Die Romanhelden Dostojewskijs sind glühende Menschen, doch es gibt einen, der leuchtet, und das ist der oft übersehene Arkadij Makarowitsch, der mitunter als bloßer „grüner Junge“ belächelt wird.

Friedhof III

Ein Held unserer Zeit

Kein Roman Dostojewskijs ist dem deutschen Publikum ferner als „Ein grüner Junge“, und doch ist keiner unserer Zeit so nah wie der Roman um Arkadij Makarowitsch Dolgorukij. Zwar mutet dessen Schicksal auf den ersten Blick wie das aus einer anderen Epoche an, doch sind die zugrundeliegenden Konflikte hochaktuell. Arkaschenka, wie er liebevoll genannt wird, ist das uneheliche Kind des Adeligen Wersilow mit dessen früherer Dienstmagd Sofja, der mit dieser eine jahrelange on/off-Beziehung führt, dem Gesetz nach aber Sohn von Wersilows ehemaligem Leibeigenen Makar Dolgorukij, dessen Ehe mit Sofja nicht geschieden wurde. Arkaschenka wächst in der höheren Gesellschaft auf, gehört aufgrund seines sozialen Migrationshintergrundes ihr aber nicht gänzlich an und ist permanenten Diskriminierungen ausgesetzt, die sich beispielhaft darin äußern, dass alle Menschen, denen Arkadij begegnet, bei Nennung seines Nachnamens reflexhaft nachfragen: Fürst Dolgorukij? Nun, heutzutage müssen Menschen mit Migrationshintergrund ihren Nachnamen jedes Mal aufs Neue ausbuchstabieren, doch auch die Frage nach dem Fürsten, die Arkaschenka zur allgemeinen Enttäuschung stets mit „Nein, einfach Dolgorukij“ beantwortet, bohrt sich beharrlich in die Wunde der Herkunft. Zudem der Fürst Dolgorukij ein ganz Großer war, nämlich der legendäre Gründer jener Stadt, die keiner lobpreisenden Attribute bedarf, der Stadt Moskau, während Arkaschenka ein ganz Kleiner, gerade mal Geduldeter ist, der davon träumt, zu der ihm eigenen Größe heranzuwachsen. Wäre er sich seines Potentiales nämlich nicht während all der Jahre des Mobbings durch seine Mitschüler bewusst gewesen, er hätte sich umgebracht. Als Arkadijs Schulzeit, die er in diversen Internaten verbracht hat, nun zu Ende ist, erhält er den Ruf Wersilows, zu ihm, Sofja und Arkadijs Schwester Lisa nach Sankt Petersburg überzusiedeln, was für ihn, da er praktisch als abgeschobene Waise aufgewachsen ist, die ihre Eltern bisher nur zwei dreimal im Leben gesehen hat, eine hochemotionale Angelegenheit ist. Ja, Arkadij ist regelrecht vernarrt in seinen Vater Wersilow, den er um alles in der Welt ergründen, von dem er unbedingt anerkannt und geliebt werden und gegen den er sich doch um jeden Preis behaupten möchte.

