Manche Bücher kreisen so sehr um einem Ort als dem Fixpunkt aller Dinge, aller Leidenschaften, dass ein unwiderstehlicher Sog der Imagination entsteht.

Neulich stapfte ich bei klirrender Kälte durch die eisglatten Straßen des Prenzlauer Bergs, wo ich vorübergehend Quartier in einem Hostel bezogen hatte. Fremde Menschen schwirrten in der Herberge mehr oder weniger geschäftig umher, die mich zwar alle nett grüßten, doch war ich zu verschlossen, um in Kontakt mit ihnen zu treten. Draußen ratterten die gelben U-Bahnwaggons über die altmodischen Viadukte der Hochbahn und ich hing seltsamen Gedanken nach. Ob ich wohl einen neuen Artikel gegen meine Feindin schreiben sollte? Und wenn ja, wie würde sie reagieren? Würde ich einen Skandal anzetteln können? Oder sollte ich doch lieber, worüber ich schon seit dem Sommer immer mal wieder nachdachte, eine Polemik gegen die Willkommenskultur schreiben? Was würde bei allen Menschen, an denen mir etwas liegt, mehr Befremden auslösen, was mich unbeliebter machen? Ich blieb stehen, zog die Handschuhe aus, drehte mir eine Zigarette, blies den Rauch in den leuchtend blauen Himmel und wünschte, ich wäre irgendwo anders, weit weit weg von meinen Dramen und enttäuschten Erwartungen. Ich dachte an Rashids Khana in Bombay, die Opiumhöhle, die Jaat Thayil in Narcopolis so schön ausgemalt hatte, und wünschte mir, ich wäre dort, wo die Drogen nicht versiegen, das Vinyl knackend über dem Teller kreist und Dampfschwaden aus Schalen mit heißem Tee aufsteigen. Ein Soulbook, ein Buch für die Seele, das war es, was ich jetzt am ehesten brauchen, was mich wärmen und aus meiner Verzagtheit ziehen würde. Ich betrat einen kleinen Buchladen, hoffend, hier das Tor zu einem Ort der Träume auftun zu können, an dem alles, was draußen ist, entschwindet wie die ferne Erinnerung an Menschen, die einem einst etwas bedeutet haben und die doch gegangen sind.

„Seltsamerweise tat ich genau das. Als würde ich plötzlich in ein magisches Feld gezogen und hätte die Kontrolle über mich selbst verloren, trat ich von der Tür zurück und ließ die beiden herein. Ich lauschte meinen eigenen Worten und betrachtete, was ich tat, als wäre ich ein anderer. Der Mann und die Frau traten ruhig ein. Sie bewegten sich so selbstverständlich, als wären sie zu Hause. Sie nahmen nebeneinander auf dem Sofa Platz, und nun, im Licht konnte ich sie besser sehen. Der Mann mochte Ende zwanzig sein; er sah gut aus, kräftig, nicht dick, und hatte eine dunkle Haut. Die Frau, wohl kaum älter als zwanzig, war ausgesprochen schön, ihr schlanker Körper und ihre feinen ebenmäßigen Züge wirkten faszinierend. Sie hatte einen klaren, braunen Teint und grüne Augen. Beide waren elegant, wenn auch etwas altmodisch gekleidet, im Stil der vierziger Jahre. […] Eine Aura des Altmodischen umgab die beiden, als wären sie gerade einem Fotoalbum oder einem Schwarzweißfilm entstiegen. Ich war außerstande, zu begreifen, was sich abspielte. Litt ich an Halluzinationen? […] Mein Herz pochte, und mir brach der Schweiß aus. Ich hatte den Eindruck, im nächsten Moment das Bewusstsein zu verlieren. Der Mann schien Mitleid mit mir zu haben. Er lächelte freundlich und sagte ganz ruhig: »Bitte, mein Herr, glauben Sie mir. Ich bin Kâmil Gaafar, und das ist Sâliha. Ich versichere Ihnen, wir schätzen Sie außerordentlich, meine Schwester und ich. Wir sind aus Ihrer Vorstellungswelt ins richtige Leben hinausgetreten. Sie haben uns im Roman geschaffen. Sie haben sich die Details unseres Lebens ausgemalt und aufgeschrieben. An einem bestimmten Punkt der Zeichnung einer Persönlichkeit entsteht diese gewissermaßen wirklich. Sie verschiebt sich von der Vorstellungswelt in die reale Existenz.«“

