Das Verhältnis zwischen westlicher und islamischer Welt ist spannungsgeladen und von Gewalterfahrungen geprägt. Trotzdem ist ein friedliches Zusammenleben möglich.

Der Themenkomplex von Gewalt und Integration rückt für gewöhnlich immer dann ins Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn es einen Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund gegeben hat (Orlando*, Brüssel, Paris, Paris) oder wenn es zu (gruppendynamischer) Eruptivgewalt kommt, wie beispielsweise während der Silvesternacht in Köln, Bielefeld oder Hamburg oder unlängst beim Tod eines 17-jährigen in Bad Godesberg. Bei diesen Taten gehören die Opfer meist dem westlichen Kulturkreis an, während die Täter einen islamischen Hintergrund haben. Umgekehrt ist die Gewalterfahrung der islamischen Welt allerdings viel größer. Das beginnt beim Kolonialismus und endet bei den diversen Regime-Change-Kriegen des Westens (Afghanistan, Irak, Libyen und eingeschränkt Syrien). Gegenstand vorliegender Betrachtung ist allerdings nur die Gewalt, die von Mitgliedern des islamischen Kulturkreises an westlichen Menschen verübt wird, da das für mich und meine deutschsprachigen Leser aktueller ist. Dennoch tut man gut daran, sich gelegentlich daran zu erinnern, dass Gewalttäter in der Regel zuvor selber einmal Opfer von Gewalt geworden sind.

Gewalt ist kein schönes Thema. Sie kann, wie bei einem Terroranschlag, zu einer Schockstarre führen, die auch persönlich Unbeteiligte, die das Geschehen nur über die Medien verfolgen, so sehr befällt, dass sie einige Tage Zeit und einige Trauerrituale (Blumen niederlegen, Soliprofilbilder bei Facebook etc.) benötigen, ehe sie wieder in ihren je persönlichen Alltagsmodus zurückwechseln können. Ist das Gewaltereignis dagegen kleiner, tritt bei den persönlich unbeteiligten Mediennutzern keine Schockstarre ein, sondern es beginnt oftmals eine heftige emotionale Auseinandersetzung, die entlang der Frontlinie geführt wird, ob und wenn ja, welche Bedeutung Herkunft, Religion, Kultur oder gar Biologie der Täter haben. Die gesellschaftlich relevanten Fragen sind jedoch die, wie wir langfristig diesen Gewaltereignissen entgegensteuern können, wie wir selbst als potentiell Betroffene damit umgehen, ohne seelischen Schaden zu nehmen und, ganz allgemein, welche Rückwirkungen die Gewalt auf die Einwanderungspolitik haben sollte.

Der Islamismus – ein neuer Faschismus?

Wenn über islamistischen Terror gesprochen wird, wird die Rolle des Islams von rechter Seite aus meist überbewertet, indem der Islam als solcher für den Terror verantwortlich gemacht wird, was im Alltag zu rassistischen Diskriminierungen „muslimisch aussehender“ Menschen führt, während die Rolle des Islams von linker Seite aus eher kleingeredet wird, indem vor allem auf die sozialen Ursachen wie Perspektivlosigkeit und Ausgrenzung verwiesen und die Ideologie des Islamismus als Quasifaschismus abqualifiziert wird, die keiner weiteren inhaltlichen Auseinandersetzung bedarf. So zuletzt bei Alan Badieu. Der islamistische Terrorismus ist seit mehr als zwanzig Jahren eine weltweite Gefahr und wird es aller Voraussicht nach auch mindestens die nächsten zehn Jahre bleiben, wenn Polizei und Geheimdienste nicht plötzlich Wunderkräfte entwickeln, doch wäre es ein Fehler, abzustumpfen und sich mit Routinephrasen zu begnügen, statt das Problem ernsthaft intellektuell zu durchdringen. Bei einer solchen ernsthaften Auseinandersetzung kann man „den“ Islam nicht ausklammern, so wichtig der Komplex der sozialen Ausgrenzung auch ist, da es ohne Islam keinen Islamismus und ohne Islamismus keinen islamistischen Terror gäbe. Wie oben bereits angedeutet, halte ich es für zu kurz gegriffen, den Islamismus einfach als Quasifaschismus anzusehen, auch wenn er auf jeden Fall faschistoide Züge trägt, doch ist „Faschismus“ heutzutage eher ein Kampfbegriff, der wenig zum Verständnis einer komplexen Problemlage beiträgt und eine differenziertere Analyse kann auf jeden Fall tiefere Einsichten bringen und dazu beitragen, dem Problem effektiver begegnen zu können.