Peter und Pauls Festung

Idee und Wirklichkeit

In Sankt Petersburg angekommen, beabsichtigt Arkadij, sich der Verwirklichung seiner streng gehüteten großen Idee zu widmen, statt den geraden Weg des Studiums einzuschlagen, doch hat ihm Wersilow bereits eine Art Praktikumsplatz beim greisen, semidebilen Fürsten Sokolskij organisiert, den er nicht abschlagen kann. So fehlt ihm denn die Zeit, sein angespartes Sümmchen von sechzig Rubeln bei Auktionen durch An- und Verkauf zu vermehren, um so als Entrepreneur in der Petersburger Businesswelt, wo weder Rang noch Namen sondern nur Geld gelten, Fuß zu fassen und schließlich, was seine große Idee ist, einer wie Rothschild zu werden, der Kraft seines märchenhaften Reichtums alle anderen überragt. Infolgedessen gerät Arkadij in eine merkwürdige Situation der Statuslosigkeit, in der er weder die Universität besucht, noch sein ureigenes Projekt vorantreibt, noch regelmäßig bei seinem Praktikumsplatz erscheint, wo seine einzige erkennbare Aufgabe eh nur im Austausch rührseliger Herzensergüsse mit dem Fürsten bestand und die Frage der Vergütung überdies strittig war. Dennoch wird er mit vielen Menschen bekannt – unter anderem mit der Tochter des Fürsten, der verwitweten Katerina Nikolajewna, die bereits ein juristisches Gutachten über eine mögliche Entmündigung ihres nicht ganz zurechnungsfähigen Vaters einholen wollte, wobei ihre diesbezügliche schriftliche Anfrage an einen inzwischen verstorbenen Anwalt über Umwege in Arkadijs Besitz gekommen ist und Katerina Nikolajewna große Angst davor hat, von ihrem Vater enterbt zu werden, falls dieser des Dokumentes ansichtig wird – und steckt seine Finger (Dolgorukij heißt Langfinger) in viele Angelegenheiten, die ihn nichts angehen und die er nicht mehr mal durchschaut, da es ihm selber meistens nur darum geht, in allen Menschen das Höchste zu sehen und herauszukitzeln, auf dass auch er in seiner Seelengröße gesehen und geschätzt werde, wobei er allerdings nicht selten erniedrigendste Zurückweisungen erntet. Doch das Spiel der Intrigen, Pläne und Liebeleien kommt in Gang und die Handlungsstränge entfalten sich. Wiewohl Arkadij im eigentlichen Sinne nirgendworan beteiligt ist, ist doch alles durch ihn, der das Geschehen retrospektiv erzählt, perspektiviert, er ist das goldene Herz des Schachers um Erbschaften und Hochzeitsarrangements, der Rothschild des Informationsflusses.

Die alte Rus I

Ein wohlkomponiertes Gemälde

Seine eigene Geschichte, die seiner ersten Schritte ins Erwachsenenleben, seines Heranwachsens an die Vaterwelt, ist die einer Suche nach „Wohlgestalt“, die sich im Verlaufe des Romans dadurch realisiert, dass er als Erzähler seine Erfahrung, in seiner eigenen Ungestalt peinliches Gespött zu sein, in eine wohlgestaltete Erzählung überführt. Seine Ungestalt äußert sich vor allem in seiner fehlenden Erdung. Er schwebt gewissermaßen in einer illusorischen „Wir haben uns alle lieb“-Blase, in der er aber eine besondere Sensitivität für die allgemeinen Vibes hat, was sich am deutlichsten in einer Episode im Casino zeigt, wo er so sehr mit dem Puls des Roulettespiels verbunden ist, dass er eine beispiellose Glückssträhne durchlebt. Begeistert ruft er würdige alte Herren, die gerade mit ihrem Los als temporäre Pechvögel hadern, zu sich heran: Bei ihm sei das Glück! Doch diese verbitten sich solcherlei Zudringlichkeiten, nein, sie hätten nicht mit ihm zusammen „Schweine gehütet“. Der Herr „Viehhüter“ ist dann später der Held einer eingeflochtenen Erzählung, die Makar Dolgorukij, Arkadijs gesetzmäßiger Vater, vorträgt, der, seines Zeichens Pilger und Gottessucher, auf Besuch vorbeikommt. In dieser Binnenerzählung, die anders als der Großinquisitor nicht von der Kraft der philosophischen Argumentation lebt, sondern von der ausdrucksstarken Bildhaftigkeit der Lebenswirklichkeit, lernen wir einen Menschen kennen, der vom Typ her das genaue Gegenteil Arkadijs ist, jemanden, der bis zur Viehhigkeit geerdet ist, erfolgreich und angesehen, dem aber die spirituelle Verbundenheit gänzlich abgeht und der erst durch das empathielose Inkaufnehmen des Todes einer ihn um Unterstützung bittenden Großfamilie langsam dahinkommt, seinen Blick nach oben zu richten. Zunächst nimmt er das letzte überlebende Kind der Familie zu sich ins Haus, überhäuft es mit Wohlstand und Erziehung, doch fehlt ihm noch immer der Herzenskontakt. Der Waisenjunge, der anders als Arkadij kein Bewusstsein seines eigenen Potentiales hat, reißt aus und trifft an der Uferpromenade des Provinzstädtchens eine Mutter mit Tochter, die in ihrer Hand einen kleinen verletzlichen Igel trägt. Ein solches Tier, ein Wesen wie er selbst, hat der Junge noch nie gesehen. Der Wucht des Fühlens, das gleichsam den Panzer seines Traumas durchschlägt, ist er nicht gewachsen und stürzt sich, achtjährig, in den Strom und ertrinkt. Dem „Viehbesitzer“ erscheint der Junge wieder und wieder im Traum, er ändert sein Leben, sucht um die Hand der Mutter an, gibt ein großes Panoramabild vom Selbstmord des Jungen in Auftrag, bei dem aus den Wolken heraus ein einzelner Lichtstrahl auf das Haupt des sterbenden Kindes zeigen sollte, da die Engel, wie man sagt, zu den Selbstmördern nicht kommen.
So gibt es eben Menschen, die vom Geistigen zum Irdischen und welche die vom Irdischen zum Geistigen finden müssen. Beide Pole auszubalancieren, das ist Wohlgestalt.

