Manche Bücher haben kaum 200 Seiten, kommen als harmloser Abenteuer-Roman daher, enthüllen aber eine solch existentielle Tiefe, dass man sagt: Diese Geschichte hat das Leben selbst geschrieben, ihre Helden sind Vorbilder dafür, mit welcher Haltung man den Fährnissen und Unbillen desselbigen zu begegnen hat.

Mitte Dezember war es endlich soweit: Ich verließ das Archipel der über Berlin verstreuten Hostels und erreichte den sicheren Hafen einer neuen WG, in der ich für einen Monat vor Anker gehen kann, ehe die Passatwinde mich (mittlerweile schon übermorgen) wieder ins Ungewisse hinaustragen werden. Eine junge Frau aus Kolumbien, nennen wir sie Francesca, überreichte mir ihren Schlüssel und plauderte ein wenig aus ihrem aufregend internationalistischen Leben. „Ich komm mir so unglaublich provinziell vor!“ entfuhr es mir schließlich, der ich selber nie nach Lateinamerika übergesetzt hatte und über die dortigen Angelegenheiten nur oberflächlich aus den Medien unterrichtet bin, so beispielsweise über die Entführung von 43 mexikanischen Studenten und ihre grauenhafte Ermordung auf einer Müllhalde. Das halbe Land sei, so hört man, in der Hand der Bandenkriminalität. Tausende Menschen verschwinden jährlich, viele wohl ermordet mit Waffen Made in Germany. Wie, frage ich mich, kann es sein, dass man sich an so was gewöhnt, dass sich solche Missstände zu Strukturen der Unmenschlichkeit verfestigen? Dabei muss es dort so viel Schönheit geben, wie die in Francescas Zimmer aufgehängten Poster andeuten, farbenfrohe Bilder, auf denen mit rotem Tuch vermummte Indio-Frauen ihre Säuglinge locker linkshändig tragen und Losungen nach Autonomia, Resistancia oder Organisacion zwischen Blumenornamenten aufblitzen. Ich beschließe, dem Geist des Zimmers treu zu bleiben, ein Buch über „Irgendwo und irgendwann in Lateinamerika“ zu lesen, das mir beim Büchersortieren anlässlich meines Umzuges nach Berlin in einem der Stapel ungelesener Bücher in die Hände gefallen war und dessen merkwürdiger Titel meine Phantasie nicht losgelassen hatte: „Die Rebellion der Gehenkten“. Wie, bitteschön, sollen Gehängte noch rebellieren können? Müssen die nicht eigentlich tot sein, dachte ich bei mir und stellte mir nicht vor, was sich wirklich hinter dem Henken verbergen möge.

»Seid keine weißen Lämmlein«, erklärte nun Pedro den neuen Leuten. »Tiere, arme Tiere! Es sind keine Tiere, die da gequält werden und wimmern, ihr Esel. Es sind zwanzig Schläger, Hacheros, die da wimmern. Sie sind gehenkt für drei Stunden oder vier, weil sie heute, gestern und vorgestern keine vier Tonnen schaffen konnten. Was vier Tonnen bedeutet, werdet ihr in drei Tagen lernen. Zwei Tonnen täglich ist die kräftige Leistung eines geübten Schlägers, der stark ist wie ein Ochse. Und nun verlangt der stinkige Hund Acacio vier Tonnen, und wer sie nicht schafft, henkt die halbe Nacht, zusammengeknotet nicht an allen Vieren, nein, gleich an allen Fünfen, damit auch ja nichts vergessen wird, und den Kopf mit eingequetscht. Und dann die Moskitos herum, gerade da am versumpften Dreck, und rote Ameisen in ganzen Völkern. Ich brauche euch wohl nicht mehr darüber zu erzählen. In einer Woche wisst ihr mehr darüber – aus eigener Erfahrung. Dann seid ihr eingeweiht in die Geheimnisse einer Monteria, die den Gebrüdern Montellano gehört, und seid Soldaten des Regiments der Colgados, der Gehenkten.«

Die Monteria, das ist „nicht die Vorhalle der Hölle, das ist bereits das andere Ende der Hölle“, ein Forst aus Mahagonibäumen, in dem die entrechteten Muchachos für einen halben Penny den Tag ihre in die Hunderte gehenden Schulden abarbeiten müssen und beständigen Demütigungen und Folterungen ausgesetzt sind. Dabei beginnt das Buch selbst recht idyllisch. Der Leser macht Bekanntschaft mit Candido, einem Tsotsil-Indianer, der zusammen mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern sein eigenes Stückchen Land im mexikanischen Distrikt Jovel bewirtschaftet. Doch die Frau erkrankt, der örtliche Medizinmann kann nicht helfen und so macht sich Candido, seine Frau über der Schulter tragend, auf zum weißen Arzt. Der allerdings will bezahlt werden – und so bleibt Candido nichts anderes übrig, als einen verhängnisvollen Kontrakt einzugehen. Das ihm dabei geliehene Geld bekommt er freilich nicht ausgezahlt, denn noch bevor es zur Operation kommt, erliegt seine Frau ihrer Blinddarmentzündung …

Bereits während dieser anfänglichen Episode breitet der Roman ein komplexes soziales Panorama der mexikanischen Gesellschaft am Vorabend der Revolution von 1910 aus und stellt prägnant und lebensecht Vertreter der verschiedensten Schichten vor. Bald darauf folgen wir dann, ähnlich wie seine Schwester, die ihn freiwillig begleitet, Candido auf seinem Weg in die Monteria – Vertrag ist schließlich Vertrag – und lernen dort peau a peau den Kosmos der Mahagonihölle kennen: Sowohl jene, die dort bei brenzligsten und auszehrendsten Arbeiten gnadenlos verheizt werden, als auch jene sadistischen Aufseher, für die die indianischen Arbeiter keine Menschen, sondern nur tierischer, sich bewegender Dreck sind. Dazu jede Menge Huren und über allem die drei diabolischen Dons thronend, die sich – ohne Witz – in Geldsorgen befinden, da die Monteria nicht genug abwirft, um die aufgenommenen Kredite zu bedienen.

