Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben (für Brilka)“ ein beeindruckendes und breit gewürdigtes Romanepos vorgelegt. Doch hält es auch einer kritischen Lektüre stand?

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„Das Buch macht auf jeden Fall süchtig“, versicherte mir ein graubärtiger Buchhändler an einem heißen Maitag, als ich bemerkte, dass 34 Euro nochwas doch ein happiger Preis für einen Roman seien, auch wenn dieser gute 1300 Seiten umfasse. Trotzdem, ich überwand meine Hemmungen, erwarb „Das achte Leben“ und stellte anerkennend fest, dass es in der mittlerweile siebten Auflage erschienen war. Die gebürtige Georgierin und Wahlhamburgerin Nino Haratischwili musste also schon eine ganze Reihe von Lesern vor mir überzeugt haben. Anderntags packte ich den Roman dann in meinen Rucksack, bestieg den Bus Berlin – Odessa und machte mich an meine Reiselektüre. Diese entführte mich in eine längst vergangene Zeit, als die Bärte noch gezwirbelt waren, junge Mädchen vom Ballett träumten und Verliebte sich zu heimlichen Ausritten zu Pferde trafen. Das junge Mädchen, von dem hier die Rede ist, trägt übrigens den Namen Stasia, und der zwirbelbärtige Kavalier zu Pferde Simon Jaschi, Namenspatron, aber nicht Ahnherr der Dynastie, die das Zentrum dieses großangelegten Familienromans bildet. Der Ahnherr, Stasias Vater, ist dabei einfach nur „der Schokoladenfabrikant“. In seiner Confiserie vertreibt er allerlei Zuckerbackwerk, stets veredelt durch einige Tropfen seiner nach einem Geheimrezept hergestellten heißen Schokolade, die in ihrer süchtig machenden Geschmackskomposition ekstatische Effekte zeitigt, die aber auch, da sie einfach zu gut für diese Welt ist, mit etwas Fluchartigem behaftet ist, das den hemmungslosen Konsumenten ins Unglück stürzt. Aus diesem Grund bleibt das genaue Rezept Familiengeheimnis und die heiße Schokolade wird vom Schokoladenfabrikanten und jenen, denen er in der Folge das Rezept anvertraut, nur in Momenten größter Trostbedürftigkeit zubereitet. Doch davon gibt es im Laufe des Romans nicht wenige, sodass die heiße Schokolade, dann pur genossen, praktisch das Leitmotiv des Romans bildet, wobei mir persönlich diese Heißeschokoladenrührseligkeit doch etwas zu kleinmädchenhaft vorkam und ich während der ganzen Reise nur türkischen Kaffee und dann und wann einen sechzigprozentigen Tschatscha orderte.

Das Schwarze Meer und die Goldenen Zwanziger

Aber der Roman besteht noch aus wesentlich mehr. Simon Jaschi schließt sich im Zuge der Russischen Revolution als Opportunist der Roten Armee an, Stasia, mittlerweile seine Frau, reist ihm nach Petrograd hinterher, findet ihn dort allerdings nicht und schließt sich etwa anderthalb Jahre bei einer Verwandten ein, ehe sie nach Georgien zurückreist. Dafür hatte sie ursprünglich die Fähre von Odessa nach Batumi angedacht, lese ich, während ich auf selbiger sachte auf meiner Koje hin- und herschaukele und hinter der Luke das türkise Wasser des Schwarzen Meeres funkeln weiß. Stasia hat also wenig Glück in der Liebe, ihre Schwester Christine dafür zunächst umso mehr. Sie heiratet einen hohen Mitarbeiter des georgischen Ablegers des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD), der ihr ein sorgenfreies Leben in Saus und Braus, mit Pracht und Pomp ermöglicht. Doch ist sie klug genug zu sehen, welchen Preis ein solches Leben einfordert. Sie selbst wird ihn entrichten müssen, als der Chef ihres Mannes, Lawrentij Berija, sie zu seiner Geliebten machen will. Das geht eine Zeitlang „gut“, doch irgendwann ist ihr Mann dem immensen Druck nicht mehr gewachsen …

