Unlängst stieß ich in einem Friedrichshainer Antiquariat auf ein Buch des mir unbekannten Schriftstellers Wladimir Orlow: Das irdische und das dämonische Leben des Musikers Danilow. Welch vielversprechender Titel!

Die WG neOrlow Coverbenan, in der ich, Wanja Soloto, zu dieser Zeit zur Zwischenmiete wohnte, das sei der Ehrlichkeit halber vermerkt, befand sich in Auflösung. Die charmante Charlotte, deren Zimmer ich übernahm, verließ als Erste die Wohnung, Oliver und Daniel wollten einen Monat später folgen. Natürlich, gegen Ende hin würde es ein wenig ungemütlich werden, schließlich müsste die ganze Wohnung ausgeräumt, gestrichen und am besten noch renoviert werden. Und auch mein Zimmer würde nahezu gänzlich unmöbliert sein. Einzig eine Matratze, einen Stuhl und eine auf zwei Böcken aufgespannte Schreibtischplatte versprach Charlotte mir dazulassen, doch was brauchte ich mehr? Der wunderbare Ausblick aus dem vierten Stock auf ein buddhistisches Meditationszentrum mit bunten, im Wind flatternden Gebetsfähnchen war mir Soulfood genug, ja, ich genoss es, in einem kargen, aber großen Raum zu leben, mich an die nackte Wand zu lehnen, Zigarettenqualm im Raum zu zerstäuben und einen spirituell angehauchten Roman über einen Heiler namens Laurus zu lesen. Die Tage und Nächte gingen dahin, ich quatschte oft mit Daniel, seines Zeichens Musiker und Freiberufler, und mit seiner aus Kasachstan stammenden Exfreundin, die als Geisteswissenschaftlerin bei einer bekannten Computerfirma gelandet und häufig in der WG zu Besuch war, um zusammen mit Daniel dessen Kram einzeln in einen Verschlag rüberzutragen. Wir hatten viel gemeinsam, auf allen Ebenen, wie ich auch jetzt noch sehe, und ich, kein Verächter des Buddhas, bemühte mich, ganz im Hier und Jetzt zu sein und nicht über Das irdische und das dämonische Leben des Musikers Danilow nachzudenken, das ich eben erst als Nächstes lesen wollte.

Mosfilm II

Der Bratschist Danilow, wie Orlows 1980 erschienener Roman im russischen Original ein wenig prosaischer heißt, ist der Auftakt zur sogenannten Ostankinoer Trilogie* des 2014 im Alter von 78 Jahren verstorbenen Moskowiters Orlow und neben der Moskauer Schönheit eines der ersten Werke des magischen Realismus in der russischen Literatur, lässt man diesen mit dem Einfluss aus Lateinamerika beginnen und Werke wie Bulgakows Der Meister und Margarita oder Gogols Die Nase außen vor. Dieser Danilow, ein Mann von 35 Jahren, führt Anfang der Siebziger in der Hauptstadt der damaligen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken ein Doppelleben. In dessen bürgerlichem Teil hat er sich seiner Tätigkeit als Orchestermusiker verschrieben, doch kann er bei Bedarf in einen dämonischen Seinszustand überwechseln, in dem ihm keine Grenzen gesetzt sind. Er kann dann fliegen, wohin er will, sich die exotischsten Delikatessen herbeizaubern, in Blitzen baden oder einfach nur anderen Menschen Unglück bringen bzw. ein wenig Schabernack treiben. Das klingt nicht schlecht, doch die Musik, die ist natürlich erfüllender. Umso mehr, als Danilow auch nur eine ziemlich kleine Nummer im bürokratischen Apparat des kafkaesken, neunsphärigen Dämonenstaates ist, der, wie demütigend, lediglich dem lokalen Hausgeisterclub assoziiert ist. Doch es kommt noch schlimmer. Eines Nachts wird ihm dort die Stunde X verkündet, die nichts Gutes verheißt … Bis dahin ist allerdings noch viel Zeit hin. Zeit, die Danilow dazu nutzen kann, mit seinen Bekannten, den Murawljows, über den derniere crie der Siebziger zu diskutieren, der Theorie, derzufolge Außerirdische früher mal die Erde besucht haben sollen, oder zu erörtern, welchen Einfluss wohl die neu aufkommenden Rechenmaschinen auf die Musik haben werden. Dazu wird Danilow noch von seiner geschiedenen Frau Claudia beharrlich in Anspruch genommen, einer unnachgiebigen Nervensäge, die noch den kleinsten Gefallen mit größtem Eifer aus ihm herauspresst, ihn dafür aber, obwohl er das ursprünglich gar nicht wollte, mit den Sorgozuks bekannt macht, einer klandestinen Organisation von Futurologen, die Prognosen über die gesellschaftlichen Tops & Flops in den Jahren 1980, 1990 und – ta, ta! – 2000 abgibt. Retrofuturismus vom feinsten also, vor allem, wenn man bedenkt, dass die Voraussage, Hochschulabschlüsse seien in der Zukunft nicht viel wert und gefragt seien eher einfache Tätigkeiten im Dienstleistungsbereich, gar nicht mehr mal so weit von der kapitalistischen Realität des Jahres 2016 entfernt ist. Der Unterschied besteht wohl lediglich darin, dass der Staat, anders als Claudia spekuliert, mitnichten eine Prämie für die Rückgabe seines Universitätsdiploms auszahlt …

