Hufens BuchHerzlich Willkommen auf meinem neuen Blog – und in der musikalischen Welt der russischen Verbrecher, der ich im nächsten Monat, jeweils donnerstags, einen Beitrag widmen werde. Daneben schreibe ich auch über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen, wobei ich auch diese Artikel donnerstags veröffentlichen werde. Donnerstag ist also unter anderem Soloto-Tag. Soloto bedeutet übrigens auf Russisch Gold – also das, wofür so mancher Ganove und Halunke den Schritt ins Dunkle wagt. Allerdings hat die Namenswahl noch diverse andere Motive. So würde ich beispielsweise ein neues goldenes Zeitalter deutlich einem neuen bleiernen vorziehen.

Aber kommen wir jetzt zum Blatnjak. Zum ersten Mal bin ich mit diesem Genre zu Beginn meines Slawistikstudiums und meiner ersten Russlandaufenthalte 2001ff in Kontakt gekommen. Unlängst bekam ich dann Uli Hufens erstklassiges Buch „Das Regime und die Dandys. Russische Gaunerchansons von Lenin bis Putin“ in die Hände, das für mich zum Ausgangspunkt einer intensivierten Entdeckungsreise in die Welt des verruchten sowjetischen Undergrounds wurde. Vorher hatte es mir gereicht, auf Bands wie La Minor oder Leningrad abzufahren und es war mir nicht so wichtig, dass und wie deren Traditionals früher interpretiert wurden. Zwar stieß ich auch damals schon beispielsweise auf den Namen Arkadij Sewernyjs, doch dachte ich: So what, noch ein Singer/ Songwriter aus den Siebzigern – da reicht mir eigentlich schon Wladimir Wyssotzkij. Ich hatte ja keine Ahnung, welche Giganten mir dadurch entgingen.

Blat und Rotwelsch

In letzter Zeit ist die Kultur des russischen kriminellen Untergrunds verstärkt ins Blickfeld geraten. So sind Bücher über den piktografischen Code russischer Gefängnistattoos erschienen oder Bildserien über die ornamentalen Grabsteine postsowjetischer Milieugrößen. Zur Ganovensprache, der blatnoj jazyk, gibt es vor allem auf Russisch viele Veröffentlichungen, während man im Westen eher der russischen Fluch- und Schimpfsprache, dem mat, Aufmerksamkeit schenkt, so zum Beispiel in diesem Onlinewörterbuch. Blat – übrigens nicht zu verwechseln mit dem Wort „bljad“, das so viel wie „Nutte“ bedeutet – ist aber noch etwas anderes. Wörtlich dürfte es so viel wie „Verbindung“ bedeuten. Zumindest kann man den Ausdruck, etwas po blatu zu bekommen, sinngemäß mit „Vitamin B“ übersetzen. Als Soziolekt der Unterwelt ist es mit dem westeuropäischen Rotwelsch äquivalent und teilt mit diesem sogar einige aus dem Jiddischen stammenden Vokabeln. So ist die Ähnlichkeit der alten Slangausdrücke für Gefängnis, kitschman bzw. Kittchen, verblüffend. Dazu kommen unzählige andere Ausdrücke, von denen einige sogar regelrecht poetisch sind: Zum Beispiel bedeutet malina sowohl „Himbeere“ als auch „geheimer Unterschlupf“.

Auch wenn der Blatnjak für westeuropäische Ohren tatsächlich erst einmal wie normaler Singer/ Songwriter Sound klingt und in den 2000ern sogar ein Revival auf größeren Bühnen gefeiert hat, haftet ihm doch nach wie vor etwas Verpöntes an. So musste ich einmal bei einem Sprachkurs in Sankt Petersburg den eigentlich ziemlich coolen Gesangslehrer W. regelrecht dazu drängen, auch einmal „Murka“ mit uns durchzugehen und zu singen. Er ließ sich nur widerwillig darauf ein und gab zu verstehen, dass das ein Fehltritt sei, der nur dadurch zu entschuldigen sei, dass ich Ausländer sei und es als solcher nicht besser wissen könne. Jedenfalls hat der Blatnjak eine Geschichte der Illegalisierung hinter sich. Nachdem in den Dreißigern eine einzige Schellackplatte mit zwei Songs, S odesskogo kitschmana und Gop so smykom gepresst worden war – gesungen von Leonid Utjosov, über den ich nächste Woche schreiben werde – wurde der Blatnjak von der Bühne verbannt und verschwand in der Versenkung. Im erblühenden Kommunismus gab es schließlich keine Kriminalität bzw. war deren Fortexistenz ein großes Ärgernis, ja, geradezu die Widerlegung der kommunistischen Utopie des eitlen Sonnenscheins. Nach dem Krieg wurden manche Blat-Chansons, neben anderen Liedern, gelegentlich auf gebrauchte Röntgenbilder gestanzt und so vervielfältigt. Diese Tätigkeit – immerhin „illegales Unternehmertum“ – bezahlte so mancher Produzent mit Gefängnis- oder Lagerhaft.

So viel zur Einleitung in den illegalen Sound des Kommunismus. Doch am besten ihr hört selbst. Hier ist S odesskogo kitschmana in der Version von Leonid Utjosov und hier in der Version von Arkadij Sewernyj. Für die, die des Russischen nicht mächtig sind, habe ich den Text nachgedichtet:

 

Aus dem Kittchen von Odessa

flohen zwei Ganoven,

rannten fort in Richtung Polen

zum geheimen Unterschlupf,

um sich dort zu erholen.

 

Der eine – im Bürgerkrieg ein Held,

ja, ein gerissener Partisan von Welt –

schleppte nur arg lädiert sich an.

Lose Verbände flatterten wild im Winde,

Wodka kippte er sich hinter die Binde

und stimmte ein traurig Lied dann an:

 

Kollege, Kollege,

es schmerzen meine Wunden,

meine Wunden in den Flanken.

Mit der einen ginge es wohl weiter,

doch aus ´ner andern quillt schon Eiter

und die dritte lässt mich glatt wanken.

 

Kollege, Kollege,

mein werter Herr Kollege,

wofür haben wir unser Blut bloß vergossen?

Für Visagen voller Make-up,

für olle Weiber, welk und schlapp,

für die Liebe, die wir doch schon so oft genossen.

 

Dort sitzen sie und zechen,

vergnügen sich bis zum Erbrechen,

während wir hier vor die Hunde gehen.

Schau her, die Bullen holen uns schon ein,

umzingeln uns wie ein armes Schwein

und lassen ihre Kugeln wehen.

 

Was hat uns bloß geritten,

wofür haben wir gelitten?

Wozu eigentlich unser Blut vergossen?

Dort sitzen sie und zechen,

saufen bis zum Erbrechen

und haben ihr Herz uns nun verschlossen.

 

Kollege, Kollege,

vergrab dann mein Gebein,

vergrab es nur ruhig tief.

Aufs Grab stell einen Stein,

meine Lippen verzieh zu einem Lächeln,

zu einem Lächeln krumm und schief.

 

Kollege, Kollege,

sag dann meiner Mama,

sag, ihr Junge sei im Krieg gefallen.

Mit der Flinte in der Hand

und Stiefeln, meinetwegen, voller Sand,

aber frohen Mutes und versöhnt mit allen.

 

Aus dem Kittchen von Odessa

flohen zwei Ganoven,

rannten fort in Richtung Polen

zum geheimen Unterschlupf,

um sich dort zu erholen.

Doch das war wohl nichts, war wohl nichts.

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