Georgien, das kleine Land in Transkaukasien, gilt vielen als Sehnsuchtsort. Das hat viel mit der Landschaft, der Kultur und den Menschen zu tun. It´s really nice.

Angisa2

Kein Wolkenbruch, eher ein Himmelszerfetzen empfing mich, als ich in Batumi die Fähre aus Odessa verließ. Die Wolken, der Himmel waren nicht mehr sichtbar über oder hinter einer aus verspritzenden Regenstrahlen geflochtenen Wand. Der Boden unter den Palmen an der Promenade hatte sich in ein Feld gurgelnd-blubbernder Wassergeysire verwandelt und auf dem Asphalt flossen die Fluten schneller als der Verkehr, was jedoch teils dem gigantischen Stau infolge des Konzerts der us-amerikanischen Popstars von Maroon 5 geschuldet war. Ich nahm ein Taxi, im Schritttempo ging´s vorwärts, endlich erreichten wir die Angisa Straße mit ihren überfluteten Schlaglochabgründen. Es ging bereits auf Mitternacht zu und keiner der Anwohner, die sich unter dem Vordach eines Kiosks zum Biertrinken aneinanderdrängten und die der Taxifahrer nach dem Weg befragte, hatte je von diesem Hostel gehört, das sich angeblich dort befinden sollte. Weit und breit nur Betonstelen noch nicht fertiggestellter Neubauten und Regen, hektoliterweise Regen. Welcome to Georgia, dachte ich mir, einen kleinen Angstschauder unterm klammen T-Shirt verspürend. Doch da! Die Nummer 66, das unscheinbare Schild „Freedom Hostel“ – und hinterm Tor eine Gruppe Menschen: »Hey man, how are you? You want a beer?« – »Oh, yes!«

Stillleben mit Vlies

Das „Freedom Hostel“, ein kleines von Kätzchen umstreiftes Häuschen mit Balkon, von dem aus man auf schneebedeckte Gipfel des adjarischen Ausläufers des Kaukasus blickt, während es auf der anderen Seite kaum zehn Minuten braucht, um über einen sonnengebleichten Kieselstrand zum türkisfarbigen Wasser des Schwarzen Meeres vorzudringen, entpuppte sich als idealer Ort zum Slow-Travelling, zum bedächtigen Verweilen in fremden Gefilden, zum Lesen eines geschichtssatten Romans, „Das achte Leben (für Brilka)“, über das lange georgische zwanzigste Jahrhundert. Unweit von Batumi, mit seinen Casinos das Las Vegas des Kaukasus, liegt ein Ort namens Gonio, wo schwarze Mauern eines alten römischen Kastells in den blauen Himmelsbogen hineinragen, das Grab des Apostels Matthias, seinerzeit zum Nachfolger des verstoßenen Verräters Judas erkoren, umfrieden, und lange davor noch der Ort, zu dem die legendenumrankten Argonauten aufbrachen, des Goldenen Vlieses habhaft zu werden. Georgien, Sehnsuchtsort schon der alten Griechen, das Land des Goldes, Hort jenes sagenumwobenen Webwerks, das den Kundigen als Heiliger Gral der Antike gilt. Das Gold, man sieht es im Nationalmuseum von Tiflis. Filigran gefertigt, vor tausenden von Jahren. Ornamente mit Kriegern und wilden Tieren, Diademe und Ringe, Spiralen und Hakenkreuze. Man steht vor den Vitrinen, sieht das eigene Spiegelbild aufblitzen und wünscht sich, einen Blick auf das Antlitz derer zu erhaschen, die dieses Gold dereinst zierte und schmückte. Welcher Art mochten ihre Kleidung, ihre Gesichtszüge gewesen sein? Wie blickten ihre Augen auf die Welt, welche Götter vermuteten sie in den Bergen und Wäldern, die man noch heute durchquert, wenn man von Batumi nach Tbilisi fährt? Wir wissen es nicht, können bestenfalls ahnen, welche Vorstellungen sie mit den Tempelspiralen und Hakenkreuzen verbanden, denen noch heute eine spirituelle Bedeutung beigemessen wird, der Spirale als goldenem Schnitt Symbol des Basismusters des materiellen Universums und das Hakenkreuz als Sonnenrad, wobei ich zu diesem Symbol, aus bekannten Gründen, stets Abstand hielt. Und doch, da ist eine Verbundenheit, durch das Dunkel der nicht-überlieferten Jahrtausende hindurch, eine Verbundenheit, die golden glänzt, das Wissen, dass auch sie die elementaren Erfahrungen des Menschseins, Geburt, Kindheit, Mann- und Frausein, körperliches und emotionales Hingezogensein zu anderen Menschen, aber auch Angst vor Krankheit und Tod, Scham über das, worüber die anderen lachen, Wut und Hass gegenüber ihren Feinden gespürt und erfahren haben werden, all das, was jenseits von Technik, Gesellschaftsordnung und Weltwissen unser Leben wirklich prägt. Ja, in gewisser Weise werden sie gewesen sein wie wir, sie, die vor 8000 Jahren, die Archäologen bestätigen es, die Ersten waren, die die Trauben der Reben maischten und kelterten, die der Welt den Wein schenkten, für den Georgien noch heute berühmt ist, den zu trinken so feierlich und behaglich ist, wie sich mit dem goldenen Gewande des fließenden Vlieses zu umhüllen.

