Die russische Literatur des 20. Jahrhunderts ist reich an Romanen, die dem Vergessen anheim fielen. Zu turbulent die Zeitläufe, zu gering die Auflagen.

roitschwantz-coverGewöhnlich gibt man vor, es zu bedauern, wenn Stimmen sang- und klanglos verstummen, allein, es stimmt nicht, wenn niemand zuvor ihr Sprechen vernommen hat. Wie könnte man auch etwas bedauern, von dem man keine Kenntnis besitzt? Eben. Außerdem muss das Überhörtwerden auch gar nicht verkehrt sein, denn manchmal ist erst eine spätere Zeit ganz Ohr für den speziellen Klang eines Werkes, wie es beispielsweise bei Agejews Roman mit Kokain der Fall war, der von unseren nicht aus der Zeit gefallenen Zeitgenossen mit Begeisterung aufgenommen wurde oder wie es vielleicht einmal Orlows Das irdische und das dämonische Leben des Musikers Danilow ergehen wird, sollte es neu aufgelegt werden, das es meiner Meinung nach mit Bulgakows „Meister und Margarita“ aufnehmen kann. Na ja, wie dem auch sei, die Andere Bibliothek hat nun in einer bibliophilen Prachtausgabe einen frühen Roman Ilja Ehrenburgs aus dem Jahre 1928 veröffentlicht, von dem die Herausgeber Stein und Bein schwören, es sei das beste Werk jenes Vielschreibers, dessen Wortschöpfungen „Traumfabrik“ als Bezeichnung für Hollywood oder „Tauwetter“ für die Zeit nach Stalins Tod an sehr prominenter Stelle Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden haben, von dem aber dennoch kaum jemand ein ganzes Buch gelesen zu haben scheint. Von seinen Memoiren vielleicht einmal abgesehen, aber mir geht’s in diesem Blog ja vor allem um Romane. Nur diesen einen Roman also, seinen besten sogar, wenn man den Kuratoren glauben darf, hat auch von jenen, die wenigstens einmal einen Ehrenburg Titel zur Hand genommen haben, weil der Name ja groß ist und einem was sagt, noch niemand gelesen. Wie kommt´s? Hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass der Roman im Heimatland seines Erzeugers erst mehr als 60 Jahre später erscheinen konnte, als Gorbatschows Glasnost den roten Rost der Zensur aus den Regalen spülte. Unter diesen Bedingungen, will ich meinen, könnte hier tatsächlich der Fall gegeben sein, es mit einer Entdeckung zu tun zu haben, der einer Sprachmelodie, deren sang- und klangvolles Erklingen die unsichtbaren Mauern des Überhörtwordenseins wie weiland die Posaunen von Jericho zum Einsturz bringen.

Aber worum geht’s hier eigentlich? Es geht um den jüdischen Schneider Lasik Roitschwantz aus Homel, einem weißrussischen Provinzkaff, der immer so laut seufzte. Sein Seufzen hat aber nichts mit seinem Namen zu tun, dessen „Roit“, jiddisch für „rot“, seit der roten Oktoberrevolution schwer im Kommen ist, wohingegen das „Schwantz“, na ja, eine lustige Kombination mit seiner kompakt klein-korpulenten Figur ergibt, die alle und jeden dazu animiert, sich über ihn lustig zu machen. Und da steht der Bürger Lasik Roitschwantz denn eines Tages vor einem Plakat und liest, dass der erprobte Führer des Proletariats von Homel, Genosse Schmurigin, verschieden sei. Da seufzt er natürlich auf, der Lasik! Und was macht die Bürgerin Pukke? Sie denunziert ihn, behauptet, er hätte das rote Banner verunglimpft … Und so beginnt denn Lasiks Odyssee, die ihn zunächst ins Gefängnis führt, von wo aus er nicht mehr zurück in sein Homel´sches Zuhause kann, weil dieses ein anderer erprobter Genosse expropriiert hat und sein gesellschaftliches Standing als Rotfahnenbeschmutzer sowieso im Keller ist. Stattdessen macht Lasik von nun an Station an den verschiedensten Orten auf den verschiedensten Positionen der jungen Sowjetunion, wird verantwortlich für die Zucht nicht existenter Kaninchen in Perm, debütiert als Simulation eines Schriftstellers in Moskau oder bemüht sich um Aufnahme in die Partei in Kiew. Schließlich verschlägt es ihn über Polen nach Königsberg und von da aus nach Berlin und Frankfurt, wo er ein Deutschland kennen lernt, das zu gleichen Teilen fremd und vertraut ist: Der karikierte Militarismus entstammt einer anderen Epoche, doch in den seltsamen Heilmethoden der Apotheker erkennt man unschwer die Vorläufer heutiger Alternativmediziner. So reihen sich Episode an Episode, später noch in Paris, wo Ehrenburg selber viele Jahre lebte, und London, ehe der Roman im Palästina der Mandatszeit endet.

