Anfang September haben Daniela Reis und Fritzi Ernst ihr Debütalbum „Satt“ veröffentlicht. Die Erwartungen waren groß, doch der Anspruch von Schnipo Schranke ist noch größer. Nur das mediale Echo ist bisher merkwürdig sexfixiert.

Seit ich Schnipo Schranke einmal auf dem Dogville-Festival in HH-Wilhelmsburg gesehen hatte, hörte ich ihre Songs immer mal wieder auf Youtube und wartete mehr als ein Jahr auf die Veröffentlichung ihres Debütalbums. Ich dachte: Ok, scheint wohl etwas länger zu dauern, fällt ihnen anscheinend schwer, ein ganzes Album zu füllen … Umso positiver dann die Überraschung, als ich merkte, dass ich die meisten Songs auf „Satt“ nicht schon von Youtube kannte, ja, dass einige der älteren Songs, die ich sehr schätzte, es nicht mehr mal auf die Platte geschafft haben. Zu viel neues Material, da muss altes weichen. Ein sehr gutes Zeichen.

Sex Appeal

Gleich beim ersten Lied, dem Schnipo-Song, demonstrieren Daniela und Fritzi ihr Selbstbewusstsein: „Das ist die neue Schule. Das ist Schnipo Schranke: …“ Das weckt natürlich Erinnerungen an die letzte Hamburger Schule, an Tocotronic, Die Sterne und Blumfeld, und ist mithin ein ziemlicher Anspruch, der zwar mit dem nächsten Vers „´ne Kurze und ´ne KrankSchnipo Schrankee, zwei Peanuts ein Gedanke.“ ein wenig relativiert wird, aber doch: Der Hut ist in den Ring geworfen, der Anspruch will ernst genommen werden. Umso mehr, als im letzten Song der Platte, „Gute Reise“, der „Ball“ an jene jungen Noch-nicht-Künstlerinnen abgespielt wird, die Schnipo vielleicht folgen werden: „Gute Reise, kleine Tamponade./ Im Abwasserkanal fließt keine Limonade (schade)./ Doch ganz tief unter diesem Städtchen findest du ein neues Mädchen.“ So gewagt dieses Bild für den Prozess des Inspirierens auch erscheinen mag (wer sammelt schon gebrauchte Tampons auf?!), so treffend ist es doch für die Texte von Schnipo Schranke, die eben so saftstrotzend wie ein gebrauchter Tampon sind. So singen sie in „Intensiv“ beispielsweise: „Keiner kann mir nehmen, was zwischen uns lief./ Oh Baby, dein Sperma schmeckt so intensiv./ Du und ich für immer vereint./ Oh Baby, küss mich da, wo die Sonne nie scheint!/ Komm in meine Arme, komm in meinem Mund!/ Nimm mich an der Hand, nimm mich an der Wand!“ Da verwundert es natürlich nicht, wenn sich die mediale Aufmerksamkeit auf diese sexuelle Explizität fokussiert (und auf die Frage, ob Schnipo Schranke Feministinnen sind), so zum Beispiel bei den Fragen in einem Interview von Spiegel Online oder auch in einer Besprechung im Freitag (Print), wo sogar – und ich kann das nicht gutheißen – ein Vergleich mit der Schlagersängerin Andrea Berg gezogen wird: „Ein weibliches, mehr oder weniger lyrisches Ich formuliert seine Ansprüche an ein männliches, ganz und gar nicht lyrisches Du. […] Es scheint sich weder sexuell noch sozial um einen Traummann zu handeln, und doch will sich dieses weibliche Ich ihm unterwerfen, ihn behalten, ihn sich immer wieder schön und stark träumen.“ Mir scheint, dass die beiden Künstlerinnen Reis und Ernst da nicht ganz für voll genommen werden. Sicher, sie spielen alle möglichen Sexarten und auch Beziehungsmuster durch, doch geschieht das alles in sehr souveräner und gekonnter Weise. Wenn man sich jetzt noch vor Augen hält, dass Tocotronic damals auf ihrem Debütalbum verkündeten „Über Sex kann man nur auf Englisch singen,/ Allzu leicht kann´s im Deutschen peinlich klingen“ und auch unlängst auf ihrem Roten Album, dem Liebesalbum, noch jegliche Explizität scheuten, wird klar, wie hoch Schnipo Schrankes Leistung anzusetzen ist, zugleich explizit zu sein und den Ton zu treffen. Wobei man allerdings fairerweise hinzufügen muss, dass die Herausforderung für Männer, über das In-den-Mund-Kommen zu singen und dabei nicht als unsympathischer Sexist rüberzukommen, ungleich größer ist.