Doch diese Themen, so hervorhebenswert sie auch sein mögen, dominieren nicht die Handlung. Dort geht es oberflächlich vor allem um Danilows des Öfteren abhanden kommende Albani (die Stradivari unter den Bratschen), seine sich mit einer gewissen Natascha anbahnende Liebesbeziehung und dem ziemlich phänomenalen Besuch seines Dämonenkollegen Karmadon, der als blauer Stier halb Spanien auf den Kopf stellt. Dabei ist kritisch zu vermerken, dass die meisten Charaktere eher flach daherkommen, wenn auch nicht unpointiert. Wirkliche Tiefe dagegen gewinnt der Roman vor allem in den philosophischen Passagen über die Musik, vor allem klassische, aber auch russischer Komponisten, die hierzulande wenig bekannt sind. Diese Stellen sind keineswegs verkopft und für den Laien nicht nachvollziehbar, im Gegenteil, sie sind dem lebendigen Fluss des Lebens verpflichtet und ein jeder wird sicherlich Aspekte seiner eigenen Musikerfahrung darinnen wiederfinden. Da passt es ganz gut, dass der Roman auch als Oper vertont und inszeniert worden ist.

Nun, der Fluss des Lebens erfasste auch mich, zog mich in den Strudel der abgründigen Kabale der sich auflösenden WG und mir wurde bald zu erkennen gegeben, dass der Musiker Daniel, mit dem mich anzufreunden ich kurzfristig in Betracht zog, nicht ohne Grund allein gegen alle stand und von ganz eigenen Dämonen heimgesucht wurde. Aber das ist eine Geschichte, deren wahnhafter Höhepunkt sich des Nachts in einer fast ausgeräumten Wohnung ohne durchgehender elektrischer Beleuchtung zutrug und über deren Details ich, Wanja Soloto, hier den Mantel des Stillschweigens breiten werde. Es reicht anzumerken, dass ich die nächste Nacht, jene der Walpurga, schon nicht mehr in Friedrichshain verbrachte und später, während ich den Danilow las, langsam zu begreifen begann, dass eine jede Seelenregung, die sich einschleift – und sei sie noch so berechtigt oder gar schön – irgendwann zur Obsession, zum Dämon, werden kann. Drum riet der Buddha wohl, in Stille den Fluss der Gedanken und Gefühle zu betrachten, auf dass da komme und gehe, was wolle, aber nichts verbleibe und sich verfestige. Schade ist es gewiss, dass diese sehr sympathische WG sich bis ins Mark zerstritt und ich keine neuen Freundschaften anknüpfen konnte, doch die Kunst im Allgemeinen entsteht eben nicht aus dem Nichts, sondern mitunter dank gewisser dämonischer Geburtshelfer, die, haben sie ihre Schuldigkeit getan, jedoch ruhigen Herzens exorziert werden können, ja, müssen, bevor sie noch richtiges Unheil anrichten.

*Benannt nach dem Moskauer Stadtteil Ostankino, in dem Danilow sein irdisches Quartier bezogen hat.

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