Apostelgrab

Die Priester des Kreuzes

Als die Spiralen und Hakenkreuze verschwanden, kam das christliche Kreuz, im vierten Jahrhundert schon. Georgien, ein Land, dessen Zugehörigkeit zu Europa lange vergessen, gar nicht erst erkannt wurde, war das zweite Land nach Armenien, das sich zum Christentum bekehrte, was seinerzeit eine außerordentliche kulturelle Leistung darstellte, heutzutage manchem aber nur schwer nachvollziehbar ist. Wandelt man jedoch durch die Flure und Räume des Georgischen Nationalmuseums und verliert sich in den Ikonen, die dort hängen, Jesus, Maria und all die vergessenen Heiligen zeigen, spürt man das Besondere. Diese Bilder sind so ganz anders als jene Botticellis, dem unlängst in Berlin eine Ausstellung gewidmet war, oder Rubljows, des Meisters des russischen Heiligenbildes. Sie zu sehen ist eine Erfahrung ganz außergewöhnlicher Frische, eine Möglichkeit, zum ersten Mal seit Kindestagen die spirituelle Kraft des Christentums als etwas Neues, nicht Altbekanntes, wahrzunehmen. Die spezielle Note seiner georgischen Variante ist deutlich spürbar, wenn auch schwer in Worte zu fassen. Sie hat, natürlich, etwas Exotisches, aber auch Anregendes. Sie schläfert nicht ein wie die Myriaden an Bildnissen der Mutter Gottes mit Jesuskind Botticellis und seiner Epigonen, bei deren Anblick man nur zu gut versteht, warum die westlichen Menschen, aus purem Überdruss am unbefriedigend Immer-gleichen, sich vom Christentum abgewandt haben. In Georgien dagegen, wie im postsowjetischen Osten allgemein, erlebt es eine Renaissance, deren Rhythmus man am ehesten begreift, wenn man sich in ein Taxi zu einem fremden Fahrer setzt und auf das Anschnallen verzichtet. Ja, er wird den rasanten Antritt des berufsmäßigen Fahrers zelebrieren, wie es die Taxifahrer überall auf der Welt zu tun pflegen, in einer Umgebung, in der die Autofahrer quer durch alle Schichten nur Rücksicht auf die Schlaglöcher nehmen, nicht aber auf die anderen Verkehrsteilnehmer, seien sie motorisiert oder auch nicht. Sich im Osten nicht anzuschnallen ist wesentlich gefährlicher, als es das im Westen ist. Und doch schnalle ich mich im Osten so gut wie nie an, im Westen dagegen immer. Denn sie haben durchaus Respekt, die wilden Taxisty. Zwar nicht in der Horizontalen des diesseitigen Verkehrs, aber doch in der Vertikalen der jenseitigen Kommunikation. Keine Kirche, keine Kapelle zieht vorüber, ohne dass ein Taxist sich bekreuzigt, der eigenen Sterblichkeit gedenkt und sie dadurch ein Stück weit bannt. Smiley on your heart. Vertrauen und Fallenlassen.

kirche-innen2

Tbilisi-Underground

Eine dieser Taxifahrten führte mich in den angesagtesten Club Tbilisis, in die Katakomben unterm Sportstadion. Eine englische Djane namens Anna Temple, die ich auf Soundcloud später jedoch nicht wiederfand, sollte auflegen, vorher ein Local-Hero, den mein australischer Travel-Mate sogar noch besser fand. So oder so, ich ging ganz in der Musik auf, spürte das Mysterium der scheinbar über den Köpfen schwebenden Sound-Love-Light-Bubble, des ekstatischen Kollektivbewusstseins, das mich dazu veranlasste, im Beat der Musik die rechte Hand, mit ausgeklappter Handinnenfläche, vertikal zu heben und zu senken, wie es auf elektronischen Tanzveranstaltungen überhaupt viele Menschen tun. Dennoch, ich verspürte den Impuls, zurück ins Außen zu gehen, öffnete die Augen, sah, dass gerade DJ-Wechsel war und ging rüber zu Marcus aus Australien.