Stoffwechsel – eine Regel

Davon abgesehen greift es allerdings viel zu kurz, Schnipo Schranke auf den Sex und ihr Verhältnis zu Männern zu reduzieren. Eine solche Herangehensweise sagt wohl mehr über die Projektionen der Journalist*innen aus als über das Selbstbild der Künstlerinnen. Ein weiteres markantes Thema – Achtung, Banalität! (Ironie aus) – ist nämlich der Stoffwechsel, Nahrungsaufnahme und -ausscheidung, wovon natürlich keiner was hören will, weswegen der Albumtitel „Satt“ nicht schlecht gewählt ist. SCHNItzel POmmes SCHRANKE ist als Name dabei eine Hommage an ein uriges, deftiges Gericht (ein Schnitzel plus Pommes mit Ketchup und Mayo), zu dem wohl nur die wenigsten Arbeiter Nein sagen würden. Leider geil, konstatieren in solchen Fällen die Männer. Daniela und Fritzi sind da in ihrer Hiphop-Passage empathischer: „Leibgericht:………Hauptsache teuer./ Und finden wir uns auch zum Kotzen,/ Alle anderen sind doch Fotzen.“ Solch tiefere Blicke zu werfen, sich nicht vom ersten Augenschein auf junge Mädchen und ihr Verhältnis zum Sex zu alterskluger Überheblichkeit verführen zu lassen, bedeutet aber noch lange nicht, die beiden Künstlerinnen zu durchschauen. Nicht umsonst stellen sie in ihrem programmatischen Intro klar: „Ihr zeigt uns keine Grenzen, deshalb bau´n wir welche auf./ Über und auch unter uns steht Schnipo Schranke drauf./ Wir haben keinen Hunger, deshalb essen wir nicht auf./ Über und auch unter uns steht Schnipo Schranke drauf./ Wir können nicht mehr schlafen, drum wecken wir Euch auf./ Über und auch unter Euch steht Schnipo Schranke drauf.“ Mag das dem ein oder anderen auch zu viel Erweckungslyrik sein, so demonstriert es doch eine künstlerische Autonomie, die nicht belächelt werden will. Da hilft es dann auch nicht, die Songs als „provozierend monoton“ abzuqualifizieren. Ist doch super, wenn ein Hit dem nächsten folgt. Jedenfalls, je öfter und je aufmerksamer ich den Songs zuhöre, desto mehr faszinieren mich die Kraft und die Derbisie (in Anlehnung an Poesie) der beiden Wahl-Hamburgerinnen. Klar, ich bin mittlerweile 35, hab damit nichts zu tun, doch jetzt, zwanzig Jahre, nachdem Tocotronic und die damalige Hamburger Schule meinen Nerv getroffen und mich dazu veranlasst hatten, in die Hansestadt zu ziehen, zu sehen, wie sich etwas Ähnliches eine Generation später wiederholt, ist „einfach unbezahlbar“ (Cluburlaub). Auf jeden Fall haben Schnipo Schranke etwas sehr Intimes, etwas sehr, trotz aller herausgekehrten Toughheit, Verletzliches. Es ist so ganz und gar sinnlich – man spürt jede Berührung – und lebensfroh. So ganz anders als Tocotronic, die erst melancholisch und dann änigmatisch waren, aber immer in gewisser Weise verkopft, auch wenn sie zu jubilieren wissen. Insofern, wage ich abzuschätzen, werden Schnipo Schranke vielleicht wirklich stilbildend sein können. Vielleicht – wer hat schon darauf zu hoffen gewagt oder nur daran gedacht? – erleben wir jetzt tatsächlich die Geburt einer neuen Hamburger Schule.

Ohrwürmer am Angelhaken

Reis und Ernst haben, bevor sie nach Hamburg umgezogen sind, die Musikhochschule in Frankfurt besucht, Cello und Flöte studiert. Auch wenn sie nun ihre Rotzigkeit betonen, merkt man den Arrangements auf „Satt“ die klassische Ausbildung durchaus an. So klingt „Scherz“, der erste Track der B-Seite, geradezu hymnisch, woraus sich allerdings eine leichte Disharmonie zum Text ergibt, bei dem es unter anderem um Scherze über den Körpergeruch des Partners geht. „Pisse“, das Lied, mit dem Schnipo Schranke erstmals ein größeres Publikum erreichten, besticht ohnehin durch seine Melodiösität und sein schönes Flötenmotiv und auch „Ich küss dich tot“ ist sehr fein instrumentiert. Alles in allem trifft es sicherlich zu, „Satt“ als Indie-Chansonpop zu kategorisieren, vor allem auch, weil der Gesang meist glockenhell daherkommt, doch deuten Schnipo Schranke mit den Hiphop-Elementen im „Schnipo-Song“ und dem Elektrosound in „Gute Reise“ an, dass es verfehlt wäre, sie vorschnell auf eine Schublade festzulegen. Da kann noch viel kommen! Was die Texte betrifft, so deutet sich ebenfalls an, dass Schnipo Schranke nicht ewig die albernen Mädchen geben werden: „Du findest Kiffen nicht so geil./ Drum geh ich jetzt auf Pillen steil.“ Klingt natürlich erstmal albern hoch zehn, doch wenn man sich vergegenwärtigt, welchen Einfluss psychedelische Drogen auf das Schaffen der Beatles und anderer hatten, kann man sich sicher sein, dass Reis und Ernst ihren thematischen Horizont noch beträchtlich erweitern werden. Zudem Daniela Reis in der Danksagung im Booklet durchblicken lässt, dass sie jetzt zum ersten Mal in einer Beziehung ist, in der sie sich selbst gefunden hat.

Doch ist es natürlich müßig, jetzt schon zu überlegen, wie sich die Beiden weiterentwickeln werden. Im Augenblick zählt nur, dass mit Schnipo Schranke zwei sehr erfrischende Musikerinnen die Bühne betreten und neue Maßstäbe in Sachen erotischer Lyrik setzen, ohne dabei eine Sekunde (siehe Artwork) in die Falle der Selbstinszenierung als Sexobjekt zu tappen. Am hervorstechendsten auf dem Cover sind nämlich, neben dem Kirschblütenzweig, die Augen der Beiden. Man sieht sie und hört die Liedzeile: „Wir spielen nicht aus Vergnügen./ Wir wollen, dass sie uns lieben.“

So kann´s kommen. Hab ich grade mit viel Arbeit, aber letztlich stressfrei, meinen Umzug von Hamburg nach Berlin über die Bühne gebracht, ist die erste Platte, die ich mir hier in Friedrichshain zulege, die einer Hamburger Band. Und das erste Konzert, das ich hier gehört hab, war von den Sternen auf dem Fest der Linken vor der Volksbühne. Schön, dass meine Hamburger und meine Berliner Zeit so nahtlos ineinander übergehen.

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