Noch in den siebziger Jahren war der Widerstand gegen die postkoloniale Einflussnahme des Westens in der islamischen Welt vorwiegend sozialistisch und säkular geprägt. Einen ersten großen Erfolg konnte der politische Islam in der iranischen Revolution von 1979ff verbuchen und nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus stieg er zur bestimmenden Kraft im Widerstand gegen den Westen und die jeweiligen nationalen Despotien auf. Seine ideologische Kraft ist so stark, dass er Menschen dazu bringen kann, sich in seinem Namen zu opfern und selbst in die Luft zu sprengen. Dies verdankt er vor allem seinem Heilsversprechen, dass Märtyrer ein besonderes jenseitiges Glück erlangen, sowie dem sozialen Prestige, das den Hinterbliebenen von Märtyrern in einem islamistischen Umfeld zuteil wird (so zum Beispiel durch die Hamas im Gaza-Streifen). In Sachen ideologischer Entschlossenheit ist der Islamismus dem westlichen Liberalismus oder Sozialismus also eindeutig überlegen, da es weder Sinn macht, sich für das Ideal eines hedonistischen Lebens selbst zu opfern, noch es gegenwärtig eine sozialistische Utopie von solcher Strahlkraft gibt, die jenseitsorientierten Heilsversprechen den Rang ablaufen könnte. Diese Stärke des Islamismus, Sterblichkeit und Tod des Individuums einen Sinn zu geben, ist es auch, die westlichen Intellektuellen in der Regel die Auseinandersetzung mit ihm so schwer macht, da der Bereich des eigenen Todes die Tabuzone der vom wissenschaftlichen oder sozialistischen Materialismus geprägten Denker darstellt, und das Unbehagen an der eigenen Sterblichkeit, über das sich die Islamisten im Großen und Ganzen souverän und herausfordernd erheben, bei allen anderen eine Bewältigungsstrategie erfordert. Der Faschismusvorwurf kann als eine solche angesehen werden, da man sich mit seiner Hilfe das Problem des Märtyrertums vom Halse schafft.

Persönlichkeitsentwicklung und religiöse Attraktion

Die Bereitschaft, seinem eigenen Leben im Dienste Allahs und seiner angenommenen Sache ein Ende zu setzen, deutet darauf hin, dass die eigene Persönlichkeit nicht so sehr gefestigt ist, dass ein klares Bewusstsein vom Wert des eigenen Lebens existent wäre. Des Weiteren geht man sicherlich nicht fehl, wenn man hinter dem ideologischen Dogmatismus der Islamisten eine existenzielle Unsicherheit annimmt. Dafür spricht auch, dass es unter Islamisten ein übergroßes Bedürfnis nach Fatwas für alles und jedes gibt, die die Alltagsprobleme bis ins Kleinste mit Rechtsvorschriften regeln. Diese beiden Merkmale markieren einen klaren Gegensatz zum historischen Faschismus, bei dem diese beiden Phänomene so nicht vorkamen. Eine Gemeinsamkeit besteht allerdings darin, dass beider utopischer Gesellschaftsentwürfe (Lebensraum bzw. Kalifat) auf das Mittelalter als Vorbild rekurrieren, also zutiefst rückwärtsgewandt sind. Diese Rückwärtsgewandtheit legt ein beredtes Zeugnis davon ab, dass in diesem Falle soziale Perspektivlosigkeit tatsächlich ein ausschlaggebender Faktor ist, den man nicht unterschätzen darf, denn es orientiert sich nur an der Vergangenheit, wem die Zukunft Angst macht. Das ist ein Punkt, der auf die Anhänger des Islamismus sowohl in der islamischen wie in der westlichen Welt zutreffen dürfte. Daneben gibt es aber auch noch Faktoren, die nur in der westlichen Welt Ausschlag gebend sind. Ihnen muss unser besonderes Augenmerk gelten, haben wir doch nur hier reale Einflussmöglichkeiten. Zu benennen wäre da zuvorderst der Zusammenhang zwischen der existenziellen Verunsicherung des zukünftigen islamistischen Nachwuchses und ihrer prekären Identität als eingewanderte Muslime in einer fremden Kultur. Allzu oft wird Integration eingefordert, die leicht in Assimilation übergehen kann, was als Reaktion einen kulturellen Selbstbehauptungsimpuls provoziert, der schnell zu einer religiösen Überidentifikation führt. Dem kann abgeholfen werden, indem die Möglichkeit einer säkularen Identitätsbildung gefördert wird. Das könnte dadurch geschehen, dass an Schulen Unterricht in Türkisch bzw. Arabisch für Muttersprachler angeboten wird. Einerseits würde dadurch dem schleichenden Sprachverlust durch fehlende Alphabetisierung in der Muttersprache begegnet, der mit zur identitären Verunsicherung beiträgt, andererseits könnten dadurch sinnstiftende säkulare Inhalte vermittelt werden, die von den Schülern als etwas Eigenes angenommen werden können. Die türkische bzw. arabische Literatur bietet da sicherlich genügend Stoff. Das allein reicht allerdings noch nicht, um die Empfänglichkeit für religiöse Vorschriften, Fatwas, zu mindern. Dieser liegt ein Bedürfnis nach Orientierung zugrunde. Dieses wird dadurch begünstigt, dass der oder die Bedürftige nicht den Grad der inneren Entwicklung erreicht hat, an dem er oder sie sich klar darüber wäre, was er oder sie selber will bzw. nicht über das notwendige Maß an Introspektion verfügt, um zu erkennen, was ihm oder ihr gut tut und ferner nicht weiß, dass das, was für den einen stimmig ist, für den anderen nicht richtig sein muss. Es bräuchte also eine Anleitung zu einer mündigen Individualität, die in einer autoritären Institution wie der Schule allerdings nur schwer vermittelbar sein dürfte, da die Aufforderung zur Selbstbestimmtheit innerhalb des institutionellen Rahmens Schule den Charakter einer Anweisung annehmen würde.

