Kaum ein Roman der letzten Zeit hat so viele Likes und Smileys eingeheimst wie „Der Circle“ von Dave Eggers, ein Frown wollte niemand vergeben. Auch ich hebe den Daumen.

Circle Cover

Mae Holland, 24 Jahre jung, attraktiv und smart, ergattert dank der Vermittlung ihrer College-Freundin Annie eine Stelle beim angesagten Internet-unternehmen Circle. Dieses hat sich vermittels einer Anwendung namens TrueYou, bei der die verschiedenen Profile aller möglichen Seiten durch ein authentifiziertes Zentralprofil ersetzt werden, zum Marktführer aufgeschwungen, der mit ständig neuen Innovationen zum Taktgeber des digitalen Zeitalters geworden ist und alte Dinosaurier wie Google, Facebook und Co vom Markt verdrängt, ja, eine alles beherrschende Monopolstellung aufgebaut hat. Bei solch einem Unternehmen zu arbeiten ist natürlich der Traum der digitalen Jeunesse dorée und ein jeder Besucher des Circle-Campus im Silicon Valley versteht sofort, warum. Leben und Arbeit verschmelzen hier zu einer harmonischen Symbiose, ständig gibt es Konzerte, Vorführungen und alle möglichen Vergnügungen auf dem Firmengelände, von den ständigen Angeboten wie Sportkursen, Biosupermärkten, medizinischer Betreuung und und und ganz zu schweigen. Dabei fallen natürlich jede Menge Daten an, die sich ganz wunderbar erheben und durch alle möglichen Apps und Tools verwerten lassen. Außerdem ist es im Zeitalter von Social Media, es versteht sich von selbst, Standard, über alles ständig zu kommunizieren. Hier ein Kommentar, da ein Ranking, hier ein kurzes Video, da eine neue Gruppe. Schritt für Schritt lässt Mae dabei ihr altes Eigenbrötler-Dasein hinter sich und wird schließlich als erste Circle-Mitarbeiterin vollkommen transparent, was bedeutet, dass ihr gesamter Tag bis zum Schlafengehen von einem Videostream übertragen wird, dem Millionen Menschen in aller Welt folgen. So wie es auch, zum Segen der Demokratie, bald für alle gewählten Volksvertreter Standard ist.

Die Art und Weise, wie das alles beschrieben ist, wie Mae sich über die Millionen von Smiles freut, über die paar wenigen Frowns ärgert und mitunter alles daran setzt, die unzufriedenen User dazu zu bringen, ihr Rating zu revidieren und sich doch noch zu einem Smile durchzuringen, ist so herzerfrischend lustig, dass die satirischen Qualitäten des Romans außer Frage stehen. Auch kommt die Vielschichtigkeit der transparenten Wir-haben-uns-alle-lieb-Smiley-Kommunikation, also ihre notwendige Verlogenheit, sehr gut zur Geltung. Außerdem hat das Ganze einen offensichtlich dystopischen Charakter und man fragt sich permanent, wann und wie es zur Schreckensherrschaft à la Orwells 1984, Huxleys Schöne neue Welt oder Zamjatins Wir kippen wird. Wenn man die Handlung jedoch in Gänze Revue passieren lässt (und ich will hier nichts spoilern), kommt man nicht umhin, dem Roman trotzdem ein gewisses Armutszeugnis auszustellen. Zum einen hat man auf den ersten 300 Seiten das Gefühl, es mit einem am Reißbrett eines Creative-Writing-Seminars entstandenen Buches zu tun zu haben, zum anderen ist das Ende wirklich schlecht. Stellt man sich die Frage, ob der Circle mit seinem einheitlichen, zentralisierten Informationsfluss jemals Wirklichkeit werden könnte, fallen einem auf Anhieb zig Faktoren ein, die das in der Realität verhindern würden. Das Romanszenario funktioniert nur, weil vieles ausgeblendet wird. Dennoch ist der Roman unbedingt lesenswert, auch weil er so spannend ist, dass man ihn mitunter weglegen muss, um sich selbst runterzukühlen.

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