Weltbekannt ist die Alien-Saga von Ridley Scott mit der großartigen Sigourney Weaver in der Rolle der Ellen Ripley, der furchtlosen Jägerin der von H.R. Giger entworfenen Aliens. In mittlerweile sieben Filmen wurde der Horror um das intelligente Raubtier aus dem All, das seine Larven gerne im menschlichen Unterleib ausbrüten und schlüpfen lässt, in Szene gesetzt. Für alle Beteiligten, Scott, Weaver und Giger, bedeutete der erste Alien-Film 1979 den Durchbruch. Nur der Autor des Stoffes ging leer aus, wurde nicht mehr mal namentlich erwähnt – und musste seine Rechte in einem Plagiatsprozess durchsetzen, bei dem ihm ein Gericht 50.000$ Schadensersatz zusprach. Eine Spurensuche.

Was mag das für ein Roman sein, auf dem die Alien-Reihe basiert und von dem ich noch nie etwas gehört hatte? Unverzüglich bestellte ich das Buch mit dem nicht gerade verheißungsvollen Titel „Die Expedition der Space Beagle“ des mir völlig unbekannten Autoren Alfred Elton van Vogt. Der grelle Einband versprach feinsten Science-Fiction Trash aus den Fünfzigern oder Sechzigern und ich war gespannt zu sehen, aus was für einer literarischen Kreation das Alien, diese archetypische Horrorgestalt der modernen Popkultur, geschlüpft war.

„Weiter und immer weiter wanderte Coeurl. Die schwarze, mondlose, beinahe sternenlose Nacht wich widerstrebend vor einer unfreundlichen rötlichen Dämmerung zurück, die von links heraufgekrochen kam. Es war ein vages Licht, das kein Vorgefühl nahender Wärme aufkommen ließ. Langsam enthüllte es eine Alptraumlandschaft.

Schroffe schwarze Felsen und eine schwarze, leblose Ebene nahmen um ihn her Gestalt an. Eine fahlrote Sonne lugte über den grotesken Horizont. Kalte Lichtfinger tasteten in die Schatten hinein. Und immer noch war von der Familie der Id-Wesen, deren Spuren er jetzt schon seit fast hundert Tagen folgte, kein Anzeichen zu sehen.

Er blieb stehen, und die Erkenntnis überlief ihn wie ein kalter Schauer. Seine mächtigen Vorderbeine zuckten in einer konvulsivischen Bewegung, durch die jede einzelne der rasiermesserscharfen Krallen hervortrat. Die dicken Tentakel, die aus seinen Schultern emporwuchsen, richteten sich steif auf. Er wandte seinen großen Katzenkopf hin und her, während die haarähnlichen Fühler, aus denen seine Ohren bestanden, wie rasend vibrierten und jeden Windhauch, jeden Pulsschlag im Äther prüften und durchsuchten.“

Zyklische Geschichte und Nexiologie

Ein überraschend starker Anfang für einen mutmaßlichen Trash-Roman, wie mir scheint, wird doch das Geschehen aus der Perspektive des Aliens geschildert. Schnell nimmt es dann auch Fahrt auf. Ein menschliches Raumschiff landet und das Coeurl wittert fette Beute. Alsbald kommt es zum Kontakt und wir lernen die Besatzung des Raumschiffs kennen, die vornehmlich aus Wissenschaftlern, Militärs und einigen namentlich nicht genannten Ober besteht, die im Bordrestaurant die Speisen servieren, doch kann man davon ausgehen, dass sich auch genügend Techniker an Bord befinden, um den stets reibungslosen Betrieb sowohl des Rohrpostsystems als auch des Atomantriebs zu gewährleisten. Als sympathischer Held wird ein Außenseiter namens Grosvenor eingeführt, der Spezialist für Nexiologie ist, ein Wissensgebiet, das sich mit der Verknüpfung aller möglichen Wissenschaften befasst und damit, wie man die sich daraus ergebenden Erkenntnisse möglichst nutzbringend anwenden und vermitteln kann. Allerdings hat Grosvenor ein eher maues Standing bei seinen naturwissenschaftlichen Kollegen: Niemand nimmt ihn ernst, er wird geradezu aktiv gemobbt. Entsprechend hört auch niemand auf seine Bedenken, das Coeurl lieber nicht an Bord zu nehmen. Dort angekommen macht Coeurl erstmal handzahm auf gut Freund, während sich die Expedition um die Erkundung einer verlassenen und zerstörten Stadt kümmert, in deren Nähe das Raumschiff gelandet ist, und auf Basis der Theorie von der zyklischen Geschichte diskutiert, ob das Coeurl wohl ein Nachfahre der ehemaligen Bewohner dieser Exopole sein könnte und auf welche zivilisatorische Stufe das Coeurl nach einer solchen Katastrophe herabgesunken sein müsste. Doch sobald es dunkel wird, zeigt das Coeurl, welche Fähigkeiten wirklich in ihm stecken …