»They just screamed „Sieg Heil!“«

»Oh my god!«

Ich war verwirrt. Mir kam zu Bewusstsein, dass die vertikale Handbewegung mit ausgeklappter Handinnenfläche, die ich gerade vollführt hatte, im Grunde nichts anderes war als der Hitler-Gruß in der „Führer“-Variante und ich wollte die Schmach des Deutsch-Seins schnell von mir wegspülen und orderte an der Theke in meinem herzlichsten Russisch, der Sprache des Sieges über den Hitler-Faschismus, ein Bier.

»Are we in Russia? Am I Russian? Are you Russian? So please order in English!« fauchte mich die junge Frau hinter der Theke an. Ich ließ die Zurechtweisung über mich ergehen, wiederholte meine Bestellung auf Englisch und zog konsterniert von dannen. Wenn ein Mensch aus dem französisch- oder spanischsprachigen Raum in Deutschland so eine Antwort bekäme, wäre das für mich ein klarer Fall von rassistischer Diskriminierung. Entweder man versteht eine Bestellung oder man versteht sie nicht. Aber eine Bestellung nicht anzunehmen, weil sie in der „falschen“ Sprache getätigt wurde, geht gar nicht.

Schwarzes Meer

Identitärer Bullshit

Es geht ein Riss durch die georgische Gesellschaft. Die Älteren, die noch „unter der sowjetischen Okkupation“ gelitten haben, freuen sich, wenn man Russisch spricht. Englisch können sie oft nicht, das Russische ist ihnen näher. Für die Jüngeren, für die die vor 25 Jahren zerbrochene Union der Sowjetrepubliken Geschichte ist, ist Russland der Feind. Mit einem sprach ich kurz über Politik, er versicherte mir, dass, wenn Russland nochmals wie 2008 sein Heimatland überfallen sollte, er selbstverständlich in den Krieg ziehen und für sein Land sterben werde. Aber das Ding ist halt, dass Georgien den Krieg 2008 angefangen hatte. Und dass die Standard-Aussage „Wir haben nichts gegen Russen, nur gegen die russische Regierung“ auch nur solange gilt, wie die Russen es nicht wagen, über Politik zu sprechen und auf „kleinere“ Ungereimtheiten im georgischen oder auch westlichen politischen Weltbild hinzuweisen. Da wundert es nicht, von Russen zur Begrüßung in größeren Runden Sätze wie »I´m Russian, everybody hates us« oder »Oh yes, actually I´m Russian, too, but I was born in Latvia, that´s why everybody says „you´re cool“, unlike him« zu hören. Aber man hat sich ja schon daran gewöhnt, dass die westliche Anti-Russland-Propaganda auf die Menschen aus dem russischen Kulturkreis abfärbt, nimmt es als etwas selbstverständlich Gegebenes hin und bedenkt nicht, wie entsetzt man darüber wäre, einen Satz wie »I´m Black, everybody hates us« hören zu müssen. Ich selber, Sensibelchen, das ich bin, schämte mich aber so für die Zurechtweisung bezüglich des Russischsprechens – die ja irgendwie auch nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass ich mir auch die Mühe hätte machen können, ein paar Worte Georgisch zu lernen, das immerhin eine sehr interessante Sprache ist –, dass ich nur noch Englisch sprach. Das führte zwar zu Missverständnissen – statt Bier gab´s Birnenlimonade –, eliminierte aber meinen Stress, den dann andere hatten, denn reklamiert man auf Englisch, wird man unweigerlich Zeuge einer Unterwürfigkeit, die einfach nur noch zum Fremdschämen ist. Nun ja, da werden die georgischen Hipster, die ansonsten vorbildlich fesche Demos für die Cannabis-Legalisierung auf die Beine stellen, wohl noch ein bisschen was lernen müssen. Wichtig wäre halt, sie mal darauf hinzuweisen, dass Revisionismus, ganz allgemein gesprochen, eher uncool ist. Aber den Stress wollte ich mir im Urlaub nicht machen und so beschränkte ich mich darauf, ein anderes Beispiel zu geben, wie man die drängendsten Bedürfnisse seiner Mitmenschen mal beachten kann und brachte ´nem abstürzenden Druffie, der neben seinen chillenden Kollegen dem Kollaps entgegensackte, Wasser, damit er sich ein wenig berappeln konnte, was mir ziemlich verwunderte Blicke einbrachte. Na ja, sie sind halt noch nicht so weit in Georgien, dass sie von selbst auf das Naheliegendste kommen, aber, im Großen und Ganzen, sind sie auf einem guten Weg.