Stalin Porträt

Man sieht, in diesem Roman sind die politische und die Familiengeschichte ineinander verwoben, allerdings nur lose. Oftmals wird die politische Ereignisgeschichte auch einfach nur referiert, ohne dass sie in direktem Zusammenhang mit der Handlungsebene stünde. Dabei muss leider vermerkt werden, dass die Ereignisgeschichte keineswegs immer korrekt wiedergegeben wird. So beginnt im Roman die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft unmittelbar mit dem Ende des Kriegskommunismus, also etwa im Jahr 1921, und die Periode der Neuen Ökonomischen Politik bzw. NEP (1921 – 1928) fällt komplett unter den Tisch, obwohl Christines Leben und das ihres Mannes deutlich den Stempel dieser Zeit tragen. Das ist deswegen nicht unerheblich, da die NEP gemeinhin als die liberalste Zeit der Sowjetmacht angesehen wird, als Äquivalent zu den goldenen Zwanzigern. Diese Periode einfach wegzulassen, und sogar noch zu behaupten, es hätte in der Sowjetunion nichts den roaring twenties Entsprechendes gegeben, ist eine intendierte Geschichtsverfälschung, die auf die strikt antikommunistische Haltung der Autorin zurückzuführen sein dürfte. Darüber mag der bürgerliche Leser noch hinwegsehen, doch dürfte es später auch für ihn anstößig oder zumindest befremdlich werden, wenn Hitler-Deutschland zwischenzeitlich in einem besseren Licht erscheint als Sowjetrussland:

„Beim Einmarsch der Deutschen im Baltikum und der Ukraine glaubte keiner mehr an die Rückkehr der Bolschewiken, die Deutschen wurden als Befreier gefeiert. Als Wehrmachtssoldaten mit Panzern und LKWs in die ukrainischen Dörfer kamen, standen die Bauern auf den Straßen und hielten Brot und Salz in den Händen, als Zeichen der Gastfreundschaft. Das NKWD dagegen hatte im Eilkommando ganze Arbeit geleistet: In Gefängnissen waren Gefangene hingerichtet und in psychiatrischen Anstalten Insassen getötet worden. So, wie später Dörfer und Städte verbrannt werden sollten – nichts sollte den Deutschen in die Hände fallen.

Die Berichte der sowjetischen Presse über die nationalsozialistischen Verbrechen und die Gerüchte, man habe schon mehrfach Juden konzentriert und irgendwo hingebracht, von wo niemand mehr zurückgekehrt sei, wurden als Lügen und sowjetische Propaganda gesehen. Aus diesem Grund verzichteten viele Juden auf die Flucht. Alle waren über Jahre mit Lügen abgespeist worden, mit erfundenen Wirklichkeiten, doch diese aus den Mündern der Unterdrücker war noch verlogener als jede bisherige Lüge: Im Kaukasus und in der Ukraine wurden ethnische Minderheiten von der Wehrmacht angeworben und leisteten »freiwilligen Dienst«.“ (S.261)

Sachlich mag das die allgemeine erste Reaktion auf den deutschen Überfall korrekt wiedergeben, doch schwingt da eben ein subtiles Bedauern darüber mit, dass Hitler und seine Soldaten den Bogen leider ein wenig überspannt haben, da sie in der antikommunistischen Sache ja eigentlich recht gehabt hätten. Umso mehr, wenn man eine Seite vorher eine Passage wie diese liest:

„Die Erfolge der Wehrmacht waren kolossal. Der Generalstab der Roten – weiterhin zögerlich, weil gefangen zwischen der Angst vorm Kreml und der Not, schnell zu handeln – blieb passiv. Die Lähmung im Kreml legte sich auf das ganze Land. Ihr fielen in den ersten Kriegsmonaten unzählige Menschenleben zum Opfer.“ (S.260f)