Das alles ist flott geschrieben und nimmt den Leser schnell gefangen. Man freut sich mit Grosvenor, wie er, der verkannte Außenseiter, die Schwachstellen des Aliens analysiert und maßgeblich hilft, es zur Strecke zu bringen. Doch bald schon stellt sich eine gewisse Langeweile ein. Das Raumschiff, benannt nach der Beagle, mit der Charles Darwin seine Reise unternommen hat, reist weiter, trifft auf die nächste außerirdische Spezies, die es wieder gefangen nimmt, die sich wieder befreien kann, um wieder unter den Besatzungsmitgliedern zu wüten und schlussendlich wieder von Grosvenor mithilfe seiner überlegenen nexiologischen Kenntnisse besiegt zu werden. Abwechslung kommt in dieses stereotype Erzählmuster nur dadurch rein, dass sich bald eine zusätzliche politische Ebene auftut, da es an Bord der Space Beagle zu Machtkämpfen zwischen verschiedenen Gruppierungen kommt. Diese werden am Ende allen Ernstes dadurch gelöst, dass alle, auch Grosvenors ärgster Widersacher, die Überlegenheit der nexialischen Methode anerkennen und sich in ihr schulen lassen. Und das, obwohl Grosvenor nur minimal durch Massenhypnose und Suggestion nexialischer Botschaften nachgeholfen hat …

Ein protoscientologischer Erweckungsroman?

Ein Fan, Kollege und Weggefährte des ursprünglich aus Holland stammenden Alfred Elton van Vogts, der den Großteil seines Lebens in den Vereinigten Staaten verbrachte, war übrigens ein gewisser L. Ron Hubbard, der, wie man sagt, manche Ideen von van Vogt übernommen, abgewandelt und dann in Form einer ziemlich grauenhaften Gehirnwäsche-Sekte namens Scientology verwirklicht hat. Zwar hat sich van Vogt ziemlich bald von ihm distanziert, doch die Expedition der Space Beagle liest sich praktisch wie ein protoscientologischer Erweckungsroman und so wundert es mich überhaupt nicht, dass Ridley Scott bei seinem Alien-Film darauf verzichtet hat, van Vogt die gebührende Referenz zu erweisen. Vielmehr muss man Scott zugute halten, dass er das, was an van Vogts Roman beeindruckend ist, nämlich die bis ins Minutiöse plausible Beschreibung außerirdischer Lebensformen, für die Popkultur überhaupt erst zugänglich gemacht hat. Auch muss seine Entscheidung für die Figur der toughen Ellen Ripley als überaus gelungen gelten, nicht nur, weil sie die erste weibliche Action-Heldin überhaupt war, sondern auch weil dadurch locker-leicht, quasi mit einem ironischen Augenzwinkern eines der größten Defizite in van Vogts Roman ausgeglichen wird, in dem nämlich auf über 200 Seiten keine einzige Frau vorkommt. An Bord des Raumschiffes: nur Männer. Die Außerirdischen: geschlechtslos oder Zwitterwesen. Blaue Vogelmenschen, bei denen das Junge aus dem Vorderleib des Erwachsenen herauswächst, bis es fast wie ein siamesischer Zwilling daherkommt und sich dann, irgendwie, von seinem Wirtsvogel ablöst. So oder so ähnlich – man will es ja gar nicht genau wissen – wird auch Scientology in die Welt gekommen sein, die dunkelste aller Matrjoschka-Puppen, auf die man am entferntesten Grunde der weltbekannten Alien-Reihe stößt.

1 Comment on Eine Matrjoschka aus Aliens

  1. freitags, immer wieder freitags surfe ich ihren blog an und stoße meist auf wissenswertes, welches in höchst unterhaltsamer weise dargebracht wird. danke, soloto!

    mein 1. treffen mit herrn van vogt verlief in genau umgekehrter rangfolge: ich erwartete großes – galt a.e. van vogt doch als klassiker des goldenen zeitalters der SF, und der gute alte PKD hatte sich zudem sehr löblich, geradezu verehrend über ihn geäußert – wurde jedoch bitter enttäuscht von hölzern-plumpem schreibstil, lieblos stumpf und stereotyp gezeichneten figuren und handlung handlung handlung, immer wieder action statt reflektionen und gedankengängen.
    dabei versprach das werk eigtl. recht interessant zu sein (und wenn ich mir nun die hängengebliebenen fäden zurechtspinne klingt es in mir selbst gar spannend nach). es war sein großes werk, sein opus magnum, genannt „Die Welt der Null-A“.
    lesen Sie doch mal bei wikipedia, es klingt auch hier sehr spannend und v.a. inhaltstief
    https://de.wikipedia.org/wiki/Welt_der_Null-A
    es ist wohl auch ein ganzer zyklus und ich stoß nun beim recherchieren darauf, dass er selbst den 1. Roman nicht sonderlich gut fand vom schreibstil her und ihn später überarbeitete.
    Auch die Übersetzung scheint recht mies gewesen zu sein, was wohl mein leseerlebnis zusätzlich trübte.
    ich las diese version, von der ich demnach eher abraten möchte
    https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Vogt+Welt-der-Null-A/id/A020lpEa01ZZh
    (Übersetzt von Walter Brumm, Heyne Verlag, 1968)
    behalten werde ich den band trotzdem, ich sammle sowas, auch als künstlerisches Artefakt.

    bestellt habe ich mir nun aber die volle ladung (und ob ichs ihnen danken werde oder sie darob verfluche wird sich zeigen)
    https://www.booklooker.de/B%C3%BCcher/Vogt+Null-A/id/A01vzacf01ZZ3
    (In ungekürzter Neuübersetzung mit einem Bildteil zur Publikationsgeschichte sowie einem Vorwort und einem Nachwort versehen, herausgegeben von Rainer Eisfeld, Heyne Verlag, München, 1986)

    grüße aus dem äther
    ng

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