Georgien wurde in seiner langen Geschichte von Byzanz erobert, den Persern, Arabern, Mongolen und Türken verwüstet und verheert und von den Russen Anfang des 19. Jahrhunderts besetzt. Ein Drittel der Ausstellungsfläche des Georgischen Nationalmuseums ist der „Sowjetischen Okkupation“ gewidmet, die anderen Fremdherrschaften, wiewohl in ihren Auswirkungen weitaus zerschmetternder, sind keiner Silbe wert. Wer ein Freund Georgiens sein will, so drängt sich der Eindruck auf, hat ein Feind Russlands zu sein, dessen immensen Beitrag zur Entfaltung des menschlichen Geistes nicht mehr zu würdigen. Ist eine solche Fixierung auf die ehemalige Kolonialmacht*, frage ich mich, einer jahrtausendealten Hochkultur wie der georgischen nicht unwürdig? Hätten sie nicht alle Veranlassung, alle Berechtigung, ihre Identität nur aus sich selbst, ihrem Außergewöhnlichsein, zu ziehen, statt sich über die Feindschaft zu einem größeren Nachbarn und einem fragwürdigen Opferdasein zu definieren? Wäre es nicht viel sinnvoller und auch interessanter, ein Museum der kulturellen Kontinuität zu gründen, das dem interessierten Besucher zeigt, wie ein Volk die eigene Identität auch während einer Jahrhunderte andauernden Fremdherrschaft unter wechselnden Mächten bewahrt und entwickelt, einem eine Ahnung davon gibt, welch unfassbare kulturelle Schätze während des Mongolensturms oder der Islamisierungspolitik der Perser und Türken verloren gingen?

Kasbeg2

Der Gipfel

Die Tage zogen ins Land, ich wandelte durch die schmalen, gewundenen Gassen der Altstadt von Tiflis, betrachtete die hölzernen, mit Schnitzwerk verzierten Vorbauten der beschaulichen Häuser aus dem 19. Jahrhundert, verweilte bei den tönernen Kegeln der Sulfurbäder, deren spaciges Aussehen an die vor Äonen untergegangene marsianische Zivilisation von Cydonia erinnerte, so sie denn jemals woanders als in der Phantasie von Himmelsbetrachtern existierte, und ruhte am Wasserfall, dessen luftdurchströmende Frische die ihn umgebenden Zeichner und Maler unmöglich einfangen konnten. Dann und wann besuchte ich eine Kirche oder ein Kloster, verharrte an kalter Säule gelehnt und öffnete die Weite meines inneren Erlebens dem Raum zwischen Boden und Kuppel, in den all die bärtigen Priester und Kopftuch bedeckten Muttchens seit jeher ihre Gebete entließen, diese Essenzen ihrer Leiden und Hoffnungen, unter den mal strengen, mal gütigen, aber immer wohlwollenden Blicken des Nazareners und der Angehörigen seines Clans. Schließlich, es war an der Zeit, nahm ich ein Marschrutka, das die schwindelerregenden Serpentinen des alten georgischen Heerweges entlangfuhr, dem großen Kaukasus von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten. Im Beisein der Berge kehrt ein ruhiger Frieden ein, so man alleine, oder aber eine gelöste Feierlichkeit, so man zu mehreren ist. Es fand sich eine große Runde ein, Traveller aus aller Herren Länder, China, Israel, USA, Deutschland, Russland, Polen und und und, die sich auf dem Balkon unseres Hostels versammelten, von wo aus wir den Mond dabei beobachteten, wie er seine geschwinden Strahlen durch die vorüberziehenden Wolken schlängelte, sanft die schneeweißen Gletscher zu versilbern. Wir alle waren von der Besonderheit dieser Nacht, der Sommersonnenwende, ergriffen, sprachen nach alter georgischer Tradition Trinksprüche aus, die das zum Ausdruck brachten, was der jeweilige Sprecher an diesem Abend fühlte und empfand. Da war keiner, der sein Herz nicht öffnete, niemand, der nicht begriff, dass die wichtigste Entfernung, die man beim Reisen zurücklegt, jene ist, die einen dem eigenen Herzen, dem eigenen Sein näherbringt.

Zwei Tage später schon bestieg ich das Flugzeug nach Berlin. Die Briefe vom Jobcenter wurden drängender und drängender …

* Die Herrschaft des zaristischen Russland in Georgien ist eindeutig als koloniale zu werten, die sowjetische eher nicht, da zu Zeiten der Sowjetmacht auch Angehörige nicht-russischer Ethnien höchste Staatsämter bekleiden konnten, so beispielsweise die Georgier Stalin, Berija oder später Schewardnadse.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.