Georgische Popliteratur. Zaza Burchuladze schildert in „adibas“ das Leben eines Hipsters in der georgischen Hauptstadt Tiflis, an ein paar Tagen im August 2008, als ein Krieg in Georgien tobte.

Toilett Pic

In den dunklen Gängen der Techno-Tempel, den Durchgängen zwischen der in flackerndem Stroboskoplicht erzitternden Tanzfläche und den in trübes Halogen-Licht getauchten, versifften Toiletten, trifft man so manches Mal Gestalten im Schatten an. Sie raunen einem verschwörerisch zu, ob man etwas brauche. Geht man auf den angebotenen Deal ein, nimmt ihnen eine Pille unbekannter Provenienz ab, vertraut ihnen, die man doch vorher nie gesehen und die man auch später niemals wieder zu Gesicht bekommen wird, folgt nach dem Einwurf der Droge unweigerlich ein Moment des Zweifels. Unmöglich, sofort den Weg zurück zum Dancefloor zu nehmen. Vielmehr überlegt man mit leichtem Angstschauder, sich lieber in die Umarmung noch der dreckstrotzendsten, gottverlassensten Kloschüssel zu schmeißen und ihr auf Teufel komm raus seinen Mageninhalt samt geschluckter Pille zu übergeben. Denn wer unter den Nicht-Alchemisten erspürte schon, welche Substanz er in welcher Dosierung zu sich nahm, und wer unter den schadenfreudigen Drecksäcken hatte sich noch nie über Geschichten wie jener weggeschmissen, als auch Heilpraktikern bei einer Drogenverkostung die Kontrolle über sich selbst und ihren Trip en masse entglitt? Sicher wäre nämlich sicher.

Was müssen das doch für verfluchte Wichser sein, die schlechte Pillen verticken, denk ich mir dann und phantasiere mir unwillkürlich deren verpfuschtes, von jedem Ehrenkodex befreites Leben zurecht, das sie zu solch ruchlosen Existenzen hat werden lassen. Doch o weh – ja, wirklich: o weh! – der Nachtmär Bösewichter entschwinden meiner Phantasie schneller noch, als ihre realen Vorbilder in die Dunkelheit zwischen zwei Lichtblitzen des Stroboskops entgleiten. Natürlich könnte man sagen, schieb keine Paranoia über schlechte Pillen, wenn sie bisher noch immer gut, manchmal sogar zu gut waren, lausche lieber dem Klingeln der Obertöne, spür das Vibrieren der Bässe. Doch was, wenn es endlich, möchte man sagen, einen ernstzunehmenden Hinweis auf die reale Existenz dieses mythenumwobenen Wesens, dieser urban legend, des Verkäufers gefälschter, womöglich selbstgepanschter Designerdrogen gäbe? Ein Roman mit dem Titel „adibas“, der sich in vordergründiger Unbescholtenheit nur auf gefälschte Markenklamotten bezieht, brachte mich da auf einen ungeheuerlichen Verdacht, ließ mich hinter die Maske eines coolen Hipsters blicken …

Dabei fing alles ganz harmlos an. Der Held aus adibas, dessen vollständiger Name, seltsam genug, bei meiner nachträglichen Recherche nirgends mehr auffindbar war, teilte einfach unverblümt und treuherzig seine Ansichten über Frauen mit:

„Ich nehme erst einmal eine heiße Dusche. […] Das süße Aroma des Bodyscrubs erinnert mich wieder an Bobo. So wichtig ist es nun auch wieder nicht, dass sie nicht schlucken will! Aber wie gern würd ich ihr jetzt in den Mund spritzen! Für mich gibt es zwei Kategorien von Frauen: die, die schlucken, und die, die es ausspucken. Mir ist aufgefallen, dass die, die nicht schlucken, besser blasen als die, die schlucken. Natürlich ist das kein Naturgesetz. Ich spreche nur aus Erfahrung. Bobo zum Beispiel schluckt nicht und bläst hervorragend. Wenn ich komme, füllt sich ihr Mund mit meinem Sperma, und sie schickt Dankesgebete zum Himmel. Ein guter Blowjob ist eine Zeremonie: das Sperma im Mund, die Gebete im Herzen, den Schwanz in der Hand.

Ich habe Bobo vorgestern in Zawkisi bei der Party im Sommerhaus eines gemeinsamen Freundes aufgegabelt. Eine Nacht aus schwarzen Kerzen, besoffenem Gefasel und lausigem Ecstasy …“

So, so, das Ecstasy war also lausig. Und das LSD, von dem der Held wenig später berichtet, beginnt sogar erst nach einem Tag zu wirken. Wo gibt’s denn so was? Sehr verdächtig. Ich meine, natürlich erwähnt der Protagonist mit keinem Wort, wie er schlechtes Zeug vertickt. Aber er erzählt eben auch nicht, wie er an den Stoff gekommen ist, obwohl man damit sicherlich ganz wunderbar angeben könnte, was ja gut zu seiner sexistischen Selbstverliebtheit passen würde. Nur, irgendwoher muss er den Stoff ja haben. Und ganz sicher nicht von Carlos aus Moskau, von dem er erstklassiges Koks bezieht, was er mit einem für ihn ganz ungewöhnlichen Respekt vermerkt, aus dem man leicht den blanken Neid heraushören kann. Bleibt also nur die Möglichkeit, dass er höchstpersönlich derjenige ist, der die gefälschten Designerdrogen unters Partyvolk bringt. Dabei dürfte es sich von selbst verstehen, dass ich anhand dieser These keineswegs gegen die literarischen Qualitäten von adibas zu Felde ziehen will, das hebe ich mir für später auf, vielmehr spricht diese Narration in absentia, wie der Literaturwissenschaftler sagen würde, ja gerade für die Qualität des Werkes, da auch zahlreiche anerkannte Klassiker zu diesem Verfahren, bei dem der lebensweise Leser zum Mitdenken und Ergänzen aufgefordert ist, gegriffen haben. Man denke nur an Puschkin.