Engel II

Dostojewskij und das Okkulte

Bemerkenswert am Podrostok, wie „Ein grüner Junge“ im Original heißt, ist die vorsichtige Nicht-Christlichkeit der Spiritualität. So erkennt man in Makar Dolgorukijs Ansichten, Gott sei in allem und alles sei in Gott, leicht die indische Atman/Brahman-Lehre und er erörtert ebenfalls kurz, wenn auch mit Verweis auf dessen Sündhaftigkeit, die Idee der Seelenwanderung. Wersilow dagegen gibt sich als Anhänger des Deismus (Gott hat das Uhrwerk des Universums in Gang und sich selbst danach zur Ruhe gesetzt) zu erkennen, einer philosophischen Richtung, der auch Adam Weishaupt, der Gründer des legendären Illuminatenordens, anhing, versichert aber, selbst niemals Mitglied einer Geheimgesellschaft gewesen zu sein. Das Rothschild-Motiv wird durch jenes der Spinne ergänzt, die sich in Arkadijs Unterbewusstsein festsetzt, und die ein bekanntes Beiwerk des Rothschild-Mythos ist, der in seiner antisemitischen Form als eine Art „großer Erzählung“ der politischen Rechten zu gelten hat, als eine negative Heilsgeschichte, eine Unheilsgeschichte (vgl. dazu die entsprechenden Passagen in „Staatsgeheimnis“). Ja, gegen Ende des Romans hin wird sogar der Spiritismus gestreift, allerdings klar verworfen. All das greift Dostojewskij auf, wenn auch sehr vorsichtig und zurückhaltend, doch füllt es trotzdem eine gewisse Lücke in seinem Werk und zeigt, dass er sehr wohl bereit war, auch okkulte Randgebiete für sich fruchtbar zu machen, wenn er auch, anders als Tolstoj, niemals die Grenzen der Orthodoxie überschreiten wollte. Dostojewskij, der ja unbestritten über eine gewisse seherische Gabe verfügte, da er in den Dämonen die psycho-soziale Dynamik vorwegnahm, die sich später ziemlich genau so in der russischen Revolution verwirklichen sollte, hat, das sei noch angemerkt, uns etwas von ähnlichem Kaliber im Podrostok hinterlassen, und zwar mit Blick auf Deutschland. 1874/75 auf dem Höhepunkt der Bismarck-Begeisterung geschrieben, wird die Genialität Bismarcks und die seiner Reichsgründung bis in himmlische Höhen gelobt, doch bescheidet Wersilow schließlich kurz und knapp: „Wartet erst mal ab, was daraus noch wird.“ An anderer Stelle tritt dann ein Rassentheoretiker, also sozusagen ein klassischer Rassist, auf, der argumentiert, dass es Russlands Schicksal sei, auf ewig die zweite Geige zu spielen – und daraus den Schluss zieht, dass Selbstmord die einzige vernünftige und logische Konsequenz ist. Und das dann auch noch umsetzt. Obwohl er kein Russe ist, sondern ein russifizierter Deutscher mit dem schönen sprechenden Namen Kraft (und Kraft, nicht Fingerspitzengefühl, war ja, wenn man so will, schon immer eine hervorstechende deutsche Eigenschaft). Dieser Wahnsinn, die „Rasse“ zur alles entscheidenden Kategorie zu erklären und aus der sich daraus ergebenden denkerischen Sackgasse den Selbstmord als fatalistische Konsequenz zu wählen, scheint mir doch ziemlich genau das vorwegzunehmen, was Hitler siebzig Jahre später in ganz großem Stil durchexerziert hat. Schon sehr verblüffend. Doch allgemein, prognostiziert Wersilow, werden sowohl die Deutschen als auch die Franzosen, die jetzt, 1875, nur Deutsche und Franzosen sind, sich so entwickeln, dass sie zum Bewusstsein ihres Europäertums erwachen und dereinst zuerst Europäer und dann erst Deutsche und Franzosen sein werden.

