem sind es die Menschen, auf die Tolstoj unterwegs die Aufmerksamkeit des Lesers lenkt (Figuren mag man sie gar nicht nennen, zu lebensecht sind sie dafür). Sei es ein einfacher Soldat, der an Stelle seines verheirateten Bruders den Wehrdienst antritt, sei es der Zar höchstselbst, der irgendwie damit umzugehen hat, dass bei unerwarteten Begegnungen mit ihm sich alle zu Tode erschrecken. Sie alle stehen so vor einem, dass man unwillkürlich denkt: Genau so ist es. So, und nicht anders. Bis ins tiefste Seelendrama. Kein Strich zu viel, keiner zu wenig, kein Fehl und kein Falsch. Tolstoj, das ist einer, der das Leben durchschaut hat, dem nichts und niemand mehr etwas vormachen kann. Und dieser Mensch, Lew Nikolajewitsch Tolstoj, nimmt sich in „Hadschi Murat“ des Themas der interkulturellen Begegnung zwischen islamischer und russischer Welt (die zu der Zeit westlich, das heißt, französisch geprägt war) an, eines Themas, das unsere heutige Zeit aufwühlt wie kaum ein zweites. Unsere Zeit, in der nur die wenigsten den Dingen auf den Grund zu schauen vermögen, da viel zu oft ideologische Vorannahmen gleich welcher Art oder emotionale Befangenheiten den Blick trüben. All das aber, was uns heute verwirrt, hat Tolstoj nicht belastet. Er hat den Dingen auf den Grund gesehen, im Vorübergehen so viele Facetten des islamisch-westlichen Kulturkontaktes ausgeleuchtet, dass man meint, das zeitlose Zentrum zu sehen, um das sich die beiden Welten im steten Widerstreit drehen.

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