Überkonfessioneller Religionsunterricht als Lösungsansatz?

Dennoch bleibt Schule der wichtigste Ort, an dem über Gelingen und Misslingen von Integration entschieden wird. Wird in diese Richtung gedacht, wird zumeist Islam-Unterricht an den Schulen gefordert. Dieser Vorschlag geht zweifelsohne in die richtige Richtung, ist aber noch ungenügend, da es sich bei der dort dann unterrichteten Islam-Variante erkennbar um eine westlich sanktionierte Variante handeln würde, die von den muslimischen Schülern unmöglich als etwas Eigenes akzeptiert werden und entsprechend auf Widerstand stoßen würde. Der intendierte Effekt einer Immunisierung gegen radikales, islamistisches Gedankengut würde also nicht eintreten. Was also tun? Am zielführendsten scheint es mir zu sein, den Hebel woanders, nämlich am größten Schwachpunkt des Islamismus, anzusetzen. Neben seiner Jenseitsgewissheit erhebt dieser ja auch den Anspruch, die einzig wahre Auslegung der einzig wahren Religion zu sein – er erhebt also einen Anspruch, den er in einer normal-offenen Auseinandersetzung unmöglich wird aufrechterhalten können. Der Rahmen, in der eine solche normal-offene Auseinandersetzung stattfinden könnte, wäre ein überkonfessioneller Religionsunterricht, in der alle Religionen und ihre wichtigsten Konfessionen gleichwertig und neutral behandelt werden sowie auch andere religiöse Phänomene, die von allgemeiner Bedeutung sind, so zum Beispiel die Irrwege historischer religiöser Fanatismen wie der manichäischen Extremisten, die sich im Kampf gegen die Sündhaftigkeit des Leibes selbst kastrierten, oder der russischen Altgläubigen, die sich angesichts des erwarteten Weltendes und einer als antichristlich wahrgenommenen Obrigkeit selbst verbrannten. Jedoch dürfte ein solcher überkonfessioneller Religionsunterricht nicht einseitig auf den wissenschaftlichen Materialismus mit seiner Antispiritualität eingeschworen sein, wenn er als ernsthaftes Angebot an die religiös orientierten Sinn- und Identitätssucher wahrgenommen werden will. Deswegen sollten auch jene in den Bereich der Grenzwissenschaften verbannten Phänomene, die einer eher sprirituellen Weltauffassung Evidenz geben, wie beispielsweise Nah-Tod-Erfahrungen oder der Drogen-Spiritualität-Komplex Eingang finden, doch muss natürlich darauf geachtet werden, dass das Ganze nicht in New-Age-Propaganda abdriftet. Neutralität ist alles. Ein solcher überkonfessioneller und vergleichender Religionsunterricht, der von allen Schülern gemeinsam besucht wird, dürfte dazu beitragen, dass junge Menschen weniger anfällig für die Propaganda des Alleinseligmachenden werden und lernen können, Toleranz zu praktizieren, indem sie sich offen darüber austauschen können, wer woran glaubt oder eben auch nicht. Außerdem ist davon auszugehen, dass in einem solchen Kontext auch der Kulturtransfer methodischen Werkzeugs wie beispielsweise der historisch-kritischen Methode bei der Bibellektüre insoweit möglich ist, als dass muslimische Schüler, die in einem überkonfessionellen Religionsunterricht eine Passage aus der Bibel in historisch-kritischer Lektüre gelesen haben, diese Art der Herangehensweise auch bei ihrer privaten Koranlektüre im Hinterkopf behalten werden.

Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass die Zahl meiner Leser begrenzt ist und diese Idee wohl von niemandem aufgegriffen werden wird. Selbst wenn es sich wider Erwarten anders verhalten sollte, dürfte die Verwirklichung schwierig werden, da der konfessionsgebundene Religionsunterricht eine der heiligen Kühe der beiden großen christlichen Kirchen ist und auch bei den konservativen Anhängern anderer Religionsgemeinschaften auf heftigen Widerstand stoßen könnten, wenn sie dahinter eine schleichende Missionsabsicht wittern. Auch ist keineswegs sicher, dass ein überkonfessioneller Religionsunterricht funktionieren würde. Denkbar wäre zum Beispiel, dass es innerhalb einer Klasse zu Lagerbildungen, einem Kampf um Deutungshoheit und letztendlich tatsächlich zu Missionsversuchen kommt, womöglich noch durch das Einwirken der Lehrkraft begünstigt, die bei einer entsprechenden „Erfolgsquote“ auf jeden Fall abgelöst werden müsste. Bevor man eine solche Reform wagt, sollte man also auf jeden Fall Pilotversuche unternehmen. Doch erscheint es lohnenswert, dieses Risiko einzugehen, denn für religiöse Autoritäten wie die Schrift- und Rechtsgelehrten der verschiedenen islamistischen Strömungen ist nichts zersetzender als von Gläubigen vorgetragene Kritik, die die eigenen Ansichten als beschränkt und unzulänglich entlarvt. Und vergessen wir nicht, dass die islamistischen Fundamentalisten ähnlich wie ihre christlichen Kommilitonen eine wörtliche Auslegung ihrer heiligen Schriften propagieren, eine wörtliche Auslegung aber die schwächste aller möglichen Lesarten darstellt, da man sich mit ihr unweigerlich im Gewirr widersprüchlicher, entstellter oder einfach nur unsinniger Textstellen verheddert und in einer Diskussion auf jeden Fall den Kürzeren zieht. Auf diese Weise könnte die Autorität des islamistischen Klerus nachhaltig untergraben und der Einfluss des Islamismus dauerhaft zurückgedrängt werden. Ein solches Vorgehen dürfte um einiges erfolgversprechender sein, als sich bei der intellektuellen Auseinandersetzung einzig auf provokative Holzhammersatire à la Charlie Hebdo zu beschränken.

Ja, es ist möglich und sinnvoll islamistische Fundamentalisten zu trollen (»Hier, haste ´ne Fatwa to go. Mach was draus!«) und sie so aus dem Konzept zu bringen, doch sollte man das Ganze subtiler angehen beziehungsweise, was noch besser wäre, eine Kultur des ernsthaften Austausches über Glaubensangelegenheiten pflegen. Ein konfessionsgebundener Religionsunterricht ist dafür naturgemäß nicht geeignet. Er entspricht der gesellschaftlichen Realität der fünfziger Jahre, ist im Kontext unserer multikulturellen Gegenwart aber aus der Zeit gefallen.

* Der Artikel wurde Mitte Mai geschrieben, also noch vor dem jüngsten Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Orlando, USA. Allerdings denke ich nicht, dass das eine große Rolle spielt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.