Der Automobilclub

Keine Frage, ich wollte Mitglied im Automobilclub von Kairo werden und löste mein Billet für eine Fahrt mit Alaa Al-Aswani, dem bekanntesten ägyptischen Schriftsteller der Gegenwart. Bald schon würde ich am Leben der Geschwister Gaafar teilhaben, das an Unbeschwertheit und Lebenslust dem der Jeunesse dorée in anderen Kapitalen gewiss in nichts nachstand, würde in die romantische Welt automobiler Spritztouren, als es noch keine Verkehrsinfarkte gab, und in das mondäne Dandy-Leben der arabischen Welt, als der prüde Islamismus noch nicht den Ton angab, eintauchen. Doch mit großen Erwartungen ist es, wer wüsste das besser als ich, so eine Sache. Wiewohl Kâmil und Sâliha stolze Sprösslinge eines ruhmreichen Geschlechts sind, sind sie doch verarmt, da ihr Vater, ein Wohltäter und eine Lichtgestalt, sein ganzes Vermögen nach und nach als Almosen verspendet hat und auf seine alten Tage noch im Automobilclub als Diener neu anfangen muss. Dort gehen der ägyptische König und sein hoffärtiger Hofstaat ein und aus, auch Engländer mit widerlicher Kolonialattitüde geben sich die Klinke in die Hand. Deren Lustbarkeiten kommen jedoch nur am Rande vor, der Fokus liegt auf dem Leben der kleinen Leute, die in diesem Club arbeiten und unter der despotischen Knute des Kô, des obersten Palastbeamten, leiden. Die freilich sind sympathisch, alsbald schließt der Leser sie ins Herz, macht seinen Frieden damit, dass er auch in diesem Roman nicht auf der Seite der Privilegierten steht und ganz wie im richtigen Leben vom schönen ausgeschlossen ist. Doch was braucht es auch den Glitter und Glanz der eitlen Welt, wenn man den duftenden Rauchwolken der Shishas hinterherblicken oder den blumigen Worten zum Lobe Allahs und der unendlichen Weisheit seiner unbegreiflichen Ratschlüsse lauschen kann?

Allahu akbar

Ja, die islamische Alltagsspiritualität wird hier wirklich fassbar, wenn die kleinen Leute, gezeichnet von den Schicksalsschlägen ihres Lebens und den Demütigungen des Kôs, zusammenkommen, ihr Leid beklagen und dann in einer Kaskade immer euphorischerer Äußerungen die Güte des Höchsten preisen. Instinktiv begreift man, warum der Atheist in islamischen Gesellschaften des Teufels und des Todes ist, denn bliebe einer außen vor, während alle anderen Köpfe und Herzen zusammenstecken, ihre Ängste, ihre Zweifel, ihren Schmerz vereinen, die ganze Gruppendynamik liefe aus dem Ruder. Sie ist wie ein Trampolin, bei dem der Wortführer sich zu immer ekstatischeren Sentenzen zum Lobe der göttlichen Gnade aufschwingt, die dann Kraft des gesprochenen Wortes auf jene zurückfließt, die ihn in seinem Gottvertrauen stützen, ihre Ängste, ihre Zweifel, ihren Schmerz zu lindern, wenn nicht zu stillen. Ergriffe einer nun aber das Wort und spräche dagegen, die Statik des Trampolins geriete ins Wanken und der Wortführer könnte nicht mehr zum Sprung, müsste vielmehr zur Gegenrede ansetzen, die sich dann als für uns rational nicht nachvollziehbare Todesdrohung artikuliert, deren emotionale Plausibilität aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist, denn mag sich der Mensch im Lichte der Ratio auch stark und sicher fühlen, in der dunklen Nacht seiner Zweifel, Schmerzen und Ängste, wenn er allein und auf sich gestellt ist, wird er gewöhnlich schwach werden und sein Haupte neigen. In diese Nacht nun wird geworfen, wer den Kreis der Muslime verlässt, unter Beweis zu stellen, wie er selbst den Fährnissen des Lebens und des Todes begegnet, wenn dieser unmittelbar dräut. Klar, das ist schwarz, rabenschwarz, so schwarz wie die Kaaba, um die sich zur Hadsch, zur großen Pilgerfahrt nach Mekka, die weiß gewandeten Muslime im kleinsten Kreise drehen, und doch ist das alles so unsagbar schön*, dass ich nicht verstehen kann, wer sein Wort pauschal gegen den Islam erhebt, wohl aber, warum der Zwist der islamischen Welt, das Schisma zwischen Sunna und Schia, jene uns im Westen so unbedeutend erscheinende Frage zum Anlass hat, wer vor vielen hundert, längst vergangenen Jahren als der rechtmäßige Nachfolger des dahingegangenen Propheten zu gelten hat. Wäre er, der Nachfolger, doch jener, dem der nächste Ruhm, das nächste Lob gebührt, nachdem Allah, sein Prophet und seine Offenbarung, seine Weisheit und seine Fügung vom Wortführer der Lobeskaskade gepriesen wurden.