Nein, schon klar, schuld am Tod der Sowjetbürger war also nicht das faschistische Deutschland, sondern die bolschewistische Führung der UdSSR. Mal ganz abgesehen davon, dass es ein Widerspruch in sich ist, der sowjetischen Führung sowohl eine „zögerliche Reaktion“ als auch eine Überreaktion in Form von Gefangenenexekutionen vorzuwerfen. Dabei überträgt sich diese empathische Schieflage in der Bewertung der Ereignisgeschichte leider auch auf die Schilderung der Personen. So kommt Stasias Sohn Kostja als an sich tadelloser Rotarmist permanent schlecht weg und sein späterer Werdegang beim NKWD wird als der eines tyrannischen Sowjetspießers dargestellt, während Andro Eristawi, der Liebhaber von Kostjas Schwester Kitty, mit aller nur möglichen Sympathie der Erzählerin bedacht wird, obwohl er als Kollaborateur zur Wehrmacht übergelaufen ist. Ihren Kulminationspunkt erfährt diese Verzerrung eine Generation später, als Kostjas Tochter Elene eine Nacht lang alleine mit Andros Sohn aus zweiter Beziehung, Miqa, zu Hause ist und der sie ohne ihr Einverständnis fickt. Zwar hat sie ihn vorher ein wenig scharf gemacht, um ihn zu quälen, doch herrschte zwischen den beiden Fünfzehnjährigen stets eine Atmosphäre feindseliger Ignoranz und Miqa gesteht später auch ein, dass er durch den Sex seine Geringschätzung ihr gegenüber zum Ausdruck habe bringen wollen. Mithin also ein ziemlich klarer Fall von missbräuchlichem Sex respektive Vergewaltigung, zudem Elenes Leben nach dem Trauma und der anschließenden Abtreibung völlig aus dem Ruder läuft. Doch seltsamerweise sind sich im Roman alle außer Kostja, der aber als Vertreter der Sowjetmacht eh nicht als zurechnungsfähig gilt, einig, dass alles nur Elenes Schuld gewesen sei und Miqa, der arme, diskriminierte Sohn eines Nazi-Kollaborateurs, jede nur erdenkliche emotionale Unterstützung und Protektion verdiene. Das entspricht dabei nicht nur den Perspektiven der Personen, das legt auch die Erzählerin nahe und es wird das Einverständnis des Lesers angenommen, dass dieser nicht-einvernehmliche Sex tatsächlich nicht als Vergewaltigung zu werten sei. Schuld an Elenes folgendem Aus-der-Bahn-geworfen-Sein sei dagegen, wie könnte es anders sein, Kostja, da er seine Tochter einige Jahre lang zu sich nach Moskau genommen und sie dort auf eine russische Eliteschule geschickt hatte. Schlussendlich stellt sich die Situation für Elene dann so dar, dass sich alle Familienmitglieder, also ihr Vater Kostja und die sonst mit ihm über Kreuz liegenden alten Damen Stasia und Christine sowie ihre Mutter Nana und später ihre Töchter Daria und Niza, darin einig sind, dass Elene alles in ihrem Leben falsch gemacht habe, sich anstelle und überhaupt ein merkwürdig missratener Mensch sei. Sie kann den „armen Miqa“ nicht in Ruhe lassen und muss sich dafür, nachdem dieser als Regisseur-Dissident ins Gefängnis gewandert ist, auch noch von seiner Frau zurechtweisen lassen, sie [d.h. Elene] hätte doch nie wirklich was mit ihm, Miqa, gehabt, was wolle sie überhaupt. Alles in allem ist Elenes Trauma so offensichtlich und wird von der Autorin, die wohl Stoff aus der eigenen Familiengeschichte verarbeitet hat, aufgrund ihrer ideologischen Voreingenommenheit so haarsträubend verkannt, dass ich das Buch über Elene als die missratenste Passage der mir bekannten Hochliteratur werten muss.

