Von allen großen Romanen Dostojewskijs gibt es einen, der am wenigsten rezipiert wird. Und das ist Podrostok, Ein Heranwachsender bzw. Ein grüner Junge, wie Swetlana Geier übersetzt.

Wer aus der Reihe der belesenen Menschen hätte sie wirklich alle durchschritten, die großen Werke der Weltliteratur, wer sich vom Genius eines jeden anerkannten sowie abgemessenDas Grab Dostojewskijsen Meisters entzünden lassen, dass er zu sagen es wagen könnte: Dieser da, seht, er ist vielleicht der Größte, niemandes Seele tiefer. Nein, so könnte keiner unter den Lesern, sofern er ein wahrhaftiger, also ein suchender ist, sprechen, denn blutleer ist das gelehrte Abarbeiten des Kanons, tot das enzyklopädische Wissen. Vielmehr stößt der suchende Mensch zu bestimmten Zeiten seines Lebens auf ein bestimmtes Buch, findet darinnen genau das, was ihn jedann spiegelt und befruchtet, auf dass er an dem Werk wachse und in den Momenten seines seelischen Sehens und Gesehenwerdens in seiner Schönheit erblühe und ersterbe. Dasselbe Buch mag so dem einen einschneidendes Erlebnis werden, dem anderen als belanglose Bagatelle erscheinen.

So jedenfalls schien es mir zu sein als ich, Wanja Soloto, noch ein junger Mann von vielleicht zwanzig Jahren war und zum ersten Mal auf das Werk Fjodor Michailowitsch Dostojewskijs stieß. Verhasst war mir bis dahin alles Russische gewesen, stand es doch für alles, was mich daran hinderte, als sogenannter Russlanddeutscher wirklich dazuzugehören und von meinen damaligen Klassenkameraden gänzlich akzeptiert zu werden. Nichts hielt ich mir so sehr zugute wie meine standhafte Weigerung, selbst mit meinen Verwandten auch nur eine Silbe Russisch zu sprechen, nirgendwofür hasste ich mich so sehr, wie wenn dieser eine verfluchte Buchstabe R mich dennoch wieder und wieder verriet. Ach, wie litt ich darunter, nur ein bisschen akzeptiert zu sein, aber nicht ganz, wie wünschte ich mir, lieber völlig verstoßen zu werden als nur ein wenig ausgegrenzt! Gewiss, fragte ich jemanden, egal wen, so hätte er mir mit Sicherheit versichert, wie wenig die Rede von Ausgrenzung, wie viel aber von Einbildung sein müsse, denn natürlich würde ich dazugehören, ich sei doch gar nicht so ein grober Russe wie die anderen. Aber warum nur stieß ich dann mit jedem Schritt in meinem Leben wie selbstverständlich auf Ablehnung? Es musste, das war sonnenklar, in den feinen Unterschieden der Herkunft begründet sein, denn diese Leichtigkeit, mit der sie, die anderen, zugleich Sicherheit aus ihrer nicht infrage gestellten kulturellen Identität schöpften, diese aber gleichzeitig ablehnten und sich ihre progressive Überwindung der nationalen Provinzialität dabei hoch anrechneten, die Leichtigkeit dieses Spagates wollte mir einfach nicht gelingen. Aber übrigens, vielleicht verhielt sich auch alles ganz anders.