Kultur der Kritik – Kultur der Sympathie

Doch genug der Abschweifungen, zurück zum Text. Auf 650 Seiten folgen wir da dem Schicksal der Brüder Kâmil**, Saîd, Machmûd und ihrer Schwester Sâliha sowie all der Menschen aus ihrem Dunstkreis. Dabei verdienen Konstellationen und Konflikte besonderes Augenmerk, denn mit expliziten Wertungen oder gar Kritik hält sich Al-Aswani vornehm zurück. Nehmen wir Saîd, der als Einziger nicht in den Chor der im Übrigen manchmal nur schwer erträglichen patriarchalischen Lobpreisungen seines Vaters miteinstimmt, sondern vielmehr dessen übertriebene Freigebigkeit kritisiert, als dessen Spätfolge ihm der Universitätsbesuch verwehrt bleibt. Zu kurz gekommen, lässt er seine Aggressionen bevorzugt an seiner Schwester aus. Ein Phänomen, das wohl öfter in der islamischen Welt vorkommt. Mögen die Sympathien zwischen Saîd und Sâliha auch klar verteilt sein, bleibt es aber ebenfalls eine Tatsache, dass Saîd das Glück in der Liebe hold ist und er eine Zeremonienmeisterin des Sex heiratet, die, offensichtlich eingeweiht in ein geheimes orientalisches Kamasutra, die idealtypische erotische Überlegenheit des dezenten Orients über den libertären Okzident verkörpert, während sich Sâliha zu sehr in Schule und Universität verliert und eine von Saîd für sie eingefädelte Ehe mit einem potentiellen Geschäftspartner an dessen Impotenz scheitert. Zwar mutet das Arrangement dieser Liaison dem westlichen Leser befremdlich an, doch dürften die arabischen dieser Idee ebenso aufgeschlossen gegenüberstehen wie die Protagonisten im Buch. Da ist Impotenz dann natürlich das schlagende Argument, mit dem man auf dem Boden von Tradition und Sitte selbige in die Schranken verweisen kann, ohne als verwestlichter Intellektueller zu erscheinen.

Explizite Kritik im westlichen Stil erlaubt sich Al-Aswani nur, wenn es gegen die Engländer oder andere Ausländer geht. Meisterhaft prangert er ihren Rassismus an, vergisst nicht, sie dabei gleichzeitig über das Merkmal ihrer sexuellen Degeneriertheit besonders unmöglich zu machen. Das stößt natürlich übel auf, besonders in der Gegenüberstellung der beiden Patriarchen, des verkommenen Engländers Wright und des würdigen Hauptes der Gaafar-Familie, doch gilt auch hier, dass sexuelle Verirrungen keineswegs als Monopol des westlichen Menschen dargestellt werden, nein, es wird ihnen bei Machmûd sogar für meinen Geschmack ein wenig zu viel Platz eingeräumt. Seine Läuterung, überflüssig zu erwähnen, vollzieht sich dabei im Rahmen des Islam, während Mr. Wright in der Unbelehrbarkeit des Kolonialherren verharrt – und so letztlich jeder bekommt, was er verdient, jeder dort ist, wo er hingehört, alles so ist, wie es auch wirklich ist.

Wirklich alles? Nein, ganz zu Anfang werden wir an den Sehnsuchtsort des Ägypters Al-Aswani versetzt, der da Mannheim heißt, wo ein kauziger Typ einen für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Plan verfolgt, in größter Lächerlichkeit scheitert und aufgibt, bis seine an ihn und sein Werk glaubende Frau die Dinge in die Hände nimmt und zu einem guten Ende führt. Dieses, also die Geschichte, wie Carl Benz das Automobil erfand und seine Frau Bertha damit die erste geglückte Fahrt nach Pforzheim unternahm, ist so weltfremd verklärt, so aus der Zeit gefallen, dass man sich als Deutscher zwar einerseits geschmeichelt fühlt, da ein kleines bisschen vom alten Genius dieses Landes ja auch auf die Nachgeborenen abstrahlt, aber andererseits den muslimischen Zuwanderern, die dieser Tage und Monate unser Land erreichen, zurufen möchte: Seid nicht enttäuscht, wenn die Realität nicht Eurem nostalgischen Bild entspricht, seid mutig und offen, das Land so zu lieben, wie fremd und prosaisch es auch sein mag.

* […] Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen/ und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,/ uns zu zerstören. […] Rilke, Erste Duineser Elegie

** Wiewohl Kâmil der wichtigste der Viere ist, sich sogar politisch engagiert, möchte ich über seinen Handlungsstrang nichts verraten. Die Liebesgeschichte ist selbst für die dezenteste Andeutung zu zart.

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