In Hamburg gibt´s ´nen Plattenladen, bekannt für seine erlesene Vinylauswahl. Sein Betreiber, selber Hit-Produzent, hat eine Sammlung seiner Newsletter veröffentlicht, die nicht nur wegen ihres Humors lesenswert sind sondern auch, weil sie die musikalische Entwicklung Hamburgs in den letzten paar Jahren dokumentieren. Besagter Plattenladen, die Hanseplatte, vertickt nämlich vornehmlich Hanseatenshit.

Meine Hamburger-Zeit nHanseplatteeigt sich ja übrigens dem Ende entgegen. Nach 16 Jahren zieh ich Anfang September nach Berlin. Zimmer hab ich noch nicht, aber es wird sich was finden. Ich bin gespannt. Weiter bloggen werd ich dann auch erst im September wieder. Jetzt zum Abschied ein Artikel, den ich bereits im November auf To4ka-Treff, einem deutsch-russischen Onlineportal des Goethe-Instituts, das leider geschlossen wurde, veröffentlicht hatte. Also, los geht´s:

Wer kennt nicht das Gefühl, zum ersten Mal in ein Land zu reisen, dessen Sprache man lernt? Meist strandet man in einer großen Stadt, sei es nun Berlin, Sankt Petersburg, Paris oder London, und wird von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten gespült, bis man völlig erschlagen ist und abends in einer Kneipe zum Bier Trinken vor Anker geht. Da spielt dann die Musik und man denkt sich: Hey, es gibt nicht nur Sehenswürdigkeiten, die einen an der fremden Kultur interessieren, nein, es gibt auch noch die Hörenswürdigkeiten der örtlichen Musikszene.

Allerdings ist die Besichtigung von Hörenswürdigkeiten im Allgemeinen ungleich schwieriger. Auf keinem Stadtplan sind sie verzeichnet, eine Adresse im Telefonbuch haben sie nicht. In Hamburg jedoch sieht das etwas anders aus. Dort gibt es, zentral zwischen Schanzen- und Karoviertel gelegen, seit sieben Jahren einen Plattenladen namens Hanseplatte, bei dem sich so ziemlich alles findet, was Hamburger Musiker aufnehmen oder was bei Hamburger Labels erscheint. In all dieser Zeit hat Gereon Klug, der Gründer der Hanseplatte und ansonsten bekannt als Texter von Deichkinds „Leider geil“, Newsletter über die Neuheiten der Hamburger Musikszene veröffentlicht, die jetzt als „Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream“ als Buch erschienen sind.

Rundgang durch die Hörenswürdigkeiten

Schlägt man das Buch auf, fallen einem zwar zunächst die schönen Illustrationen auf, die Haffmanns & Tolkemitt, der Verlag, dem Buch spendiert haben, doch treibt es einen als Neuankömmling und Musik-Touristen sofort zur Stadtführung. Die findet heutzutage via Youtube statt, sodass die Hamburger Hörenswürdigkeiten selbst noch in Vladivostok zu besichtigen sind.

Los geht´s mit der rockig-rebellischen Mediengruppe Telekommander, die mit „Einer muss in Führung gehen“ eine Maxime des Kapitalismus vertont haben. Thees Uhlmann dagegen kommt etwas weniger revoluzzermäßig rüber. In „Sommer in der Stadt“ lässt er sein melodiöses Gitarrenspiel erklingen und besingt eine Sommernacht. In eine ähnliche Richtung geht der Liedermacher Gisbert zu Knyphausen, der in „So seltsam durch die Nacht“ ebenfalls über eine durchzechte Nacht singt. Dabei ist seine Stimme angenehm rauchig und hebt sich wohltuend von der Süßlichkeit des schnulzigen Emorocks ab, die mitunter bei Kettcar durchscheint, so im eigentlich ja ganz schönen „Weil ich es niemals so oft sagen werde“.

So richtig zur Sache geht´s dagegen bei den jungen Bands, allen voran den vor fünf Jahren allseits gefeierten 1000 Robota, die ihre Heimatstadt in „Hamburg brennt“ gleich in Flammen aufgehen lassen. Unlängst hinzugekommen sind Chuckamuck, die eigentlich aus Berlin kommen, aber von Gereon Klug eingemeindet wurden. Hört man ihr „Hitchhike“, weiß man warum. Auch sehr geil Britpop mäßig sind die Liga der gewöhnlichen Gentlemen, die in „Kennst du Werner Enke?“ dem sehr zurückgezogen lebenden Regisseur Werner Enke ein musikalisches Denkmal gewidmet haben.

Avantgarde jetzt!

Doch genug der Barden und Gitarrenklimperer! So etwas gab´s auch schon in den Siebzigern und wird es so ähnlich wohl auch noch in siebzig Jahren geben. Was wir jetzt dagegen brauchen, ist definitiv Gegenwart. Eine neue Route für unsere Stadtführung! Lieber funkelnde Glaspaläste als heimelige Fachwerkhäuser! Einer der vielleicht interessantesten Hamburger Soundkünstler, auf den wir da treffen, ist Felix Kubin, mit bürgerlichem Namen eigentlich Felix Knoth. Als exemplarisch für sein sehr vielschichtiges Werk mag ein Song wie „Sie träumen alle“ durchgehen, bei dem Videospielsounds mit einer wütenden Kinderstimme zu einer Acidhymne verschmolzen werden. Wirklich bombastisch ist aber sein aus dem Rahmen fallender Track „Die kulturelle Revolution“, bei dem es ihm gelingt, dem Sound der Stalin oder Mao Ära neues Leben einzuhauchen. Auch schön kommunistisch ist die „Liebe zu dritt“, die Stereo Total Elektro-Chanson mäßig besingen. Nur eins von sehr vielen guten Liedern von ihnen, auf die Hans E. Platte in seinen Newslettern aufmerksam macht. So umtriebig wie bekannt ist auch DJ Koze, der eigentlich Stefan Kozalla heißt, und bei Gelegenheit mit dem Knef-Cover „Ich schreib der ein Buch“ ebenfalls einen Elektro-Chanson abgeliefert hat. Doch ist sein Spektrum bedeutend breiter.

Der letzte Schrei

Was aber ist der letzte Schrei in Hamburg? Welche aktuelle Band wird noch von sich hören machen? Insider tippen ja auf Schnipo Schranke und wenn man sich ihre melodiösen Songs mit den authentischen Texten anhört, zum Beispiel „Pisse“, „Hässlich“ oder „Herzinfarkt“, kommt man nicht umhin, dem zuzustimmen. Da geht noch was. Andere dagegen tippen eher auf Trümmer, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht haben, auch wenn sie die Bühne mit der Frage „Wo ist die Euphorie?“ betreten. Doch trotz allem ist Hamburg natürlich vor allem als Hip Hop Stadt bekannt. Und da stellt sich eben die ewige Frage: Hast du schon mal einen Rapper geküsst?

Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream
Gereon Klug
Haffmanns & Tolkemitt
240 Seiten
ISBN 978-3-942989-76-3
19,95 €

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