Tierra y Libertad!

Mexican rebels w cannon“. LMexican_rebels_w_cannonizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons.

Von Episode zu Episode geht der Fokus dabei auf einen anderen Protagonisten über, doch kommt man trotz der Fülle der auftretenden Personen nicht durcheinander. Zermürbt wird man eher durch die Vielzahl an grässlichen Marterungen, deren Sinnlosigkeit sich schlussendlich in eine gewisse Hilflosigkeit des Lesers übersetzt. Doch der Strom der Handlung ist unaufhaltsam. Ein entflohener Revolutionär hat inkognito in der Monteria angeheuert. Als die ohnehin angespannte Situation explodiert, vermag er der Revolte eine Stoßrichtung zu geben. Den grandiosen Höhepunkt aber bildet die flammende Rede Modestas, Candidos Schwester, in der sie, dem schlimmsten der Dons gegenüberstehend, all seine Schandtaten aufzählt und in eine Ordnung der Abartigkeit bringt, sodass all die sinnlosen Marterungen, die der Leser eine nach der anderen mitgefühlt hat, ihren zusätzlichen Aspekt der literarischen Komponiertheit offenbaren und so den erhebenden Ton der Befreiung des Menschen aus den Fesseln der Knechtschaft in reinster Poesie erklingen lassen. Daneben enthält der Roman aber noch so viele Stellen von praktischer Relevanz für jeden, der die Unterwerfung verweigert, dass ich aus dem Anstreichen gar nicht mehr rausgekommen bin. Eine von zeitloser Traurigkeit ist die folgende:

„Wurden der Salvajes zu viele, dann vereinigten die Monterias, in deren Bezirke die wild lebenden Flüchtlinge hausten, ein halbes Dutzend Capataces [Aufseher], und die Salvajes wurden gejagt wie wilde Tiere. Sie wurden nicht gefangen, auch wenn die Monterias notwendig jeden Mann hätten brauchen können, sondern sie wurden wie wilde Tiere von dem ersten Jäger erschossen, der sie sah. Und um sie leichter jagen und aufstöbern zu können, nahmen die Jäger ganze Rudel von Hunden mit sich, wenn sie auszogen, um den Dschungel wieder mal zu reinigen.

Es war den Konzessionären der Monterias nicht so sehr darum zu tun, die gelegentlichen Diebstähle zu bestrafen oder zu verhindern. Der Grund war ein anderer. Blieben diese wilden Flüchtlinge unbelästigt und wurde nicht innerhalb gewisser Zeiträume eine neue Jagd auf sie veranstaltet, dann bestand Gefahr, dass die Muchachos das Leben als Salvajes der harten Arbeit und der grausamen Behandlung in den Monterias vorzogen, die Monterias ohne Leute und die großen, unverrechneten Schuldkonten unerledigt ließen. Genau dieselben Gründe waren es hier wie in zivilisierten Ländern, wo die Regierungen es verhindern, wenn nötig mit militärischer Gewalt, dass etwa arbeitslose Proleten unbebautes und brachliegendes Land ergreifen, sich auf diesem Lande sesshaft machen und hier ihr Leben nach eigenem Gutdünken unter eigener Regierung führen. Die Idee könnte zu viele Nachahmer finden, und die Industrie würde ohne ein Heer Arbeitsloser sein, das immer willig ist, zu den Bedingungen zu arbeiten, die ihnen auferlegt werden. Es wäre auch keine Diktatur möglich, wenn jeder Mensch unabhängig von den Brosamen leben könnte, die ihm die Regierung verspricht, falls er willens ist, diese Regierung dafür zu beweihräuchern und anzubeten.“

Der Autor des Buches? Ein Phantom, das keinen Wert auf persönlichen Ruhm legte. Das Pseudonym, unter dem er seine Romane und Erzählungen – ohne je einen seiner Verleger getroffen zu haben – veröffentlichen ließ, lautet B. Traven. Seine Identität aber, wen wundert´s, ist zum Schwerpunkt der Beschäftigung der Kritiker und Literaturwissenschaftler mit ihm und seinem Werk geworden. Für ihn selbst und für seine Millionen von Lesern ist das völlig unerheblich. Es ist der Spirit der Revolte, auf den es ankommt.

P.S. Ich habe diesen Artikel vor gut zwei Wochen, noch im alten Jahr geschrieben. Wenn ich ihn jetzt wiederlese, kommt er mir merkwürdig aus der Zeit gefallen vor. Die Ereignisse von Köln, Bielefeld und Hamburg, meinem alten Heimathafen, haben mich doch nachhaltiger erschüttert, als zunächst gedacht. Ich hoffe sehr, dass derartige Geschehnisse Einzelfälle bleiben und nicht einreißen. Sich an solche Vorfälle zu gewöhnen, wäre pures Gift für die Solidargemeinschaft dieses Landes.

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