Mednyj Vsadnik

Eines Nachmittags nun, schon nach dem Abitur, als die Zivi-Kollegen Hacky Sack spielten, ich den Ball aber nicht aufnehmen wollte, griff ich stattdessen zu einem auf unserer Decke liegenden Buch. Es war Lew Tolstojs Der Tod des Iwan Iljitsch. Gewiss lag es nur am vertrauten Reclam-Einband, an diesem leuchtenden Gelb, in das auch Goethes Werther getaucht war, dass ich gedankenverloren meinen gewöhnlichen Widerwillen überging und zu lesen begann. Schon auf der ersten Seite begegnete ich dem Tod – und dem völligen Unverständnis derjenigen, die den Toten Zeit seines Lebens umgeben hatten. War es nicht dasselbe oder zumindest etwas ähnliches wie das, was mir stets widerfuhr? Leiden und von den lustig Lebenden – die sich selbst gewiss nie so bezeichnen würden – getrennt und nur über ihr völliges Unverständnis mit ihnen verbunden sein? Ein Sog zog mich hinab, noch am selben Abend war das Buch gelesen und einer meiner Kollegen, dem mein plötzliches Erblühen nicht entgangen war, sagte: »Du, Der Idiot musst du auch lesen. Echt, richtig gut, wird dir gefallen.« Von der Dicke des Buches abgeschreckt, nahm ich die Lektüre nur zögernd auf, doch bald schon war ich ihr verfallen. Als Fürst Myschkin Parfjon Semjonowitsch im Zug nach Sankt Petersburg erklärte, er sei ein glühender Mensch und was er tue, tue er mit Leidenschaft, begann die magische Zeit meiner Dostojewskij-Readings. Hintereinander las ich Der Idiot, Die Dämonen, Schuld und Sühne und Die Brüder Karamasov in einem weg, verrichtete zwar noch mechanisch meine stupide Handlangerarbeit im Krankenhaus, aber scherte mich im Grunde um nichts mehr. Selbst die Trennung von der älteren Frau, einer Mittzwanzigerin mit eigener voll ausgestatteter Wohnung und richtigem Beruf, mit der ich damals Umgang pflegte, nahm ich einfach so hin, ja, ich betrieb sie sogar in einer Art angestecktem dämonischen Fieberwahn, genießend, dass ich, ein grüner Junge, so viel emotionale Macht über eine in den Augen der Welt erfolgreiche Frau haben konnte. Doch ich trieb es nicht auf die Spitze, entsagte ihr schnell und entschieden, denn eine jede Sekunde, die ich nicht in den anderen, um so viel existenzielleren Sphären verbringen konnte, die Fjodor Michailowitsch mir aufschloss, war eine verschwendete. Endlich traf ich Menschen, die fühlten wie ich, die für ihre Ideen brannten und sich ihnen hingaben, die nach der Seele und ihrem Schicksal fragten, die begriffen, dass es im Leben um mehr ging als nur darum, Lustmomente aneinanderzureihen. O, wie liebte ich Nikolai Stawrogin dafür, dass er billigend die Notwendigkeit des Todes in seinem Genossenkreis hinnahm und mit glutglänzenden Augen dem Brand der Kirche vom anderen Flussufer aus zusah, wie schrie es aus meinen Eingeweiden, als Iwan des Großinquisitors Plädoyer dem wohlmeinenden Jesus in die Fratze schleuderte. Nein, wir wollen nicht, dass du wiederkommst, dass du überhaupt da bist! Verstehst du denn nicht, um wie viel schlimmer die Rettung wäre als unser Zustand des Leidens?

Als am Ende der Brüder Karamasov schließlich der Sarg des kleinen Iljuschetschka ins Grab hinabgesenkt, war ich ein anderer Mensch. Mein altes Ich war eingeschmolzen, seine Glut zu einem neuen gegossen worden. Allmählich verglomm das Feuer meines Fieberwahnes, es konnte keine weitere Nahrung mehr aufnehmen, doch des Vogels Gefieder, welcher aus der Asche meines alten Seins hervorflatterte, war mit nichts in diesen Gefilden Heimischem vergleichbar, es gab keinen, der mir nunmehr glich. Äußerlich zwar der Alte, Trainingsjacke und Cordhose, war das Fundament meines Inneren doch unverrückbar nach den Koordinaten der russischen Welt des neunzehnten Jahrhunderts ausgerichtet.Isaakskathedrale IIAuf großem Fuß, das wusste ich, koste es, was es wolle, musste ich leben, mit dem Geld prassen wie ein russischer Adeliger, wenn ich dafür auch wie Raskolnikov die Pfandleiherin der knausrigen deutschen Ökobescheidenheit zur Strecke bringen musste oder mich zumindest dafür verschuldete, hatte ich doch immerhin begriffen, um wie viel einfacher es war, an große Summen zu kommen als an kleine. Leidenschaftliche Hingabe ans Glücksspiel als seelisches Purgatorium zu exerzieren verlangte ich mir ab, in den unmöglichsten Situationen die höchsten Einsätze auf die geringsten Karten zu wagen, in den Augen der Mitspieler unberechenbar sein, bis die Glocken des Wahnsinns klingen und alle Jetons zu mir wandern oder auf einen Schlag verloren gehen. Doch dabei immer im Sinn haben, den Frauen im geeigneten Moment, so sehr es sie auch irritieren mag, ein formvollendetes Kompliment, ein Gedicht, eine Blume zu schenken, doch gegen alles, was Rang, Namen und Autorität hat unerbittlich und herausfordernd bis zum Duell oder wenigstens zum Rausschmiss zu sein …