SterneDas fehlende Glied in Dostojewskijs Gedankenwelt

Die großen Romane Dostojewskijs zeigen außergewöhnliche Menschen, die bis zum Verglühen in ihren Ideen aufgehen. Der Leser wird von einem Sog gefangen genommen, entzündet sich selbst in einem literarischen Feuersturm. Das geschieht beim Podrostok nicht, das heißt, ansatzweise habe ich Vergleichbares wohl im ersten Teil des Romans verspürt, aber die generelle Leseerfahrung, die sich bei 800 Seiten auch wirklich etwas in die Länge zieht, ist eine andere. Die Heldinnen und Helden sind weniger exaltiert oder fanatisch, sie schlagen einen nicht so sehr in ihren Bann wie Rodion Raskolnikow, Iwan Karamasow, Nikolaj Stawrogin oder auch Nastasja Fillipowna. Das macht die Angelegenheit weniger fesselnd, weswegen viele, die von Fjodor Michailowitsch anderes gewohnt sind, keinen Zugang zur Welt des Podrostoks finden. Gibt man den Bewohnern seines Kosmos aber Zeit, sich zu entfalten, wachsen sie einem richtig ans Herz. Lisa, Arkadijs Schwester, durchlebt ein typisches Frauenschicksal und ist in der stillen Größe, mit der sie es handhabt, eine sehr beeindruckende, lebensechte Figur, die, auf ihre Weise und mit einer anderen Problemlage, den Vergleich mit den „großen Frauen der Weltliteratur“ wie Anna Karenina nicht zu scheuen braucht. Katerina Nikolajewna, des debilen Fürsten Tochter und Objekt der Begierde so einiger männlicher Figuren, ist einfach nur menschlich und entlarvt so den ganzen Projektions- und Idealisierungszirkus, den verliebte Männer so zu veranstalten pflegen. Das Zusammenspiel von Arkaschenka mit seiner Mutter ist stellenweise herzzerreißend anrührend. Und Wersilow, dieses Mysterium … aber da will ich nichts verraten.

So will mir schlussendlich scheinen, dass von allen großen Romanen Dostojewskijs einer wirklich anders ist und diese Andersartigkeit, diese nach normalmenschlichen Maßstäben Gewöhnlichkeit, ihn zu etwas ganz Besonderem macht, zur Antwort Dostojewskijs auf die Frage, wie sich die Idee eines normalen Lebens realisiert, wenn man kein außergewöhnlicher Mensch ist, der auf Teufel komm raus die Grenzen des Bestehenden überwinden muss.

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