Das Buch ist in vielerlei Hinsicht interessant. Zum einen überzeugt der gogoleske Sprachwitz, der aus dem Zusammenwirken der bolschewistischen Phraseologie, Lasiks Jiddisch, seinem Unverständnis und seinen Phantastereien entsteht. Irgendwann sind die Kaninchenbananen, die Lasik beständig imaginiert, so real, dass man auch eine möchte. Und das atmosphärische Kolorit der vielen untergegangenen Welten, des alten Ostjudentums wie des alten Preußens, ist ebenfalls schön. Bezüge zur Gegenwart entdeckt man, wenn die Gruppendynamik der linken Szene der Sowjetunion, also der damaligen Bolschewiken, aufs Korn genommen wird, denn die Verhaltensmuster, die damals mit in den Abgrund geführt haben, sind noch die gleichen, die heute, nur mit anderen Begriffen für andere Verfehlungen, durchexerziert werden. Dann und wann befällt einen beim Lesen ob der Episodenhaftigkeit allerdings auch eine gewisse Langeweile, da die Episoden meist gleich strukturiert sind: Lasik kommt irgendwohin, versteht nichts, macht aber auf dicke Hose, bis … Herausragen tun da vor allem die Ausflüge in die chassidische Mythenwelt, die so tiefsinnig wie traurig daherkommen.

Nun gut, aber muss man das jetzt lesen, muss man Ilja Ehrenburg kennen? Ich kann nicht behaupten, dass der Roman mich literarisch zu hundert Prozent überzeugt hat, auch wenn es auf jeden Fall mehr Momente gab, an denen ich gelacht als an denen ich geseufzt habe, aber dennoch halte ich die Entscheidung der Kuratoren der Anderen Bibliothek letztendlich für richtig. Ilja Ehrenburg, den Goebbels Propaganda so nachhaltig als „Stalins Hofjuden“ verunglimpfte, dass Mitte der Sechziger noch ein Sturm der Empörung gegen die Veröffentlichung seiner Memoiren in der BRD losbrach, ist als einer der wenigen sowjetischen Kosmopoliten der Stalinzeit eine Ausnahmeerscheinung, der man, sofern einen die Epoche interessiert, zumindest einmal im Leben begegnen möchte. Dafür böte sich zuvorderst seine Biografie „Menschen. Jahre. Leben.“ an, doch hat er sie, damit sie in der UdSSR erscheinen konnte, selbst zensiert. Und was soll eine Autobiografie noch wert sein, in der der Autor nicht nur die eigene Rolle schönt (was ja jeder macht), sondern zusätzlich noch gemäß der Parteilinie selbst zensiert? Da ist es sicherlich sinnvoller, einen Roman zu lesen, der erst nach Aufhebung der Zensur erscheinen konnte. Umso mehr, wenn er so schön ausgestattet ist und auch noch ein langes Nachwort mit ausführlicher biografischer Schilderung enthält.

Ehrenburg, Ilja: Das bewegte Leben des Lasik Roitschwantz

Die andere Bibliothek, 408 Seiten, 42 €

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