Die Jahre vergingen und ich las noch viele kleinere und mittlere Werke Dostojewskijs, doch der alte Rausch stellte sich nicht mehr ein. Lange erachtete ich dies als ein Manko, zweifelte sogar an meiner Wahl des Slawistik-Studiums, doch erkannte ich endlich, dass es Erfahrungen im Leben gibt, die man nur ein einziges Mal machen kann, wenn überhaupt, und deren Glanz gerade aufgrund ihrer Einmaligkeit für immer in unserer Seele als Schöpfungsmythos unserer Persönlichkeitswerdung gegenwärtig bleibt. Jetzt, da ich ruhiger geworden bin, dem Glücksspiel schon lange nicht mehr fröne, ja, in Russland selber die Notwendigkeit der Autorität so sehr begriffen habe, dass ich mittlerweile sogar ein gutes Haar an Donald Trumps Toupet finden kann, ist mir zum ersten Male wirklich zu Bewusstsein gedrungen, damals einen der fünf großen Romane Dostojewskijs ausgelassen zu haben, ihn noch lesen zu können. Ich weiß nicht, ob die Tragweite dessen einem Nicht-Dostojewskijaner auf Anhieb begreifbar ist. Es ist ein wenig so, als hätte man jahraus jahrein alle Alben außer eines, sagen wir, der Beatles gehört, sei so gesättigt gewesen, dass nichts fehlte, ja, dass man überhaupt nicht daran dachte, da könne noch mehr sein. Und dann feststellt: Man hat noch eines übersehen, nach andächtigem Zögern die ersten Eindrücke aufnimmt und alsbald Jolla, jolla jubiliert, erkennend, es könne ein verkanntes Meisterwerk sein, eines, das nur aufgrund einer winzigen Sperrigkeit, die zu beheben und zu überwinden nur eines Fingerschnippens bedürfte, nicht begriffen wurde und man – jetzt ist die Rede wieder von Fjodor Michailowitsch – ein Mal noch, ein einziges Mal noch in seinem Leben frisch und unberührt in den längst versiegelt geglaubten Ozean des Meister des glühenden Rausches springen kann.GeländerVon allen Romanen Dostojewskijs wird einer am wenigsten rezipiert und das ist Ein Heranwachsender oder Ein grüner Junge, wie Swetlana Geier ihre Neuübersetzung von 2006 betitelte, der es ebenfalls nicht gelang, den Roman im kulturellen Bewusstsein des deutschen Sprachraums zu etablieren (in den Rezensionen fiel das böse Wort von einer „Zumutung“). Das überrascht, gehört er doch nicht zum Frühwerk, sondern ist Dostojewskijs vorletzter Roman, mithin also Ausdruck seiner reifesten Lebensweisheit, und nimmt, so weit ich das bis jetzt beurteilen kann, einen wichtigen Platz im Gesamtgefüge seiner Ideenwelt ein. Gewiss ist das dem willkürlich gewählten und im Roman so oft wiederholten Titel Ein grüner Junge geschuldet, der den Leser auf eine falsche Fährte führt, einem Begriff, der einerseits die Unerfahrenheit des so Bezeichneten betont und andererseits auf die Überlegenheit der anderen verweist. Jedoch befindet sich der Held des Romans, Arkadij Makarowitsch, nicht einfach im Zustand der Unerfahrenheit (er ist noch Jungfrau), sondern vielmehr in einem deutlich herausgestellten und weitestgehend selbstbestimmten Prozess des permanenten Erfahrungen Machens, während dessen er zum voll akzeptierten Mitglied der Gesellschaft werden will, an die Vaterwelt heranwächst. Und eben das ist die primäre Bedeutung des Wortes, mögen auch nicht alle Wörterbücher sie verzeichnen: pod – heran, rost – Wachstum, -ok – Personalsuffix Podrostok – Heranwachsender. Na ja, wie dem auch sei. Ins Detail will ich erst im zweiten Teil meiner Besprechung gehen und hier nur vermerken, dass zumindest im ersten Teil des Romans alles, was für die anderen Rezensenten und sogar für Frau Geier selbst „wirr und verworren“ daherkam, mir im höchsten Maße sinnvoll erschien, ja, ich selbst mich in der Figur des Arkadij Makarowitsch so sehr gespiegelt und wiederfand wie in keinem anderen Helden Dostojewskijs, so sehr, dass selbst sein wohlgehütetstes Geheimnis, sein heimlicher Wunsch, seine große Idee, ein Rothschild sein zu wollen, eine Idee übrigens, die hierzulande wohl die wenigsten überhaupt in Erwägung zu ziehen geschweige denn in ihrer Vielschichtigkeit nachzuvollziehen im Stande sind, mit der Idee übereinstimmt, zu der der Held meines Romans am Ende seiner Odyssee als seiner tiefsten Sehnsucht vordringt. Wie wohl mir da ward, welch tiefe Freude ob des Sehens und Gesehenwerdens ich da über die Distanz von fast anderthalb Jahrhunderten empfand, werde ich demnächst mitzuteilen versuchen. Doch jetzt zurück an die Lektüre.

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