Aber wie dem auch sei. Vielleicht vertreibt der Protagonist gefälschte Drogen, vielleicht eher nicht. Ganz sicher aber verbreitet er – das heißt, eigentlich sogar der Autor selbst, Zaza Burchuladze – eine frisierte Sicht auf die politische Großwetterlage, wenn er während der Romanhandlung beständig Radio- oder Fernsehmeldungen über den Verlauf des georgischen Fünftagekrieges von 2008 einflicht. Dabei sind diese medialen Schnipsel in der Art von „»… die russische Luftwaffe hat Bomben über dem Gebiet des Botanischen Gartens abgeworfen. Zwei Hektar Wald stehen in Flammen…«“ keineswegs per se falsch, was ich gar nicht überprüfen könnte, doch fällt unangenehm auf, dass bei Einsetzen der Romanhandlung schon Kriegszustand herrscht, der Kriegsbeginn selber also rausgeschnitten ist, was bei der kurzen Kriegsdauer objektiv weder notwendig noch sinnvoll ist, denn in der Tat hätte man ja, auch ohne die Schuldfrage breitzutreten, gerne gewusst, wie die Hipster auf den Kriegsausbruch reagiert haben. Sinn macht dieser Schnitt erst, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass selbst die EU in einem Bericht Georgien für den Kriegsausbruch 2008 verantwortlich gemacht hat und dass durch diese Weglassung ein völlig verzerrtes Bild des Geschehens entworfen wird, nämlich das Bild eines kleinen Landes und seiner ober-coolen Bewohner – die über ihre „Bang & Olufsen-Kopfhörer“ die angesagteste Mukke hören, noch den schlechtesten Hollywood-Schinken zitieren können und McDonalds für fortschrittlich halten –, die beide wie aus dem Nichts einem grotesk primitiven, russischen militärischen Überfall ausgesetzt sind. Eine solche Herangehensweise ist jedoch das glatte Gegenteil aufklärerischer Geschichtsaufarbeitung und es wundert nicht, dass an anderer Stelle noch ein Satz wie „damit die ganze Welt sieht, wie scheiße die Russen sind“ fällt. Insofern reiht sich „adibas“ in meine allgemeinen Impressionen aus Georgien und eine Beobachtung, die ich schon bei „Das achte Leben (für Brilka)“ gemacht habe, nahtlos ein. Es wird so getan, als könne ein kleines Land nur Opfer sein (tatsächlich war Georgien die meiste Zeit seiner Geschichte Spielball fremder Großmächte, nur eben 2008 nicht), und es findet eine Versteifung auf einer dementsprechenden Lebenslüge statt, die sowohl die Aussöhnung zwischen Georgiern und Osseten verunmöglicht als auch die Konfrontation zwischen dem Westen und Russland kontinuierlich befeuert und last but not least den Blick auf die Großartigkeit der georgischen Kultur verstellt, die Menschen kleinmütiger macht, als sie sind. Traurigerweise findet diese destruktive Haltung auch noch die vehemente Unterstützung des bürgerlichen Mainstreams der deutschen Osteuropaexperten, wovon ich mich in Diskussionen mit Mitgliedern des Netzwerks Osteuropa-experten (n-ost) überzeugen konnte. Lang und breit können sie einem erklären, warum Russland an allem und jedem schuld ist, doch kommt ihnen nie ein Wort über die Lippen, dass sie für Frieden mit Russland seien oder die real existierende Kriegsgefahr zwischen Russland und dem Westen auch nur wahrnähmen.

Mein Würgereflex setzt ein. Ich lasse das Buch aufs Kopfkissen sinken, wälze mich von der Matratze und schleppe mich über den scheckigen Flurteppich vor die Wohnungstür. Es ist nicht so schlimm, dass ich mich tatsächlich übergeben müsste, dafür war der Roman zu kurz, zu oberflächlich. Die Personen, die dort auftraten, waren in ihrer Coolness erstarrte Masken, die eines Dritten bedurften, um sich näherzukommen, eines Dritten, über den sie lästern konnten. Vertrauen, sagte der Protagonist sinngemäß, existiere in seiner Welt nicht. Ich stehe an der Straße, drehe eine Zigarette. Zaza Burchuladze, denke ich, ist selber bestimmt nicht so. Er hat schon eine Familie gegründet, muss über dieses Stadium hinaus sein und pflegt halt sein Image als Popliterat. Genutzt hat ihm sein Hipster-Patriotismus in Georgien allerdings nicht, er musste fluchtartig das Land verlassen, als religiöse Fanatiker eine Kampagne gegen ihn eröffneten (in adibas kommt auch eine wenig schöngeistige Nekrophilieszene vor) und dabei noch vom damaligen Präsidenten Saakaschwili unterstützt wurden, woraufhin Burchuladze von Unbekannten auf offener Straße verprügelt wurde. Ich blase den Qualm aus meinen strapazierten Lungenflügeln hinaus, blicke auf die golden glühenden Fenster der Kneipe gegenüber, in der es weder Dancefloor noch Designerdrogen gibt, und übergebe die Erinnerung an diesen Roman dem Dunkel der Nacht.

Zaza Burchuladze, adibas

Aufbau Verlag, 192 S., 18 €

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