Dächer von Tbilisi

Roter Stern, zerbrochen überm Kaukasus

Sobald es mit der Sowjetmacht allerdings zu Ende geht, gelingt Haratischwili überraschenderweise die Kehrtwende und sie findet zu einer angemessenen Bewertung der historischen Ereignisse, bei der sie die übersteigerten Auswüchse des georgischen Nationalismus klar als solche benennt. Auch ist der Impuls, die Gräuel der Sowjetzeit herauszustellen, ja mehr als berechtigt, wie mir einmal mehr klar wurde, als ich in Tbilisi auf meinem Etagenbett im Hostel am zentralen Rustavelli-Boulevard lag und im Roman las, wie ebendort, direkt unter meinem Fenster, 1990 eine Demonstration für die Unabhängigkeit Georgiens von russischen Rotarmisten mit Klappspaten auseinandergeprügelt wurde. Ein elektrisierenderes Leseerlebnis erscheint mir kaum vorstellbar, wer nach Georgien reist, möge diesen Roman mitnehmen, mit ihm durchquert man das Land gleichsam in seiner temporalen Paralleltopografie. Dennoch greift das derzeitige georgische Narrativ, die Sowjetzeit nur als Okkupation zu begreifen, eindeutig zu kurz, da die beiden wichtigsten Männer der Stalinzeit, Stalin und sein Geheimdienstchef Berija, beide Georgier waren, die den gesamten Vielvölkerstaat in ihrem Würgegriff hatten. Mehr dazu in meinen Georgischen Reisenotizen. In diese Falle tappt Haratischwili jedoch nicht. Vielmehr beschreibt sie recht nüchtern die Wirrnisse der Umbruchzeit, hat aber kein eigenes Narrativ, das sie dem offiziellen entgegensetzen könnte und so erscheint es nur als konsequent, dass sie die Romanhandlung im Jahre 2006 enden lässt, also zwei Jahre bevor der damalige georgische Präsident Saakaschwili eine militärische Kampagne zur Rückeroberung der beiden abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien startete, für die das offizielle Georgien nach wie vor Russland verantwortlich macht, obwohl die EU anderes festgestellt hat. Doch kann man sich leicht vorstellen, wie unbeliebt Haratischwili sich bei den georgischen Nationalisten gemacht hätte, wenn sie nicht den Unschuldsmythos von 2008 bedient hätte.

Georgische Palmen

Doch zurück zum Roman. Mag die Art, wie Haratischwili Faschismus und Bolschewismus in Bezug setzt, zunächst irritieren, so balanciert sie den daraus entstehenden unguten Eindruck später doch aus, wenn sie Kitty, die mittlerweile ins englische Exil gegangen ist, eine Holocaust-Überlebende als Freundin finden lässt, wodurch auch die Shoa einen angemessenen Platz im Roman finden kann. Kitty selbst findet in der Emigration ihr berufliches Glück, wird Popstar, doch bleibt ihr Gefühlsleben eingefroren und statisch. Ein anderer Emigrant, der Vater von Elenes erstem nicht-abgetriebenen Kind, endet dagegen als Tankstellenwärter in der us-amerikanischen Provinz. Insofern muss man Haratischwili zugute halten, dass sie auf jeden Fall ein ausgewogenes Bild des kapitalistischen Westens zeichnet, auch wenn sie an einer Stelle Guantanamo lediglich als „Imageschaden“ für die USA abtut und sich an einer anderen Stelle über die sowjetische Kapitalismuskritik lustig macht. Man mag meine Konzentration auf das ideologische Narrativ in „Das achte Leben (für Brilka)“ befremdlich finden, doch ist das eben der rote, strukturgebende Faden, mit dem der Roman steht und fällt. So flüssig und gut lesbar er auch geschrieben ist, so gelungen die Charakterzeichnungen meistens auch sind (Stasia, Simon, Christine, Kostja, Daria, Niza) und so feinfühlig Haratischwili den verschiedenen Traumatas nachspürt (Elene bildet da die Ausnahme), braucht es doch ein verbindendes narratives Element, eine Idee, um aus der Fülle des Stoffes einen großen Roman zu formen. Heiße Schokolade mit Antikommunismus ist dafür einfach zu wenig, und auch Reproduktion als Idee funktioniert nur bedingt (der Titelzusatz „(für Brilka)“ verweist auf die Nichte der Erzählerin, die das achte Leben führen wird und der die Erzählerin die Erfahrung der sieben vorangegangenen als Roman weitergeben will). So stellt sich beim Lesen oftmals der Eindruck ein, die Autorin schreibe den immensen Fundus ihres Stoffes einfach eins zu eins linear-chronologisch herunter, ohne diesen Stoff, wie im Falle Elenes, wirklich bis zur Gänze zu durchdringen. Kurz, Haratischwili hätte sich für diesen Roman gerne ein zwei Jahre länger Zeit nehmen können, zumal die wirklich großen Momente, an denen einem das Herz angesichts der emotionalen Intensität stehen bleibt, auch rar gesät sind, und sie die beeindruckende Fülle des Stoffes, den sie zur Verfügung hatte, leider vorschnell aus der Hand gegeben hat. „Das achte Leben (für Brilka)“ hätte ein grandioser Roman sein können, der die Jahre überdauert, doch sieht man die Sache realistisch, muss man sagen, er ist leider ein, allerdings recht imposantes, Frühchen geworden.

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